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„Der Irak – Ein belagertes Land“

„Seit zehn Jahren ist mein Land international isoliert und abgeriegelt. Diese Blockade trifft uns sehr, sehr hart. Ist für Außenstehende nachvollziehbar, was es heißt, ein Land zuzusperren?“ Mit diesen Worten beginnt der irakische Professor für Literatur, Ali Mansoor, seinen Bericht über die Lage im heutigen Irak.

Von Hartmut Wagner

Köln 2001, 243 Seiten (inkl. Zeittafel, Literatur- und Netzverweisen), PapyRossa Verlag, 14,50 Euro, ISBN 3-89438-223-6.

EM – „Seit zehn Jahren ist mein Land international isoliert und abgeriegelt. Diese Blockade trifft uns sehr, sehr hart. Ist für Außenstehende nachvollziehbar, was es heißt, ein Land zuzusperren?“ Mit diesen Worten beginnt der irakische Professor für Literatur, Ali Mansoor, seinen Bericht über die Lage im heutigen Irak. Er weiß natürlich, daß die Mehrheit der Nichtiraker keinerlei Vorstellung davon hat, wie verheerend die Auswirkungen der Wirtschaftsblockade der UNO für sein Land sind. Die Anthologie „Der Irak – Ein belagertes Land“ bietet hier Abhilfe. Die 21 Beiträge des Buches vermitteln ein eindrückliches Bild von den menschenunwürdigen Lebensbedingungen mit denen die Iraker seit Anfang der 90er Jahre zu kämpfen haben. Mit schlagenden, gut belegten Argumenten geißeln sie die skrupellose und grausame Irak-Politik der USA und deren Akzeptanz durch die restlichen Mitgliedsstaaten des UNO-Sicherheitsrates. Das einzigartige an dem Leid des irakischen Volkes ist, daß es im Namen der Vereinten Nationen geschieht, konstatiert die britische Journalisten Arbuthnot in ihrem Reisebericht aus dem Irak.

In dem Band finden sich Beiträge aus der Feder der nahmhaftesten Kritiker (Noam Chomsky, Ramsay Clark, Robert Fisk u.a.) der Politik gegenüber dem Irak seit dessen Einmarsch nach Kuwait 1990. Eine Politik für deren Programm nur vordergründig die UNO verantwortlich zeichnet, das in der Hauptsache aber von den USA entworfen und exekutiert wird. Besonders aufschlußreich ist in dieser Hinsicht das in Auszügen abgedruckte Gespräch zwischen dem australischen Journalisten Pilger und dem niederländischen UN-Botschafter van Walsum. Zum Zeitpunkt des Interviews war van Walsum Vorsitzender des Sanktionsausschusses des UNO-Sicherheitsrates, dessen Zustimmung zu allen vom Irak beantragten Importen obligatorisch ist.

Pilger: Wieviel Macht haben die Vereinigten Staaten über Ihren Ausschuß?
v. Walsum: Wir handeln im Konsens.
Pilger: Und wenn die Amerikaner dagegen sind?
v. Walsum: Dann handeln wir nicht.

Hans-Christof v. Sponeck, Jutta Burghardt und Denis Halliday, allesamt ehemalige hochrangige Mitarbeiter der UNO im Irak, sind wegen der mörderischen Blockadepolitik der Vereinten Nationen von ihren Ämtern zurückgetreten. Im vorliegenden Buch legen sie ihren Standpunkt dar. Jutta Burghardt, 14 Monate lang Leiterin des UN-Ernährungsprogramms im Irak, schreibt: „Das Embargo gegen den Irak hat den Charakter einer klassischen Blockade. Hierzu gehören außer den Handelssanktionen regelmäßige militärische Aktionen mit Bombardierungen von militärischen und zivilen Einrichtungen […] Allerdings wird hier nicht eine mittelalterliche Festung mit einigen hundert Menschen belagert, sondern eine ganze Nation von inzwischen fast 25 Millionen Menschen.“

Halliday, der ein Jahr lang UN-Koordinator für humanitäre Hilfe im Irak war, schlägt einen noch schärferen Ton an: „Völkermord […] ist aus meiner Sicht gewiß ein passendes Wort, wenn man eine Situation hat, in der es jeden Monat Tausende von Toten gibt und möglicherweise eine Gesamtzahl von eineinhalb Millionen Toten im Lauf der letzten neun Jahre. Wenn das kein Völkermord ist, weiß ich nicht, was einer ist. Ich kann mir kein besseres Wort denken. Ein Völkermord findet genau jetzt, jeden Tag, in den Städten des Irak statt.“

Auch ein kurzes Interview mit Scott Ritter fand Aufnahme in das Buch. Ritter diente über zehn Jahre bei den US-Marines und nahm 1991 am Golfkrieg teil. Nach dessen Ende arbeitete er sieben Jahre lang als UN-Waffeninspekteur im Irak, bis er 1998 mit der Begründung zurücktrat, der Umgang von UNO und USA mit dem Regime in Bagdad sei zu nachgiebig. In etwa seit Herbst des gleichen Jahres, als die USA und Großbritannien den Irak vier Tage lang ununterbrochen bombardierten, verficht Ritter nun die Meinung, der Irak besitze keine Massenvernichtungswaffen mehr. So auch in diesem Buch. Jüngst veröffentlichte Ritter ein eigenes Buch zu diesem Thema: „Krieg gegen den Irak - was die Bush-Regierung verschweigt”.

Besonders deutlich werden die im Jahr1990 abrupt ausgetauschten Leitlinien amerikanischer Irak-Politik herausgearbeitet. Saddam Hussein wurde so lange mit militärischem Gerät – auch mit biologischen Massenvernichtungswaffen – eingedeckt, wie er den US-amerikanischen Interessen am Persischen Golf zur Durchsetzung verhalf. Ob er dabei Krieg gegen den Iran führte oder die Kurden im eigenen Land liquidierte, der irakische Staatschef blieb stets einer der wichtigsten Verbündeten der USA, kritisiert die amerikanische Politikwissenschaflerin Phyllis Bennis. Mit der irakischen Invasion nach Kuwait änderten die USA ihre Politik schlagartig und dämonisieren Hussein seither als Schlächter des Mittleren Ostens.

Die seitdem in unregelmäßigen Abständen verübten, von westlichen Medien zunehmend ignorierten, Bombardierungen der USA haben nach Ansicht von Prof. Dr. Norman Peach „mit dazu beizutragen, den Irak im Bewußtsein der atlantischen Bevölkerung zu einer Region zu reduzieren, für die die Grundsätze und Prinzipien der UNO-Charta nicht mehr gelten, wo alles erlaubt ist, um ein Regime zu stürzen, welches sich der US-amerikanischen Außenpolitik in den Weg stellt.“

Das Buch eignet sich hervorragend, um sich über Entstehung und Hintergründe eines der größten internationalen Krisenherde seit dem Ende des Kalten Krieges zu informieren. Sein besonderes Verdienst ist es, Stellungnahmen ausgewiesener Irak-Kenner zusammengetragen zu haben und einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Gemeinsam ist allen Autoren die entschiedene Ablehnung von Militärschlägen und Wirtschaftsembargo gegen den Irak. Lesern, welche diese einseitige Auswahl der Beiträge für kritikwürdig halten, sei ein Blick in die Tagespresse empfohlen. Anders geartete Ansichten werden dort zu Genüge geäußert.

Hartmut Wagner

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