Der Anfang vom Ende des amerikanischen Imperiums: „China wird die USA aus dem asiatischen Markt verdrängen“

Der Anfang vom Ende des amerikanischen Imperiums: „China wird die USA aus dem asiatischen Markt verdrängen“

Wirtschaftswissenschaftler und Börsenfachmann Dr. Marc Faber, Hongkong, über den Aufstieg eurasischer Mächte und den Niedergang des amerikanischen Imperiums. Ein Exklusiv-Interview.

Von Hartmut Wagner

 Marc Faber
  Marc Faber

Eurasisches Magazin: Müssen die USA in absehbarer Zeit tatsächlich mit dem Niedergang ihrer Wirtschaft und ihrer Währung rechnen, wie Sie ihn kürzlich als typisch für das Ende von Weltreichen beschrieben haben? *

Marc Faber: In der Geschichte haben immer neue dynamische Ökonomien die dominierenden Mächte verdrängt. Im jetzigen Fall ist besonders das wirtschaftliche Emporkommen Chinas und Vietnams in der Herstellung von Gütern und das von Indien im Dienstleistungsbereich zu beachten. Deshalb wird meine Voraussage vom Niedergang des US-Imperiums auch zutreffen.

„Es ergibt sich eine gewaltige Verschiebung des Reichtums von den USA nach Asien“

EM: Was sind die Hauptgründe dafür?

Faber: Die USA haben ein wachsendes Haushaltdefizit, das - wenn man die Finanzsituation der einzelnen Bundesstaaten mit einschließt - bereits ein beängstigendes Ausmaß erreicht hat. Zudem erwirtschaften die USA ein gewaltiges Handels- und Leistungsbilanzdefizit, das von ausländischen Geldern finanziert werden muß. Damit sind die USA wirtschaftlich sehr stark von der Bereitschaft dieses ausländischem Kapitals abhängig, seine schwache Wirtschaft zu stützen. Falls ausländische Kapitalgeber eines Tages ihren Appetit auf amerikanische Anlagen verlieren sollten, so hätte dies einen wesentlich schwächeren US-Dollar zur Folge, oder der Konsum in den USA müßte drastisch eingeschränkt werden. Noch ein weiterer Aspekt: In den USA wird Geld gedruckt, werden Schulden aufgenommen, aber die Industrieproduktion wächst nicht. Dagegen steigt sie in Ländern wie China enorm an – letztes Jahr um schier unglaubliche 19 Prozent. Damit ergibt sich eine gewaltige Verschiebung des Reichtums von den USA nach Asien, welches zur Zeit eindrucksvolle Handels- und Leistungsbilanzüberschüsse verzeichnet, die ihrerseits die asiatischen Währungsreserven stark erhöhen.

EM: Was werden die Folgen sein?

Faber: Falls die vom Ausland in die USA fließenden Kapitalströme eines Tages verebben, wird der Dollar fallen, oder wie bereits gesagt, die amerikanische Wirtschaft muß entsprechend schrumpfen, da es eben die Ausländer sind, die in den letzten Jahren das amerikanische Wirtschaftswachstum finanziert haben. In beiden Fällen wird sich der Lebensstandard in den USA gegenüber anderen Ländern verringern. Dies gilt insbesondere gegenüber Asien, wo die Wachstumsraten der Volkswirtschaften dieses Jahr in vielen Ländern um sechs Prozent liegen werden. Ich möchte anfügen, daß die Größe der Märkte in Asien vielfach unterschätzt wird. China hat weit mehr Motorräder, Kühlschränke, Fernseher, Radios, Mobiltelephone als die USA und produziert mehr Stahl als die USA und Japan zusammen. Nun nehmen Sie noch Indien mit einer Milliarde Menschen dazu und es wird klar, wie groß die asiatischen Wirtschaften bereits sind.

Marc Faber 
Marc Faber 

„Amerikanische Politiker verstehen von der Welt so wenig wie meine Rottweiler Hunde“

EM: Haben die US-Finanzstrategen sich im Euro getäuscht, als sie ihn bei seiner Einführung mitleidig belächelten?

Faber: Den US-Finanzstrategen sollte man mit ganz wenigen Ausnahmen besser keine Beachtung schenken. Von der Welt haben sie ebensowenig Ahnung wie amerikanische Politiker, welche nicht einmal einen Reisepaß besitzen und somit von den Weltereignissen soviel wie meine vier Rottweiler Hunde verstehen. Der Euro und Euroland haben Probleme, aber welche Währung hat keine? Die einzige Währung mit Integrität ist zur Zeit Gold, weil der Wert des Goldes nicht von ignoranten und unehrlichen Zentralbankiers zerstört werden kann. Ich glaube außerdem, daß die Eingliederung osteuropäischer Länder für den Euroraum sehr positiv sein wird, weil sie die Macht der Gewerkschaften brechen und eine neue Dynamik mit sich bringen dürfte.

EM: Die „Financial Times Deutschland“ schreibt, es werde „Zeit, daß sich Europa von der Wall Street emanzipiert.“ Die Paranoia, mit der etwa Frankfurt auf jedes Indexpünktchen in New York gleich doppelt und dreifach reagiere, spotte jeglicher Beschreibung. Wie sehen Sie das?

Faber: Grundsätzlich hat die FTD recht, aber nicht in Bezug auf Deutschland, nachdem die deutsche Wirtschaft kaum wächst und die Bewertungen der deutschen Unternehmen nicht besonders billig sind. In Asien und in Osteuropa haben wir dagegen schon eine Abkoppelung von der Wall Street erlebt, nachdem ihre Börsen im Jahre 2002 gestiegen sind. Die enge Korrelation der europäischen Börsen mit den USA hat mit dem Prozeß der Indexierung zu tun und mit der Tatsache, daß in den neunziger Jahren die multinationalen Unternehmungen sich börsenmäßig sehr gut hielten. Ferner erlebten Europa und die USA die Technologie-, Media- und Telekommunikations-Manie zur gleichen Zeit.

„Europa bleibt wichtig, wenn Rußland, Osteuropa und Mittelmeerländer sich eingliedern"

EM: Ist Europa überhaupt in der Lage, allein noch einmal eine führende Rolle in der Welt einzunehmen, oder geht das nur im Zusammenhang mit der Entwicklung in ganz Eurasien, inklusive Rußland, Indien, China?

Faber: Meiner Meinung nach wird in Zukunft vor allem Asien wirtschaftlich eine führende Rolle spielen. Mit rasch wachsenden Wirtschaften werden die Asiaten dann aber auch politisch mehr Macht ausüben. Europa wird wichtig bleiben, wenn Rußland, Osteuropa und die das Mittelmeer umgebenden Länder, vor allem die Türkei und Marokko, sich eingliedern.

EM: Kann der riesige eurasische Kontinent, dessen Beherrschung amerikanische Geopolitiker wie Brzezinski als Voraussetzung für die Dominanz der einzigen Weltmacht betrachten, insgesamt von einer Schwäche des US-Imperiums profitieren?

Faber: Die USA sind völlig unfähig irgend etwas zu beherrschen, weil sie Bodentruppen haben, die keine Verluste in Kauf nehmen wollen oder können. Sie können den Luftraum kontrollieren, aber nicht den Boden. Im Allgemeinen glaube ich aber, daß eine amerikanische Wirtschaftsschwäche eher negativ für die Welt zu beurteilen ist, weil die USA doch ein guter Kunde von den Exportländern waren.

EM: Welche Regionen Eurasiens werden durch den Niedergang der USA schließlich profitieren?

Faber: Die Küstenregionen Chinas, einige Metropolen in Indien wie Bangalore oder Hyderabad. Außerdem Vietnam, Rußland, und die an der Peripherie von Europa liegenden osteuropäischen Länder.

EM: In der US-Zeitschrift „Foreign Affairs“ haben zwei Politologen im Sommer 2002 eingeräumt, eine Allianz von Deutschland, Japan, China und Rußland könnte das „Imperium“, als das sich die USA immer mehr verstehen, noch herausfordern. Eine solche Allianz wäre in der Lage, die Weltherrschaft der USA zu gefährden. Ist das auch Ihre Einschätzung?

Faber: Ich nehme nicht an, daß die gegenwärtige Freundschaft zwischen China und Rußland lange andauern wird. Dagegen bin ich der Ansicht, daß China sich zum besten Abnehmer der andern asiatischen Länder entwickelt und es daher mit der Zeit auch geopolitisch eine stärkere Rolle spielen wird. China wird in Asien mehr und mehr an Einfluß gewinnen und somit die USA aus diesem Raum verdrängen.

EM: Claus Koch von der Süddeutschen Zeitung schrieb über das Verhältnis zwischen Europa und den USA: „Die Probe wird bald gewagt werden müssen: Man sollte sich schon jetzt darauf einstellen, daß das amerikanische Imperium zum Gegner deklariert werden muß.“ Ist das auch Ihre Einschätzung?

Faber: Ich betrachte die USA nicht als Gegner sondern als einen dummen Geschäftspartner, welcher somit von Zeit zu Zeit das „Geschäft“ gefährden kann.

„Niemand auf der Welt wird die Beherrschung der Ölquellen durch die USA tolerieren“

EM: Wird der bevorstehende Irak-Krieg die von Ihnen beschriebene Entwicklung eines Niederganges des US-Imperiums bremsen oder verstärken?

Faber: Der Krieg im Irak wird ganz neue Probleme mit sich bringen, welche die Amerikaner natürlich nicht durchdacht haben. Für mich ist offensichtlich, daß niemand auf der Welt die völlige amerikanische Beherrschung der Ölquellen im Mittleren Osten tolerieren wird. Vor allem nicht die Russen, und schon gar nicht die Chinesen, die zunehmend von Öleinfuhren abhängen, weil ihre Wirtschaft gewaltig wächst. Außerdem wird sich darüber hinaus die gesamte islamische Welt dagegen stellen. Dabei ist der Irak wahrscheinlich ein „kleines“ Problem, wenn man es mit Saudi Arabien vergleicht, einem Land, welches Frankreich unter Ludwig dem XVI. Gleicht - eine Woche vor der französischen Revolution.

EM: Vielen Dank für dieses Gespräch.

Das Interview führte Hans Wagner.

* „Der Anfang vom Untergang des amerikanischen Reiches“, DIE WELT, 27.01.2003, S. 17

Marc Faber ist Autor und Herausgeber des monatlich erscheinenden „Gloom, Boom & Doom Report“. Er leitet seit 1990 sein privates Unternehmen „Marc Faber Limited“. Die Firma ist spezialisiert auf Anlageberatung, Börsenhandel und Fondsmanagement. Marc Faber schreibt Beiträge für nationale und internationale Finanzpublikationen. Zum Beispiel eine regelmäßige Kolumne im Finanzteil der deutschen Tageszeitung „Die Welt“. Weitere Medien in denen Marc Faber publiziert sind „Swisscontent“, „moneyCap“, „Fonds, die Schweizer Finanzmesse“, das Web-Tagebuch „aktienpower“, das Schweizer-Wirtschaftsmagazin „Bilanz“, „Time Asia“, Hongkong, „Financial Sense“, Kalifornien. Er ist gefragter Gast in den Finanz-Talk-Runden von „Cash TV“ in der Schweiz und hält Referate auf Anlageseminaren. Seine Themen reichen von Anlageberatung über Globalisierung bis Wirtschaftskreislauf.

Faber wurde in Zürich (Schweiz) geboren. Er studierte an der dortigen Universität und erlangte schon im Alter von 24 Jahren den Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften. Zwischen 1970 und 1978 war er bei White Weld & Company in New York, Zürich und Hongkong tätig. Seit 1973 lebt er in Hongkong. Von 1978 bis 1990 war er Managing Director bei Drexel Burnham Lambert (HK). 1988 veröffentlichte Marc Faber seinen Bestseller „The Great Money Illusion – The Confusion of the Confusions“, der ins Japanische und Chinesische übersetzt wurde. Faber gilt als pessimistischer Börsenguru, hat die zurückliegenden Crahs als einer der wenigen richtig prognostiziert, und wird deshalb als „Dr. Doom“ bezeichnet.

Sein neuestes Buch "Tomorrow's Gold. Asia's Age of Discovery" beschreibt, wie sich in der Vergangenheit Anlagetrends herausbildeten und welche neuen Anlagemuster entstehen könnten.
Die heutige Welt erlebt seiner Ansicht nach einen gewaltigen Umbruch, vergleichbar mit der Entdeckung Amerikas und der Industriellen Revolution. In diesem Szenario dramatischen Wandels identifiziert Faber die Anlagehits von morgen. Asiens Bevölkerung von 3,6 Milliarden werde die Wirtschaftsgeographie der Welt umkrempeln - neue Regionen in Asien und Osteuropa würden aufsteigen, während andere, wie die USA an wirtschaftlichen Einfluß verlören. Entscheidend sei es jetzt, auf die richtigen Pferde zu setzen.

Asien Interview USA Wirtschaft

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

  1. Weihnachten in anderen Ländern
  2. Kurden - Geschichte, Kultur und Hintergründe
  3. Schwarzkümmel - Naturheilmittel mit langer Tradition
  4. „Hitler und Tito waren Schulfreunde“
  5. Vegetarismus - Religion der Satten

Eurasien-Ticker