„Den USA geht es um die Macht am Persischen Golf, nicht um das iranische Nuklearprogramm“EM-INTERVIEW

„Den USA geht es um die Macht am Persischen Golf, nicht um das iranische Nuklearprogramm“

„Den USA geht es um die Macht am Persischen Golf, nicht um das iranische Nuklearprogramm“

Wird im Nahen Osten der Dritte Golfkrieg der Familie Bush entfacht? Weshalb werden die Drohungen aus Washington nahezu täglich heftiger? Der im Iran geborene Politologe und Publizist Dr. Behrouz Khosrozadeh gibt im Interview mit dem Eurasischen Magazin überraschende Antworten. Er hat soeben ein Buch veröffentlicht mit dem Titel „Die Ayatollahs und der Große Satan“. Darin untersucht er, weshalb die Beziehungen des Irans mit den USA – auf welche die Iraner einmal große Hoffnungen gesetzt hatten – heute so feindselig sind.

Von Hans Wagner

  Zur Person: Dr. Berouz Khosrozadeh
  Dr. disc. pol. Behrouz Khosrozadeh, 1959 in Buschehr (Iran) geboren, lebt seit 1985 in Deutschland und arbeitet als Politologe und Publizist. 2003 promovierte er am politikwissenschaftlichen Seminar der Georg-August-Universität Göttingen, wo er vom 2004 bis 2006 als Lehrbeauftragter tätig war.

Dr. Khosrozadeh hat zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitungen und Zeitschriften hauptsächlich in Deutschland und der Schweiz verfasst. 2003 wurde seine Dissertation „Demokratie und Zivilgesellschaft in Okzident und Orient : eine vergleichende Studie ; der islamische Orient: das Fallbeispiel Iran“ vom Berliner Verlag für Wissenschaft und Forschung (VWF) veröffentlicht.
Dr. Berouz Khosrozadeh  
Dr. Berouz Khosrozadeh  

E urasisches Magazin: Herr Dr. Khosrozadeh, in Ihrem Buch über die Beziehungen USA – Iran haben Sie nicht nur die jüngere Historie Ihres Heimatlandes vorgestellt, sondern auch seine derzeitige prekäre Lage sehr eindringlich beschrieben. Der Iran ist von Atommächten umgeben. Gegen ihn ist eine riesige Armada der Vereinigten Staaten aufmarschiert. Das Land steht am Pranger der so genannten Weltgemeinschaft. Ist Teheran eine Bedrohung für den Weltfrieden  - oder sind es eher die anderen?

Behrouz Khosrozadeh: Experten, wie der Generaldirektor der Atomenergiebehörde IAEA, Mohamed ElBaradei, sehen in Teheran keine Bedrohung für den Weltfrieden. Zumindest gäbe es durch die Politik des Irans keine unmittelbare Gefahr für die internationale Sicherheit. Die amerikanischen Beschuldigungen bezeichnete ElBaradei in einem SPIEGEL-Interview als „completely untrue“, also völlig unwahr. Wer verdient hier mehr Glaubwürdigkeit? Der Chef einer neutralen Behörde, die mit der Beobachtung betraut ist, oder US-Präsident Bush, der in weniger als zwei Jahren zwei Kriege mit desaströsen Folgen geführt hat? Die Entscheidung über einen Krieg, der die Weltsicherheit in der Tat immens bedrohen würde, wird in Washington getroffen, nicht in Teheran.

Derzeit kann der Iran nur mit Beistand der Vetomächte China und Russland rechnen

EM: Gibt es im Nahen Osten Verbündete Teherans, die in einem Konfliktfall zu Hilfe kämen – Syrien etwa?

Khosrozadeh: Derzeit kann der Iran nur mit dem Beistand von zwei Vetomächten im UN-Sicherheitsrat, der Volksrepublik China und Russland rechnen. Und dieser Beistand ist politischer Natur, das heißt, durch diese Mächte werden gewisse Sanktionen gegen den Iran verhindert. Wenn es zu einem Krieg gegen den Iran kommen würde, hätte er kaum Freunde oder Verbündete.

EM: Also auch nicht Syrien?

Khosrozadeh: Syrien scheidet ganz gewiss aus. Das Land liegt Tür an Tür mit Israel und wäre nicht in der Lage zu helfen.

EM: Sie haben Ihr Land 1985 verlassen, zurzeit von Ayatollah Khomeini, und leben seither in Deutschland. Was hat Sie dazu bewogen, sich im Westen niederzulassen?

Khosrozadeh: Die 80er Jahre waren die dunkelsten Kapitel der islamischen Republik. Viele, die damals an den Geschehnissen im Iran direkt oder an der Peripherie beteiligt waren, würden am liebsten diese Zeit aus ihrer Biographie streichen. Ich bin damals legal mit einem Touristenvisum nach Deutschland gekommen. Deutschland habe ich gewählt, weil mein älterer Bruder bereits hier gelebt hat. Im Iran gab es damals in der ersten Dekade der islamischen Republik kaum Entfaltungsmöglichkeiten.

Das iranische Nuklearprogramm soll die versiegenden Ölquellen ersetzen

EM: Es ist sicher auch heute noch nicht leicht. Der Iran ist eines der öl- und gasreichsten Länder dieser Erde und exportiert Jahr für Jahr Millionen von Tonnen dieser Rohstoffe. Weshalb strebt er trotzdem so vehement nach Nukleartechnologie, nach Kernreaktoren, obwohl er über diese riesigen Energieressourcen verfügt?

Khosrozadeh: Wer sich mit Energiepolitik und Energieressourcen der Region auskennt, weiß genau, dass solche Behauptungen völlig an der Realität vorbeiführen. Laut seriösen wissenschaftlichen Expertisen, die übrigens auch von US-Instituten stammen, geht dem Iran das Öl aus. Roger Stern, der Wirtschaftsgeograph der John-Hopkins-Universität, geht davon aus, dass Irans Erdölausfuhren jährlich um 10 bis 12 Prozent sinken und der Ölerlös immens zurückgehen würde, wenn alles so weiterliefe. Der Energiebedarf des Inlandes übersteigt deutlich die Fördermenge. So gesehen würde der Iran 2015 kein Öl mehr exportieren können, weil alles geförderte Öl im Inland selbst gebraucht würde. Die Iraner selber gehen davon aus, dass die Ölexporte des Landes spätestens in 20 Jahren Jahre auf Null zurückgehen. Der Iran kann heute der Exportfördermenge, die OPEC ihm zubilligt, gar nicht nachkommen. Das heißt, das Land exportiert weniger Öl als es darf. Im Übrigen: diese Prognosen sind keineswegs neu. Amerikanische Institute haben ähnliche bereits in den 70er Jahren, also in der Pahlawi-Ära, angefertigt. Überdies waren es die Vereinigten Staaten selbst, die 1974 den ersten Forschungsreaktor in der Universität Teheran bauten. Alles in allem, der Iran braucht Kernenergie, das ist aus energiepolitischer Perspektive wohl überlebenswichtig.

EM: Greift Teheran nach der Atombombe - will der Iran wirklich Israel von der Landkarte löschen?

Khosrozadeh: Das ist eine Frage, die typischerweise in den Aufmacher einer Boulevardzeitung passen würde. Ich weiß, solche Fragen stellt man sich aber und vielleicht sind sie auch berechtigt. Die Machtstrukturen im Gottesstaat Iran sind aber allzu kompliziert, als dass eine radikale militaristische Fraktion – die es sicherlich im Iran gibt – solch eine Bombe bauen könnte. Das Equipment und das technische Können dafür werden nach Expertenmeinung frühestens in fünf bis acht Jahren zur Verfügung stehen.

Die Zeit der Politiker vom Schlage Ahmadinedschads geht im Iran zu Ende

EM: Was meinen Sie mit komplizierten Machtstrukturen?

Khosrozadeh: Der Westen blendet völlig aus, dass es eine vehemente inneriranische Debatte gibt. Es wird ja heftig über die potentielle künftige Staatsführung diskutiert. Dabei zeigt es sich nach meiner Beobachtung, dass weder das im kommenden März zu wählende Parlament noch der künftige Präsident in ihrer politischen Ausrichtung dem Schlage Ahmadinedschads entsprechen werden. Nach einer offiziellen Meinungsumfrage vom letzten Monat sind nur noch 47 Prozent derjenigen, die 2005 Ahmadinedschad gewählt haben, bereit, ihm erneut ihre Stimme zu geben. Das pragmatische Lager um Ex-Präsident Rafschandschani und Chatami ist relativ geschlossen und hat auch nach Ansicht der iranischen Medien die besten Chancen bei den kommenden Wahlen. Innerhalb des konservativen Lagers dagegen – ich erwähne nur den Fall des Atomunterhändlers Laridschani, der urplötzlich abgesetzt wurde – herrschen große Meinungsverschiedenheiten und heftige Machtkämpfe. So könnte sich manches Problem bald von selbst lösen. Im Übrigen wissen die Israelis genau, was es im Orient mit der großen Rhetorik auf sich hat und wie selten sie wirklich von Bedeutung ist. Dass der Westen dies kaum berücksichtigt und die Neocons unvermindert mit Krieg drohen, ist unverantwortlich. Warum so eilig mit einem Waffengang?

EM: Wie ist Ihre These?

 Khosrozadeh: Ich meine - und das ist auch eine zentrale These meines neuen Buches -, dass es den Amerikanern nicht um das iranische Nuklearprogramm geht, zumindest nicht primär.

EM: Sondern?

Khosrozadeh: Um die Vormachtstellung am Persischen Golf. Zu mächtig ist der Iran geworden im gesamten Nahen Osten.

Bezeichnungen wie Desperado-Nation oder Achse des Bösen zeugen von Unkenntnis

EM: Die US-Regierung unter George W. Busch bezeichnet den Iran als Teil einer „Achse des Bösen“. Ist der Gottesstaat Iran eine Brutstätte des Terrors? Steckt die Islamische Republik Iran  hinter den fürchterlichen Morden im Irak und ist schuld daran, dass das Nachbarland und der gesamte Nahe Osten nicht zu Frieden und Demokratie findet, wie in Washington behauptet wird?

Khosrozadeh: Die Bezeichnung, ein Element der Achse des Bösen zu sein, erfolgte in der Ära von Präsident Chatami. Dieser Präsident kooperierte mit den Amerikanern im Afghanistankrieg gegen die Taliban. Das hat Washington auch in der Bonner Konferenz nach dem Afghanistan-Krieg bestätigt. Die Antwort auf diese Kooperation war dann bezeichnender- und undankbarerweise die Kategorisierung des Irans als Schurkenstaat. Aber solche Etikettierungen haben schon fast Tradition in den USA. In den 90er Jahren hat US-Außenminister Warren Christopher von einer Outlaw-Nation im Zusammenhang mit dem Iran gesprochen, also von einer Desperado-Nation. Solche Bezeichnungen zeugen von mangelnden Kenntnissen über die Region und über ihre Kultur. Und diese mangelnden Kenntnisse stecken auch ursächlich hinter der jahrzehntelangen verfehlten Nahostpolitik der USA.

EM: Und wie ist es mit der Terror-Brutstätte Iran? Mit den Morden, die von Iranern in den Nachbarländern begangen würden?

Khosrozadeh: Diese Frage könnte ich auch zurückgeben wie eingangs diejenige nach der Atomgefahr, die vom Iran ausgehen soll. Wem sollen wir glauben? Dem afghanischen Präsidenten Karzai und dem irakischen Präsidenten Talabani oder Bush? Hamid Karzai hat im Beisein von Präsident Bush und direkt nach dessen Anschuldigungen gegen den Iran vor laufenden Kameras von der unverzichtbaren konstruktiven Rolle des Irans in seinem Land Afghanistan gesprochen. Talabani hat sich für den Irak ähnlich geäußert. Natürlich bin ich mir bewusst, dass die islamische Republik auch im Irak und in Afghanistan versteckt militärisch präsent ist. Da bin ich realistisch genug. Ich bin mir sicher, dass auch die Pasdaran, also die Revolutionsrichter mit ihrer Qods-Brigade, im Irak präsent sind. Das kann man kaum wegleugnen. Teheran wird sicher auch die Miliz des jungen schiitischen Predigers Muktada Al Sadr unterstützen. Auch mit Waffen. Da bin ich mir sicher. Aber trotz immenser Anstrengungen haben die USA bis jetzt keine Beweise vorlegen können - das muss man auch konstatieren – ,dass Iraner am Tod von US-Amerikanern schuldig seien. Seit dem Ende des Irakkrieges sind etwa 700.000 irakische Zivilisten umgekommen und etwa 3.700 amerikanische Soldaten. Das Morden geht überwiegend auf das Konto sunnitischer Extremisten. In Riad, der Hauptstadt Saudi-Arabiens weiß man viel besser Bescheid über den Terror als in Teheran und wer ihn finanziert.

Al Kaida ist dem schiitischen Gottesstaat Iran feindlich gesonnen

EM: Und wie steht es mit den Verbindungen des Irans zu Al Kaida?

Khosrozadeh: Vor ein paar Monaten hat Al Kaida dem Iran massiv gedroht, man würde den gewaltsamen Tod in die Straßen von Teheran transportieren, sollte der Iran weiterhin die schiitisch dominierte Regierung in Bagdad stützen. Was hätten die Mullahs in Teheran für einen Nutzen davon, befreundete Regierungen wie die von Karzai oder von Nuri al-Malaki im Irak zu schwächen? Diese Frage muss man doch einfach auch mal stellen.

EM: Die wirtschaftliche Situation des Irans ist desolat, sogar das Benzin muss rationiert werden, obwohl Öl in Hülle und Fülle vorhanden ist. Woran liegt das?

Khosrozadeh: Die Wirtschaft war schon immer die Achillesferse des Irans. Das liegt am Missmanagement der iranischen Regierungen. Das hat in Teheran Tradition. Auch der Schah stolperte unter anderem über das Missmanagement in der Wirtschaft. Als Iraner wird man enorm deprimiert, wenn man die Ausgangspositionen betrachtet und dann auf Staaten wie Malaysia oder Südkorea oder China sieht und deren Entwicklung mit der des Irans vergleicht. Die genannten Länder sind heute aussichtsreiche Industrienationen trotz ihrer vergleichbar geringen Ressourcen. Der Iran dagegen sitzt auf einem Meer aus Öl und Gas, aber 40 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. Unter anderem führt die völlig veraltete iranische Ölindustrie dazu, dass das Land auf keinen grünen Zweig kommt.

Der Iran will sich die nukleare Option offen halten – das hätte auch der Schah getan

EM: Wie ist Ihre Prognose – wird der Iran in einer absehbaren Zeit über eigene einsatzfähige Nuklearwaffen verfügen?

Khosrozadeh: Die Iraner werden sicher bald über das Wissen und die Technik verfügen, um eine Atombombe bauen zu können. Ich bin mir auch sicher, dass sich Teheran eine nukleare Option verschaffen will, für den Fall, dass sich die Machtkonstellationen oder die politische Landkarte in der Region nachteilig für den Iran ändern sollten. Eine Option offen halten heißt aber nicht, sofort Nuklearwaffen herstellen zu wollen. Es geht um die Fähigkeit, es jederzeit tun zu können, wenn es notwendig sein sollte. Die Mullahs in Teheran haben die Erfahrung des achtjährigen Krieges mit Saddam Hussein hinter sich. Das ist ausschlaggebend. Das Nuklearprogramm ist Mitte der achtziger Jahre wieder aufgenommen worden, als Saddams chemische Bomben auf Teheran herabregneten. Damals standen die iranischen Machthaber wirklich alleine da. Weder die UNO, noch eine andere Weltorganisation hat sich eingeschaltet. Die Amerikaner haben sogar zum Ende des Krieges hin noch direkt in die Kampfhandlungen gegen den Iran eingegriffen. Die Amerikaner kommen über Tausende von Kilometern Entfernung an den Persischen Golf, um – wie sie sagen – für ihre Sicherheit zu sorgen. Und diese Sorge muss man auch dem Iran und anderen Staaten hier zugestehen.

EM: Geht das iranische Nuklearprogramm nicht eigentlich auf die Zeit des mit den USA verbündeten Schah Reza Pahlawi zurück?

Khosrozadeh: Ja, das ist richtig. Und der Chef dieses Programms hat kürzlich in einem Interview gesagt, unter den derzeit obwaltenden Umständen am Golf hätte der Schah den Befehl gegeben, Atomwaffen herzustellen.

Vielleicht kein Weltkrieg – aber der dritte Golfkrieg der Familie Bush

EM: US-Präsident Bush hat bereits von einem Dritten Weltkrieg gesprochen, der durch einen über Atomwaffen verfügenden Iran unabdingbar sein könnte. Wie ist Ihre Einschätzung: Werden die USA den Iran angreifen mit einer Koalition der Willigen? Halten Sie das für möglich?

Khosrozadeh: Die Kriegsgefahr am Persischen Golf ist enorm gestiegen. Und je aussichtsloser die diplomatischen Verhandlungen werden, umso mehr wird sie noch zunehmen. Die Israelis und die Israel-Lobby in Amerika sind hyperaktiv. Die Hardliner in Teheran haben dies durchaus verstanden. Und zwar in der Weise, die der russische Putin kürzlich in Berlin angesprochen hat: sie fürchten diese Gefahr nicht. Die Fraktion der Militaristen im Iran fürchtet allein die Möglichkeit, dass das Atomprogramm gestoppt werden könnte und die Israelis und Amerika den Iran trotzdem angreifen würden. Den Krieg fürchten sie nicht. Sie werden nur nervös bei dem Gedanken, dass sie am Ende als totaler Verlierer dastehen könnten. Trotz alledem und wie ich oben erwähnte, die Entscheidung über einen Krieg wird in Washington und nicht in Teheran fallen. Das würde zwar nicht unbedingt der „Dritte Weltkrieg“, aber  der Dritte Golfkrieg der Familie Bush sein. 

EM: Ist diese Befürchtung real?

Khosrozadeh: Ich fürchte ja. Sie ist keineswegs unbegründet. Dafür gibt es auch ein historisches Beispiel. Im März 2003, am Vorabend des Krieges der USA gegen den Irak, sandte der russische Präsident Putin seinen damaligen Premierminister Primakow nach Bagdad mit einem kriegsverhindernden Vorschlag. Das war ein Angebot, auf Forderungen der Amerikaner einzugehen. Saddam Hussein hat diesem Vorschlag zugestimmt. Aber er wurde trotzdem angegriffen und schließlich hingerichtet. Heute sieht die Lage für Teheran so aus, wie am Vorabend des Irakkrieges. Frankreich steht an der Seite Amerikas, Großbritannien ebenso.

Der Iran ist kein Vasall Washingtons – das ist unbequem für die USA

EM: Warum wird der Iran von allen Seiten, jetzt also auch von Frankreich, als Feind betrachtet?

Khosrozadeh: Die Amerikaner haben nach dem Zweiten Weltkrieg den gesamten Persischen Golf dominiert. Seit 60 Jahren sind sie die eigentliche Macht dort. Der Iran ist derzeit der einzig ernst zu nehmende Herausforderer für die Hegemonie der USA in der gesamten Golfregion, in der ihre Weltpolitik, die Geopolitik, ihre Energieversorgung usw. auf dem Spiel steht. Der Iran ist ein mächtiges Land und es ist total unabhängig. Der Iran ist kein Pakistan, kein Ägypten, kein Saudi-Arabien. So ein Land ist unbequem für die USA. Der Arm der Mullahs reicht sehr weit, reicht bis zum Libanon, bis nach Palästina. Und der Irak ist fast schon der Hinterhof des Irans. Dort stehen 160.000 US-Soldaten. Auch in Afghanistan sind die Mullahs präsent, sonst würde sich Karzai nicht hinstellen und die Verdienste Teherans loben und dessen konstruktive Rolle hervorheben. Es geht eben um die Vormachtstellung der USA am Persischen Golf und der Iran ist kein Vasall der USA. Das will die einzige Weltmacht nicht dulden. Amerika will dem Iran nicht zugestehen, eine regionale Macht zu sein, sondern nur: keine Macht zu sein.

Im CIA-Putsch gegen Mossadegh wurzelt tiefes Misstrauen der Iraner gegen die USA

EM: Seit Ayatollah Khomeini ist die Feindschaft gegenüber den USA und Israel Doktrin der iranischen Außenpolitik. Der Westen und der Gottesstaat Iran sind zur Feindschaft verdammt.
Wo liegen die Hauptursachen für das Misstrauen und die Wut vieler Iraner gegenüber dem Westen? Welche Rolle spielt heute noch der Sturz des demokratisch gewählten iranischen Premierministers Mohammad Mossadegh durch die Agenten des US-Geheimdienstes CIA?

Khosrozadeh: Im Fall Mossadegh liegen tatsächlich tiefe Wurzeln des Misstrauens der Iraner gegen den Westen, vor allem gegen die USA. Das habe ich auch in meinem Buch herausgestellt. Der Sturz des demokratisch gewählten Hoffnungsträgers Mohammad Mossadegh durch den britischen und den amerikanischen Geheimdienst wiegt ungeheuer schwer und belastet die iranischen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten bis heute zutiefst. Diese Vorgänge beschäftigen auch die junge iranische Generation, obwohl sie eine solche Demokratie wie unter Mossadegh nie erlebt hat. Der Iran hat drei Revolutionen innerhalb von weniger als 80 Jahren erlebt. Das Volk hat jedes Mal ohne Erfolg für seine Freiheit gestritten. Mossadeghs kurze Regierungszeit von 1951 bis 1953 war der erfreulichste dieser Ansätze und wird nie aus dem Gedächtnis des iranischen Volkes zu tilgen sein. Auch die Mullahs haben trotz erheblicher Anstrengung die Mossadegh-Nostalgie nie zum Verstummen bringen können. Selbst Ali Laridschani, dem das sicher schwer fällt, hat kürzlich in einer Rede in den USA gesagt: „Mohammad Mossadegh ist in den Herzen von uns allen.“ – Aber bei gutem Willen auf beiden Seiten wäre auch der Fall Mossadegh heute kein Grund mehr für die Verhinderung geordneter Beziehungen. Die meisten Iraner befürworten diese auch. Woran sie scheitern, haben wir ausführlich erörtert.

EM: Herr Dr. Khosrozadeh, haben Sie eigentlich die Absicht, eines Tages wieder in Ihre Heimat zurückzukehren?

Khosrozadeh: Ja natürlich habe ich die Absicht eines Tages wieder in meine Heimat zurückzukehren. Der Iran ist ein riesiges, wunderschönes, faszinierendes Land. Ich bin allerdings hier in Deutschland mit einer deutschen Frau verheiratet, meine Töchter haben gerade ein hervorragendes Abitur abgeliefert. Natürlich ist eine mögliche Rückkehr auch immer von den Umständen in meiner Heimat abhängig. Im Augenblick würde ich lieber davon absehen.

EM: Haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

*

Lesen Sie auch unsere Rezension des Buches von Behrouz Khosrozadeh: „Die Ayatollahs und der Große Satan“.

Siehe auch die USA, der Schah und die Nukleartechnologie in EM 02-06 „Das Ende der friedlichen Gesellschaft“.

Außenpolitik Interview Iran USA

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