Der Nordmann aus dem EisESKIMOS

Der Nordmann aus dem Eis

Ein paar Haare und Knochenreste waren noch übrig. Weit weniger als vom Ötzi. Daraus haben Forscher nun das Erbgut eines über 4.000 Jahre alten Mannes aus dem Arktikeis entziffert. „Inuk“, wie der Ur-Grönländer genannt wird, hatte braune Augen, war Bauchträger und seine Ahnen kamen aus Sibirien.

Von Hans Wagner

I m Vergleich zum Südtiroler Gletschermann Ötzi war von dem Mann aus dem grönländischen Eis nicht allzu viel erhalten. Aber immerhin soviel, dass Wissenschaftler nun nicht nur das Alter, sondern auch das Aussehen rekonstruieren konnten. Das Ergebnis der langwierigen Untersuchung: der Mann aus Grönland war Angehöriger der Saqqaq-Kultur. 4.000 Jahre lang hatte der Permafrost seine Überreste konserviert.

Diesem Ur-Eskimo gaben die Forscher den Namen „Inuk“. Für seine „Nachfahren“, die grönländischen „Inuit“, wie sich die „Eskimos“ selbst nennen, bedeutet das schlicht und einfach „Mensch“ oder „Mann“ und  dieses Wort ist zugleich der Singular von „Inuit“.

Genetisch ein Fremder

Der frühe Arktisbewohner, dessen Erbgut nun zu 79 Prozent entziffert werden konnte, hatte braune Augen, vorstehende Vorderzähne und anscheinend Haarausfall. Außerdem gehörte er der Blutgruppe „A positiv“ an. Mit seinen Fettpolstern (ein hoher Body-Mass-Index) war er sehr gut an das kalte Klima angepasst.

Untersucht hat ein Forscherteam um den dänischen Humangenetiker Eske Willerslev die Abstammung des Urgrönländers. Ihre Ergebnisse haben die Wissenschaftler in der angesehenen britischen Zeitschrift Nature veröffentlicht. Sie enthüllten, dass die Gene von Inuk eigentlich mit denen der frühen Grönländer nur wenig bis so gut wie nichts zu tun haben. Am engsten ist „Inuk“ demnach mit heutigen Bewohnen des nordöstlichen Sibiriens verwandt. Er dürfte also von Zuwanderern aus den riesigen Weiten des russischen Nordostens abstammen. Wie und warum seine Vorfahren sich ausgerechnet ins kalte Grönland aufmachten, konnte bislang nicht geklärt werden. Immerhin mussten diese frühen Eurasier Tausende von Kilometern zurücklegen, um vom kalten Sibirien aus das kalte Grönland zu erreichen.

Spurlos verschwunden

Die Kultur der Saqqag, der man „Inuk“, den Mann aus dem Permafrost zurechnet“, ist geheimnisvoll bis auf den heutigen Tag. Auch wenn man nun das Genom eines ihrer Vertreter zu mehr als drei Vierteln entziffert hat. Diese Paläo-Eskimos sind längst ausgestorben. Dreieinhalb bis zweieinhalb Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung tauchten ihre Spuren auf. Viereinhalbtausend Jahre später, um 800, verschwanden sie sang und klanglos. Ihre Hinterlassenschaft ist spärlich.

Der aus einem Haarbüschel und ein paar Knochensplittern rekonstruierte „Inuk“ ist am ehesten mit Menschen aus Ostsibirien aus den Gruppen der Tschuktschen, Korjaken und Nganasanen verwandt.

Waren es Abenteurer oder hatten sie sich verirrt?

„Inuk“ ist also vermutlich Sibirer. Er und seine Sippe müssen sich vor etwa 5.000 Jahren von ihren sibirischen Verwandten getrennt und auf den Weg nach Grönland gemacht haben. Auf welchem Weg sie kamen, ist unbekannt. Ob sie ein klares Ziel hatten oder sich verirrten weiß niemand.

Sie mussten erst den Pazifik, dann Nordamerika und schließlich den Atlantik bis Grönland überwinden, ehe sie auf die Eisinsel gelangten. Das mutet an, als seien sie aufs Geradewohl losgezogen. Immer weiter. Denn dass sie einen Begriff von Grönland hatten, wo sie eines Tages landeten, ist nicht wahrscheinlich.

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