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Den Briten geht das Öl aus – das Ende des Aufschwungs scheint gekommen

Die Ölfunde der siebziger Jahre in der Nordsee waren für Großbritannien ein unverhoffter Segen. Die eigene Versorgung war gesichert und über Jahrzehnte konnte das Land durch Ölexporte seine Handelsbilanz positiv gestalten. Doch jetzt geht das schwarze Gold zur Neige, und England hat ein Problem.

Von Eberhart Wagenknecht
29.09.2004 Drucken Senden Kommentieren
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Britische Bohrinsel - die Produktion ist rückläufig  

EM – Jahrelang war die britische Wirtschaft eine der wachstumsstärksten in Europa. Doch jetzt mehren sich die Zeichen für eine deutliche Abkühlung. Ende September teilte der Branchenverband CIPS mit, daß das Wachstumstempo im Dienstleistungssektor stark abgesunken sei. Im Monat Juli habe es den niedrigsten Stand seit einem Jahr erreicht. Dies gehe aus Umfragen unter Einkaufsmanagern hervor.

Der Index für die Häuserpreise stieg im Juli im Vergleich zum Vormonat nur noch um 1,3 Prozent. In den sechs Monaten zuvor war er im Schnitt regelmäßig um zwei Prozentpunkte geklettert. Das britische Pfund rutschte im September zeitweilig auf 1,79 Dollar und fiel damit erstmals seit Mai unter die Grenze von 1,80 Dollar.

„Wir sehen deutliche Abkühlungssignale“, sagen Experten von der Bank of America. Auch die Analysten vom Beratungsdienst Economy.com erkennen einen Abwärtstrend in der britischen Wirtschaft. Sie meinen, daß die Talsohle noch verstärken nicht erreicht sei.

Dabei war die britische Wirtschaft im zweiten Quartal 2004 mit einem Plus von 0,9 Prozent so stark gewachsen wie seit fast vier Jahren nicht mehr. Die Arbeitslosenquote fiel nach internationaler Definition auf unter fünf Prozent. Vereinzelt wurde bereits von Engpässen auf dem Arbeitsmarkt berichtet.

Ob es mit dem britischen Wirtschaftsaufschwung nun endgültig vorbei ist, darüber gibt es unter den internationalen Wirtschafts- und Finanzfachleuten noch unterschiedliche Auffassungen. Die Mehrheit der Ökonomen sieht es aber wie die Bank of America und geht von einem Ende der britischen Hochkonjunktur aus.

Den Briten geht das eigene Erdöl aus – das wird das Wachstum weiter bremsen

Nach 13 Jahren eines florierenden Ölexports müssen die Briten seit diesem Sommer wieder mehr Öl importieren als sie ausführen. Die rückläufige Nordseeöl-Produktion hat das Land gezwungen, mehr Geld für Erdölimporte auszugeben, als es mit dem Verkauf des eigenen Öls einnahm. Insgesamt kletterte das Handelsbilanzdefizit im Juli auf 5,2 Milliarden Pfund Sterling nach 5,1 Milliarden im Juni. Diese Zahlen veröffentlichte das nationale Statistikamt in London Anfang September.

Ölexperten hatten schon seit längerem darauf hingewiesen, daß die Geschwindigkeit unterschätzt werde, mit der die Nordsee-Rohölförderung abnehme. Der Vorsitzende der größten britischen Rohölfirma, Alasdair Locke, prophezeite immer wieder, daß Großbritannien bereits bis Ende 2005 dauerhaft zum Netto-Importeur von Erdöl würde. Andere Marktexperten gehen davon aus, daß dieser Wendepunkt erst im Jahr 2007 erreicht wird.

Die britische Erdölförderung hatte ihren Höhepunkt im Jahr 1999 mit 2,8 Millionen Barrel pro Tag erreicht. Seitdem ist sie wegen der sich erschöpfenden Reserven stetig gesunken. Das Beratungsunternehmen Wood Mackenzie schätzt die britische Förderung derzeit noch auf 2,2 Millionen Barrel pro Tag. Die Prognose für 2005 sagt einen Rückgang der Produktion auf zwei Millionen Barrel vorher.

„Die Briten konsumieren und sie importieren, dafür aber exportieren sie nicht genug.“

Bisher war Großbritanniens Wirtschaft durch die eigenen Vorräte nicht nur vor den negativen Folgen hoher Erdölpreise weitgehend verschont worden – das Land profitierte als Exporteur sogar von steigenden Notierungen. Wenn es nun zum Netto-Importeur wird, bekommt seine Volkswirtschaft die für sie ungewohnte konjunkturelle Bremswirkung eines hohen Ölpreises zu spüren, die Nicht-Erdölländer nur zu gut kennen. Seitdem sich Großbritannien ab 1981 als Erdölexporteur etablieren konnte, haben die Nordseeöl-Einnahmen die Handelsbilanz des Landes stets gestärkt. Anfang der achtziger Jahre trug das Erdöl mehr als 20 Prozent zum gesamten Güterexport bei. Inzwischen ist der Anteil auf rund acht Prozent gefallen. Um die Förderung in der Nordsee so lange wie möglich attraktiv zu halten, hat die britische Regierung die Miet- bzw. Lizenzgebühren für die Rohöl-Förderung gesenkt. Auf diese Weise hofft sie, daß auch weniger ergiebige Vorkommen von den Ölförder-Firmen weiter ausgebeutet werden.

„Es beginnt eine langsame und über Jahre anhaltende Entwicklung“, erklärte Mervyn King, Gouverneur der Bank von England, den Briten im August dieses Jahres. „Aber es ist keine Frage, daß Großbritannien viele Jahre von seiner Ölproduktion und seiner Stellung als Nettoexporteur profitiert hat. Das hört nun auf, und es wird ein Punkt kommen, da wird ein steigender Ölpreis ohne jede Frage negative Auswirkungen auf unsere Wirtschaft haben.“


Die Folgen für Großbritannien werden nach Ansicht von Wirtschaftsfachleuten in London und auch in Brüssel gravierend sein. Es gäbe kein Rezept dafür, wie das Defizit ausgeglichen werden könnte. Da das Land den größten Teil seiner verarbeitenden Industrie und damit der traditionellen Exportkraft in den zurückliegenden Jahrzehnten verloren habe, werde ein sich ausweitendes Handelsbilanzdefizit im Ölhandel um so stärker wirken.

Mervyn King kommentierte diese Entwicklung knapp und unmißverständlich: „Die Briten konsumieren und sie importieren, dafür aber exportieren sie nicht genug.“

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