Der Ritt zur russischen Vulkan-InselEURASIEN-TOUR

Der Ritt zur russischen Vulkan-Insel

Der Ritt zur russischen Vulkan-Insel

Russland kann man aus dem Fenster der Transsibirischen Eisenbahn kennenlernen oder mit dem Motorrad erkunden, wie Ralf Lützgendorf, der bei jedem Stopp auf hilfsbereite Menschen traf.

Von Ulrich Heyden

D ie machen Dich tot“, warnten Freunde. „Du kommst nie wieder.“ Doch die Warnungen konnten Ralf Lützgendorf nicht davon abhalten, mit dem Motorrad einmal quer durch Russland zu fahren. Nach monatelangen Vorbereitungen ging es im April letzten Jahres los. Der Ritt bis in die Mongolei und wieder zurück nach Leipzig, dauerte fast sechs Monate.

„Endlich isser weg“, flaxte Ralf in seinem Blog. In den nächsten Zeilen steckte dann schon ein bisschen Wehmut. „Ich danke allen, die mir diese Fahrt ermöglichen, vor allem meinen Kindern.“  - Den Blog hat Ralf von seiner Tochter Nora geschenkt bekommen, denn die wollte doch wissen, wie es Vater dort in den russischen Weiten so ergeht.

Einfach so nach Sibirien fahren? „Nun ja“, erzählt Ralf. „Es gab ein Ereignis im persönlichen Umfeld und dann habe ich mir gesagt, jetzt mache ich es.“ Seinen Job als Statiker hat der 51jährige kurz vor Reisebeginn gekündigt. Dass er nach seiner Rückkehr wieder eine Arbeit findet, daran zweifelte er nicht. Lützgendorf  hat schließlich auch schon viele Jahre als Selbstständiger gearbeitet.

Einen Monat zu früh losgefahren

Kaum hat der wagemutige Motorradfahrer die russische Grenze überquert, wird ihm plötzlich klar, dass er einen Monat zu früh gestartet ist, denn auf den Straßen ist es noch kühl und die Feldwege tauen gerade erst auf. Die Suche nach einem Zeltplatz wird deshalb immer zu einem Wagnis, denn man riskiert, dass die Maschine in einem Schlammloch stecken bleibt. Der Winter soll den Reisenden noch lange begleiten. Selbst als Lützgendorf später an den Baikalsee kam– da war es immerhin bereits Mai – war dieser noch zugefroren.

Manchmal übernachtet Ralf auch im Hotel, so etwa in dem kleinen russischen Ort Novosokolniki, gleich hinter der lettisch-russischen Grenze. Den Daheimgebliebenen berichtet er: „Ich habe dann gut geschlafen, nachdem ich mit übermäßig gechlortem Wasser geduscht hatte, welches aber eigentlich wie Jauche stank. Ich habe mich heute nochmal geduscht.“

Höchstgeschwindigkeiten empfinden Russen als lächerlich

In Moskau wohnt der Abenteurer ein paar Tage bei Bekannten aus Leipzig. Der Reisende wundert sich über die vielen streunenden Hunde. Noch etwas wundert ihn. „Jedes Quadratmeterchen“ Parkfläche sei mit Autos vollgestellt, schreibt er im Blog. „Und auf den Boulevards ist Straßenkampf, Maybach gegen X5 oder Cayenne.“ Motorräder sehe man hin und wieder auch. Doch das Hindurchschlängeln durch die Automassen „ist eigentlich Kamikaze“. Wenn eine Ampel auf Grün schaltet, sei es wie bei einem Formel-1-Rennen. „Mit ohrenbetäubendem Lärm prescht man los.“ Die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit von 60 Stundenkilometern empfänden die Russen als „lächerlich“.

Für die 34.500 Kilometer Leipzig-Kamtschatka-Leipzig hat Ralf seine sechzehn Jahre alte BMW F650 fit gemacht. Er hat neue Schwungfedern eingebaut und neue Reifen aufgezogen. Für „Käthe“, wie er die alte Kiste liebevoll nennt, werde er in Sibirien leichter Ersatzteile finden, so die Überlegung, die sich schon bald bewahrheitet. Zur Reisevorbereitung gehört auch das Auffrischen der Russisch-Kenntnisse. Dafür belegt Ralf an der Volkshochschule mehrere Kurse.

Diese Art Reisevorbereitung war noch angenehm. Doch bei der Beschaffung der Visa hörte der Spaß auf. Das war eine zähe Angelegenheit. Deshalb hatte er den Job einem kleinen Leipziger Reisebüro übergeben. Bei dem Visum musste Ralf sich etwas einfallen lassen. Weil es für Russland-Touristen nur 90-Tage-Visa gibt, Ralf aber sechs Monate durch Russland fahren wollte, machte der Abenteurer aus der Not eine Tugend. Anfang Juli - etwa auf der Hälfte der Strecke – verlässt Ralf russisches Territorium und macht einen Abstecher in die Mongolei. Nach einer abenteuerlichen Tour durch die Wüste Gobi, steht Lützgendorf dann Anfang August wieder mit seiner „Käthe“ an der russischen Grenze und startet zum zweiten Teil seines Russland-Trips.
 
Weiter geht es Richtung Pazifik. Und je weiter Ralf nach Osten kommt, desto offener und gastfreundlicher werden die Russen. Wann trifft man in der sibirischen Einöde schon mal einen waschechten Deutschen? Auf jeder Tankstelle wird der Leipziger ausgefragt, „otkuda?“ (Woher kommen Sie?). Wo er hin wolle und warum? Wie viel PS das Motorrad habe und immer wieder die Standardfrage: Wie viel kostet ein gebrauchter Mercedes in Deutschland?

Hilfsbereite Russinnen

Ein paar Adressen in Russland hatten ihm Freunde in Leipzig mitgegeben. Doch viele Leute lernt Ralf auf der Straße kennen. „Das ist der große Vorteil, wenn man mit dem Motorrad unterwegs ist. Im Auto ist man ja eingekapselt.“ Und wenn er sich in einer Stadt verfahren hatte, fand sich immer eine hilfsbereite Personen, meist Frauen, die ihm weiterhalfen.  Selbst mitten im Moskauer Verkehrsgewühl stieg einmal eine Frau aus ihrem Wagen und zeigte ihm den Weg. Mehrere Mal wurde Ralf von wildfremden Menschen nach Hause eingeladen. Stundenlang habe man zusammen gesessen. Mit Sehnsucht erinnert er sich an „leckere Salate“ und „Blinis“ (gefüllte Pfannkuchen).

Das Schönste sei gewesen, „das ganz stinknormale Leben in einer russischen Familie mitzuerleben.“ Die Russen wollten einfach „alles wissen, ob man Kinder hat, wie es zuhause aussieht und so weiter.“ Zum Glück hat Ralf ein Fotoalbum mit Familienbildern dabei, ein Tipp von seiner Russischlehrerin in Leipzig. Über Bilder klappt die Kommunikation immer. Nachts, nach langen Gesprächen, sinkt der Abenteurer erschöpft ins Bett.

„Lebt Eure Träume!“

Ende Mai, nach fast zwei Monaten quer durch Eurasien, kommt Ralf schließlich im fernöstlichen Chabarowsk an. Zum Pazifik ist es nur noch ein Katzensprung von 300 Kilometern. Doch weil nicht klar ist, ob auf die Halbinsel Kamtschatka ein Schiff fährt, steigt Ralf in einen Flieger. Blog-Eintrag vom 28. Mai: „Ein Wunschtraum ist nun nach 30 Jahren in Erfüllung gegangen.“ Beim Anflug auf Petropawlowsk-Kamtschatski habe er schon die ersten Vulkane gesehen. „Die Landschaft (ist) noch weitgehend in Wieß gehüllt.“ Der Blogeintrag endet euphorisch. „P.S.: Lebt eure Träume! Danach gibt es neue.“
 
Der Traum, einmal auf die russische Vulkan-Insel Kamtschatka zu reisen, wurde vor 30 Jahren geboren. Damals kletterte Lützgendorf im Elbsandsteingebirge mit Freunden und einer der Freunde schenkte ihm einen Bildband über die Halbinsel mit den Vulkanen.

Auch auf der Halbinsel kommt der Reisende schnell mit Einheimischen in Kontakt. Auf der Suche nach einem Zeltplatz in der Nähe des Ortes Jelisowo, lernt er eine junge Familie kennen, Alexej mit seiner bezaubernden Frau, die der korjakischen Minderheit angehört. Dazu gehört noch die zweieinhalbjährige Tochter Mascha. „Eh ich mich versehen konnte, fuhren mich die drei in ihrem Geländewagen zum Fuß der Vulkane, Korjatskaja und Avatschinskaja.“

Begegnung mit einem Bären

Als Ralf dann alleine am Fuß der Vulkane durch die Taiga wanderte, gab es eine Überraschung. Durch sein Teleobjektiv sah er einen Bären, der direkt auf ihn zukam. Einem Rat aus Deutschland folgend, blieb der Wanderer ruhig sitzen. Doch „Mischka“ (der Bär) nähert sich unbeirrt. Als das Tier auf 150 Meter herangekommen war, versuchte Ralf ihn mit Händeklatschen zu verschrecken. Ausdauerndes, lautes Händeklatschen war mir ja „noch aus FDJ-Zeiten geläufig“, schrieb er in seinem Blog. Doch auf Ausdauer kam es diesmal nicht an. „Schon beim ersten Klatschen erhob sich das gute Tier auf seine Hinterbeine und verschwand grußlos im Wald.“

Neue Bekanntschaften machte Ralf auch immer dann, wenn „Käthe“ nicht weiter wollte. Es dauerte nie lange, und er wurde von wildfremden Passanten im Auto in irgendeine Werkstatt eines Bikers oder in die Hallen eines Bahnbetriebswerks gelotst, wo man ihm kostenlos Dichtungsringe auswechselt oder  Rückspiegel und Gepäckträger anschweißte. „Das Abenteuer in Russland sind die Menschen“, meint Ralf.

In Nowosibirsk findet er – oh Wunder – doch tatsächlich eine Firma, die Lenkkopflager für sein deutsches Motorrad auf Lager hat. Und in Ulan-Ude an der Grenze zur Mongolei, zieht der Biker Sascha einen neuen Vorderreifen auf. Der stammt zwar von einem russischen Ural-Motorrad, passt aber, wenn man ohne Schutzblech fährt.

Ersatzteile aus Deutschland per Handy in die Wüste geliefert

In der Hauptstadt der Mongolei trifft sich der Reisende mit seiner Tochter und deren Freund. Zwei Wochen geht es gemeinsam durch die Wüste Gobi. Die beiden Neuankömmlinge begleiten den Motorradfahrer in einem Geländewagen. Doch gerade jetzt, wo die Tochter da ist, werden die Probleme mit Käthe ernst. Nach 230 Kilometern, mitten in der Wüste, gibt das Zweirad plötzlich seinen Geist auf.  Käthe muss am Seil zehn Kilometer bis zur nächsten Jurte geschleppt werden.

Das Zweirad dabei auf der Sandpiste in der Spur zu halten, erfordert die ganze Kunst des Fahrers. Aber es läuft alles gut. Doch mitten in der Wüste funktioniert überraschend die Handy-Verbindung und nach nur vier Tagen kommt das ersehnte Ersatzteil, ein neuer Gleichrichter, direkt aus Leipzig. Diese Express-Sendung in die Wüste war nur möglich, weil Migranten aus der Mongolei in Deutschland ein Netzwerk haben, über die Privatpost und kleine Pakete in die Heimat transportiert werden. Von diesem Netzwerk profitierte nun auch Ralf. Eine mitreisende Mongolin, bat einen befreundeten Landsmann, der in Berlin lebt, das Ersatzteil aus Leipzig zum Berliner Flughafen Schönefeld zu bringen, und dort einem wildfremden Mongolen zu übergeben, der in die mongolische Hauptstadt Ulaanbaatar flog.

Partisanenlieder in der Jurte

Schon auf den russischen Fernstraßen, besonders aber in der Mongolei, gab es zahlreiche Treffen mit Weltbummlern, die per Fahrrad oder Motorrad unterwegs waren, darunter Deutsche, Engländer, Franzosen und Australier. Mit den Einheimischen in der Mongolei war der Kontakt schwieriger als in Russland. Ralf kann kein Mongolisch. Doch der Sachse kann Singen, was für die Mongolen die geliebte Freizeitbeschäftigung ist. In jeder mongolischen Kleinstadt findet man eine Karaoke-Bar. Und wer zum Essen in eine Jurte eingeladen wird, „kann darauf wetten, dass beim darauffolgenden Schnaps dieses oder jenes Lied zum Besten gegeben wird.“

Wieder war der Leipziger gut vorbereitet. Er hatte ein Liederbuch dabei. Und das Revolutionslied „Partisanen vom Amur“ kannten auch die Mongolen noch. So wurden auch die anstrengenden Touren über Schotter- und Sandpisten schön, weil man sich immer wieder auf feuchtfröhliche Abende in einer Jurte freuen konnte.

Groß war auch die Freude, als Ralf Ende September mit seiner unverwüstlichen Käthe wieder in Deutschland eintrudelte. Das Wiedersehen mit Familienangehörigen und Freunden sei nach dieser langen Reise besonders intensiv gewesen, erzählt der Abenteurer.

Weitere Informationen:

Der Reise-Blog  „Von Leipzig nach Kamtschatka“ http://ralf.luetzgendorf.de/

Die Strecke: Leipzig, Moskau, Kasan, Omsk, Irkutsk, Ulan-Ude (Abstecher nach Jakutsk und nach Ulan Bataar), Chabarowsk, Petropawlowsk-Kamtschatski. Der Rückweg nach Leipzig fast auf der gleichen Strecke. Gesamtlänge: 34.500 Kilometer.

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