„Der Kaukasus. Geschichte - Kultur – Politik“, von Marie-Carin von Gumppenberg und Udo SteinbachGELESEN

„Der Kaukasus. Geschichte - Kultur – Politik“, von Marie-Carin von Gumppenberg und Udo Steinbach

Der Kernthese des Buches, dass von einer wirklichen Konfrontation der Großmächte USA und Russland im Kaukasus keine Rede sein könne, muss mit aller Vehemenz widersprochen werden. Dennoch kann das von Marie-Carin von Gumppenberg und Udo Steinbach herausgegebene Buch als eine gute Überblicksdarstellung empfohlen werden, die ein kaleidoskopartiges Bild vom „Pulverfass“ Kaukasus und seiner kulturellen Vielfalt liefert.

Von Michail Logvinov und Marcus Lange

„Der Kaukasus. Geschichte - Kultur - Politik“ von Marie-Carin von Gumppenberg und Udo Steinbach  
„Der Kaukasus. Geschichte - Kultur - Politik“ von Marie-Carin von Gumppenberg und Udo Steinbach  

R essourcen und geostrategische Absicherung gegenüber den islamischen Staaten und Russland sowie umgekehrt gegen die westliche Vormacht erklären das Engagement der Großmächte im Kaukasus. Der äußere Einfluss fremder Mächte gehört zu einer der Konstanten der Entwicklung in der Kaukasus-Region. Die zweite Variable macht die innere Entwicklung aus, die in Europa, Amerika und auch in Russland fehl wahrgenommen oder durch ein Prisma des spezifischen Teilwissens gesehen wird.

Deshalb machte sich ein Autorenkollektiv des von Marie-Carin von Gumppenberg und Udo Steinbach herausgegebenen Buches zur Aufgabe, „das skizzenhafte, häufig auch überzeichnete Bild vom Kaukasus mit Fakten zu untermauern oder, wo nötig, mit Argumenten zurückzuweisen und Fehlwahrnehmungen beim Namen zu nennen“ (S. 9).

Länder der real existierenden Synthese „Europas“ und „Asiens“

Auf über 250 Seiten schildert das hochkarätige Wissenschaftlerteam die Länder der real-existierenden Synthese „Europas“ und „Asiens“ (Armenien, Georgien, Aserbaidschan) sowie die Region des Nordkaukasus und die Großmächte Iran und Türkei. Im zweiten Teil des Buches werden regionale Konflikte - um Abchasien, Berg-Karabach, Südossetien und Auseinandersetzungen im Nordkaukasus - und konfliktträchtige Situationen analysiert. Ein dritter Teil widmet sich den vielfältigen Kulturen der kaukasischen Völker.

Die Autoren machen deutlich, der südliche Kaukasus fungiere seit langem als eine „global“ zu bezeichnende Transitregion, in der die Großmächte ihre Ansprüche geltend machen und um die Ressourcen wie Transportwege ringen.

Die Strategien der großen „Spieler im Kaukasus“ - zu denen die Autoren die USA und Russland zählen - seien „nicht nur konträr oder auf eine Konfrontation programmiert. Jedoch kann man auch nicht von einem kooperativen Verhältnis gesprochen werden“ (S. 10).

„Kontrolle durch Stabilität“

Das Interesse der USA bestünde vorrangig in der Sicherung des Energietransports. Die Autoren umreißen ihre Politik mit den Worten „Kontrolle durch Stabilität“ (S.10). Die russische Politik - ein Interesse an der „Stabilität durch Kontrolle“ - sei auf die Begrenzung des amerikanisch-westlichen Einflusses gerichtet.

Während Russland die Schadensminimierung mit deutlich zu erkennbaren „postkolonialen Phantomschmerzen“ vornehme, betrieben die USA eine breit angelegte Außenpolitik gegenüber dem Südkaukasus, dem die russische Seite kaum Gleichwertiges entgegenzusetzen habe. Dies sei der Grund, warum Moskau von der Strategie der „kontrollierten Instabilität“ Gebrauch macht, so die Autoren.

Die Politik der EU könne als „Stabilität durch Partnerschaft“ bezeichnet werden. „Sie steht in einer deutlichen Interessenkonkurrenz mit den USA, hat jedoch ein vitales Interesse an einer guten Nachbarschaft zu Russland, das für die USA schon aufgrund ihrer geopolitischen Situation nicht solche Dringlichkeit besitzt“ (S. 11).

Aserbaidschan und Georgien haben den größten Vorteil aus dem Interesse der westlichen Staatengemeinschaft gezogen

Im Kapitel „Energie und Sicherheit - das „neue Spiel“ um die Ressourcen“ ist nachzulesen, welch eine große Bedeutung die westlichen Mächte den energiepolitischen Erwägungen beimessen. So wurde z.B. Armenien aus sicherheitspolitischen Gründen zum Verlierer des Great Game. Aserbaidschan und Georgien haben den größten Vorteil aus dem Interesse der westlichen Staatengemeinschaft gezogen. Georgien sei dennoch der eigentliche Gewinner, so Markus Brach von Gumppenberg (S. 173).

„Als reines Transitland für das kaspische Öl und Gas verfügt es selbst nicht über nennenswerte ökonomische Gewinne aus dem Ölgeschäft. Für die westliche Staatengemeinschaft ist jedoch die politische und wirtschaftliche Stabilität dieses Landes von großer Wichtigkeit“ (ebd.).

Die Kernthese des Buches, dass von einer wirklichen Konfrontation der Großmächte USA und Russland im Kaukasus keine Rede sein könne, muss mit aller Vehemenz widersprochen werden. Dennoch könnte das von Marie-Carin von Gumppenberg und Udo Steinbach herausgegebene Buch als eine gute Überblicksdarstellung empfohlen werden, die ein kaleidoskopartiges Bild vom „Pulverfass“ Kaukasus und seiner kulturellen Vielfalt liefert.

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Rezension zu „Der Kaukasus. Geschichte - Kultur - Politik“ von Marie-Carin von Gumppenberg und Udo Steinbach, Verlag C.H. Beck, 2008, 256 Seiten, 12,95 Euro, ISBN 978-3406568008.

Kaukasus Rezension

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