Der Krieg und die parallelen Herrschaftsstrukturen in „Talibanistan“AFGHANISTAN/PAKISTAN

Der Krieg und die parallelen Herrschaftsstrukturen in „Talibanistan“

Der Krieg und die parallelen Herrschaftsstrukturen in „Talibanistan“

Pakistan hat dem Irak und auch Afghanistan mittlerweile den Rang als bedeutendster Schauplatz im Krieg gegen den islamistischen Terrorismus abgelaufen. Die jüngsten Verhaftungen von Mullah Abdul Kabir (Mitglied des Führungsrates der afghanischen Taliban) und von Mullah Abdul Ghani Baradar (Verantwortlicher für die taktische Planung der afghanischen Taliban) in Pakistan untermauern dies.

Von Sören Scholvin

Dr. Andrea Schmitz  
Sören Scholvin  
  Zur Person: Sören Scholvin
  Sören Scholvin promovierte am Institut für Geographie der Universität Hamburg zum Thema  „Regionale Führungsmächte“ und ist Mitglied des Regional Powers Network am German Institute of Global and Area Studies (GIGA).

Scholvin hat in Münster und Hamburg Geographie, Politikwissenschaft, Mittlere und Neuere Geschichte studiert und befasst sich schwerpunktmäßig mit Geo- und Sicherheitspolitik sowie dem Nahen und Mittleren Osten.

P akistan als reines Expansionsgebiet der Taliban aus Afghanistan zu betrachten, ist dennoch falsch. Im vergangenen Jahr ließen sich zwei Hot Spots der militärischen Konfrontation zwischen der pakistanischen Armee und militanten Islamisten mit einem primär pakistanischen Hintergrund ausmachen: zum einen die nordwestliche Grenzregion – und hier vor allem Süd-Wasiristan, zum anderen das Swat-Tal.

Pakistans militanter Islamismus lässt sich mit den Konzepten der Anti-Staatlichkeit und der parallelen beziehungsweise intermediären Herrschaftsstrukturen erklären. Es ist nicht eine totale Abwesenheit staatlicher Strukturen, die periphere Regionen Pakistans kennzeichnet und die dortige Instabilität begründet. Hingegen treten zu einzelnen Elementen moderner Staatlichkeit parallele und intermediäre Herrschaftsstrukturen, die eine andere Art von Staatlichkeit beschreiben.

Parallele Herrschaftsstrukturen

Parallele und intermediäre Herrschaftsstrukturen in der Dritten Welt (vgl. Schlichte & Wille 2000) schaffen Bedingungen, unter denen das klassische Staatsverständnis, das auf Entwicklungen der europäischen Neuzeit fußt, nicht greift. Wichtigstes Ergebnis hiervon ist, dass Güter, die im klassischen Staatsverständnis öffentlich sind, „kommodifiziert“ – soll heißen wieder privatisiert und so dem schwachen Staat entzogen – werden.

Dies verstärkt in der Dritten Welt einen Trend, dessen Fundament bereits in der unvollständigen post-kolonialen Staatskonsolidierung liegt. Staaten in der Dritten Welt waren in der Regel nie über ihr gesamtes formelles Herrschaftsgebiet gesehen starke Staaten. Stattdessen existierten und existieren unterschiedliche Formen von Staatlichkeit beziehungsweise gesellschaftlicher Organisationen parallel.

Diese Parallelität erklärt sich aus der Mischung formalisierter, sprich vollkommen monetarisierter, und  informeller Ökonomie. Letztere ist geprägt durch nicht-marktförmige Tauschpraktiken, beispielsweise im Rahmen der erweiterten Familie. In der Dritten Welt ist sie essentielle Voraussetzung für die Teilhabe an der formalisierten Ökonomie – soziales Kapital, zum Beispiel die Bindung an Stammeseliten, ermöglicht die Akkumulation von ökonomischem Kapital. Gleiches gilt für den Staat, der nicht als neutraler bürokratischer Apparat wirkt, sondern der Logik sozialer und kultureller Bindungen untergeordnet ist.

Verstärkt wird dieses Phänomen seit den achtziger Jahren durch das Scheitern des Entwicklungsstaates. Indem der Staat sogar den Anspruch auf eine nachholende Staatskonsolidierung aufgibt, zementiert er intermediäre Autoritäten, beispielsweise Stammeschefs, als Mittler zwischen Zentralregierung und Bevölkerung.

Kriminalisierung politischer Macht

Mit der Dominanz informeller Machtgrundlagen geht eine Kriminalisierung politischer Macht einher. Mächtige Akteure sind oftmals mächtig, weil sie ihre Position mit roher Gewalt eingenommen haben und sie mit ähnlichen Mitteln sichern. Informelle Ökonomie und informelle Machtgrundlagen zusammen führen darüber hinaus zur „Kommodifizierung“ (private Sicherheitsfirmen, Schutzgeldzahlungen) und „Kommunalisierung“ (lokale Milizen zum Selbstschutz) von Sicherheit.

Doch bedeutet dies keinesfalls eine einfache Rückkehr in vormoderne Strukturen. Ganz im Gegenteil stärkt die Einbettung in globale, zumeist illegale wirtschaftliche Netzwerke lokale Machthaber. Sie nutzen die Schwäche des Staates, um zunächst ökonomisches Kapital zu akkumulieren und dieses dann in lokal begrenzte politische Macht umzusetzen.

Während die Kommodifizierung von Sicherheit für die folgende Untersuchung des Krieges im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet nicht relevant ist und die informelle Ökonomie nicht im Detail beleuchtet wird, kommt der Kommunalisierung von Gewalt eine zentrale Rolle zu: Je weniger der Staat in der Lage ist, öffentliche Güter zur Verfügung zu stellen, desto stärker werden lokale Machthaber. Sie versuchen allerdings nicht, gänzlich vom Staat unabhängig zu werden, denn ihre Macht resultiert aus ihrer Scharnierfunktion zwischen der Zentralregierung und der Bevölkerung vor Ort. Als Intermediäre setzen sie Vorstellungen übergeordneter Ebenen um, insofern dies mit ihren Interessen vereinbar ist.

Anti-Staatlichkeit

Für die afghanisch-pakistanische Grenzregion, in der weder die internationalen Truppen noch die Zentralregierungen in Islamabad und Kabul über dauerhafte Kontrolle verfügen, hat sich der Begriff „Talibanistan“ eingebürgert. Rasch nachdem die Operation Enduring Freedom die Taliban im Winter 2001-2002 aus Afghanistan vertrieben hatte, begannen sie, die Grenzregion als sicheres Rückzugsgebiet zu nutzen, um sich zu reorganisieren.

Talibanistan ist aus Perspektive der europäischen Staatsbildung zu einer Art „Anti-Staat“ (vgl. Schetter 2008) geworden. Weder gibt es ein Gewaltmonopol und feste Grenzen, noch haben die lokalen Eliten ein Interesse hieran. Sie herrschen in einem vielseitig verwobenen, unüberschaubaren Geflecht politischer Mikrokosmen. Selbst ob die dortigen Taliban nach einem rechtlich geeinten Herrschaftsbereich unter ihrer Kontrolle streben, muss bezweifelt werden. Dies würde den Widerstand der patrimonialen Eliten, der traditionellen Machthaber, auslösen. Gleichzeitig wären die Taliban als quasi-Staatsmacht für die pakistanische Regierung und den Westen leichter angreifbar.

Finanzierung aus Drogenproduktion und Schmuggel

Aus der Anti-Staatlichkeit Talibanistans ergibt sich die militärische Stärke verschiedener Islamistengruppen. Als Guerillakämpfer tauchen sie unter der Zivilbevölkerung unter, ziehen sich in angrenzende Provinzen auch jenseits der Staatsgrenze zurück und entgehen somit zumeist dem Zugriff der pakistanischen Armee beziehungsweise der internationalen Streitkräfte in Afghanistan.

Die Stärke der Islamisten wird wirtschaftlich unterfüttert, denn illegale Wirtschaftstätigkeiten wie Drogenproduktion und Schmuggel blühen in Talibanistan. Das politisch-ökonomische System Talibanistans ist eine Mischung aus Einbindung in globale Prozesse (internationale Kriminalität und internationaler Jihadismus) bei gleichzeitiger Ablehnung internationaler Standards und Beharren auf lokal Bewährtem (tribal-patrimoniale Herrschaft).

Auf Grundlage der Stärke dieser Strukturen wird der Zentralstaat als Bedrohung sowohl der traditionellen Autoritäten und der bewährten Ordnung als auch der neuen global-lokalen Verknüpfungen abgelehnt und bekämpft. In diesem Kampf gegen die von Außen hereingetragene Moderne haben sich bisher paschtunischer Tribalismus und militanter Jihadismus getroffen.

Die Federal Administrated Tribal Areas

Bei den Federal Administrated Tribal Areas (FATA) handelt es sich um eine Region, die zwar formell stets zum pakistanischen Staat gehört hat, de facto aber so gut wie nie von der Zentralregierung kontrolliert wurde. Weder die zentralstaatliche Polizei noch die zentralstaatliche Justiz sind für die FATA von Belang. Steuern werden nicht gezahlt. Selbst die pakistanische Armee darf sich in den FATA, mit Ausnahme an den Landesgrenzen, nicht aufhalten und wird von der Zivilbevölkerung als illegitimer Fremdkörper betrachtet.

Stattdessen gilt das in der britischen Kolonialzeit eingeführte Sonderrecht der Frontier Crimes Regulation. Es beruht auf der kollektiven Haftung ganzer Stämme. Tribale Ältestenräte fungieren als parallele Herrschaftsstruktur in der Praxis als gebündelte Legislative, Exekutive und Judikative. Sie sind mit der Zentralregierung in der Regel durch einzelne Regierungsbeamte verbunden. Diese überlassen die alltägliche Politik den Ältestenräten.

Die gegenwärtigen sicherheitspolitischen Probleme der nordwestlichen Grenzregion haben ihre Wurzeln in den achtziger Jahren. Während der sowjetischen Besatzung Afghanistans bildete das pakistanische Inter-Services Intelligence Directorate (ISI) rund 80.000 islamistische Kämpfer aus. Die Kämpfer konnten leicht in den afghanischen Flüchtlingslagern im Grenzgebiet rekrutiert werden. Dort entstand das, was im Kontext afrikanischer Bürgerkriege oft als „Kalaschnikow-Kultur“ bezeichnet wird. Der anti-sowjetische Jihadismus führte zum Aufstieg moderner Islamisten. Sie stellen seitdem die Einbettung der FATA in weltweite jihadistische Netzwerke dar.

Gesellschaftliche Islamisierung in Pakistan

Parallel zum Guerillakrieg und Terrorismus gegen die Repräsentanten der Sowjetunion in Afghanistan fuhr Militärdiktator Zia ul-Haq eine Kampagne der gesellschaftlichen Islamisierung, die die pakistanische Gesellschaft bis heute geprägt hat. Islamistische und jihadistische Ideologie, insbesondere anti-westliche und anti-indische Verschwörungstheorien, können über das weit ausgedehnte Netzwerk von Religionsschulen leicht Massenwirksamkeit erlangen.

Nach dem Rückzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan wendeten sich die in Pakistan ausgebildeten Islamisten zunächst gegen Indien. Obwohl bereits damals nicht mehr von einer direkten Lenkung aus Islamabad gesprochen werden konnte, entsprachen die Angriffe auf indische Ziele, zumeist in Kaschmir, noch strategischen Interessen der pakistanischen Regierung. Schließlich resultierte bereits das Engagement gegen die Rote Armee in Afghanistan aus der Überzeugung, Indien und die Sowjetunion würden sich gegen Pakistan verbünden und das Land förmlich zwischen sich zerquetschen.

Die Gruppen militanter Islamisten in Pakistan

Die in westlichen Medien zumeist generalisierend als Taliban bezeichneten militanten Islamisten, die in Pakistan aktiv sind, können in fünf Gruppen unterteilt werden (vgl. Bajoria 2008, Yusufzai 2008): Zunächst gibt es Islamisten mit ausschließlich inner-pakistanischen Zielen, die zumeist den Gegensatz zwischen Schiiten und Sunniten widerspiegeln. Zweitens richten sich andere ausschließlich gegen Indien.

Als dritte Kategorie kommen die afghanischen Taliban hinzu. Sie haben sich nach dem Einmarsch der amerikanisch geführten Truppen in Afghanistan rasch im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet reorganisiert. Sie profitieren hierbei bis heute von der Durchlässigkeit der Grenze, ihren tribalen Verbindungen zu den im Grenzgebiet lebenden Paschtunen – fast die gesamte Elite der Taliban ist paschtunisch – und der faktisch nicht vorhandenen zentralstaatlichen Kontrolle der FATA und Teilen Belutschistans. Taliban-Chef Mullah Omar wird beispielsweise seit mehreren Jahren im belutschischen Quetta vermutet.

Viertens gilt ähnlich wie für die afghanischen Taliban, dass sich al-Qaida unmittelbar nach dem Einmarsch der westlichen Truppen jenseits der Grenze reorganisierte. Gerüchte darüber, dass Osama bin Laden sich irgendwo in Belutschistan oder den FATA verstecken soll, halten sich hartnäckig. Amerikanische Sicherheitsexperten vermuten zurzeit 150 bis 500 Kämpfer der inneren Elite al-Qaidas in den FATA. Die Anti-Staatlichkeit im Grenzgebiet – wohlgemerkt verstanden als Autoritäten, die nicht ins moderne Staatsverständnis passen – ist Grundvoraussetzung dafür, dass sich die afghanischen Taliban und al-Qaida dort frei bewegen können.

Fünftens stellen die pakistanischen Taliban eine eigenständige Kategorie dar. Nach groben Schätzungen verfügen sie über 30.000 bis 35.000 Kämpfer. Die hohe Gewaltbereitschaft ihrer oftmals jugendlichen Anhänger, verdeutlicht durch den rapiden Anstieg der Selbstmordanschläge, und ihre neue Strategie, auch Ziele außerhalb der FATA anzugreifen, unterstreichen die Gefahr, die von den pakistanischen Taliban ausgeht.

Die Tabelle veranschaulicht anhand der Opferzahlen, wie der inner-pakistanische Krieg seit dem Einmarsch der amerikanisch geführten Truppen in Afghanistan eskaliert ist:

Jahr

zivile Opfer

getötete Sicherheitskräfte

getötete Aufständische
und Terroristen

Summe  der 
Opfer

 

 

 

 

 

2003

140

            24

25

            189

2004

435

            184

  244

            863

2005

430

            81

137

            648

2006

608

            325

  538

         1.471

2007

1.523

            597

  1.479

         3.599

2008

2.155

            654

  3.906

         6.715

2009

2.307

            1.011

     8.267

       11.585

 

Todesopfer im innerpakistanischen Krieg (Quelle: South Asia Terrorism Portal 2010)

Im Gegensatz zu den afghanischen Taliban vor 2001 sind die pakistanischen Taliban kaum durch eine zentralisierte Hierarchie verbunden. Lediglich die Loyalität gegenüber Mullah Omar, die wegen technischen Kommunikationsproblemen aber zu so gut wie keinen detaillierten Handlungsanweisungen führt, eint sie. Ansonsten zerfallen die pakistanischen Taliban in mehrere Splittergruppen, die von verschiedenen Veteranen des anti-sowjetischen Krieges in Afghanistan angeführt werden.

Bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Taliban

Diese Zersplitterung geht so weit, dass es zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen generalisierend als Taliban bezeichneten Gruppen kommt. Auch in der Konfrontation mit der pakistanischen Armee handeln die pakistanischen Taliban keinesfalls geschlossen. Im Winter 2007-2008 weigerte sich beispielsweise Hafiz Gul Bahadur, dessen Milizen in Nord-Wasiristan waren, Baitullah Mehsuds Kämpfer in Süd-Wasiristan gegen die vorrückende Armee zu unterstützen. Gul Bahadur hatte sich kurz zuvor mit der Armee auf einen Waffenstillstand verständigt. Bei der Offensive im Swat-Tal im vergangenen Jahr handelte die Armee mit Mehsud ein Stillhalteabkommen aus, um sich auf die Islamisten unter Führung von Maulana Fazlullah konzentrieren zu können.

Nichtsdestotrotz haben die pakistanischen Taliban in Wasiristan unter dem Namen Tehrik-e-Taliban Pakistan (Talibanbewegung Pakistans, TeTP) eine gewisse übergeordnete Struktur geschaffen. Seit Dezember 2007 wird sie von 40 hohen Taliban geleitet und verfolgt das Ziel, die Kräfte in Wasiristan für den Kampf gegen die internationalen Truppen und ihre afghanischen Partner jenseits der Grenze zu bündeln. Angesichts der jüngsten Offensive der pakistanischen Armee hat sich der Fokus der TeTP jedoch aus pragmatischen Gründen verschoben. Zurzeit kämpft sie eher in Pakistan als in Afghanistan.

Die regionale Dimension des Krieges: Afghanistan

Die Konfrontation zwischen militanten Islamisten und dem pakistanischen Staat kann nicht ohne den regionalen Kontext des militanten Islamismus in Süd- und Zentralasien verstanden werden. Primäre Bedeutung haben diesbezüglich Vorgänge in Afghanistan. So ist die jüngste Offensive der pakistanischen Armee zu einem großen Teil dem Druck der Obama-Administration geschuldet. Sie hofft, die Lage in Afghanistan dadurch stabilisieren zu können, dass den afghanischen Taliban ihr strategisches Rückzugsgebiet jenseits der Grenze genommen wird.

Bereits unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September 2001 übte die amerikanische Regierung massiven Druck auf dem damaligen pakistanischen Staatschef Pervez Musharraf aus. Dieser legte seine zuvor passive bis wohlwollende Haltung gegenüber den militanten Islamisten in Pakistan teilweise ab. Zahlreiche Organisationen wurden verboten. Eine erste Militäroffensive mit 80.000 Soldaten in den FATA fand 2004 statt.

Allerdings erwies sich das Vorgehen der pakistanischen Sicherheitskräfte als wenig erfolgreich. Die Islamisten tauchten im Untergrund ab oder zogen sich in Landesteile zurück, die außerhalb des Machtbereichs der zentralstaatlichen Organe lagen. Zwar wurden während der Offensive gesuchte Terroristen verhaftet oder getötet. Doch beteiligten sich einige Stämme an Angriffen auf die pakistanische Armee, die zu beträchtlichen Verlusten führten. Eine militärische Entscheidung konnte die Armee nicht erreichen.

Als Reaktion auf die grenzüberschreitenden Aktivitäten der Islamisten setzen die amerikanischen Streitkräfte seit einigen Jahren auf Drohnenangriffe gegen Ziele in Pakistan. Dabei werden zumeist ranghohe Islamisten ausgeschaltet, unter ihnen Baitullah Mehsud im August 2009 und sein Nachfolger Hakimullah Mehsud im Januar 2010. In Einzelfällen trifft es auch Stammesführer, die mit Islamisten kooperieren. Selbst amerikanische Sondereinheiten wie die US Navy Seals sollen in Nacht-und-Nebel Aktionen jenseits der afghanischen Grenze aktiv sein.

Während über etwaige Einsätze der US Navy Seals keinerlei verlässliche Aussagen gemacht werden können, ist belegt, dass die Anzahl der Drohnenangriffe seit 2009 stark zunimmt. Obwohl dicht besiedelte Gebiete zumeist ausgespart wurden, ist es teils zu beträchtlichen Kollateralschäden gekommen: Im Sommer 2009 führten sechs Angriffe zum Tod von mehr als 175 Zivilisten. Ein Angriff am 23. Juni verursachte den Tod von zirka 100 Zivilisten, die an einer Beerdigung teilnahmen. Jedes Dritte Opfer amerikanischer Drohnenangriffe soll ein Zivilist sein.

Die regionale Dimension des Krieges: Indien

Nach Afghanistan kommt Indien eine sekundäre Bedeutung zu. Anti-amerikanische und anti-indische Verschwörungstheorien gehen so weit, dass selbst die Anschläge im Dezember 2009 – eine direkte Reaktion auf die Offensive der Armee in Süd-Wasiristan – als Versuche Indiens und der Vereinigten Staaten, Pakistan zu schwächen dargestellt werden. Besonders beunruhigend ist, dass derartige Anschuldigungen aus pakistanischen Regierungskreisen stammen.

Entsprechend dieser Lesart verfolgen alle Bemühungen, Afghanistan zu stabilisieren und den militanten Islamismus in den FATA zu bekämpfen, das Ziel, Pakistan zu schwächen. In diesen Zusammenhang passt, dass pakistanische Generäle die Anhänger der TeTP und der Tehreek-e Nifaz-e Shariat-e Muhammadi (Bewegung für die Durchsetzung des islamischen Rechts, TNSM), die unmittelbar nach Einmarsch der Amerikaner zirka 10.000 Kämpfer nach Afghanistan schickte, als „pakistanische Patrioten“ bezeichneten, nachdem diese erklärt hatten, Pakistan im Falle eine indischen Invasion zu verteidigen.

Hintergrund derartiger Aussagen ist die Befürchtung in pakistanischen Armee-, Geheimdienst- und Regierungskreisen, Afghanistan und Indien könnten zusammen gegen Pakistan arbeiten und Pakistan von zwei Seiten gleichzeitig bedrohen. Um dies zu vermeiden, gilt es, der Stabilisierung Afghanistans entgegenzuwirken. Die Vermutungen, dass der Anschlag auf die indische Botschaft in Kabul im Oktober 2009 mit Unterstützung des ISI geplant wurde, bestärkt die Einschätzung, dass einige relevante Mitglieder der politischen und militärischen Elite Pakistans bereits sind, mit militanten Islamisten zu kooperieren, um Afghanistan zu schwächen.

An diesem Zuspruch, den militante Islamisten seitens hochrangigen Mitgliedern des pakistanischen Staatsapparates erhalten, wird deutlich, dass die von ihnen erzeugten parallelen Herrschaftsstrukturen – militärisch-terroristische Einheiten, die ohne direkte Kontrolle des Staates agieren – nicht gänzlich in Opposition zum Staat stehen. Sie sind hingegen an den pakistanischen Staaten angebunden und bedürfen der Unterstützung einiger seiner Entscheidungsträger.

Aktivität der Islamisten vom Swat-Tal als Wendepunkt für das Vorgehen der pakistanischen Regierung

Den Wendepunkt für das Vorgehen von Pakistans Armee und Regierung stellten die Aktivitäten der Islamisten ausgehend vom Swat-Tal dar. Das Tal gehört zur North West Frontier Province (NWFP) – nicht zu den FATA – und liegt rund 160km von der Hauptstadt Islamabad entfernt.

Im Swat-Tal war es im November 2007 zu intensiven Gefechten zwischen Armee und Islamisten gekommen, in deren Folge 500.000 der 1,8 Millionen Einwohner flohen. Zwar gelang es der Armee, die Islamisten zum Rückzug in nahe Gebirgsregionen zu zwingen, doch kehrten diese fast zeitgleich mit dem Abzug der Armee zurück. Im Verlauf des Jahres 2008 weiteten die Islamisten dann ihre territoriale Kontrolle im Tal aus und zwangen die Armee zum Rückzug. Nach Angaben pakistanischer Journalisten errichteten sie im Swat-Tal bis zu Beginn des Jahres 2009 rund 70 Scharia-Gerichte.

Im Februar 2009 begannen intensive Verhandlungen zwischen Regierung und Islamisten. Ergebnis war der komplette Rückzug der Armee, der Abbau von Check Points der Islamisten und die Einführung von deren Interpretation der Scharia. Die Folgen für die Bewohner des Swat-Tals zeigten sich rasch: Schulbildung für Mädchen wurde verboten. Frauen durften nur unter Begleitung eines männlichen Verwandten das Haus verlassen. Das Tragen des Schleiers wurde obligatorisch. Kritik am Islam sowie der Verkauf von Musik-CDs und DVDs standen unter Strafe. Darüber hinaus untersagten die Islamisten jedwede Aktivität von Nichtregierungsorganisationen, selbst solche, die sich auf humanitäre Hilfe beschränkte, weil dies angeblich der Verbreitung unislamischer Werte diene.

Die strategischen Besonderheiten des Swat-Tals

Die pakistanische Regierung war gewillt, die Islamisten im Swat-Tal als parallele Herrscher ähnlich wie die Stämme und andere Islamisten in den FATA zu akzeptieren. Grundlage hierfür war, dass diejenigen, die parallele Herrschaftsstrukturen kontrollierten, von Aktionen, die Interessen des pakistanischen Staates direkt entgegenstanden, absahen. Auch versuchten die lokalen Machthaber nicht, einen eigenen modernen Staat als Herauslösung aus dem formell existierenden pakistanischen Staatsverband zu erreichen.

In strategischer Hinsicht unterscheidet sich das Swat-Tal von den vorher bereits von militanten Islamisten kontrollierten Gebieten in Belutschistan und der nordwestlichen Grenzregion dadurch, dass es sehr nah an Islamabad und damit den politischen und militärischen Schaltzentralen des pakistanischen Staates liegt. Horrorszenarien amerikanischer Journalisten skizzierten rasch, wie die Taliban die pakistanischen Atomwaffenarsenale erobern und sodann mit Massenvernichtungswaffen indische Millionenstädte oder amerikanische Ziele in Reichweite der pakistanischen Raketen angreifen würden.

Doch weder diese Erwägungen noch die beträchtliche Stärke der Islamisten im Swat-Tal mit schätzungsweise 4.000 Mann veranlasste die pakistanische Regierung von ihrem Beschwichtigungs- und Verhandlungskurs abzuweichen. Als die Islamisten jedoch vom Swat-Tal aus in den angrenzenden Distrikt Buner eindrangen und weitere Distrikte Vorstöße meldeten, änderte sich das Vorgehen von Armee und Regierung schlagartig.

Die Unfähigkeit der Armee, Buner zu verteidigen – dort kämpften selbstorganisierte Milizen der Bewohner gegen die Islamisten – und der offensichtliche Bruch der Waffenstillstandsvereinbarungen für das Swat-Tal hatten der politischen Elite Pakistans vor Augen geführt, dass sich die Islamisten nicht mehr auf periphere, ohnehin nicht zentralstaatlich kontrollierte Landesteile beschränken wollten. Sie waren zur direkten Konfrontation mit der Zentralregierung übergegangen. Das langjährige informelle Bündnis, das verschiedensten Gruppen militanter Islamisten Handlungsfreiheit in Belutschistan und den FATA garantiert hatte, war nicht mehr tragbar, denn die Islamisten hatten ihre stillschweigende Gegenleistung, die Selbstbeschränkung, beendet.

Folgen und Erfolgsaussichten der Militäroffensive

Bereits vor Beginn der Militäroffensive in Süd-Wasiristan kam es im Herbst 2009 vermehrt zu Anschlägen in ganz Pakistan. Sie müssen als Versuch der Islamisten verstanden werden, die Regierung von der Offensive abzuschrecken. Nichtsdestotrotz marschierten Mitte Oktober 30.000 pakistanische Soldaten nach Süd-Wasiristan ein. Vorbereitet wurde ihr Vorrücken seit Juli durch massive Bombardements mittels Flugzeugen, Helikoptern und schwerer Artillerie. Dies führte zu 90.000 bis 150.000 Flüchtlingen.

Die Erfolge der pakistanischen Armee sind auf den ersten Blick überzeugend: Die militanten Islamisten konnten nirgends langwierig Widerstand leisten. Mit der Eroberung der Stadt Sararogha im November verlor die TeTP ihr Kommando- und Planungszentrum. Die Armee erklärte infolgedessen, dass der Zusammenbruch der TeTP nun unmittelbar bevorstehe. Aus der Sichtweise klassisch symmetrischer Kriegsführung könnte der Sieg der Armee über die TeTP kaum deutlicher sein.

Asymmetrischer Krieg in Süd-Wasiristan

Das Problem besteht darin, dass in Süd-Wasiristan kein symmetrischer – das heißt ein Krieg zweier regulärer Armeen, die sich in Feldschlachten gegenüberstehen – sondern ein asymmetrischer Krieg stattfindet. Die Kämpfer der TeTP versuchen gar nicht, die Armee in der direkten Konfrontation zu besiegen. Sie greifen hingegen weiche Ziele von zivilen Regierungseinrichtungen bis zur Zivilbevölkerung im ganzen Land an und führen in Süd-Wasiristan einen Guerillakrieg. Dieser Guerillakrieg wird ähnlich wie derjenige im Jahr 2004 dadurch gewonnen, dass die Islamisten sich nicht physisch vernichten lassen und die Armee in Hit-and-Run-Aktionen bedrängen. Gleichzeitig kam es bereits am 28. Oktober zu einem Anschlag auf einen belebten Markt in Peshawar mit 74 Todesopfern. Am 2. Dezember griffen Islamisten das Hauptquartier der pakistanischen Marine an. Zwei Tage später starben bei einem Selbstmordanschlag auf eine Moschee in einem von Militärangehörigen bewohnten Viertel 40 Menschen.

Trotz dieser Brutalität der Islamisten, sollte man hinsichtlich der lokalen Unterstützung für sie die Auswirkungen der oft exzessiven Gewaltanwendung seitens der Armee und die in den letzten Jahren stark gestiegenen Kollateralschäden amerikanischer Drohnenangriffe nicht vernachlässigen. Die pakistanische Armee und noch weniger die internationalen Truppen werden keineswegs als Beschützer oder Befreier betrachtet. Wie bereits dargestellt gilt selbst die pakistanische Armee auf Grund paralleler Herrschaftsstrukturen und Anti-Staatlichkeit in den FATA als illegitimer Fremdkörper.

Auch haben die Islamisten in von ihnen kontrollierten Gebieten ein in seinen Inhalten zwar äußerst kritikwürdiges, aber seiner Funktion nach äußerst effizientes Rechtssystem geschaffen. Gewaltverbrechen und Korruption gingen, mit Ausnahme der von den Islamisten selbst verübten Gewalt, deutlich zurück. Im Gegensatz zum völlig ineffizienten pakistanischen Staat verspricht die Umsetzung von Scharia-Recht ein Mindestmaß an Ordnung und wurde in diesem Rahmen selbst von der keinesfalls fundamentalistisch eingestellten Bevölkerung des Swat-Tals begrüßt. Die Form der Herrschaft und Staatlichkeit, die die Islamisten schaffen, hat lokal durchaus Rückhalt.

Allerdings wäre es falsch, von einer breiten Solidarität der Paschtunen mit Islamisten oder gar der TeTP auszugehen. Bereits im November 2006 versammelten sich traditionelle Stammesautoritäten der Paschtunen zu einer Friedenskonferenz. Sie distanzierten sich von den Taliban, erklärten, dass diese nicht Ergebnis der paschtunischen Kultur, sondern der Aktivitäten des ISI in den Achtzigern seien und beschuldigten die Armee, mit den Taliban zu kooperieren. Die TeTP reagiert auf derartige Opposition mit brutaler Gewalt: In den vergangenen Jahren sollen Anhänger von Mehsud mehr als 200 Stammeschefs, die sie in Verdacht hatten, mit der Regierung zusammen zu arbeiten, ermordet haben.

Das Sunni Awakening als Model für die FATA?

Ähnlich wie beim Sunni Awakening im Irak könnten die Stämme in den FATA wegen der sich bereits im vollen Gange befindenden Konfrontation mit Islamisten zum Trumpf der Regierung werden. Als al-Qaida im Irak im Sommer 2006 begann, in von ihr kontrollierten Gebieten ihre Version von Scharia-Recht durchzusetzen, wandten sich die vorher mit ihr gegen die Amerikaner kämpfenden sunnitischen Araber, vor allem sunnitisch-arabische Stämme, gegen al-Qaida und bekämpften die Islamisten zusammen mit den amerikanisch geführten Truppen. War es zuvor für die Amerikaner nicht möglich, erobertes Gebiet im Irak dauerhaft in der Fläche zu kontrollieren und so die Rückkehr al-Qaidas zu unterbinden, übernahmen nun die Stämme diese Aufgabe.

Ähnliches ist für die FATA denkbar: Die pakistanische Armee vertreibt mit westlicher Hilfe die Islamisten, zieht sich anschließend zurück und überlässt die regionale Kontrolle Stammesmilizen, die von der Zentralregierung finanziell und mit Waffen unterstützt werden. Die jüngsten Erfolge der Armee im Bajaur Distrikt, die Zerstrittenheit der Islamisten und selbst der TeTP sowie die zunehmend Taliban-feindliche Haltung der Patschtunen deuten in diese Richtung.

In Afghanistan haben sich bereits im Januar Älteste des 400.000 Personen umfassenden Schinwari-Stammes dazu verpflichtet, die Zentralregierung und die internationalen Truppen im Kampf gegen die afghanischen Taliban zu unterstützen. Im Gegenzug lassen die Amerikaner dem Stamm unter Umgehung der afghanischen Regierung Entwicklungshilfeleistungen im Wert von einer Million US-Dollar zukommen – ein modelhafter Fall paralleler Herrschaftsstrukturen.

Es ist auch denkbar, dass die Militäroperation in Süd-Wasiristan als Warnung ausgereicht hat, um Islamisten und Stämme zur Rückkehr zum ursprünglichen modus vivendi zu veranlassen. Sie würden erneut als parallele Herrschaftsstruktur durch den Zentralstaat akzeptiert, falls sie von grundlegend konfrontativem Verhalten absähen. Nicht-pakistanische Kräfte werden hingegen intensiv bekämpft: Nimmt man Tötungen und Verhaftungen durch die pakistanische Armee als Maßstab, so sind keinesfalls pakistanische Islamisten, sondern afghanische Taliban in Pakistan das Hauptziel der aktuellen Sicherheitsoperationen im ganzen Land.

Nicht übersehen sollte man bei einer solchen Strategie allerdings, dass dies parallele beziehungsweise intermediäre Herrschaftsstrukturen (die Stämme) und Anti-Staatlichkeit (formelle Integration der FATA in Pakistan bei faktischer Autonomie) verfestigen würde. Mit dem einst von westlichen Regierungen laut verkündeten, hehren Ziel der Demokratisierung der Region ließe sich dies nicht vereinbaren.

Auch die Frage nach dauerhafter Stabilität könnte angesichts der Unbeständigkeit von parallelen Herrschaftsstrukturen und Bündnissen mit intermediären Herrschern, ganz zu schweigen von grundsätzlichen Fragen der (in)stabilen Staatlichkeit Pakistans, nicht positiv beantwortet werden.

*

Literatur

Bajoria, J. (2008): Pakistan’s new generation of terrorists. CFR Backgrounder, online: http://www.cfr.org/publication/15422/ (Zugriff: 22.2.2010)

Schetter, C. (2008): Talibanistan oder das Ende staatlicher Ordnung. In: Wissenschaft & Frieden 26.3, S. 22-24
Schlichte, K. & Wille, B. (2000): Der Staat und einige seiner Zeitgenossen – zur Zukunft des Regierens in der »Dritten Welt«. In: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 7.2, S. 359-384

South Asia Terrorism Portal (2010): Facilities in terrorist violence in Pakistan, 2003-2010. online: http://www.satp.org/satporgtp/countries/pakistan/database/casualties.htm (Zugriff: 22.2.2010)

Yusufzai, R. (2008): A who’s who of the insurgency in Pakistan’s North-West Frontier Province I – North and South Waziristan. Jamestown Foundation Terrorism Monitor 6.18, online: http://www.jamestown.org/single/?no_cache=1&tx_ttnews%5Btt_news%5D=34574 (Zugriff: 5.11.2009)

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