Der „Kirchenfürst der Herzen“ ist totSERBIEN

Der „Kirchenfürst der Herzen“ ist tot

Bei den Bischöfen und im Vatikan war er eher eine Persona non grata. Wenn es nach der Belgrader Vox populi geht, dann wird in Bälde die Belgrader Prachtstraße „Boulevard der Befreiung“ in „Boulevard Patriarch Pavle“ umbenannt.

Von Wolf Oschlies

A m 15. November 2009, einem Sonntag, verstarb Pavle, Patriarch der Serbischen Orthodoxen Kirche (SPC), in der Belgrader Militär-Medizinischen Akademie, in der er seit Ende 2007 vergeblich versuchte, eine schwere Krankheit auszukurieren. Nach seinem Tod wurden zahl­reiche Klagen aus der kirchlichen und der politischen Führung laut, die aber nicht besonders ernst zu nehmen waren. Serben sind generell keine besonders eifrigen Christen, und die Bischöfe der SPC hätten Pavle am liebsten schon im Frühjahr 2008 seines Amtes enthoben. Gestützt auf den Artikel 62 der Kirchenverfassung über­nahm die Synode der höch­sten SPC-Geistlichen „alle Macht, Verpflichtungen und Kom­petenzen des serbischen Patriarchen“. Das war legal, jedoch in vieler Hinsicht unüberlegt. Die SPC ist laut Umfragen „glaubwürdigste Institution Serbiens“, wo­zu Patriarch Pavle – geboren 1914, seit 1990 im Amt – sie gemacht hat. Dazu verhalf ihm nicht so sehr die Machtfülle des Oberhirten einer orthodoxen National­kirche, vielmehr seine Bescheidenheit und menschliche Direktheit. Pavle war zeitlebens ein körperlich kleiner und schwächlicher Mann, aber fest im Glauben und souverän in seinen Ansichten.

Ein Image, wie es selbst beste PR-Berater nicht schaffen könnten

Erst jetzt, da der Patriarch dahingegangen ist, breitet sich unter den Serben eine Wertschätzung Pavles aus, die bislang vor allem Belgrader offenbarten. Für  sie war der höchste Kirchenfürst der SPC der „Patriarch per Pedomobil“, der frühmorgens zu Fuß und gestützt auf seinen Patriarchenstab Brötchen einkaufte. Sie haben im Bus oder Zug neben ihm gesessen, wenn er zu irgendeinem Treffen fuhr und mal wieder seinen Dienstwagen samt Chauffeur vergessen hatte. Sie haben sich auf der Straße begeistert um ihn geschart, Studenten gar mit „Pavle-Pavle“-Sprechchören, wenn er zum x-ten Mal seine Begleitung verloren hatte, um mit seinen Belgradern zu reden.

Bei diesen hat er ein Image, wie es selbst beste PR-Berater nicht schaffen könnten. Ein Priester, der seine einfachen Speisen selber zubereitete, seine Wäsche besorgte und seine Schuhe selber besohlte. Der als Hausherr des prächtigen Patriarchatsgebäudes sich nicht zu schade war, notfalls Jalousien, defekte Schlösser oder so­gar den Lift zu reparieren und nach Dienstende vergessene Lampen auszuknipsen. Die Liste seiner handwerklichen Fertigkeiten war sagenhaft lang, alle erworben als junger Mönch in einsamen Klös­tern, der sich im „Do it yourself“-Verfahren materielle und geistige Unabhängigkeit erarbeitete. Ein oberster Priester „zum Anfassen“, den die Bischöfe nicht einfach entmachten konnten, sofern es ihnen um die Stellung der Kirche im Volks zu tun war.
 
Die SPC wurde 1219 von dem Heiligen Sava begründet, Pavle, mit bürgerlichem Namen Gojko Stojcevic, war ihr 44. Patriarch. Alle orthodoxen Kirchen sind per se Nationalkirchen, aber das nationale Wesen der SPC ist vor allem in ihrer Theologie vom Kreuz erfasst: Die horizontale Achse bildet die „krsna slava“ (Kreuzesfeier), die ein einigendes Band um alle Serben schlingt – die vertikale Achse repräsentiert das „nebeski narod“ (himmlische Volk), das 1389 in der Schlacht auf dem Amselfeld sein irdisches Reich verlor und seither an ein Son­der­verhältnis der Serben zu Gott glaubt.

Offizieller Sitz des Patriarchats ist immer noch das Kosovo

Das Kosovo gehörte bereits im Mittelalter zum altserbischen Staat Rascia, was sich bis heute im kirchlichen Namen der Region, Eparhie Rascien-Prizren, erkennen lässt. Im 14. Jahrhundert war das Kosovo der Mittelpunkt des serbischen Staates und in Pec war der Sitz des serbischen Patriarchats. Im 18. Jahrhundert fielen die serbischen Klöster im Kosovo unter den ökumenischen Patriarchen von Konstan­tinopel, dem es nach dem Ersten Weltkrieg vom neuen „Königsreich der Serben, Kroaten und Slowenen“ (SHS) mit viel Verhandlungsgeschick wieder entrungen wurde. Mit anderen Worten kirchengeschichtlich und kirchenrechtlich ist das Kosovo zugleich die älteste und die jüngste Region der SPC.

Offizieller Sitz des serbischen Patriarchats ist immer noch das Kosovo, was Pavle, von 1957 bis 1990 Bischof des Kosovo, auf eigenwillige Art, die der Verkehrspolizei Schrecken einjagte, ständig in Erinnerung rief: Häufig brach er nach der Frühliturgie in Belgrad auf, ließ sich über rund 600 Kilometer in halsbrecherischem Tempo nach Pec fahren, wo er rechtzeitig zur Spätliturgie eintraf – meist direkt aus dem Auto zum Altar. Gerade bei ihm war die Aussage „Kosovo – Wiege des Serbentums“ keine Phrase, und noch Ende April 2008 rief er zum orthodoxen Osterfest alle Gläubigen auf, die „Zugehörigkeit des Kosovo zu Serbien zu verteidigen“.

Eine orthodoxe Kirche wie die serbische ist stets von der „cäsaropapistischen“ Ver­einnahmung durch weltliche Regime gefährdet – solange sie kein Oberhaupt wie Pavle hat. Zum 15. Jahrestag seines Patriarchats hat die jun­ge Historikern Rad­mila Radic, die Milosevics Diktatur in Berlin überstand, 2005 eine umfangreiche Biogra­phie Pavles veröffentlicht, die nochmals an dessen Männermut vor Herrscherthronen erinnerte. Bereits 1958 hatte der Bischof Präsident Tito auf die spezifische Taktik der Kosovo-Albaner aufmerksam gemacht: Sie hassen die Serben, behaupten aber, un­ter serbischer Albanerfeindschaft zu leiden – sie beklagen serbische Gewalt und ver­üben Terroranschläge auf serbische Kirchen und Klöster. Pavle selber hat sich im Kosovo als glaubensstarker Oberhirte und weit blickender Bauherr betätigt, der rund 90 Sakralbauten erstellen oder renovieren ließ, die seit fast zehn Jahren Ziele terro­ristischer Anschläge von Albanern sind. In den Anfängen seines Episkopats war Pavle häufig albanischen Übergriffen ausgesetzt, die er ohne Umschweife als „Gräueltaten“ (zulumi) anprangerte.

Seine Gegnerschaft zu Milosevic machte ihn zum Idol vieler Serben

Im Bürgerkrieg der 1990-er Jahre durchlebten die SPC und ihr Patriarch eine schwe­re Zeit: Aus Bosnien und Kroatien wurden Hunderttausende Serben vertrieben, deren Priester kriegerische Vergeltung forderten. In Belgrad übte sich Milosevic in hemmungsloser Demagogie, der viele Serben anheimfielen. In Kroatien und Bosnien wüteten serbische Freischärler, die den Patriarchen als ihren „Oberbefehlshaber“ bezeichneten. Anfangs wollte der Patriarch mit allen „im Dialog“ bleiben, aber Ende 1996 verdammte er in seinem Buch „Molitve i molbe“ (Gebete und Bitten) massiv die Betrügereien und militärischen Abenteuer Milosevics und stellte sich mit der gesam­ten SPC auf die Seite seiner Gegner. Das machte ihn zum Idol vieler Serben, die ihn 1999 gern als Staatsoberhaupt gesehen hätten. Am 23. Juli 1999 traf er in Prishtina Bundeskanzler Schröder und machte diesen auf die bedrängte Lage der Serben im Kosovo aufmerksam. Schröder glaubte das nicht, rückte spontan aber eine größere Summe zum Wiederaufbau zerstörter serbischer Kirchen heraus.

Nach dem Sturz Milosevics Ende 2000 hätten die neuen demokratischen Machtha­ber es gern gesehen, wenn Pavle Papst Johannes Paul II. nach Serbien einlüde. Der Patriarch wollte nicht – in Erinnerung an die engen Beziehungen, die im Zweiten Weltkrieg das kroatische Ustascha-Regime zum Vatikan unterhalten hatte und die am Tod von 700.000 Serben in Kroatien mitschuld waren.

Dieses Ressentiment hinderte den Patriarchen freilich nicht, gute Kontakte zu katho­lischen Geistlichen in Kroatien und Bosnien zu suchen und den siegreichen Oppositi­onspolitikern in Serbien volle Unterstützung zu erweisen. Deren charismatischen Führer, den in Deutschland ausgebildeten Zoran Djindjic, nannte er „ein unschätz­bares Geschenk für das am Boden liegende Serbien“ und dankte ihm für seine Leis­tungen für die SPC, vor allem die Voll­endung der „Gedenkkathedrale Heiliger Sava“ im Stadtteil Vracar.

600.000 säumten seinen Trauerzug

Djindjic wurde im März 2003 ermordet, in der Kathedrale „Heiliger Sava“ fassten die Kirchenfürsten am 17. Mai 2008 den Beschluss zur Entmachtung Pavles. Als Nachfol­ger boten sich Amfilohije und Artemije an, Metropoliten in Montenegro und im Koso­vo. Aber Pavle wollte nicht demissionieren, Serbien  brauchte ihn in den damaligen  schweren Zeiten, als das Kosovo mit US- und EU-Unterstützung einseitig seine Loslösung von Serbien proklamierte.

Jetzt ist der Patriarch tot. Am 19. November 2009 wurde er im Belgrader Kloster Rakovica beigesetzt – rund 600.000 Menschen säumten die Straßen, durch die der Trauerzug ging. Es waren zumeist Belgrader, da der Rest der Welt längst wieder zur Tagesordnung übergegangen war: Weder kamen aus Moskau Patriarch Kiril, noch aus Konstantinopel Patriarch Vartolomej, und auch aus Rom trafen keine kirchlichen Würdenträger ein. Die Belgrader hatten kaum etwas anderes erwartet und nutzten die Gelegenheit, ihre ganz eigene Verbundenheit mit dem großen Toten zu demon­strieren: Wenn es nach der Belgrader Vox populi geht, dann wird in Bälde die Belgrader Prachtstraße „Boulevard der Befreiung“ in „Boulevard Patriarch Pavle“ umbenannt. Pavle war der der serbische „Kirchenfürst der Herzen“. 

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