Denkübungen im Dreieck Konsum-Glamour-KremlRUSSLANDS LIBERALE

Denkübungen im Dreieck Konsum-Glamour-Kreml

Dass westlich orientierte Liberale in Russland nicht Fuß fassen, liegt keineswegs nur an Medien-Kontrolle und Polizeiknüppel. Die liberale Politikerin Irina Chakamada erklärt, was wirklich vor sich geht.

Von Ulrich Heyden

Irina Chakamada: „Man kann Karriere machen ohne mit einem Mann ins Bett zu gehen – aber es ist schwer“. Foto Anton Lange  
Irina Chakamada: „Man kann Karriere machen ohne mit einem Mann ins Bett zu gehen – aber es ist schwer“.  Foto Anton Lange  

R usslands bekannteste Liberale hasst dröge Interviews. „Wollen Sie eine Anekdote?“, fragt sie schelmisch. Sie habe ein neues Buch geschrieben, etwas Unterhaltsames. Und sie hätte einen Sponsor für die Verfilmung gefunden, einen Blumengroßhändler. Der wollte ihr Porträt auf seine Blumen-Verpackung drucken. „Aber dann bekam er Angst, denn Putin fährt jeden Tag mit seinem Mercedes an einem seiner Läden vorbei. Ich habe ihn gefragt, ob er nicht wisse, mit welcher Geschwindigkeit Putin vorbeirausche? Aber der Mann blieb bei seiner Absage.“ So funktioniere das System Putin. „Es werden Signale gesetzt und danach wissen alle, wie sie sich verhalten müssen. Mehr muss der Kreml nicht tun.“

„Sie können nicht zuhören“

Chakamada, die von 1993 bis 2003 in der Duma saß und auch Vize-Vorsitzende des Parlaments war, residiert jetzt in einem schicken Büro in der Kostjanski-Gasse nicht weit von der Zentrale des Lukoil-Konzerns. Vor ihrem Büro stehen zwei dicke schwarze Limousinen. Chakamada scheint eine wohlhabende Frau zu sein. 1989 gehörte sie zu den Gründern der russischen Rohstoffbörse. Dann wurde sie Unternehmerin. Doch die Zeit ist vorbei. Heute verwaltet sie eine private Stiftung für soziale Projekte. Und sie hält Vorträge an der Moskauer Hochschule für Auswärtige Beziehungen zum Thema „Führung, Kommunikation und Image“. „Ich schule die Leute für Verhandlungen. Viele wollen nur selbst reden und können nicht zuhören.“

Ihr letztes Jahr erschienenes Buch „Sex in der großen Politik“ liegt in jedem Buchladen auf dem Tisch. In dem Bestseller verarbeitet Chakamada ihre Erfahrungen als Politikerin und gibt Frauen Tips, wie man nach oben kommt. „Man kann eine Karriere machen, ohne mit einem Mann ins Bett zu gehen. Aber das ist schwer. Man muss lernen. Und ich lerne.“ Sie lacht. Mit den Fingern spielt sie mit einem Kärtchen. Darauf steht „Trud“, das heißt „Arbeit“.

Chakamada hasst wie gesagt dröge Interviews. Was sind schon Worte? Besser sind Symbole. Auf ihrem Schreibtisch liegen ein paar Pinsel, mit denen die Japaner ihre Schriftzeichen malen. Chakamada hat eine geheimnisvolle Herkunft. Ihr Vater war ein japanischer Kommunist, der 1939 in die Sowjetunion emigrierte, ihre Mutter kam aus dem russischen Fernen Osten. Ihr Bruder, ein Politologe, der in Japan lebt, werde häufig zu Experten-Runden mit Putin eingeladen. Das erzählt sie mit Stolz.

Einsam in Männerdomäne

Die streitbare Liberale Irina Chakamada beim Gespräch in ihrem Büro – auf dem Tisch die Merktafel für den Erfolg: „Trud“, das heißt „Arbeit“. Foto Ulrich Heyden  
Die streitbare Liberale Irina Chakamada beim Gespräch in ihrem Büro – auf dem Tisch die Merktafel für den Erfolg: „Trud“, das heißt „Arbeit“. Foto Ulrich Heyden  

„Unter den politischen Demokraten habe ich das höchste Rating“, erklärt die 52jährige selbstbewusst. Und das ist nicht übertrieben. Sie taucht als einzige liberale Politikerin in der Popularitäts-Liste des Lewada-Meinungsforschungsinstituts auf, allerdings nur mit einem Wert von vier Prozent. Doch Sergej Mironow, Führer der Kreml-Partei „Gerechtes Russland“ liegt noch tiefer. Er bekommt nur zwei Prozent.

Chakamada ist eine Liberale mit sozialer Ader. Auch in Putins Russland kommt man nicht an ihr vorbei. Sie wird noch zu Talk-Shows eingeladen, selten - aber immerhin. Ihre politischen Freunde, die in den 90er Jahren in der Regierung saßen, wie Boris Nemzow oder Anatoli Tschubais sind im Volk dagegen unbeliebt, vor allem wegen der vermasselten Privatisierung von Staatsbetrieben, die eine Gruppe von Ex-Komsomolzen zu Milliardären machte.

Die ehemalige Vize-Vorsitzende der Duma ist beliebt, weil sie emanzipiert ist und sich zu jedem beliebigen Thema äußern kann. Von solchen Frauen gibt es in Russland nicht viele. Eigentlich hasst Chakamada den männer-domminierten Politikbetrieb. Doch sie arbeitet mit Michail Kasjanow zusammen. Dem ehemaligen Ministerpräsidenten will sie beim Präsidentschaftswahlkampf helfen. Er sei der geeignete Kandidat der Opposition, denn er verfüge im Gegensatz zu Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow über die Erfahrung, „wie man ein großes Land führt“.

Warum die kleinen Oppositionsparteien immer noch getrennt marschieren? Weil „jeder auf Platz eins sein will. Das sind kindliche Ambitionen.“ Den einigen Kampfgeist wie Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre, gäbe es nicht mehr. Die Oppositionsführer würden alle aus verschiedenen Quellen bezahlt. Und die Sponsoren seien nicht an einer Einheit der Opposition interessiert. Wer die Sponsoren sind, will Chakamada nicht verraten. „Das liegt im Nebel“, meint sie vieldeutig. Im Grunde müsse man es so machen wie in der Ukraine. Dort sei das Geld von den Sponsoren zunächst zentral gesammelt und den orangen Revolutionären übergeben worden.

Thatcher, Pinochet und der schwedische Sozialismus

Als die Russen Ende der 80er Jahre durch Perestroika und Glasnost aufgerüttelt wurden, diskutierte man im Land alle möglichen Gesellschafts-Modelle. Während das einfache Volk vom schwedischen Sozialismus träumte, hatten die jungen Wirtschaftsreformer, die bis dahin in Partei- und Redaktionsstuben saßen, ganz andere Vorstellungen. In 500 Tagen wollten sie in Russland den Kapitalismus einführen. Je radikaler, je besser schien damals die Devise. Margret Thatcher und Pinochet standen bei den russischen Liberalen hoch im Kurs. Autoritären Lösungen waren die Liberalen nie völlig abgeneigt. Auch sie waren Kinder der Sowjetunion. Als Putin 1999 den zweiten Tschetschenienkrieg begann, war es Anatoli Tschubais, der den Feldzug im Kaukasus rechtfertigte. Auch Tschubais träumt von einem Imperium, allerdings von einem liberalen.

Späte Erkenntnisse

Das letztes Jahr erschienene Buch „Sex in der großen Politik“ von Irina Chakamada ist ein Bestseller.  
Das letztes Jahr erschienene Buch „Sex in der großen Politik“ von Irina Chakamada ist ein Bestseller.  

Inzwischen hat sich bei den Demokraten der ersten Stunde die Erkenntnis durchgesetzt, dass ein Politiker in Russland ein soziales Programm haben muss, will er nicht am Rand agieren. Doch der Kurswechsel kommt zu spät. Das Image der Liberalen ist unheilbar beschädigt. Keine der kleinen liberalen Parteien wird bei den Parlamentswahlen über zwei Prozent kommen, sagen die Meinungsforscher.

Wann ging es los mit der Machtfülle des Kremls? Schon in der Jelzin-Zeit, lautet die bittere Erkenntnis. „Jelzin hat sich aufgeführt wie ein Zar. Er wollte nicht in aller Konsequenz ein Demokrat sein“, meint Chakamada. Losgegangen sei es 1993 mit der Beschießung des Parlaments. Weiter ging es mit den Präsidentschaftswahlen 1996. „Damals haben wir die Augen verschlossen. Die Wahlen liefen nicht ehrlich, die russischen Medien haben nicht ehrlich berichtet. Aber wir hatten Angst, dass die Kommunisten an die Macht kommen. Wir dachten, dass das schrecklich wird. Aber schrecklicher war das, was sie mit den Wahlen gemacht haben.“ Damals seien die ersten Mauersteine für das System Putin gelegt worden. 

„I am the best!“

Immerhin hätten die Menschen in den 90er Jahren den Wert demokratischer Institutionen kennengelernt, rechtfertigt sich die Politikerin. „Selbst wenn man den Bürgern jetzt keine alternativen Informationen mehr gibt, Sklaven kann man nicht mehr aus ihnen machen. Das ist schon nicht mehr das sowjetische Volk.“

Doch warum schweigt das Volk dann? „Die Menschen waren hungrig“, meint Chakamada. „Jetzt wollen sie an der Konsumgesellschaft teilhaben. Dafür sind sie bereit, auf einen Teil ihre Bürgerrechte zu verzichten, wie mein Bekannter, der Blumenverkäufer.“

Für die Kreativen sei es eine harte Zeit heute. Viele Intellektuelle und Unternehmer verkauften ihre Überzeugungen. Es sei alles abgesteckt im Dreieck Konsum-Glamour-Kreml. Der Bewegungsspielraum für kreative Leute werde immer enger. Viele ihrer Bekannten hätten davon Depressionen. „Es sind nur noch leichte Sachen gefragt, die man an Millionen verkaufen kann.“ Doch Chakamada scheint von diesen Missstimmungen unberührt. Sie wurde im Moskauer Politik-Betrieb gestählt und sie findet immer einen Ausweg, und sei es, dass sie einfach ein neues Buch schreibt. „I am the best“, lacht sie selbstbewusst. „Aber vielleicht ist jetzt nicht meine Zeit.“

Russland

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