Das weiße Lächeln der Westukraine: Wie Arbeitsmigration das Leben verändertUKRAINE

Das weiße Lächeln der Westukraine: Wie Arbeitsmigration das Leben verändert

Das weiße Lächeln der Westukraine: Wie Arbeitsmigration das Leben verändert

In den letzten zehn Jahren ist die Bevölkerung der Ukraine um vier Millionen auf 48 Millionen Einwohner gesunken. Allein in Tschechien arbeiten und leben bis zu 80.000 ukrainische Arbeiter. Die Hälfte von ihnen illegal. Jan Zappner hat sich im westukrainischen Vykoty umgesehen, das besonders mit den Auswirkungen der Arbeitsmigration zu kämpfen hat.

Von Jan Zappner

Lubas herzliches Lachen erfüllt die Marschroutka (Linientaxi), die sich über die unebene, ukrainische Asphaltpiste kurz hinter dem Grenzübergang Przemysl im Süden Polens quält. Mit dem Kopf nickt sie in Richtung Beifahrersitz, auf dem ihre Tochter Maria traurig aus dem Fenster starrt. „Sie hat sich während der Arbeit auf dem Erdbeerfeld in einen polnischen Jungen verliebt. Das ist ihre Art der Ost-West Annäherung!“ Seit mehreren Jahren schon fährt Luba auf die Erbeerplantage in der Nähe von Warschau. Dieses Jahr waren das erste Mal ihre beiden siebzehnjährigen Zwillingstöchter mit dabei. Die Universität sollen sie abschließen und später ihr Geld im Ausland verdienen, wünscht sich die Mutter. „Bei uns findet man nur schlecht bezahlte Jobs. Deshalb sollen sie sich schon jetzt an das Arbeiten im Ausland gewöhnen.“

Im westukrainischen Vykoty, einem kleinen Dorf an der Straße nach Sambir, kennen sich viele Menschen gut mit der Arbeit im Ausland aus. Die Männer arbeiten meist auf dem Bau in Tschechien oder Portugal, während die Frauen für Pflege- oder Haushaltsjobs lieber nach Italien gehen. Die Früchte ihrer Arbeit sind unschwer an den neuen Häusern zu erkennen, die in ganz Vykoty wie Pilze aus dem Boden schießen. Noch erreicht kein Dachgiebel die Höhe der orthodoxen Kirche, dreistöckige Häuser sind jedoch keine Seltenheit mehr.

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Wohnblock im Dorf Vykoty. Hier wohnen viele der auseinander gerissenen Paare, deren  einer Teil im Ausland arbeitet. Auch Arbeiter der nahe gelegenen Ziegelfabrik leben hier.
 Exmigrant beim Feierabendbier, der in Tschechien und Portugal auf dem Bau
gearbeitet hat und sich nun wieder in Vykoty niedergelassen hat.
   
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Drei Freundinnen aus dem Dorf Vykoty auf der Dorfstraße Arbeitsgerät auf der Schweine- und Getreidefarm von Vladimir Ivanovitsch
in Vykoty

Zigaretten und Wodka

„Drei Jahre haben wir an unserem Haus gebaut und etappenweise 20.000 Dollar hineingesteckt.“ Nadja, 44 Jahre alt, sitzt in ihrer Küche, deren Möbel mit Marmorfurnieren überklebt sind und dadurch eine seltsame Kühle ausstrahlen. Sogar ein Bidet hat sie sich in das Badezimmer einbauen lassen. „Manchen Freunden muß ich erstmal erklären, was das ist und wie man es benutzt“ lacht sie verschmitzt und stolz zugleich.

Der Weg zum eigenen Haus war für Nadja und ihren Mann Wlodymir nicht einfach. Nach dem Studium der Agrarökonomie und der Geburt ihrer ersten Tochter Lesia arbeitete Nadja zunächst in der Landwirtschaft. Anfang der neunziger Jahre, mit der staatlichen Unabhängigkeit der Ukraine von Rußland, verlor die junge Familie ihre gesamten Ersparnisse durch eine Bankkrise. „Seitdem traue ich keiner Bank mehr und behalte das Geld lieber bei mir,“ flüstert Nadja. In ihren Augen ist der Schock von damals noch erkennbar. Als die wirtschaftliche Situation in der Ukraine immer schlechter wurde, fuhr sie 1996 das erste Mal nach Polen. Dort fand sie Arbeit bei der Kirschernte, anschließend auf dem Bau und letztendlich in einer Wannenfabrik. Als die Fabrik schließen mußte, begann sie mit dem Alkohol- und Zigarettenhandel. Dabei ist sie geblieben und verdient seit sechs Jahren an jeder verkauften Stange drei Dollar und an jeder Flasche Wodka einen Dollar. „Die Hauptsache ist, daß ich jedes Wochenende nach Hause kann und meine Kinder und Enkel sehe“ sagt Luba. „In Italien könnte ich deshalb nie arbeiten. Es sind schon viele Familien nur daran zerbrochen, daß einer weit weggegangen ist. Das möchte ich auf keinen Fall.“

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Zwei Männer in Lviv in ein Gespräch vertieft.
 Die Bibliothekarin der Schule in Vykoty in ihrer Bibliothek
   
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Stepan mit seinen Freunden vor dem neuen Haus der Oma in Vykoty Wohnzimmerschmuck in einer Wohnung in Vykoty

„Auf die goldene Zukunft der Ukraine!“

Die Ehe von Vitali hält noch. Zumindest auf dem Papier. Er sitzt in seinem Wohnzimmer vor einem Glas Wodka, die zugezogenen Vorhänge erhellen den kleinen Raum nur spärlich. In sein Gesicht sind tiefe Furchen eingegraben. Die blauen, schon etwas glasigen Augen stechen beim Gespräch durch einen hindurch und sind gleichzeitig von einer tiefen Melancholie erfüllt. „Ich bin 50 Jahre alt, so was kann doch keiner da drüben brauchen.“ Er zeigt auf seine dünnen Arme, und man spürt, daß er sich hier in Vykoty nicht besonders nützlich fühlt. „Meine Frau ist seit fünf Jahren in Italien, seitdem bin ich die meiste Zeit allein.“ Daß die beiden noch verheiratet sind, ist ungewöhnlich. Viele Frauen treffen im Ausland Männer, die ihnen den Einstieg in eine neue Welt ermöglichen. Der nächste Schritt ist dann oft die Scheidung. Wie tief der Schmerz darüber wirklich sitzt, kann Vitali nicht aussprechen. Da schenkt er lieber noch mal ein Glas Wodka ein. „Auf die goldene Zukunft der Ukraine!“

Halina hat ihren neuen Mann in Italien kennengelernt. „Ich habe Roman schon nach fünf Tagen getroffen.“ Sie putzt ihrer einjährigen Tochter die Nase. „Vor zwei Jahren haben wir geheiratet – orthodox, denn er ist Ukrainer.“ Nach der Heirat hat er ihr erzählt, daß sie Glück hatte, erst so kurz in Italien gewesen zu sein. Die ukrainischen Frauen sind dort unter den Männern schnell als Huren verschrien. „Ich habe mir inzwischen auch die Haare schwarz gefärbt. Die Italiener sind verrückt nach uns blonden Mädchen.“ Halinas Sohn Vitali ist von ihrem ersten Mann. Der ist nicht von der Arbeit aus Tschechien zurückgekommen und hat sich scheiden lassen. Vor Fremden erzählt sie jedoch, daß er bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist.

Am schwierigsten zu ertragen ist die zerrissene Familiengemeinschaft für die Kinder. Die Erziehungsmaßregel „Mach dies oder jenes, sonst erzähle ich es Papa“ verkommt schnell zur Farce, wenn die Kinder wissen, daß Papa erst in ein paar Monaten mal wieder kurz vorbeischaut. „Ich kenne Kinder, die wachsen bei ihren Großeltern auf, da beide Eltern im Ausland arbeiten,“ erzählt die Bibliothekarin der kleinen Grundschule von Vykoty. „Als wir im Unterricht ein Gedicht über die Liebe zur Mutter gelesen haben, fingen plötzlich alle Kinder an zu weinen.“ Auch der Schuldirektor weiß um die Situation der Pennäler und bemüht sich redlich: „Wir versuchen, außerhalb der Schulzeiten durch zusätzliche Angebote, wie Nachhilfe oder Kunstunterricht, die Probleme in den Familien etwas abzumildern.“ Er könne die Eltern aber auch verstehen, die in diesen Zeiten ihr Glück im Ausland versuchen. „Noch vor ein paar Jahren mußte ich meine Lehrer mit Wodka bezahlen, da ich kein Geld von der zuständigen Stadt bekam. Jetzt bekommen sie wenigstens 20 Dollar Monatsgehalt ausbezahlt. Aber was ist das schon.“

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Ivan im Wohnzimmer. Er lebt mit seiner Mutter und seinem Bruder die meiste Zeit allein im Wohnblock in Vykoty. Sein Vater ist in Tschechien und arbeitet dort auf  dem Bau.
 Stepan beim Mittagessen mit seiner Mutter im Nachbardorf von Vykoty
   
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Der Schuldirektor der Schule von Vykoty in seinem Büro Mann auf dem Heimweg. Auf einem Bahnhof in den Vorkarpaten

„Sowjetische Arbeitsmentalität“

Iwan Iwanowitsch ist der mächtigste Geschäftsmann im Ort. Eine ganze Kolchose gehört ihm. In seinem Büro dominieren Furniermöbel in dreckigen, abgenutzten Brauntönen und auch die obligatorische Birkenwaldtapete verstärkt den Eindruck einer ehemaligen planwirtschaftlichen Einrichtung. Iwan Iwanowitsch sitzt hinter einem kleinen Tisch, auf dem nur ein Kalender und eine alte, schwarze Schreibmaschine stehen. Er spielt unablässig mit zwei Handys, und manchmal verschwinden sie dabei in seinen großen Händen. Die heruntergekommenen Gebäude hat er vor drei Jahren gekauft, notdürftig instandgesetzt und betreibt nun eine Schweinefarm und einen Fuhrpark. Auf 200 Hektar baut er Weizen an, den er mit deutschen Erntemaschinen aus den siebziger Jahren einholt. Das Startkapital hat er sich nach der Unabhängigkeit der Ukraine beim Handel mit deutschen Autos verdient. „Das Geschäft lief sehr gut, die Leute waren verrückt nach Autos. Mein Traum war aber immer eine Farm wie diese.“ Inzwischen beschäftigt er 20 Angestellte und ist damit zum wichtigsten Geschäftsmann in Vykoty aufgestiegen. Dafür arbeitet er auch täglich 17 Stunden ohne Wochenenden oder Urlaub. „Die wirtschaftliche Situation hier wird sich nicht verändern, solange die Menschen die sowjetische Arbeitsmentalität im Kopf haben.“ Er wiegt seinen Kopf schwer hin und her und schaut fast traurig aus seinen braunen Augen, die von schwarzen Ringen gezeichnet sind. „Selbst meine eigenen Arbeiter muß ich kontrollieren, damit sie nicht faulenzen. Ist das zu glauben?“

Menschen wie Iwan Iwanowitsch markieren vielleicht den Anfang einer wirtschaftlichen Eigenständigkeit in der Ukraine. An der Arbeitsmigration wird sich jedoch so schnell nichts ändern. Allerdings ist in letzter Zeit ein neuer Trend aus dem Westen herübergekommen. Nachdem sie ihre Häuser gebaut haben, lassen sich Frauen und Männer seit kurzem ihre Goldzähne durch Porzellanbrücken ersetzten. Dadurch wollen sie sich beim Arbeiten im Ausland nicht mehr so deutlich von den Einheimischen unterscheiden. In Vykoty aber wird man zukünftig schon am Lächeln erkennen, wer im Ausland arbeitet.

GUS Osteuropa

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