„Der Kampf um die Zweite Welt. Imperien und Einfluss in der neuen Weltordnung“, von Parag KhannaGELESEN

„Der Kampf um die Zweite Welt. Imperien und Einfluss in der neuen Weltordnung“, von Parag Khanna

Die Länder der „zweiten Welt“ bilden jenen Schauplatz, auf dem Imperien über die Weltordnung der Zukunft entscheiden werden. Gleichzeitig seien es die nervösen „Wechselstaaten“ an der Schwelle von der dritter zur ersten Welt, die bestimmen würden, wie sich das Machtgleichgewicht zwischen den drei größten Imperien – den USA, der Europäischen Union und China – im 21. Jahrhundert gestaltet.

Von Michail Logvinov

„Der Kampf um die Zweite Welt. Imperien und Einfluss in der neuen Weltordnung“, von Parag Khanna  
„Der Kampf um die Zweite Welt. Imperien und Einfluss in der neuen Weltordnung“, von Parag Khanna  

D ie Staaten der Zweiten Welt sind in einer multipolaren Ordnung die Staaten, die den Ausschlag geben: Ihre Entscheidungen können das globale Machtgleichgewicht verändern. […] Die Zukunft der Zweiten Welt hängt weitgehend von ihren Beziehungen zu den drei Supermächten ab, und die Zukunft der Supermächte hängt davon ab, was für ein Verhältnis sie zur Zweiten Welt entwickeln“, schreibt der US-amerikanische Experte Parag Khanna (S. 31).

Der Autor analysiert in seiner über 600 Seiten starken Publikation die „imperialen Normen“ der Supermächte sowie die Mechanismen, derer sie sich bedienen, um sich die Globalisierungsprozesse zunutze zu machen. Der Fokus liegt hierbei auf fünf strategischen Regionen der Welt – dem europäischen Osten, Eurasien, Südamerika, dem Mittleren Osten und Asien.

Khanna gelingt es aufzuzeigen, wie die Staaten der Zweiten Welt ihre Strategien gegenüber den Supermächten verfolgen – die einen spielen diese gegeneinander aus und profitieren von ihren Offerten, die anderen – insbesondere erdölproduzierende Oligopole – fallen aufgrund ihrer Schwäche in die Einflusssphäre einer Supermacht und entwickeln sich hiermit zum geopolitischen Spielball. Eine dritte Partei schließt Koalitionen mit angehenden Imperien und macht den traditionellen Supermächten (vor allem aber den USA) ihre Führungsrolle streitig.

Das Buch von Parag Khanna enthält eine Reihe von äußerst interessanten Bemerkungen, Diagnosen und Prognosen.

Drei natürliche Imperien und ihre Logik

Größe würde wieder zu einer historischen Variable. Die Weltordnung würde nicht durch Kulturen oder Staaten, sondern durch Beziehungen zwischen Imperien geprägt, die der geographischen Lage ihre Bedeutung geben. Drei größte Mächte der Welt (die EU, die USA und China), deren Weltmarktanteil, technologische Innovationen, Bevölkerungsgröße und immaterielle Faktoren ein großes Potenzial aufweisen, sind laut Khanna natürliche Imperien:
„Sie besitzen jeweils eine geschlossene geographische Basis und die notwendige militärische, ökonomische und demographische Stärke für eine Expansion“ (S. 16).

Überall beobachtet der Autor, wie die von ihm bereiste Welt gleichzeitig amerikanisiert, europäisiert und sinisiert wird, wobei die USA, die EU und China für drei unterschiedliche außenpolitische Stile stehen: die USA setze auf Koalitionen, Europa auf Konsens und China auf Konsultationen (S, 19, 20). Trotz der Unterschiede hätten die drei Supermächte ein Interesse daran, ihre globale Machtbasis auszuweiten und ihre Rivalen zu unterminieren – ein Zustand, der solange andauern würde, „bis die zweite grundlegende historische Gestaltungskraft der Weltordnung – Krieg – etwas anderes diktiert“, so Khanna (S. 23).

Gemessen an ihrem Machtpotenzial und abgesehen von militärischer Kraft schneiden die EU und China besser als die USA ab. Die EU ist der größte Binnenmarkt und setze die technologischen sowie regulatorischen Maßstäbe, während China sich zu einem der stärksten Gravitationszentren im pazifischen Raum entwickelte. Die EU würde sich zu einer geschlossenen, grenzenlosen Pax Europea von ca. 35 Ländern mit etwa 600 Millionen Einwohnern entwickeln, die den USA ihre Führungsposition innerhalb der Geopolitik strittig machen könne (S. 46). China würde eine neue – pazifische Ära – in der Weltpolitik gestalten.

Amerika: Auf dem Weg in die „zweite Liga“?    

Khanna kommt zum Schluss, dass die USA nicht nur außerstande sind, ihre innenpolitischen Konflikte zu schlichten, sie verlieren darüber hinaus sukzessive ihre Macht in einstigen Einflusszonen.

„Die vermeintliche Vormachtstellung der USA wird in jeder Region der Zweiten Welt als Irrglaube entlarvt: Die EU kann ihren Osten stabilisieren, die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) unter Führung Chinas kann Zentralasien organisieren, Südamerika kann die USA zurückweisen, die arabischen Staaten werden sich nicht mit der amerikanischen Vorherrschaft abfinden, und China kann nicht allein mit militärischen Mitteln in Ostasien eingedämmt werden. Die geopolitische Auflehnung ist in vollem Gange“, macht der Autor deutlich (S. 475).

Auch im für Amerika besonders wichtigen asiatisch-pazifischen Raum betrachten die asiatischen Staaten die Anwesenheit der US-Marine als ein „zufälliges historisches Ereignis“, das inzwischen keine Legitimität besitzt, überflüssig und gefährlich sei. Von einer Respekt einflößenden Macht kann nicht mehr die Rede sein, urteilt der Politologe (S. 387).

Als Beispiel hierfür gilt für den Autor ein Streit zwischen den Koreanern und den USA darüber, „ob die mittlerweile fünfzig Jahre währende US-Truppenpräsenz weiterhin angemessen ist“ (S. 403). Beinahe auf der ganzen Welt sei der exterritoriale Status amerikanischer Stützpunkte kein Tabu mehr, diese würden von den USA misstrauenden Gastländern nur noch geduldet. 

Die USA verkörpern heutzutage das Unsicherheitsprinzip schlechthin. Sie könnten dennoch ihren Einfluss steigern, wenn sie ihre Macht zügeln würden, lautet das Urteil des Experten (S. 501).
Von atlantischer zur pazifischen Ära
Die von Europa und später den USA geprägte transatlantische Ära neige sich ihrem Ende zu, während die Pazifische, die in Zukunft zu einer der größten gehören werde, ihren Anfang nehme, schreibt Khanna: „Die Pazifische Ära wird von China – und niemand anderem – gestaltet werden“ (S. 383). Asien gestalte das Schicksal der Welt und offenbare hierbei die Schwächen der großen Erzählung der westlichen Zivilisation: „Wegen des Ostens ist der Westen nicht länger Herr seines Schicksals“, diagnostiziert der Politikwissenschaftler (S. 391).

China sauge die gesamte Erste Welt, geschweige denn die Zweite, in seine Einflusssphäre auf. Die USA sind bei diesem schleichenden Prozess kein vorrangiger, herrschender Partner mehr: „Dieselben Verbündeten, auf die sich die USA stützen, um sich gegen den Aufstieg Chinas abzusichern, tragen am stärksten zu diesem Aufstieg bei“, formuliert Khanna.

Kein Staat könne sich der Zentripetalkraft des Pax Sinica-Kernes entziehen, die der Autor als wirtschaftliche, demographische, politische und kulturelle Vereinnahmung durch China bezeichnet. Beispiele für seine These findet er genügend.

Es war einmal ein Russland…

Russland wird von Khanna trotz der Rhetorik des Kremls als Mittelmacht dargestellt, deren außenpolitischen Interessen durch die Energiediplomatie – getragen durch Gazprom – untergraben wurden (S. 50). Russland sei eine „Petrokratie“ par excellence mit Verschwendungssucht, einer rückläufigen Entwicklung und einer unfähigen Elite. Die Prognose des Autors fällt düster aus:

„Wenn Russland seine Energieressourcen nicht dazu nutzt, seine Bevölkerung am Leben zu erhalten, wird es in absehbarer Zukunft kein Russland mehr geben. […] Die Tage Russlands als Supermacht sind vorbei. Obwohl es der größte Petrostaat der Erde ist, liegt seine Wirtschaftskraft nur geringfügig über der von Spanien. Und auch wenn Russland auf dem Papier reich ist, sorgt die russische Politik schon dafür, dass dieser Wohlstand nicht von Dauer sein wird“ (S. 53, 54).

Zwar mag diese These als sehr umstritten erscheinen. Dennoch ist die geopolitische Zukunft Russlands angesichts des unaufhaltsamen Vormachtstrebens des chinesischen Drachens mit einem Fragezeichen versehen. Russland laufe Gefahr, durch China ausgeplündert zu werden (S. 132). China sei heute der Herr des Ostens: „Was auf einer Landkarte wie Russland aussieht, sieht in den Gesichtern des Menschen mehr nach China aus“.

Der Experte ist überzeugt, dass die russisch-chinesische Partnerschaft nicht zu einer strategischen führen würde, denn China profitiere davon auf Kosten Russlands. Es sei daher vielleicht möglich, dass die USA und die EU Russland „vor seiner potenziellen selbstmörderischen Umarmung Chinas retten“ werden müssen (S. 135).

Den dritten Weltkrieg verhindern 

Die Lösung des Problems eines Kampfes „aller gegen alle“, die der Autor anbietet, ist relativ simpel. Als Ausweg aus der gefährlichen geopolitischen Situation schwebt Khanna ein Triumph der Globalisierung vor, bei dem eine Dreiparteienkoalition aus den USA, der EU und China sich wirtschaftlich gegenseitig unterstützen und dergestalt unbegrenzte Gewinne ermöglichen. Eine G-3-Institution als Forum für eine effiziente Abstimmung zwischen den Imperien wäre wünschenswert.

Ob diese Strategie befolgt oder der Kampf um die Zweite Welt weiterhin die Oberhand gewinnen wird, bleibt natürlich abzuwarten. Die Annäherung der EU an China sowie aktuelle außenpolitischen Aktivitäten der USA im asiatisch-pazifischen Raum lassen vermuten, dass der dritte Pol des geopolitischen Dreiecks mit dem Zentrum in China aktiv umworben wird. Dennoch scheinen die Supermächte immer noch auf die gegenseitige Eindämmung zu vertrauen.

Das Buch „Der Kampf um die Zweite Welt. Imperien und Einfluss in der neuen Weltordnung“ schärft den Blick für die Angelegenheiten der Geopolitik und weltpolitische Veränderungen im 21. Jahrhundert. Das profunde Expertenwissen des Autors und seine Kontakte zu Eliten entsprechender Länder und Regionen vermitteln einen authentischen Eindruck. Parag Khanna ist es gut gelungen, die Umrisse einer neuen Weltkarte festzuhalten, was seine Publikation zu einem unverzichtbaren „Atlas der Zweiten Welt“ macht.

*

Rezension zu: „Der Kampf um die Zweite Welt. Imperien und Einfluss in der neuen Weltordnung“, von Parag Khanna, Berlin Verlag 2008, 512 Seiten, 26 Euro, ISBN 978-3827005991

Außenpolitik Geschichte Rezension

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