Das Springkraut – eine eurasische ErfolgsgeschichteNEOPHYTEN

Das Springkraut – eine eurasische Erfolgsgeschichte

Das Springkraut – eine eurasische Erfolgsgeschichte

Von der Mitsommerzeit bis zu den ersten Frösten blühen in Eurasien die „Bauernorchideen“. So wird das „Drüsige Springkraut“ wegen seiner auffallend schönen, orchideenähnlichen Blüten in Mitteleuropa genannt. Sein ursprüngliches Verbreitungsgebiet waren die nordindische Himalayaregion, Pakistan und Kaschmir. Vor gut 150 Jahren wurden Springkrautsamen nach England ausgeführt. Seither wandert die schöne Inderin von den britischen Inseln aus wieder nach Osten und erobert eine Region Eurasiens nach der anderen.

Von Hans Wagner

Dieses Kraut macht seinem Namen alle Ehre. „Impatiens glandulifera“, wie es auf Lateinisch heißt, ist ein echter Springinsfeld. Es stammt vom Himalaya und ist inzwischen bis in den europäischen Norden, an die Atlantikküste und in die Schweizer Berge vorgedrungen. In den Uferregionen des oberbayerischen Simsees, am Niederrhein oder in Holland, selbst auf Nordseeinseln wächst es. Und es ist nicht zu übersehen.

Seine orchideenähnlichen Blüten, deren Farbenspektrum von rotviolett über rosa bis weiß reicht, sitzen auf bis zu zwei Meter hohen Stengeln. Sie blühen vom Juni bis zum Beginn der ersten Fröste und erfreuen das Auge des Naturliebhabers.

Diese Attraktivität hat dem Springkraut einst auch die Bewunderung britischer Kolonialisten eingebracht. Sie nahmen im Jahre 1839 die ersten Samen der schönen Inderin mit nach Hause und säten sie als Zierpflanze in ihren Gärten aus. 

Eine Invasion, die noch lange nicht zu Ende ist

Damit begann eine abenteuerliche Geschichte, die noch lange nicht zu Ende ist. Denn von den britischen Inseln wandert das indische Springkraut seither wieder nach Osten. Elf Jahre nach der Einführung als Gartenzierpflanze in Großbritannien wurden bereits erste wild wachsende Pflanzen in der freien Natur beobachtet. Zum Teil waren sie mit Gartenabfällen und Erdaushub dorthin gelangt. 30 Jahre später war  Impatiens glandulifera auf dem Festland angekommen. In Frankreich, sowie an der deutschen und niederländischen Nordseeküste wurde das auffällige, wild wachsende Springkraut aus Indien gesichtet.

Der Sprung über den Rand der britischen Inseln hinaus bis auf den europäischen Kontinent, ist eine biologische Meisterleistung. Das Springkraut hat sie anscheinend mühelos geschafft. Heute ist die Pflanze fast überall in Europa verbreitet, von Skandinavien über Polen, Ungarn, die Ukraine, bis nach Russland, aber auch auf dem Balkan und in Süditalien. Nur in den trockenen Mittelmeerländern ist sie noch nicht zu finden, denn sie liebt feuchte, stickstoffreiche Böden. Trockene, heiße Luft behagt ihr weniger.

Den Gartenzaun zu überwinden schaffte das Springkraut durch seinen höchsteffizienten Schleudermechanismus. Er schießt die Samen zwei bis dreieinhalb Meter weit aus der Kapsel heraus in die Umgebung, so dass ein Streuradius von bis zu sieben Metern erreicht wird. Jetzt im Spätherbst prasseln die Körner auf Schritt und Tritt vom Stengel und bedecken den Boden. Da genügt bereits ein Regentropfen oder eine leichte Berührung durch Tier oder Mensch, um den Mechanismus zu aktivieren. Dann reißen die Nähte der Fruchtklappen auf. Sie rollen schlagartig zurück und die hellen Samen fliegen hinaus. Der Schleudermechanismus soll mit 25 atü arbeiten.

Pro Quadratmeter sät das Springkraut über 30.000 Samen aus

Viele Samenhandlungen in Europa haben das Springkraut seinerzeit aus England importiert, um neue Akzente in den Gärten zu setzen. Die Pflanze mit den nach Kokusmilch duftenden Blüten wird auch als „Bauernorchidee“ bezeichnet. Die Samen des Springkrauts, das wegen seiner rötlichen Drüsen an Blattstiel und Blattgrund als „Drüsiges Springkraut“ bezeichnet wird (im Gegensatz zum gelbblühenden „Kleinen Springkraut“), sind außerdem schwimmfähig. Sie schaukeln auf den Wellen und werden von den Gezeiten an Land gespült. Jede Pflanze produziert 3.000 bis 5.000 Samen. Sie sind äußerst widerstandsfähig und über fünf Jahre lang keimfähig. In Reinbeständen, die das Springkraut durch seine Verdrängungsfähigkeit des Öfteren bildet, fallen pro Quadratmeter über 30.000 Samen an.

Auch auf Binnengewässern gelangen Springkrautsamen in immer neue Gebiete. Außerdem kann die Pflanze selbst einem Hochwasser etwas abgewinnen. Werden nämlich Pflanzenteile durch die Wassermassen abgerissen, können sie nach ihrer Anschwemmung in anderen Regionen wieder Wurzeln schlagen und neue Pflanzen bilden. Jede zum Knoten (Nodie) verdickte Stelle am Stengel kann sich bewurzeln und bis zu fünf neue blühfähige Pflanzen austreiben.

Wo die schöne Inderin heimisch wird, wächst kein Gras mehr

Das Springkraut ist die schönste und auffälligste Einwandererpflanze der letzten Jahrhunderte. Und so ziemlich die erfolgreichste. Aber da gibt es auch eine Kehrseite. Sie ist der Grund, weshalb Schönheit aus Indien vielerorts keineswegs mehr wohlgelitten ist. Sie droht nämlich
durch ihre Robustheit und flächige Verbreitung die einheimische Vegetation von ihren natürlichen Standorten zu verdrängen. Damit hat sie sich trotz der schönen Blüten die Sympathie vieler Menschen verscherzt.

In Tschechien und in verschiedenen Regionen Süddeutschlands sind zum Beispiel an manchen Flüssen  schon rund fünfzig  Prozent der Ufervegetation durch das Springkraut besetzt. Dadurch ist der Lebensraum für viele einheimische Tiere bedroht. Da die Pflanze einjährig ist und im Spätherbst relativ rasch zerfällt, bietet sie während des Winters keinen Schutz vor Bodenerosionen. Weil das Springkraut außerdem nur faustgroße Wurzelballen bildet, die nicht in der Lage sind, das Erdreich an den Flussufern festzuhalten, wächst die Gefahr von Uferabbrüchen.

Das Springkraut hat inzwischen auch Gebirgsbäche erobert. Es ist bis in Höhenlagen von 1.300 Metern vorgedrungen. Naturschutzverbände haben schon zu Rupfaktionen aufgerufen, um die Plage wenigstens einzudämmen. Experten räumen jedoch solchen Versuchen so gut wie keine Chance ein.

In einigen Landesteilen Österreichs machen mit Springkraut bestandene Flächen schon von weitem durch ihren intensiven Geruch auf sich aufmerksam. Das berichtet Dr. Franz Essl vom Umweltbundesamt (UBA) in Wien. So angenehm das sein möge, die Gefahr sei jedoch nicht zu übersehen, warnt Essl: Nachdem die Pflanze als Einwanderer kaum Feinde habe, verdränge sie die angestammte Flora und übernehme in vielen Gegenden bereits die Herrschaft über das Unterholz. Sogar Bestände der Großen Brennnessel würden von ihr verdrängt.

Essl ist Mitautor eines Werkes über biologische Einwanderer mit dem Titel „Neobiota“. Das über 400 Seiten starke Buch ist vergriffen, kann jedoch über die Netzseite des UBA herunter geladen werden: http://www.umweltbundesamt.at/fileadmin/site/publikationen/DP089.pdf.
(Siehe  auch Interview: „Durch die Zunahme von Handel und Tourismus wachsen die Chancen biologischer Invasoren“).

Naturschutzbeauftragte aus aller Welt beraten über das Problem der Bio-Invasionen

Im September wurde in Wien ein Kongress veranstaltet, bei dem Wissenschaftler und Naturschutzbeauftragte mehrerer Länder Erfahrungen über die globale Invasion fremder Arten austauschten. Zwei amerikanische Experten kamen zu dem Schluss, wenn es darum gehe, eingeschleppte Pflanzen und Tiere zu bekämpfen, sei Europa schon sehr spät dran

In einem Bericht des Wiener STANDARD über die Veranstaltung wird Jeffrey A. McNeely, oberster Wissenschafter der Internationalen Vereinigung für die Erhaltung der Natur und ihrer Ressourcen (IUCN) mit den Worten zitiert: „Der Wegfall von Handelshemmnissen macht es schwierig, Strategien gegen eine biologische Globalisierung zu entwickeln.“ Insgesamt berichteten auf der Neobiota-Konferenz 340 Wissenschaftler über Erfahrungen im Umgang mit gebietsfremden Arten in ihren jeweiligen Ländern. In Europa beschäftigen sich Wissenschafter erst seit etwa zehn Jahren intensiv mit diesem Phänomen.

Die Amerikaner bezeichnen Zuwanderer wie das Springkraut als „Invasive Alien Species“ (IAS). Die Fachleute aus Übersee berichteten, in den USA hingen an Stränden und Forst-anlagen schon Steckbriefe der unerwünschten biologischen Zuwanderer - ganz in der Tradition des Wilden Westens. Beispielsweise bekämpfe man so die aus Eurasien stammende Esels-Wolfsmilch, die sich in Nordamerika ausbreite und vor allem die Viehzüchter ärgere. Sie bedecke größere Weideflächen, ohne für die Tiere, denen das Kraut überhaupt nicht schmecke, Futter zu liefern. Man versuche nun durch den Einsatz der Käfergattung Aphthona Abhilfe zu schaffen. Ihre Larven würden unter anderem die Wurzeln der Esels-Wolfsmilch angreifen.

Steckbriefe mit dem Konterfei des Himalya-Springkrauts

Eine solche Waffe gibt es gegen das Springkraut in unseren Breiten bislang nicht. Aber eine Art Steckbrief haben Naturschützer auch hierzulande schon verfasst. Um Wanderer vor der sich gefährlich ausbreitenden Schönen und ihrer weiteren Verschleppung zu warnen, stellen sie die Freunde des Nationalparks Bayerischer Wald seit kurzem in einem Prospekt vor. Wer sie als Neuankömmling in Gebieten antrifft, in denen sie bisher noch nicht beobachtet wurde, ist aufgefordert dies zu melden. Es werden auch verschiedene Möglichkeiten zur Bekämpfung vorgeschlagen.

Die Freunde des Nationalparks bezeichnen das Springkraut als „süße Pest und weisen auf folgende Gefahren hin, die ihre weitere Ausbreitung mit sich bringt: „Zerstörung von besonders schutzwürdigen Lebensräumen, Vernichtung schutzbedürftiger Arten, Verringerung der Artenvielfalt, erschwerte Waldverjüngung, erhöhte Gefahr der Bodenerosion, Beeinträchtigung des Hochwasserschutzes.“

Die Schönheit aus der Fremde ruiniert das Sexualleben der einheimischen Arten

Der süßliche Duft ist im übrigen auch eines der Erfolgsgeheimnisse für die Ausbreitung des Drüsigen Springkrautes. Ihr Nektar und der Blütenpollen machen die Pflanze bei Honigbienen besonders beliebt. Das berichtet Professor Lars Chittka (University of London), der von 1997 bis 2002 am Biozentrum der Uni Würzburg geforscht hat, in der Zeitschrift „Nature“. Das Springkraut habe einen qualitativ besseren Pollen: „Er besitzt einen höherwertigen Zucker, riecht und schmeckt intensiver. Und damit ist er auch attraktiver für Bienen, die ihn weitertransportieren und damit die Pflanze über alle Lande verstreuen.“

So sticht das Himalya-Springkraut in seinen neuen Heimatländern regelmäßig alle Mitbewerber um die Honigbienen und die Hummeln  aus: Die schöne Fremde ruiniert das Sexualleben der einheimischen Pflanzen, indem sie alle potentiellen Bestäuber durch ihre Verlockungen an sich bindet. Alteingesessene Arten, die ähnliche Ansprüche wie das Springkraut haben und ebenfalls in Feuchtgebieten wachsen, können da nicht mithalten. Das gilt zum Beispiel für Natternkopf oder Sumpfziest. Die Bestäuber fliegen stets dorthin, wo sie das meiste und das beste Futter für ihre Brut bekommen. Die heimischen Pflanzen werden dadurch noch spärlicher und verschwinden oft in kurzer Zeit gänzlich. Eurasien, so scheint es, wird in weiten Bereichen bald ein Kontinent, in dem von Sommer bis Herbst landauf, landab die Bauernochideen blühen.

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