„Der Afghane“ von Frederick ForsythGELESEN

„Der Afghane“ von Frederick Forsyth

Die Handlung spielt im Frühjahr 2007. Also in unserer unmittelbaren Gegenwart. Sie entwickelt sich aus realen Fakten. Jedenfalls erweckt der neue Thriller Forsyths diesen Eindruck durch seine oft geradezu erdrückende und verwirrende Ansammlung von Namen, Organisationen, Abkürzungen, nachrichtendienstlichen Vernetzungen und militärischen Spezialkenntnissen über Schiffe, Geschosse, Flugzeuge und Raketen. Der aus dem Laptop eines Al Kaida-Chefs gefischte Code „Al-Isra“, der im Koran die nächtliche Reise des Propheten nach Jerusalem meint, steht für den entscheidenden Schlag gegen den Westen. Angepeilt ist der G8-Gipfel, zu dem sich die Chefs der großen Industrieländer und Russlands verabredet haben.

Von Eberhart Wagenknecht

„Der Afghane“, von Frederick Forsyth  
„Der Afghane“, von Frederick Forsyth  

E r ist vierundvierzig und hat olivbraune Haut, tiefschwarze hypnotisierende Augen und schwarzes Haar. Seine schlanke Erscheinung wirkt hart und muskelbepackt. Längst hat er genug von glutheißen Wüsten und feuchtschwülen Dschungeln, genug von Malaria und Blutegeln, genug von eisiger Kälte und durchfrorenen Nächten. Er hat die Nase voll von verdorbenem Essen und schmerzenden Gliedern. Er will sich einen Job in der Nähe suchen, einen Labrador oder zwei Jack Russels anschaffen und vielleicht sogar eine Frau finden, die sein neues Leben mit ihm teilte.

Der Mann sitzt auf dem Dach des Gebäudes und löst zwölf Pfannen ab, behält die zehn unversehrten und wirft die Scherben der zerbrochenen hinunter. In diesem Augenblick blinkt im fernen Islamabad das rote Warn-Lämpchen.

In diesem Augenblick geht der ägyptische Finanzjongleur Mr. al-Qur ins Bad, und sein Leibwächter Abdelahi langt unter das Kissen, um das Handy hervorzuholen, mit dem er telefoniert hatte und das er aus Furcht vor Entdeckung durch seinen Chef kurzzeitig im Bett versteckt hatte. Er will es wieder auf den Attachékoffer legen, wo er es gefunden hatte. Schuldbewusst und erschreckt sieht er, dass es noch in Betrieb ist. Sofort schaltet er es aus. Dabei denkt er an Batterieverschwendung, nicht an eine mögliche Entdeckung. Aber es ist ohnehin acht Sekunden zu spät. Das Ortungsgerät hat seine Arbeit getan.

Nichts ist leichter zu orten als Mobiltelefone

Die Attentäter der Londoner Anschläge, die Juli 2005 durchgeführt wurden, waren 24 Stunden nach der Tat identifiziert. Einer von ihnen hatte zuvor eine Menge billiger Handys gekauft, die mit Prepaid-Karten fast überall auf der Welt funktionieren. Doch von diesen Mobiltelefonen fehlte jede Spur. Bis ein Jahr später eben der Leibwächter des ägyptischen Finanzmanagers der Al Kaida in Peschawar auf einem dieser verschwundenen Mobiltelefone mal eben seinen Bruder anrief.

Weil kaum etwas für die Satelliten-Überwachung so einfach zu orten und abzuhören ist, benutzen Terroristen Mobiltelefone in der Regel nur mit äußerster Vorsicht und in Notfällen. Diese Regel zu missachten, ist tödlich. In der Geheimdienstzentrale leuchtete sofort das verräterische rote Lämpchen auf. Keine zehn Minuten später hatte der Anrufer eine Kugel im Kopf.  Der ägyptische Bankier entzog sich mit einem Sprung aus dem Fester allen Verhören. Aber zurück blieb sein Laptop…

Damit beginnt der neue Agententhriller von Frederick Forsyth. Jetzt kommt die Maschinerie in Gang, die unter dem Label der Terrorabwehr alle Register der Hightech-Infiltration zieht.

Während die Agenten der pakistanischen, britischen und amerikanischen Geheimdienste den Code Al-Isra entschlüsseln, sitzt Mike Martin auf den morschen Dachbalken seines denkmalgeschützten Anwesens, in dem er sich nach 24 Jahren als Colonel des britischen Special Force zur Ruhe setzen will. Er hat eine indische Großmutter. Ihr verdankt er den olivfarbenen Teint. Er spricht fließend Arabisch, weil er bis zum 13. Lebensjahr im Irak zur Schule ging. Er ist der perfekte Undercover-Araber.

Beklemmende Schilderung der Möglichkeiten internationaler Geheimdienste

Mit Forsyths „Der Afghane“ sind Osama Bin Laden und seine Kämpfer im Genre des Unterhaltungsromans angekommen. Dass ein  gewaltiger Al-Qaida-Anschlag geplant ist, wissen der britische Auslandsgeheimdienst SIS und der US-Spionageapparat CIA dank der erbeuteten Informationen. Aber wann und wo ist ihnen unbekannt. Die Dienste verfallen auf den riskanten Plan, einen Agenten ins Terrornetzwerk einzuschleusen, um die Zielkoordinaten des Attentats zu recherchieren. In Colonel Mike Martin finden sie ihn.

Der äußerst anpassungsfähige und sprachlich gewandte Offizier schlüpft in die Identität des „Afghanen“, eines Guantánamo-Häftlings, um mitten ins Herz des Gegners einzudringen. Dem Briten gelingt es, das Anschlagsziel herauszufinden, die schwimmende Festung Queen Mary 2, auf der das politische Gipfeltreffen anberaumt ist. Aber ob eine versuchte Rettungsoperation gelingt, wird von einem Augenblick zum andern immer fraglicher. Der  Countdown läuft…

Beklemmend wirken die bei der ganzen Terroristenhatz zu Tage tretenden schier grenzenlosen Möglichkeiten der global agierenden Geheimdienste. Vor ihnen beginnt man sich als Leser beinahe mehr zu fürchten, als vor den bärtigen Gesellen Bin Ladens.

Eine Handlung, die in der Jetztzeit spielt

Vom Handwerklichen werden Thriller-Freunde beim neuen Forsyth nicht nur angetan sein. Dazu wird der Zufall zu sehr strapaziert. Das beginnt mit dem leichtsinnigen Mobiltelefonat.
Dann kennt Mike Martin zufällig sein Double, hat ihm sogar zwei Mal das Leben gerettet. Und schließlich der Flugzeugabsturz, genau auf das Gefängnis…

Dennoch wird der Leser mit Hochspannung unterhalten, lernt Schauplätze kennen wie das sagenumwobene Bora Bora, wo er glauben könnte, Bin Laden persönlich in einem Höhleneingang zu erblicken. Die beiden Hauptfiguren Mike Martin und Izmat Khan werden ausgesprochen lebendig geschildert, mit vielen Hintergrundinformationen versehen.

Und dann hat das Buch, das in den USA bereits ein Bestseller ist, natürlich noch einen ganz besonderen Kitzel parat. Es spielt quasi in der Jetztzeit, in diesem Frühjahr 2007. Nicht auszudenken, wenn auch nur ein Bruchteil von dem in der Realität ablaufen sollte, was Forsyth an seinem Laptop komponiert hat.

*

Rezension zu: „Der Afghane“, von Frederick Forsyth, Bertelsmann, München 2006, 352 S.,  19,95 Euro, ISBN 3-570-00944-0.

Afghanistan Globalisierung Rezension

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