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Der „Kontraktnik“ soll es richten

Nach dem Georgien-Krieg startet Russland einen erneuten Anlauf zur Modernisierung der Streitkräfte. „Vertragssoldaten“, auf Russisch „Kontraktniki“ werden Eingestellt. Damit setzt Russland auf Modernisierung und Erhöhung der Kampfmoral durch Berufssoldaten.

Von Ulrich Heyden
31.10.2008 Drucken Senden Kommentieren

F ast wöchentlich zeigt das russische Fernsehen Kreml-Chef Dmitri Medwedjew bei Besuchen der russischen Streitkräfte, mal auf einem Raketenkreuzer im Nordmeer, mal beim Test-Start einer strategischen Topol-M-Rakete in der Taiga, mal beim Besuch eines Manövers mit Panzern und Haubitzen im Ural. Allmählich wird Medwedjew zum Oberkommandierenden. Er wird ernster und zackiger, die Stimme härter. Immer wieder verkündet der Kreml-Chef bei seinen Armee-Besuchen, bei der Modernisierung der Streitkräfte werde man mit Geld „nicht sparen“.

Die Erfahrungen im Georgien-Krieg, bei denen die russische Armee einige ernste Verluste einstecken musste – unter anderem wurden sieben russische Flugzeuge abgeschossen – sind für die russischen Militärs jetzt Anlass, die Modernisierung der Streitkräfte zu beschleunigen. Möglich ist dies durch die gestiegenen Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft. Russland will seine Verteidigungsausgaben im nächsten Jahr auf 66 Milliarden Dollar steigern.

Nicht mehr nur kosmetische Veränderungen

Bisher waren die Reformen der Armee auf kosmetische Änderungen beschränkt. Die Zahl der Soldaten wurde zwar von drei Millionen (1991) auf etwa 1,13 Millionen verringert, aber die russische Armee sei heute immer noch eine „verkleinerte Kopie der sperrigen und veralteten sowjetischen  Militärmaschine, die für die Führung von globalen Kriegen geschaffen wurde“, schreibt der Kommersant.

Die Schwerpunkte der Armee-Modernisierung umriss Medwedjew am Rande eines Manövers im Ural. Zielgenaue Waffen, mobile Einheiten, neue U-Boote mit Marschflugkörpern, die Zusammenfassung von Raketen-Abwehr und Weltraum-Aufklärung sowie eine bessere soziale Versorgung der Soldaten, das sind die selbstgesteckten Ziele. Die Armee soll mobiler werden um  schneller auf lokale Konflikte reagieren zu können. Statt in Divisionen und Regimenter will man die Streitkräfte jetzt – nach westlichem Vorbild - in Brigaden aufteilen. In den sechs russischen Militärbezirken will man jeweils eine Brigade mit 3.000 Mann als schnelle Eingreiftruppe stationieren, als Grundstock der neuen Struktur.

Verteidigungsminister Anatoli Serdjukow hat angeordnet die Zahl der Offiziere schrittweise von 335.000 auf 150.000 zu halbieren. „Es bleiben nur Offiziere, die wirklich Einheiten leiten und nicht Soldaten in irgend einem Nachschub-Lager“, schreibt die Nesawisimaja Gaseta. Die Zahl der Generäle will man von 1.100 auf  900 reduzieren.

Irak- gegen Tschetschenien-Kämpfer

Im Kampf um Süd-Ossetien trafen das erste Mal in der jüngeren russischen Geschichte Vertragssoldaten von zwei kampferfahrenen Armeen aufeinander. Auf russischer Seite kämpfte die 58te Armee mit Tschetschenien-Erfahrung, auf georgischer Seite von US-Ausbildern gut trainierte Soldaten mit Irak-Erfahrung und einem für georgische Verhältnisse imposanten Monatslohn von 350 Euro. Die russischen Vertragssoldaten („Kontraktniki“) bekamen einen Grundsold von nur 220 Euro.

Doch nicht alles klappte so phantastisch, wie es von der kremlnahen Presse dargestellt wird. Eine Reporterin des Kreml-kritischen Kommersant berichtete, dass die russische Panzer-Kolonne im Rokski-Tunnel häufig stecken blieb, weil immer wieder defekte russische Fahrzeuge den Weg versperrten. Nach Aussagen von General Wladimir Boldyrew, dem Chef des russischen Heeres, mangelte es den russischen Truppen an gebirgstauglicher Fernmeldetechnik. Die russische Armee bräuchte in Zukunft vor allem komplexe, computergesteuerte Systeme, die den ganzen Bereich von der Aufklärung, der eigenen Deckung bis zur Feind-Vernichtung abdeckten. Der Präsident der russischen Akademie für Militärwissenschaften, Machmut Garejew, analysierte, im Kriegsgeschehen gehe es heutzutage nicht um das Zerstören einzelner feindlicher Waffen, sondern um die Zerstörung des Informationsraumes und der feindlichen Kommandozentrale.

Leistungsanreiz durch Prämien

Große Hoffnung setzten die russischen Militärs auf das vor vier Jahren eingeführte System der Vertragssoldanten, dass von der Zielplanung her einmal die Hälfte aller Soldaten stellen und das Rückrat der Streitkräfte sein soll. Von den Kontraktniki versprach man sich mehr Disziplin, eine höhere Qualifikation und Kampffähigkeit. Doch weil Ausbildung und Bezahlung nicht attraktiv sind und es immer noch Probleme mit dem Wohnraum für Soldaten gibt, hat man bisher erst 80.000 Vertragssoldaten rekrutiert. Die Fluktuation ist groß. Es melden sich bisher vor allem zwielichtige Personen, die im normalen Berufsleben gescheitert sind. Als Anreiz für gute Leistungen hat Medwedjew jetzt die Einführung eines Prämiensystems angekündigt. 700 bis 3.100 Euro winken den russischen Soldaten für herausragende Leistungen.

Mit Geld allein werden sich Probleme der russischen Armee aber nicht lösen lassen. Die Streitkräfte leiden immer noch an der Dedowtschina („Herrschaft der Großväter“), einem an das Mittelalter erinnernden Ritual, bei dem die jüngeren Jahrgänge die älteren Soldaten bedienen müssen und von diesen schikaniert werden. Im Jahre 2006 wurden nach offiziellen Angaben 6.700 Rekruten von Vorgesetzten misshandelt. 2007 setzten 224 Soldaten ihrem Leben selbst ein Ende. Das waren sieben Prozent mehr als 2006. Nach Einschätzung der russischen Organisation „Soldatenmütter“ sterben pro Jahr etwa 3.000 Wehrdienstleistende, ein großer Teil in Folge von Misshandlungen.

Das größte Problem der Armee ist - neben der inneren Zerrüttung - der Mangel an geeignetem Nachwuchs. 70 Prozent der Jugendlichen im wehrpflichtigen Alter sind aus gesundheitlichen Gründen nicht tauglich. Und weil ab nächstem Jahr die geburtenschwachen Jahrgänge ins wehrpflichtige Alter kommen, denken die Militärs schon jetzt über die Verlängerung des Wehrdienstes von einem auf drei Jahre nach.

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