Das große Rätsel der indogermanischen SpracheSPRACHEN

Das große Rätsel der indogermanischen Sprache – neuer Disput um Alter und Herkunft

Ein Kommentar zur Behauptung von Russell Gray und Quentin Atkinson, die Verbreitung der indogermanischen Sprachen habe im Zeitraum zwischen 5800 und 7800 vor Christus in anatolischen Bauerndörfern ihren Anfang genommen. Zu den indogermanischen Sprachen gehören fast alle Sprachen des modernen Europas sowie viele asiatische Sprachen zwischen der Turkei und Indien.

Von Prof. Dr. Peter Schrijver

Von Prof. Dr. Peter Schrijver

 
Prof. Dr. Peter Schrijver  

EM – Vor einigen Wochen sorgte ein Aufsatz in der renommiertenbritischen wissenschaftlichen Zeitschrift „Nature“ (Vol. 426, S. 435) fürgroßen Medienwirbel. Die Mathematiker der neuseeländischen UniversitätAuckland, Russell Gray und Quentin Atkinson, hätten folglich nachgewiesen,daß die Verbreitung der indogermanischen Sprachen im Zeitraum zwischen5800 und 7800 vor Christus ihren Anfang genommen hätte. Trotz des beträchtlichenSpielraums von 2000 Jahren, heißt es in dem Artikel, erlaube uns dieseDatierung eine eindeutige Wahl zwischen den zwei gängigsten Theorien zumarchäologischen Hintergrund des Indogermanischen.

Nach der einen Theorie wäre das Urindogermanische die Sprache von Angehörigenbestimmter Kulturen in der südlichen Ukraine. Diese Kulturen, die nachihren charakteristischen Grabhügeln mit dem mittlerweile veralteten Namen „Kurgan-Kulturen“ bezeichnetwerden, hätten ab 4000 vor Christus wohl teilweise als Folge der Zähmungdes Pferdes ihren Einflußbereich gewaltig ausgedehnt und anderen Völkernihre Sprache aufgedrängt.

Die andere Theorie schreibt das Urindogermanische den ersten Trägernder jungsteinzeitlichen Lebensweise zu, die auf Ackerbau und Viehzucht basierte.Diese verursachte eine Bevölkerungsexplosion, die eine Verbreitungswelledes Indogermanischen quer durch Europa und Asien zur Folge hatte. Die Anfängeder jungsteinzeitlichen Revolution sind in Anatolien, in der heutigen Türkei,um 7500 vor Christus zu suchen. Das von Gray und Atkinson gefundene Zeitfensterfür die Verbreitung des Indogermanischen ist nicht mit der „Kurgan-Hypothese“ inEinklang zu bringen, sehr wohl aber mit der „Jungsteinzeit-Hypothese“, diesomit als bestätigt gelten würde.

Das indogermanische Stammbaummodell – Szenario einer Auseinanderentwicklung

In der Biologie sind mathematische Verfahren entwickelt worden, mit denenevolutionäre Stammbäume rekonstruiert werden können, zum BeispielStammbäume, die alle Primaten auf einen Ur-Primaten zurückführen,oder alle Menschen auf einen Urmenschen . Solche Stammbäume sehen bekanntlichnicht aus wie ein Reisigbesen, bei dem der „Stamm“ an einem einzigen Knotenpunktauf einmal in alle einzelnen „Zweige“ übergeht, sondern wie ein frei gewachsenerBaum mit Ästen in unterschiedlicher Höhe, die sich wiederum an verschiedenenStellen nach und nach feiner verzweigen. Dieses Erscheinungsbild von Rekonstruktionsbäumenspiegelt die Erkenntnis wider, daß biologische oder sprachliche Evolutionennicht mit einem Schlag, sondern nach und nach und in sehr unterschiedlichenUntergruppierungen erfolgen – eine Erkenntnis, die sich ihrerseits zusammensetztaus zahllosen Detailanalysen sowie ihrer globalen Zusammenführung in einemeinzigen, alle Einzelanalysen abdeckenden Verzweigungs- oder Ausgliederungsschema.

Für die technische Seite solcher Verzweigungs- oder Ausgliederungsschematahat nun die Mathematik spezielle Verfahren entwickelt. Diese Verfahren, dieunter dem englischen Titel „cladistics“ firmieren, werden zunehmend ausgeklügelterund sind immer besser in der Lage, zuverlässige Ergebnisse für ständigwachsende Datenmengen zu erzielen. Da die mathematische Vorgehensweise zwarin der Biologie entwickelt wurde, jedoch nicht nur auf biologische Daten anwendbarist, schaut sich so mancher Mathematiker nach weiteren, ähnlichen Anwendungsbereichenum. Die Ausgliederungsproblematik von Sprachfamilien – welche Zweige habensich früher von der Ursprache abgetrennt, welche später, welche bildenihrerseits Unterzweige, welche nicht? – ist da ein gefundenes Fressen. Dieindogermanischen Sprachen haben einen einzigen gemeinsamen Vorfahren, das Urindogermanische.Mit einem biologischen Terminus ausgedrückt heißt es, das Indogermanischeist monophyletisch . Diese Eigenschaft setzt die Rekonstruierbarkeiteines Stammbaums voraus, die es den Mathematikern erlaubt, ihre Methoden aufdessen Rekonstruktion anzuwenden.

Ergänzungsbedürftigkeit des Stammbaummodells – Sprachkontakt undSprachmischung

Hier setzten manche Sprachwissenschaftler mit ihrer Kritik an. Das Stammbaummodellsei als Modell für die Herausbildung von Sprachen ungeeignet. Es setztnämlich voraus, daß eine Sprache von nur einem einzigen Vorfahrenabstammen muß und nicht das Ergebnis einer Verschmelzung mehrerer Sprachensein kann. Solche Mischsprachen seien jedoch sehr wohl belegt. Es sei sogarschwierig, sich Sprachen vorzustellen, die nicht das Ergebnis einer Sprachmischungsind.

Gemäß dem Stammbaummodell ist Deutsch eine germanische Sprache,die vom Urgermanischen abstammt. Und tatsächlich, ein Großteil desdeutschen Wortschatzes entstammt dem Urgermanischen. Aber ein nicht unwichtigerTeil deutscher Wörter ist aus dem Keltischen (z.B. Reich, Amt) und vorallem aus dem Lateinischen (z.B. Pfeffer, Mauer) entlehnt worden. Auch in Bezugauf Lautentwicklung und Syntax ist das Deutsche von Nachbarsprachen beeinflußtworden. Der Geschichte des Deutschen werde also eher ein Netz- als ein Stammbaummodellgerecht. Biologen sprechen in einem solchen Fall von „reticulation“, also Netzbildung.

Eine sprachwissenschaftliche Reaktion auf diesen Einwand könnte wie folgtaussehen. Evidenz für wirkliche Mischsprachen im engeren Sinn, d.h. Sprachen,die auf mehreren Ebenen ihrer Grammatik eine Mischung aus zwei verschiedenenQuellen darstellen, ist ausgesprochen selten. Ma'a (Afrika), Michif (Nordamerika)und Mednyj Aleut (auf den Aleuten) sind wahrscheinlich solche Fälle, wobeiEinzelheiten über das Entstehen dieser Sprachen unklar sind. Ihre Seltenheitund Unterschiedlichkeit untereinander erlaubt es, sie eher als Sonder- dennals Regelfälle zu klassifizieren. In der Praxis führt diese Überlegungdazu, daß nicht ohne ausgesprochen gute Gründe angenommen werdendarf, daß eine Sprache eine Mischsprache im engeren Sinn ist . Im Falledes Deutschen existieren solche Gründe nicht . Durch genaue Sprachforschungsind Lehnwörter sowie der lautliche und syntaktische Einfluß benachbarterSprachen weitestgehend zu identifizieren – wenngleich dies nicht immer leichtist. Was nach Abzug dieser Elemente übrig bleibt, ist ein Stammbaum, gemäß demdas Deutsche eine germanische und eine indogermanische Sprache ist.

Etwas komplizierter ist die Lage, wenn Sprecher einer Sprache A eine neueSprache B dazulernen, die nicht „perfekt gelernt“ wird, jedoch auf Dauer diealte Sprache A verdrängt und so zur Standardsprache wird. Die unvollständiggelernte Sprache B ist oft von der verschwundenen Erstsprache A beeinflußt.Um Mißverständnisse auszuräumen: Keineswegs ergibt sich ausdiesem Sprachwechsel eine irgendwie „unvollständige“, „behinderte“ oder „minderwertige“ Sprache.Die Ausdrücke „nicht perfekt“ und „unvollständig“ beziehen sich lediglichauf die Tatsache, daß die neue Sprache keine perfekte, vollständigeKopie ihres Vorbilds ist, die etwa entsteht, wenn ein Kind seine Muttersprachelernt.

Die englischen Dialekte Irlands sind ein brauchbares Beispiel. Sie sind, kurzgesagt, Englisch aus irischem Munde. Vor allem lautlich und syntaktisch weistdas Englische Irlands irische, d.h. keltische, Merkmale auf. Der Hintergrundist, daß die Sprecher des keltischen Irischen überwiegend im 17.,18. und 19. Jahrhundert die englische Sprache gelernt haben. Ihr Englisch istvon der Erstsprache Irisch beeinflußt und in dieser Form festgelegt worden.Auch in diesem Fall gilt jedoch, daß Sprachwechsel in der Regel nachweisbarist. Der Nachweis von Sprachwechsel ist eine Problematik, mit der ich michin meinen eigenen Forschungen ausführlich beschäftige.

Die Geschichte einer Sprache ist also die Summe von Stammbaum- und Kontakteinfluß,von Erbe und Erwerb. Beide Komponenten sind in der Regel durch sorgfältigessprachwissenschaftliches Forschen weitgehend identifizierbar. Dieses Erklärungsmodellvon Sprachgeschichte ist nach meiner Meinung allen alternativen Modellen beiweitem überlegen. In diesem Sinne ist also das Stammbaummodell gerettet.Dies ist übrigens eine gar nicht neue Auffassung. Sie gehörte schonam Ende des 19. Jahrhunderts zum Basispaket der Sprachhistoriker.

Mathematiker, die sich, wenn sie vernünftig sind, zu Sprache nicht äußern,gehen auf andere Weise mit dem Einwand um, das Stammbaummodell sei auf dieEntwicklung von Sprachen nicht anwendbar. Es gibt mathematische Verfahren undauf deren Grundlage entwickelte Computerprogramme, die in der Lage sind, Netzund Baum zu unterscheiden. Es ist also nicht so, daß ein Mathematiker,der Sprachmaterial bearbeitet, zwangsläufig einen Stammbaum anstatt einesNetzes findet. Nun stellt sich folgendes heraus: Wenn Mathematiker mit fürdie Biologie entwickelten Programmen Sprachmaterial aus indogermanischen Sprachenbearbeiten, aus dem Sprachwissenschaftler nach bestem Können Lehnwörterund dergleichen entfernt haben, ergibt sich „a strong tree-like signal in thedata“ (Gray/Atkinson S. 436). Darum ist verständlich, daß Mathematikersich nicht von sprachwissenschaftlichen Stammbaumgegnern beeindrucken lassen,wenn die von Sprachwissenschaftlern aufbereiteten Sprachdaten ihnen widersprechen.

Das verwendete Sprachmaterial – Grundlage jeder Rekonstruktion

Hiermit sind wir endlich beim Herzstück der Problematik angekommen. Mathematischeinwandfreie Computerprogramme nutzen nichts, wenn das in ihnen eingespeisteSprachmaterial entweder fehlerhaft oder nicht repräsentativ ist. Das vonGray und Atkinson verwendete Sprachmaterial ist einer Datenbank entnommen,die im Internet zugänglich ist.Diese von Isidore Dyen u.a. erstellte Datenbank enthält 200 Wortbedeutungenund deren Übersetzungen in 95 moderne indogermanische Sprachen. Die Wortbedeutungensind der in der Sprachwissenschaft bekannten „Swadesh-Liste“ entnommen. Siebetreffen den Grundwortschatz, der weitgehend kulturunabhängig ist undin den meisten Sprachen der Welt vorhanden ist. Man vermutet, daß derGrundwortschatz verhältnismäßig oft vererbt und verhältnismäßigselten entlehnt wird. Dazu gehören Begriffe wie „ich“, „du“, „Sonne“, „Fuß“, „Tier“, „schlecht“, „leben“.Für jeden dieser Begriffe haben die Ersteller der Datenbank Übersetzungenin den 95 indogermanischen Sprachen ermittelt. Mit sprachhistorischen Mittelnhaben sie etymologisch Zugehöriges zusammengestellt und etymologisch Unterschiedlichesgetrennt und dabei nach bestem Können Lehnwörter ausgeklammert. Fürdie Bedeutung „Hand“ entstehen drei verschiedene etymologische Gruppen:

(Eng.) hand 1(Franz.) main 2(Litauisch) rankà 3
(Deutsch) Hand 1(Span.) mano 2(Russ.) ruká 3
 (Ital.) mano 2 

Im Stammbaum für „Hand“, der aufgrund der Datenbank erstellt werden kann,bilden Englisch und Deutsch Zweige eines und desselben Astes. Französisch,Spanisch und Italienisch bilden Zweige eines anderen Astes, während Litauischund Russisch nebeneinander stehende Zweige eines dritten Astes bilden. Fürjede der 200 Wortbedeutungen wird nach diesem Verfahren ein Stammbaum ermittelt.In einem zweiten, rechnerisch aufwendigen Schritt werden alle 200 Bäumemiteinander verglichen und ein optimaler Stammbaum ermittelt, der allen 200Bäumen gerecht werden soll. Dies gelingt jedoch nur, wenn alle Lehnwörterund zufälligen Parallelentwicklungen richtig ermittelt sind, was in derPraxis nie der Fall ist. Der perfekte Stammbaum gibt die sogenannte perfectphylogeny (PP) wieder, die weitestgehende Annäherung des perfekten Stammbaumsnennt man „consensus tree“. Er ist der Stammbaum des Indogermanischen.

Erste Ergebnisse der mathematischen Verfahrensweisen

Bei verschiedenen Versuchen unterschiedlicher Forschergruppen (Siehe Literaturhinweiseunten), auf diese Weise die „perfect phylogeny“ des Indogermanischen zu ermitteln,wurden die schon längst bekannten indogermanischen Unterfamilien erzeugt,wie etwa die germanische, die keltische, die italische, die slawische, dieiranische u.s.w. Dies mag enttäuschend scheinen, bringt doch das Verfahrenkeine neuen Erkenntnisse. Genau hierauf kommt es aber den Mathematikern an:ein richtiges Verfahren soll richtige Ergebnisse erzeugen. Und der einzigeWeg zu testen, ob das Verfahren richtige Ergebnisse erzeugt, ist es, dieseErgebnisse mit dem Konsens unter Sprachwissenschaftlern zu vergleichen. Mitdiesem Selbsttest läßt sich zeigen, ob die Methode realitätsnaheErgebnisse liefert. Ist man mit dem Resultat zufrieden, kann sie anschließendfür andere Bereiche angewendet werden, in denen kein Konsens unter Sprachwissenschaftlernherrscht. Tiefere Verzweigungen, wie etwa die enge Verbindung zwischen Baltischund Slawisch, zwischen Griechisch und Armenisch, zwischen Indisch und Iranisch,werden von den Forschergruppen gemeldet. Ferner wurde die sehr frühe Abtrennungzweier Unterfamilien bestätigt: des anatolischen Sprachzweiges, zu demz.B. das zwischen 1600 und 1200 v. Chr. belegte Hethitische gehört, unddes Tocharischen. Das Tocharische ist eine Gruppe zweier Sprachen, die in Quellenbelegt ist, welche im chinesischen Turkestan um die Mitte des ersten Millenniumsn. Chr. gefunden wurde.

Es gibt jedoch auch widersprüchliche Ergebnisse. Die Positionen des Griechisch-Armenischen,des Albanischen und des Germanischen im Stammbaum sind nach wie vor ungewiß.Auch die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Keltisch, Italisch, Germanischund Balto-Slawisch sind noch zu klären.

Ein Punkt ist jedoch klar. Die einzige Forschergruppe, an der sich ein Indogermanistbeteiligt, ist die von Don Ringe u.a. (Siehe Literaturhinweise unten). Sieist auch die einzige, die sich nicht mit dem Material der erwähnten Datenbankzufrieden gibt, sondern selbständig Wortmaterial erstellt und auch Lautentwicklungenund morphologische Neuerungen miteinbezieht. Eine solche Ausdehnung und gründliche Überprüfungdes Materials trägt entscheidend zu einem überzeugenderen Ergebnisbei - wenigstens für einen historischen Sprachwissenschaftler wie mich.

Kann man sprachliche Entwicklungsstadien mit Hilfe mathematischer Verfahrendatieren?

Vor diesem Hintergrund ist der Aufsatz von Gray und Atkinson zu bewerten.Das Neue in ihren Ergebnissen ist nicht, daß hier statistische Verfahrenangewandt werden, um die Ausgliederung des Indogermanischen zu datieren, wasein durchaus sinnvolles Unterfangen ist, sondern die Überzeugung der beidenWissenschaftler, daß für die verschiedenen Stufen der Ausgliederungeine absolute Chronologie bestimmt werden kann. So sei die Trennung zwischender germanischen Unterfamilie und dem Latein (von den anderen italischen Sprachen,wie etwa Oskisch und Umbrisch ist keine Rede) um 3500 v. Chr. anzusetzen. DieTrennung zwischen Baltisch und Slawisch wäre um 1400 v. Chr. erfolgt.Die Abspaltung des Hethitischen wäre etwa 6700 v. Chr. und die des Tocharischenetwa 5300 v. Chr. erfolgt. Die Abspaltung des Hethitischen bezeichnet die ersteStufe der Auflösung der urindogermanischen Spracheinheit. Da die Datenmit einer Unsicherheit von etwa 1000 Jahren behaftet sind, ist das Zeitfenster,das für das Ende der urindogermanischen Spracheinheit angesetzt werdenkann, zwischen etwa 7800 und 5800 v. Chr. anzusetzen.

„Glottochronologie“ wiederum gescheitert?

Gegen diese Thesen gibt es aber starke Einwände. Zwar ist es möglich,mit den Methoden der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft eine relativeChronologie aufzustellen, nach der bestimmt werden kann, ob im Laufeder Zeit eine Änderung vor oder nach anderen Änderungen stattgefundenhaben muß. Eine absolute Chronologie mit sprachwissenschaftlichenMitteln zu bestimmen ist jedoch unmöglich.

Absolute Chronologien zu erstellen wurde bereits mehrmals versucht. Man gingvon der Voraussetzung aus, daß Sprachänderungen sich im Laufe derZeit mit einer bestimmten Frequenz ereignen und sich sozusagen nach einer Uhrrichten. Innerhalb eines bestimmten Zeitabschnitts wäre somit mit einerbestimmten Zahl von Änderungen zu rechnen. Die absolute Zeittiefe derAusgliederung der indogermanischen Sprachfamilie wäre einfach zu bestimmen,indem die Zahl der vollzogenen Änderungen in den jeweiligen Sprachen mitder angeblichen Uhr, die die Frequenz der Änderungen bedinge, abgeglichenwerden. Dieses Verfahren wird „Glottochronologie“ genannt. Die Realitätsnähedes Verfahrens wird heutzutage allgemein in Abrede gestellt. Sprachänderungenrichten sich nicht nach einer Uhr. In der Geschichte einer Sprache gibt esoft kurze Perioden, in denen sich Änderungen in rascher Abfolge überrollen,und lange Perioden, während denen sich fast nichts ändert. Eine regelmäßigeAbfolge dieser Perioden ist nicht zu erkennen.

Ein konkretes Gegenbeispiel : Keltisch

Ein Beispiel wäre die Geschichte der Laute in der keltischen SpracheAltirisch. Sie kann verhältnismäßig gut über die Jahrtausendebis zum Urindogermanischen zurückverfolgt werden. Zwischen Urindogermanischund Urkeltisch ereignet sich eine Handvoll Änderungen, die sich teilweiseauch im Germanischen und/oder in den italischen Sprachen vollziehen. Sie stammenwohl aus einer Zeit, als diese Sprachen noch eine Einheit bildeten oder wenigstensin engem Kontakt miteinander standen. Dann drängen sich Änderungenum die urkeltische Stufe. Viele sind dies nicht, aber sie sind charakteristisch,z.B. der Verlust des alten „*p“ (das urkeltische Gegenstück von lateinisch „pater“ ist „*atir“).Anschließend tut sich wenig, bis wir im vierten bis sechsten Jahrhundertnach Christus eine Periode großer gesellschaftlicher Umwälzungenerreichen: das Christentum wird eingeführt und vermutlich wird eine nochvorhandene vorkeltische Bevölkerung sprachlich assimiliert. Gerade indieser Zeit finden Dutzende von Änderungen statt, welche die Lautstrukturder Sprache völlig neu ordnen. Die Zahl der Lautänderungen in dieserkurzen Zeit ist etwa mit der Gesamtzahl der Lautänderungen in den vorangegangenenJahrtausenden vergleichbar. Der Slawist Willem Vermeer von der UniversitätLeiden, kommt zu einem vergleichbaren Szenario für die Geschichte desSlawischen. Es ist wichtig, folgendes festzuhalten: die Frequenz von Sprachänderungenkann, wie im Falle des Irischen, so unregelmäßig sein, daß sienicht vernünftig zu modellieren ist. Sonst könnte man zum Beispielmeinen, daß, wenn etwa ein Jahrhundert ins Auge gefaßt wird, SpracheA sich rasch ändert, Sprache B jedoch gar nicht, aber daß dieseunterschiedliche Frequenz ausgeglichen wird, wenn längere Perioden, etwaeines Millenniums, betrachtet werden. Kurz gesagt, die Uhr funktioniere nur übergrößere Zeiträume. Das irische Beispiel zeigt jedoch, daß auchein Zeitraum von einem oder zwei Millennia nicht ausreicht, um die unterschiedlichenFrequenzen der Änderungen auszugleichen. Genau dieser Punkt ist wichtig.Denn Gray und Atkinson nehmen bekannte Änderungsfrequenzen in den etwa2000 Jahren, die z.B. Latein von den modernen romanischen Sprachen trennen,als Richtmaß für die vermuteten Änderungsfrequenzen in vorhistorischerZeit, etwa zwischen Latein und Urindogermanisch. Gray und Atkinsons Behauptung,das Frequenzproblem sei durch eine passende mathematische Modellierung in Griffzu bekommen, stehe ich also besonders skeptisch gegenüber.

Neben diesem allgemeinen möchte ich noch einen spezifischen Einwand hervorheben.Gray und Atkinson berechnen, daß der irische Zweig des Keltischen sichvom britannischen Zweig (d.h. Walisisch, Kornisch, Bretonisch) um etwa 900vor Christus getrennt hat. Aus der Sicht von Sprachwissenschaftlern kann diesnicht stimmen. Das Lautsystem und die ganze Grammatik des Irischen und desBritannischen waren nämlich bis ins erste Jahrhundert nach Christus identisch.Divergierende Tendenzen haben sich erst später entwickelt. Der einzigeerkennbare Unterschied war zum damaligen Zeitpunkt, daß das Britannischeein „p“ hatte, wo das Irische noch ein „k w “ verwandte. Das Wort „Pferd“ lautetebritannisch zum Beispiel „*epos“, irisch hingegen „*ek w os“.

Die Trennung von Irisch und Britannisch ist von Gray und Atkinson also um1000 Jahre zu früh angesetzt. Falls die Fehlerquote bei den anderen Verzweigungen,die zwischen Keltisch und Urindogermanisch liegen, etwa ebenso groß wäre,bekäme man ein Datum für den ersten Auseinanderfall des Indogermanischenvon etwa 4000 vor Christus. Dies würde die „Kurgan-Hypothese“ wieder insLicht der Realität rücken. Das von Gray und Atkinson vorgeschlageneDatum ist nicht ernst zu nehmen, solange solche Fehler nicht behoben werden.Ein erster Schritt in die richtige Richtung wäre die Bestimmung, ob derFehler auf das oben dargestellte Frequenzproblem zurückzuführen istund somit prinzipieller Natur ist, oder vielmehr auf die eingespeisten Sprachdaten.Um dies zu feststellen zu können, müßte man nicht nur Wortschatz,wie es Gray und Atkinson getan haben, sondern auch Material zu lautlichen undmorphologischen Änderungen einspeisen und dann schauen, ob sich neue undgegebenenfalls bessere Datierungen ergeben.

Um die Ausgliederung des Indogermanischen (sowie jeder anderen Sprachfamilie)absolut datieren zu können, muß die Sprachwissenschaft mit anderenDisziplinen zusammenarbeiten. Der letzte Versuch von Gray und Atkinson in dieserHinsicht ist leider gescheitert.

Literatur:

Der besprochene Aufsatz ist: Russel D. Gray / Quentin D. Atkinson, „Language-treedivergence times support the Anatolian theory of Indo-European origin“, in:Nature, Vol. 426, 27 November 2003, S. 435-439.

Als Lektüre über mathematische Verfahren bei der Suche nach Sprachstammbäumenist sehr zu empfehlen: Don Ringe, Tandy Warnow, Ann Taylor, „Indo-Europeanand computational cladistics“, in: Transactions of the Philological Society,100:1 (2002), S. 59-129.

Sehr lesenswert ist auch der Artikel von Katerina Rexová, Daniel Frynta,Jan Zrzavý, „Cladistic analysis of languages: Indo-European classificationbased on lexicostatistical data“, in: Cladistics, 19:2 (April 2003), S. 120-127.

Verhältnismäßig zugänglich, aber nicht wenige Mißverständnisseenthaltend über das, was die Sprachwissenschaft einerseits und die Statistikandererseits zur Sprachrekonstruktion beitragen können, ist: April McMahon,Robert McMahon, „Finding Families: Quantitative methods in language classification“,in: Transactions of the Philological Society, 101:1 (2003), S. 7-55.

Leider für Nicht-Sprachwissenschaftler schwierig zugänglich istder neueste Überblick über die Lautgeschichte des Keltischen, insbesonderedes Irischen: Kim McCone, „Towards a relative chronology of ancient and medievalCeltic sound change“ (Maynooth Studies in Celtic Linguistics I), Maynooth 1996.

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Prof. Dr. Peter Schrijver (Jahrgang 1963) ist seit November 1999 Ordinariusfür Allgemeine und Indogermanische Sprachwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-UniversitätMünchen. Sein wichtigstes Arbeitsfeld ist die Geschichte der keltischenSprachen sowie des Lateins und des Griechischen. Die Erforschung der Rollevon Sprachkontakt bei Sprachänderungen ist ein besonderer Schwerpunktseiner Arbeit.

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