Der Ruf der SaigasKASACHSTAN

Der Ruf der Saigas

Der Ruf der Saigas

Zur Lammzeit im Frühjahr reiste die Biologin Aline Kühl in die Steppe Kasachstans und machte sich auf die Suche nach den ältesten Nomaden Eurasiens: den Saiga-Antilopen. Die Forscherin wollte herausfinden, ob die Tierart wirklich kurz vor dem Kollaps steht, wie es pessimistische Prognosen seit langem vorhersagen.

Von Edda Schlager

Letztes Auftanken vor der menschenleeren Steppe  
Letztes Auftanken vor der menschenleeren Steppe  

Beifußpflanzen bis zum Horizont, würziger Wermutduft. Lerchen schwirren in der Hitze unter tiefem Himmel. Und dazu dieser durchdringende Ton, der von Böen herangetragen an- und abschwillt: Ein Röhren. Ein Blöken, das herüberweht, hierher unter den verlassenen Adlerhorst wo Aline Kühl an diesem Abend durch ihr Fernglas späht.

Aline ist Biologin, und für solche Momente wie diesen würde sie jederzeit wieder von London bis weit in den Westen Kasachstans reisen. Die 24-jährige Wissenschaftlerin hat ein Studienobjekt, das sie nur hier in der eurasischen Steppe findet. Sie erforscht Saiga-Antilopen. – Und eben in diesem Augenblick ziehen 50 dieser Tiere einander zurufend in 300 Metern Entfernung an ihr vorbei.

Selbst in dieser abgelegenen Ecke des Landes hat der Anblick einer Gruppe von Saigas Seltenheitswert. Wilderei brachte die Antilopen an den Rand des Aussterbens. Nach einem Bericht des World Wildlife Fund For Nature (WWF), einer der größten unabhängigen Naturschutzorganisationen, erleiden sie derzeit den weltweit drastischsten Bestandsrückgang einer großen Wirbeltierart. Noch Anfang der 90er Jahre lebten mehr als eine Million Saiga-Antilopen zwischen Kaspischem Meer und Mongolei, doch in nur zehn Jahren ist ihr Bestand um 95 Prozent geschrumpft. Insgesamt kaum mehr als 40.000 Tiere existieren heute noch in der Mongolei, in Kalmückien nördlich des Kaukasus und in Kasachstan.

Die Tiere, die Aline durch ihr Fernglas beobachtet, sind kleiner als Damhirsche, und sie haben diese unverwechselbare Nase, die als Staub- und Kühlfilter beim schnellen Lauf durch die Steppe dient. Jetzt allerdings trotten die Antilopen gemächlich grasend dahin. Immer wieder blicken sie aufmerksam um sich. „Sie sehen uns“, ist sich Aline sicher. Und sie ist erleichtert, daß den Tieren die Anwesenheit des kleinen Expeditionsteams nichts auszumachen scheint.

Überha upt, die Erleichterung an diesem Tag Anfang Mai könnte größer nicht sein. Am Morgen noch hätte keiner aus der Mannschaft um Expeditionsleiter Yuri Grachev geglaubt, das abendliche Lager inmitten von Saiga-Antilopen aufzuschlagen. Die Tiere, deren röhrende Stimmen die abendliche Stille durchbrechen, haben das Lager bald vollständig eingekreist. Doch der Ruf der Saigas ist niemandem lästig. Im Gegenteil, genau deshalb sind die Wissenschaftler hier hergekommen.

Eine Expedition ins Ungewisse

  200.000 Quadratkilometer Steppe und Halbwüste. Auf dem Ustjurt-Plateau
  200.000 Quadratkilometer Steppe und Halbwüste. Auf dem Ustjurt-Plateau

Eine Woche zuvor: Yuri Grachev, Saiga-Experte am Zoologischen Institut in Almaty, und Aline Kühl, Doktorandin vom Imperial College in London, starten mit ihren Helfern von Almaty aus in Richtung Ustjurt-Plateau. Vier Autotage auf der Nationalstraße gen Nordwesten, an Turkestan, dem Weltraumbahnhof Baikonur und dem Aralsee vorbei bis nach Shalqar, einer kleinen Stadt im Aktubinsker Oblast. Von dort nach Süden, an der sich endlos hinziehenden Gaspipeline zwischen Buchara und Samara entlang.

Die letzte Tankfüllung gepanschten Sprits bekommt der vierradgetriebene Uaz in einem Dorf an der Gas-Trasse, das sich der Invasion durch heranziehende Dünen gerade noch widersetzen kann. Trotz staubiger Straßen, Gemeinschaftsbrunnen auf dem Dorfplatz und Kulturhaus aus Sowjettagen mutet es wie die letzte Bastion der Zivilisation an. Umso mehr, als es bald hinter dem Uaz zurückbleibt und sich nichts als menschenleere Weite von Horizont zu Horizont zieht.

Hier beginnt das Ustjurt-Plateau – und die Arbeit der Zoologen. Sie wollen die ökologische Situation der Saiga-Antilopen besser verstehen. „Monitoring“ nennt sich so eine regelmäßige Bestandsaufnahme im Wissenschaftsdeutsch. Doch um eine vollständige Zählung der Tiere geht es den Forschern diesmal nicht. „Wir haben es auf die Kälber abgesehen. Auch mit Informationen über deren Anzahl und Verbreitung, Größe und Gewicht läßt sich der Zustand einer Population einschätzen“, erläutert Aline. „Irgendwann jetzt bringen hier Hunderte von Saiga-Weibchen dichtgedrängt ihre Jungen zur Welt. Die müssen wir finden“ – Das Ziel scheint nahezu wahnwitzig: Vor den Wissenschaftlern liegen 200.000 Quadratkilometer Steppe.

Saigas leben seit Jahrtausenden in den eurasischen Steppen

Sind die Saigas schon weiter im Norden? Die Forscher am Rande des Ustjurt-Plateaus  
Sind die Saigas schon weiter im Norden? Die Forscher am Rande des Ustjurt-Plateaus  

Das Ustjurt-Plateau westlich des Aralsees ist mit weniger als einem Einwohner pro Quadratkilometer die am dünnsten besiedelte Region Kasachstans und einer der letzten Lebensräume für Saiga-Antilopen. Über das Plateau verläuft eine Wanderroute der Tiere, die sie wohl schon seit Jahrtausenden nutzen. Saigas sind migrierende Steppenbewohner, die ältesten „Nomaden“ Eurasiens sozusagen, die die Grasländer der Steppen und Halbwüsten abweiden. Bis zu 50 Kilometer legen sie dabei pro Tag zurück.

Die Saigas, die Aline und Yuri erforschen, überwintern meist in Usbekistan. Im Frühjahr überqueren sie die Grenze nach Kasachstan und ziehen über das Plateau hinweg weiter in den Norden des Landes. Mit den ersten Frösten geht es im Herbst wieder zurück in den wärmeren Süden.

Die Frühjahrswanderung bringt ein Großereignis im Leben der Antilopen mit sich, für das der gesamte nordwärts strebende Tross ein paar Tage ins Stocken gerät. Die Saigas bringen ihre Jungen zur Welt. Großereignis ist hier wörtlich gemeint, denn während die Antilopen den Rest des Jahres in kleineren Gruppen von maximal einigen hundert Tieren unterwegs sind, treffen sich im Frühjahr die Weibchen der gesamten Population, um gemeinsam zu kalben. Auf nur wenigen Quadratkilometern werden dann innerhalb einer knappen Woche 80 Prozent der Kälber geboren.

Massenkalben als Anti-Raubtier-Strategie

  Internationale Hilfe. Yuri Grachev und Aline Kühl setzen sich für die bedrohten Saiga-Antilopen ein.
  Internationale Hilfe. Yuri Grachev und Aline Kühl setzen sich für die bedrohten Saiga-Antilopen ein.

Das Massenkalben hat seinen Sinn. „Wenn binnen weniger Tage auf so engem Raum Tausende von jungen Saigas auf die Welt kommen, ist das Risiko, von Wölfen gefressen zu werden, für jedes einzelne Kalb deutlich geringer, als wenn die Weibchen einzeln und zeitlich versetzt gebären würden“, erklärt Aline die dahinter stehende „Taktik“. Angesichts der dezimierten Bestände befürchten Aline, Yuri und ihre Kollegen nun, dass die Schutzstrategie der Saigas bald nicht mehr aufgehen könnte. Die vergangenen Jahre haben bereits gezeigt, daß sich die Dichte der Herde während des Kalbens verringert und die Kälber deshalb eher gefährdet sind.

Deshalb interessiert Aline, wie die Tiere sich in diesem Jahr verhalten. „Wir wollen wissen, wo die Saigas kalben und ob man von einem Massenkalben überhaupt noch sprechen kann“, so die Biologin. Dazu müssen die Wissenschaftler die Tiere allerdings erst einmal finden. Unentbehrliche Utensilien der Forscher sind deshalb ab jetzt Fernglas, Karte und das Navigationssystem GPS. Jede Staubwolke am Horizont wird begutachtet, jeder Fußabdruck einer Antilope kartiert. – Wie viele Tiere sind hier vorbeigekommen? Waren sie vor oder nach dem Regen da? Wohin und wie schnell sind sie gelaufen?

Vor allem Yuris jahrelange Erfahrung kommt bei der Suche zum Einsatz. Seit mehr als 20 Jahren reist er den Antilopen in der Steppe hinterher. Er hat es noch miterlebt, wie es war, als Tausende Saigas mit auf- und abwippenden Rücken dicht gedrängt dahinrasten und ganze Dörfer in Staubwolken hüllten. Solche Herden gehören der Vergangenheit an.

Saigas wurden zur Sowjetzeit geschützt, aber auch gejagt

Saiga-Kälber liegen die ersten Lebenstage fast regungslos am Boden.  
Saiga-Kälber liegen die ersten Lebenstage fast regungslos am Boden.  

Dabei haben die Antilopen eine Bestandsabnahme wie die jetzige schon einmal überstanden. Vor knapp hundert Jahren waren sie nahezu ausgerottet. Ein rigoroses Jagdverbot in der noch jungen Sowjetunion rettete sie damals. Unbehelligt blieben die Saigas trotzdem nicht. Als ihre Zahl Ende der 50er Jahre wieder auf zwei Millionen gestiegen war, entdeckte man, daß es kaum ein billigeres Nutztier gab. In den folgenden vier Jahrzehnten entstand ein einmaliges Wildtier-Management unter staatlicher Kontrolle, das die Bestände nie so weit angriff, daß der Gewinn aus dem Verkauf von Fleisch, Häuten oder Hörnern gefährdet gewesen wäre. Manchmal wurden mehr als 200.000 Antilopen in der Steppe zusammengetrieben und geschlachtet.

Seitdem die postsowjetische Wirtschaftskrise die meisten Bewohnern der ländlichen Steppengebiete Kasachstans oder Südrusslands in die Arbeitslosigkeit getrieben hat, betrachten viele von ihnen die Jagd als einzigen Ausweg, um zu überleben. Neben dem Fleisch sind es vor allem die 20 bis 30 Zentimeter langen Hörner der Saiga-Männchen, die für Wilderer von Wert sind. In China gelten sie als wirksames Mittel gegen Fieber – und sie werden gut bezahlt. Anfang der 90er Jahre konnte ein Kilogramm Saiga-Horn auf dem Schwarzmarkt bis zu 750 Dollar einbringen. Allein in Ustjurt dezimierten Wilderer die Tiere deshalb von über 250.000 im Jahr 1992 auf knapp 13.000 im Jahr 2003.

Wegen der in China begehrten Hörner werden die Männchen immer weiter dezimiert

  Aline und Jurij untersuchen die Kälber. Mit GPS wird der Fundort bestimmt.
  Aline und Jurij untersuchen die Kälber. Mit GPS wird der Fundort bestimmt.

Selbst Schutzmaßnahmen konnten der Wilderei bisher keinen Einhalt gebieten. Seit 1994 fallen Saigas unter das Washingtoner Artenschutzabkommen, seit 2002 gelten sie auf der Roten Liste der World Conservation Union IUCN als vom Aussterben bedroht. Kasachstan erließ 1999 ein erneutes Jagdverbot. Doch noch im Jahr 2002 beschlagnahmte man hier sechs Tonnen Saiga-Horn. 20.000 Tiere wurden dafür getötet.

Um den Schutz der Saigas effektiver zu machen, setzen sich Organisationen wie die Wildlife Conservation Society, die Darwin Initiative der britischen Regierung oder das Fördernetzwerk INTAS der Europäischen Union ein. Sie finanzieren Programme, die die Leute in den Dörfern für das Wilderer-Problem sensibilisieren sollen, oder Expeditionen wie die nach Ustjurt, um bessere Kenntnis über das Verhalten der Antilopen zu gewinnen.

So weiß man jetzt um die Folgen der Wilderei. „Die Art steht deshalb kurz vor dem Kollaps,“ – so drastisch formuliert es Aline –, „weil es einfach nicht mehr genügend Männchen gibt“. Gezielt werden ältere Böcke aus den Herden „herausgeschossen“, um an die größten Hörner zu gelangen. Mittlerweile liegt der Prozentsatz der Männchen nur noch zwischen einem und zehn Prozent und damit am Rande des für die Erhaltung einer Population tolerierbaren Bereichs.

Obwohl sich Saiga-Antilopen mit einer Art „Geburtenkontrolle“ beispielsweise auf bedrohliche Klimaextreme einstellen können und in kargen, futterarmen Zeiten weniger, in reichen Jahren dafür mehr Junge bekommen, versagt eine solche Strategie beim jetzigen Problem. Durch den Männermangel werden immer weniger Kälber geboren, weil nicht mehr alle erwachsenen Weibchen trächtig werden. Ein Teufelskreis, der nur zu stoppen ist, wenn die Wilderei aufhört.

Wildererbanden gefährden den Bestand der einzigartigen Tiere

Wehrlos. Einen Tag altes Saiga-Kalb.  
Wehrlos. Einen Tag altes Saiga-Kalb.  

Daß man davon aber noch weit entfernt ist, sehen Aline und Yuri auch in Ustjurt. Motorradspuren und leere Plastikflaschen mit Benzinresten zeugen von Erkundungsfahrten durch die Steppe. „Auch die Wilderer suchen die Antilopen,“ erklärt Aline. Die Fundstücke machen sie nervös. Seit vier Tagen kreuzt das Team nun durch die Steppe. Erfolglos, von der Herde keine Spur.

Doch wo können die Wissenschaftler noch suchen? Sind die Saigas vielleicht schon im Norden, jenseits des Plateaus? Was, wenn die Wilderer Aline und Yuri zuvorkommen, wenn sie die hochschwangeren Saigas und neugeborenen Kälber stören, oder im Rücken der Forscher gar ein Blutbad anrichten? – Was tun?

Der Erfolg der Expedition steht auf dem Spiel, wenn das Team die Saigas nicht findet. Jeden Tag können die Antilopen beginnen zu kalben, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Herde weiterzieht. Für die Untersuchungen, die Aline und Yuri planen, wäre es dann zu spät.

Die Expedition steht auf Messers Schneide

  Größe und Gewicht sind für die Forscher von Interesse.
  Größe und Gewicht sind für die Forscher von Interesse.

Eine Chance gibt es noch. In Ustjurt sind auch Teams von Wildhütern unterwegs. Seitdem der kasachische Staat im Jahr 2000 erstmals sechs Millionen Tenge (ca. 35.000 Euro) zum Schutz der Antilopen zur Verfügung stellte, bilden sie mobile Einheiten gegen die Wilderer. Die Ranger verfolgen die Saigas auf ihren Wanderungen und sollten deshalb wissen, wo die Antilopen jetzt sind. Vor Tagen hatten sich Yuri und Aline mit ihnen verabredet, für den Fall, daß die Saigas unauffindbar bleiben sollten.

Als die Forscher einen halben Tag später am Treffpunkt, einem verlassenen Dorf in der Steppe, ankommen, ist von den Wildhütern nichts zu sehen. Erst am Abend rollen drei Geländewagen in die Senke, in der die Forscher zwischen Häuserresten campieren. Doch die Enttäuschung folgt auf den Fuß, auch die Ranger haben keine Saigas gesehen. Bei Wodka und Borschtsch einigt man sich, am kommenden Tag gemeinsam weiterzusuchen.

Ein gewisses Misstrauen begleitet das Treffen. Die Wildhüter stehen nicht direkt im Dienste des Staates, sie arbeiten für Okhotzooprom, eine Organisation , die im Auftrag der Regierung Naturschutzaufgaben im Lande wahrnimmt. Doch Okhotzooprom ist selbst in den eigenen Reihen nicht ganz unumstritten. Das Unternehmen ist aus den so genannten Promchosen hervorgegangen, die, ähnlich den Kolchosen in der Landwirtschaft, zu Sowjetzeiten die Jagd auf Saigas genossenschaftlich organisierten. Viele der Männer, die heute als Ranger gegen Wilderer vorgehen, haben deshalb einschlägige Erfahrung mit Saigas – nur, daß sie die Tiere noch vor zehn Jahren mit öffentlichem Mandat selbst gejagt haben.

Daß die Ranger hin und wieder mal ein Auge zudrücken, wenn sie Wilderern begegnen, oder gar am Erlös der illegalen Jagd beteiligt sind, ist ein Vorwurf, den die Wissenschaftler nicht beweisen können und schon gar nicht aussprechen möchten. Doch das Verhältnis ist angespannt, hängen die Forschungen doch oft vom Wohlwollen Okhotzooproms ab. Als es am nächsten Tag heißt, „Ihr wartet hier, wir suchen allein“ und die Wissenschaftler zur Untätigkeit verdammt auf die Ranger warten müssen, verrinnt weiter kostbare Zeit.

Der Tip der Wildhüter hilft nicht weiter

Wegen der Hörner der Saiga-Böcke sind die Antilopen bis an den Rand des Aussterbens gebracht worden.  
Wegen der Hörner der Saiga-Böcke sind die Antilopen bis an den Rand des Aussterbens gebracht worden.  

Schließlich jedoch bringen die Ranger das Forscherteam ein paar Kilometer weiter in den Süden. Hier hätte man Saigas mit Kälbern gesehen, verkünden die Ranger und lassen die Wissenschaftler allein. Aline, Yuri und ihre Kollegen beginnen, die Umgebung systematisch abzusuchen. Im Abstand von jeweils 25 Metern nebeneinander laufend durchkämmen sie das niedrige Buschwerk. Wenn die Antilopen bereits Junge haben und tatsächlich in der Nähe sind, müßten die Wissenschaftler über die Kälber geradezu stolpern.

Saiga-Antilopen bekommen ihre Jungen nachts oder früh am Morgen. Zwar können diese meistens schon eine halbe Sunde nach der Geburt stehen und auf wackeligen Beinen bald auch laufen, doch die ersten Tage ihres Lebens verbringen sie wehrlos und ohne Deckung am Boden liegend. Die Mütter kommen morgens und abends vorbei, um sie zu säugen, den Rest des Tages sind die Kälber allein. Wenige Tage später etwa sind die jungen Saigas kräftig genug, um mit ihren Müttern mitzuziehen. Nur in den ersten Lebenstagen haben die Wissenschaftler also überhaupt eine Chance, an die Kälber heranzukommen.

Doch die Hoffnung bleibt unerfüllt. Auch hier – nichts. Die Stimmung im Team erreicht ihren Tiefpunkt. Nach einem schnellen Essen mit den Resten vom Vortag beschließen Aline und Yuri, den Rückweg in Richtung Norden anzutreten. Vielleicht besteht jenseits des Plateaus noch eine Chance. Als der Jeep am späten Nachmittag auf der Sandpiste davon rollt und wie nach einer geschlagenen Schlacht eine Staubwolke über der Steppe hängen bleibt, glaubt wohl keiner mehr an einen Erfolg der Expedition.

Jubel im Lager unter dem Adlerhorst

  Einjähriges Saiga-Männchen. Ältere Böcke haben die Wissenschaftler in diesem Jahr nicht gesehen.
  Einjähriges Saiga-Männchen. Ältere Böcke haben die Wissenschaftler in diesem Jahr nicht gesehen.

Dann aber stoppt das Auto unvermittelt. Aline springt heraus und schleicht in gebückter Haltung ins Grün neben der Piste. Ein paar Schritte noch, dann wirft sie sich hin – in ihren Armen strampelt ein sandfarbenes Saiga-Kalb mit wolligem Fell, unter herzzerreißendem Blöken laut protestierend. Um dem Kalb Streß zu ersparen, muß es jetzt schnell gehen. „Einen Tag alt“, schätzt Aline und legt das Maßband an. 54 Zentimeter von der Nasenspitze bis zum Schwanz sind auch bei Saigas ein stattliches Geburtsmaß. Danach hängt sie das Kalb in die Schlinge einer Waage, dreieinhalb Kilo. Weibchen oder Männchen? Weibchen. Und das Kleine ist entlassen. Es nutzt seine Chance und springt unter lautem Blöken davon. Mit dem GPS noch die Position bestimmt, dann kann es weitergehen.

Der lang ersehnte Fund beflügelt die Wissenschaftler. Von jetzt an gehen Aline und Yuri zu Fuß, immer ein paar Meter vorausschauend, um die zusammengerollt daliegenden, hellbeige leuchtenden Kälber zu entdecken, bevor diese Witterung bekommen. – Drei Stunden später haben Aline und Yuri 18 Kälber aufgelesen und vermessen, nur vier sind ihnen entkommen.

Das Expeditionsteam schlägt sein Lager an diesem Abend neben einem Gebüsch aus uralten Saksaul-Sträuchern auf, in dem ein Kaiseradler sein Nest gebaut hat. Das Nest ist verlassen, doch die Wissenschaftler werden hier in den nächsten Tagen die Stellung halten.

„Nichts paßt besser zur Steppe als dieses Geräusch“

Entkommen. Nach der Mess-Prozedur der Wissenschaftler.  
Entkommen. Nach der Mess-Prozedur der Wissenschaftler.  

Noch wissen Aline und Yuri nicht, daß sie im Laufe der folgenden Woche mehr als einhundert Kälber finden und dokumentieren werden und sich die anfängliche Odyssee durch die Steppe so doch noch zu einem Erfolg entwickelt. Trotzdem wird das Urteil der Wissenschaftler später gedämpft ausfallen. An der Tatsache, daß die Saigas von Ustjurt auch in diesem Jahr wenig Kälber geboren haben und längst nicht so viele Tiere, wie erhofft, zum Kalben zusammenkamen, ändern auch ihre Daten nichts.

Als an diesem Abend im Mai aber immer mehr laut rufende Saiga-Weibchen rund um das Lager am Adlerhorst auftauchen, ahnen Aline und Yuri, am richtigen Ort angelangt zu sein. „Nichts paßt besser zur Steppe als dieses Geräusch“, sagt Aline. Und sie genießt den Moment, der so nur im Frühjahr zu erleben ist. Dort draußen, wo die Saigas ziehen, liegen die Kälber seit dem Morgen fast bewegungslos. Jetzt werden sie munter und beginnen zu laufen. Sie laufen dem Blöken entgegen, das nur ihnen gilt. Über Kilometer hinweg erkennen die jungen Saigas ihre Mütter an der Stimme. In der Dämmerung kehren die Weibchen für kurze Zeit zu ihren Jungen zurück, wenn sich beide gefunden haben und das Junge seinen Hunger stillt, verstummt das Blöken. Bis zum nächsten Morgen, wo er erneut Hoffnung verspricht, der Ruf der Saigas.

*

Edda Schlager ist Diplom-Geographin und schreibt als freie Journalistin für „geoscience online“ (http://www.g-o.de), für die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ (http://www.deutsche-allgemeine-zeitung.de) in Kasachstan sowie für verschiedene deutsche Tageszeitungen und Magazine. Sie lebt in Berlin und Almaty. Die Autorin ist erreichbar unter edda.schlager@online.de

Das Imperial College in London koordiniert mehrere internationale Programme zum Schutz der Saiga-Antilopen. Weitere Informationen sind unter http://www.iccs.org.uk abrufbar.

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