Das Wostok-VerfahrenGROSNY

Das Wostok-Verfahren

Weil der Kreml im Kampf gegen den Separatismus auf zwielichtige Figuren setzte, wachsen in Tschetschenien neue Probleme. Jetzt muß der Militärstaatsanwalt für den Nordkaukasus eingreifen.

Von Ulrich Heyden

Beim Aufbau der neuen Ordnung in Tschetschenien setzte der Kreml auf abtrünnige Kämpfer aus den Reihen der Separatisten. Oft handelte es sich um zwielichtige Gestalten, junge, kaum gebildete Männer, die nichts weiter als den Guerilla-Krieg kannten. Von der Verteidigung der Mannesehre verstehen diese jungen Burschen viel, von einem friedlichen Staatsaufbau wenig. Nun wird der Kreml die Geister, die er einst rief, nicht mehr los. Die inzwischen mit zahlreichen russischen Orden ausgezeichneten Kämpfer besetzen nicht nur wichtige Posten in den tschetschenischen Sicherheitsstrukturen, sondern auch in der Kreml-nahen Partei „Einiges Rußland“, welche die Mehrheit in der Duma stellt.

Eine wichtige Rolle bei der Zurückeroberung Tschetscheniens durch russische Truppen im Winter 1999 spielten die Brüder Jamadajew aus Gudermes. In Absprache mit den russischen Generälen organisierten sie die kampflose Übergabe dieser zweitgrößten tschetschenischen Stadt im Osten der Kaukasusrepublik. Nach dem Sieg der russischen Truppen machten zwei Jamadajew-Brüder Karriere. Ruslan Jamadajew bekam von Putin den Orden „Held Rußlands“ und wurde Duma-Abgeordneter der Partei „Einiges Rußland“. Sein Bruder Sulim, der noch im ersten Tschetschenienkrieg an der Seite der Separatisten kämpfte, machte, nachdem er sich von den Rebellen losgesagt hatte, Karriere bei der russischen Armee. Heute bekleidet er den Rang eines Generalmajors. Sulim Jamadajew baute die Eliteeinheit „Wostok“ (Osten) auf, in der vor allem Tschetschenen dienen. Die Einheit ist Teil der russischen Militäraufklärung GRU.

Untersucht wird die brutale Säuberungsaktion im Dorf Borosdinowskaja

Inzwischen sind die Dienste von Jamadajews Eliteeinheit bei russischen Militärs jedoch umstritten. Der russische Militärstaatsanwalt für den Nordkaukasus leitete ein Strafverfahren gegen ein Mitglied von „Wostok“ ein. Wer diese Person ist, darüber rätselt man noch. Die Zeitung „Kommersant“ berichtete unter Berufung auf die russische Militärstaatsanwaltschaft es werde gegen den Leiter der „Wostok“-Aufklärungsabteilung Chamsat Gajrbekow (Spitzname „der Bärtige“) ermittelt. Gajrbekow soll in dem Dorf Borosdinowskaja nahe der Grenze zu Dagestan am 4. Juni eine brutale „Säuberungsaktion“ geleitet haben. Die Dorfbewohner hatten das Mitglied der Eliteeinheit, der keine Maske trug, an seinem roten Vollbart erkannt. Bei der Aktion, die angeblich der Suche nach einem Mörder diente, wurden zwei Männer getötet und vier Häuser abgebrannt. Elf Verhaftete verschwanden spurlos und sind bis heute nicht wieder aufgetaucht. Inzwischen erklärte die Militärstaatsanwaltschaft, die Ermittlungen liefen nicht gegen Gajrbekow, sondern gegen einen anderen Militärangehörigen.

„Wostok“-Kommandeur Jamadajew will von der ganzen Operation nichts gewußt haben. „Ich schwöre bei Allah, daß ich niemals in Borosdinowskaja war“, erklärte der 33jährige in einem Interview. Nach der Eröffnung des Strafverfahrens begann sich Jamadajew allerdings zu erinnern. Seine Leute seien in dem Dorf gewesen, allerdings ohne seine Billigung. Selbst nach diesem Eingeständnis wollten die Zweifel an der Rolle der „Wostok-Säuberungsaktion“ nicht verstummen. Da tischte Kommandeur Jamadajew in einem Interview mit dem Polit-Magazin „Kommersant-Wlast“ eine neue Version auf. In Borosdinowskaja seien kurz hintereinander „zwei Einheiten“ gewesen. Einmal die Aufklärer von „Wostok“. Die hätten nur die Pässe kontrolliert und die Dorfbewohner nach dem Mord befragt. Kurz seien dann irgendwelche unbekannten „Teufel“ gekommen, „wahrscheinlich Wahabiten“. Die brutalen Vorfälle seien von „bestimmten Kräften“ inszeniert worden, um ihn als Kommandeur zu diskreditieren.

Putin verlangt Aufklärung durch seinen Kaukasusbeauftragten Dimitri Kosak

„Säuberungsaktionen“ sind in Tschetschenien an der Tagesordnung. Zum traurigen Alltag gehört, daß dabei regelmäßig Menschen verschwinden oder später von Verwandten gegen Lösegeld bei russischen Militärs freigekauft werden müssen. Diesmal wurde die Militäroperation jedoch zum Skandal, weil die Dorfbewohner sich wehrten. Hunderte flohen über die Grenze der Teilrepublik Tschetschenien in das benachbarte Dagestan und schlugen ein Zeltlager auf.

Auf Druck von Putins Kaukasusbeauftragtem Dmitri Kosak mußten sich die offiziellen Stellen in Grosny der „Säuberung“ in Borosdinowskaja befassen. Grosny versprach den Flüchtlingen Entschädigungen und es versicherte, die Verschwundenen zu suchen. Der tschetschenische Vize-Premier Ramsan Kadyrow, Sohn des bei einem Attentat vor einem Jahr ums Leben gekommenen Präsidenten Ahmed Kadyrow, schlug einen harten Ton an und forderte die Auflösung der Elite-Einheit „Wostok“. Allerdings wird Kadyrow, der als Vizepremier die Leitung über die tschetschenischen Sicherheitsstrukturen hat, selbst der Beteiligung an Entführungen verdächtigt. Auch hier hatte der Kreml den Bock zum Gärtner gemacht. Daß Kadyrow junior nun die „Wostok“-Einheit auflösen will, könnte zudem auch einen ganz eigennützigen Grund haben. Der Sohn des getöteten Präsidenten möchte sich den Einfluß über das tschetschenische Parlament, welches im Herbst gewählt werden soll, nicht mit dem „Wostok“-Kommandeur Jamadajew teilen.

Kaukasus Russland

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