Das neue Gesicht des alten RevalsESTLAND

Das neue Gesicht des alten Revals

Das neue Gesicht des alten Revals

Die estnische Hauptstadt ist berühmt für ihre UNESCO-geschützte historische Altstadt. Wenige Meter davon entfernt entsteht das junge Tallinn mit Hochhäusern und gläsernen Einkaufszentren. Nicht alle Hauptstädter sind darüber erfreut.

Von Alexandra Frank

Die Silhouette von Tallinn. Rechts hinten das Radisson-Hotel, mit seiner roten Spitze. Es ist das höchste Gebäude Estlands.  
Die Silhouette von Tallinn. Rechts hinten das Radisson-Hotel, mit seiner roten Spitze. Es ist das höchste Gebäude Estlands.
(Foto: Alexandra Frank)
 

J edes Jahr steigt ein kleines graues Männlein aus dem See Ülemiste südlich von Tallinn und fragt den Stadtwächter, ob die Stadt schon fertig erbaut sei. „Nein, noch lange nicht, es wird noch Jahre dauern, bis alle Bauarbeiten beendet sind“, lautet Jahr für Jahr die Antwort und das Männlein kehrt grummelnd in seinen See zurück. Wenn Tallinn einmal fertig sei, so heißt es in einer der vielen Sagen, die sich um die nordbaltische Stadt ranken, würde das Männlein das Wasser des Sees über die Ufer treten lassen, um die Stadt zu vernichten. Um dieser Zerstörung zu entgehen, wurde den Wächtern schon vor langer Zeit per Gesetz verboten, die Frage des Männleins jemals zu bejahen. Doch selbst heute müßte sich niemand in Lügen verstricken, um das drohende Schicksal abzuwenden.

Tallinn ist noch lange nicht fertig. Jedes Jahr schießen neue Hochhäuser mit spiegelnden Fassaden zum Himmel. Längst erreichen sie die Höhe der Olaikirche im Herzen der Altstadt, deren 159-Meter-Turm im 16. Jahrhundert als höchstes Gebäude der Welt galt. „Noch besteht eine Art ungeschriebenes Gesetz, daß kein Bauwerk in Altstadtnähe größer sein darf als der Olaiturm“, so der ehemalige estnische Kultusminister und heutige Außenminister Estlands, Urmas Paet. „Doch es gibt zur Zeit Überlegungen, ob eine derartige Einschränkung noch zeitgemäß ist.“

Neues estnisches Gesicht

Allen neuen Gebäuden ist eines gemeinsam – es sind die Esten, die sie errichten. Nachdem die Dänen, Deutschen und Russen ihre Spuren in Tallinn hinterließen, scheinen die Esten das Gesicht ihrer Hauptstadt nun selbst prägen zu wollen. Die Bauten sind nicht immer unumstritten – der dreieckige Giebel der estnischen Bank „Ühispank“ von Architekt Raivo Puusepp, das bläulich schimmernde Radisson-Hotel von Vilen Künnapu und Ain Padrik oder der geplante 115 Meter hohe Wolkenkratzer von Meeli Truu. Meist ist die neue Architektur groß und klotzig und will nicht so recht zur Silhouette des alten Revals passen.

Die mächtige Stadtmauer, die früher die Feinde der Stadt fernhalten sollte, trennt heute den Altstadtkern vom modernen Tallinn. Auf der einen Seite wird gebaggert und gebaut, auf der anderen renoviert und herausgeputzt. „1997 wurde die Tallinner Altstadt in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen. Aber bereits Jahre zuvor wurde sie als erste Stadt der Sowjetunion komplett unter Denkmalschutz gestellt“, erklärt der Historiker Juri Kuuskemaa. Nur wenige Fußminuten von seinem Haus im Zentrum Tallinns entfernt liegt der Rathausplatz mit dem gotischen Rathaus und den spitzgiebligen Häusern. Allesamt sind sie bestens in Schuß und bereit, den Fotoapparaten der Touristen ihre Schönheit zu beweisen.

„Tallinn wäre nichts ohne seine Altstadt.“

  Alt trifft Neu: Die Ühispank-Zentrale in Tallinn vor der Spitze einer rustikalen Holzkirche.
  Alt trifft Neu: Die Ühispank-Zentrale in Tallinn vor der Spitze einer rustikalen Holzkirche.
(Foto: Alexandra Frank)

Zwischen den Speichern, Gildehäusern und Kirchen rund um den Rathausplatz ist auch das Amt für Denkmalpflege der Hansestadt untergebracht. Hier arbeitet Boris Dubovik, der Tallinn als seine große Liebe bezeichnet. Und wie alle Verliebten verteidigt er das Objekt seiner Träume mit allen Mitteln. Die immer höheren Gebäude der Banken und Hotels am Rande „seiner“ Altstadt sind ihm ein Dorn im Auge. „Tallinn wäre nichts ohne die Altstadt, das müssen auch die Bauunternehmer und Städteplaner verstehen“, sagt er und legt die Stirn in Falten. „Solange ich hier arbeite, wird jedenfalls kein Gebäude höher als der Olaikirchturm werden.“

Die Präsidentin des estnischen Architektenverbands, Margid Mutso, teilt die Meinung Duboviks nur zu einem gewissen Grad: „Tallinn ist klein, das neue und das alte Zentrum können daher nicht weit voneinander entfernt liegen. Es kommt nicht nur auf die Höhe der Gebäude an, sondern auch auf die Qualität der Architektur.“ Die Höhenunterschiede sorgten außerdem für ein noch spannenderes und vielschichtigeres Stadtbild. Ob künftig die Gebäude höher oder niedriger als die Olaikirche sein werden, sei ihr einerlei, „solange sie funktionell und visuell in die Umgebung passen.“

„Zu groß, zu protzig und irgendwie unecht.“

Die richtige Mischung aus Tradition und Moderne ist Geschmacksache. Das zeigt das Beispiel der orthodoxen Alexander-Newski-Kirche. Hoch auf dem Domberg gelegen, dominieren ihre fünf Zwiebeltürme bereits seit über einem Jahrhundert das Stadtbild. Akzeptiert und bewundert wird das Gotteshaus jedoch nur von den Touristen, nicht von den Stadtbürgern. Das gleiche gilt für die Nationalbibliothek am Rande der Altstadt. Ausgerechnet das für den estnischen Nationalstolz so wichtige Gebäude wurde noch zu Sowjetzeiten geplant. „Die Bibliothek ist zu groß und protzig und wirkt irgendwie unecht“, so Loore Listra, Direktorin des Eesti Instituts, einer Art Goethe-Institut des nordbaltischen Landes. Gelungener sei ein anderes Gebäude, das sich den Esten und ihrer Geschichte widmet: das Okkupationsmuseum der Stadt, nur ein paar Fußminuten von der Nationalbibliothek entfernt. Das vor zwei Jahren fertiggestellte „Haus ohne Wände“ mit schiefer Fassade, Glaswänden und einem von der Straße her zugänglichen Innenhof, gilt vielen als gelungenes Beispiel moderner estnischer Architektur. Nicht zuletzt deswegen, weil der einstöckige Bau gut mit der Stadtsilhouette harmoniert.

Ob die moderne Architektur das Bild der estnischen Hauptstadt bereichert oder nicht, ist strittig. Eines aber steht fest: Das graue Männlein aus dem Ülemiste-See wird noch viele Jahre den rasanten Veränderungen Tallinns zuschauen müssen. Fertig ist die Stadt noch lange nicht.

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Alexandra Frank ist Korrespondentin von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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