Der Scheinkrieg im IrakEM-INTERVIEW

Der Scheinkrieg im Irak

„Die US-Truppen kämpfen nicht gegen 1000 Al Kaida-Kämpfer, sondern gegen 130.000 Iraker im Widerstand“. Das berichtet Dr. Jürgen Todenhöfer, Bestsellerautor und Manager in einem der größten europäischen Medienunternehmen. Er war nicht als „embedded Autor“ im Irak, sondern erlangte seine Informationen ohne Kontrolle durch das US-Militär direkt aus der Bevölkerung. Im Interview mit dem Eurasischen Magazin enthüllt er, wie die amerikanische Regierung ihre eigene und die Weltöffentlichkeit an der Nase herumführt und warum sie bisher schon den Tod von einer Million Menschen verschuldet hat. Und er sagt auch, warum George W. Bush nicht längst auf der Anklagebank sitzt wie Saddam Hussein.

Von Hans Wagner

  Zur Person: Jürgen Todendörfer
  Dr. Jürgen Gerhard Todenhöfer wurde am 12. November 1940 in Offenburg/Baden als Sohn eines Amtsrichters geboren. Der heute 67jährige ist seit über zwanzig Jahren Manager eines der größten europäischen Medienunternehmen.

Zuvor war er 18 Jahre lang Abgeordneter des Deutschen Bundestages und Sprecher der CDU/CSU für Entwicklungspolitik und Rüstungskontrolle.

Todenhöfer schrieb zwei Bestseller über den Afghanistan- und den Irakkrieg. Mit seinem Honorar errichtete er ein Kinderheim in Afghanistan, ein Kinderkrankenhaus im Kongo ist zurzeit im Bau.

Mit dem Autorenhonorar für „Warum tötest du, Zaid?“ wird er im Mittleren Osten ein israelisch-palästinensisches Versöhnungsprojekt, sowie ein Hilfsprojekt für irakische Flüchtlingskinder finanzieren.

An seine Informationen zu „Warum tötest du, Zaid?“ kam Todenhöfer im Irak dank internationaler Unterstützung, zum Beispiel aus Kanada und Ägypten.
Dr. Jürgen Todenhöfer  
Dr. Jürgen Todenhöfer  
E

urasisches Magazin: Herr Dr. Todenhöfer, Sie waren mehrfach im Irak und haben das Leben dort aus der Warte der einfachen Menschen kennen gelernt,  haben es  von der Seite der Betroffenen aus erlebt. Was spielt sich in diesem Land und in der ganzen Region eigentlich ab: Eine Befreiung? Eine Anleitung der Menschen in Sachen Demokratie? Die Umerziehung der Muslime zu einer anderen Kultur? Oder doch nur ein Krieg um Öl?

Jürgen Todenhöfer: Es ist vor allem ein Krieg um die Vorherrschaft im ölreichen Mittleren Osten. Dabei ist eine ganze Sozialstruktur zerstört worden mit unendlichem Leid für die irakische Bevölkerung.

Der Aggressor sind die USA – wir sehen nicht den wahren Krieg

EM: Wer ist wer in diesem Krieg? Wer ist der Aggressor, wer  sind die Opfer, wer die Sieger?

Todenhöfer: Aggressor sind die USA. Opfer sind die irakische Bevölkerung und die Glaubwürdigkeit der Vereinigten Staaten. Sieger ist der Iran. Er hat seinen Einfluss auf den Nachbarn Irak, der seit Jahrtausenden sein heftigster Konkurrent ist, massiv ausdehnen können.

EM: Erfahren wir in Europa eigentlich die Wahrheit über die Vorgänge im Land zwischen Euphrat und Tigris, die einmal die Wiege der menschlichen Zivilisation war?

Todenhöfer: Wir erfahren nicht die Wahrheit. Wir sehen nicht den wahren Krieg. Das Pentagon führt die Journalisten immer nur dorthin, wo das seiner Propaganda nutzt. Das sind vor allem die Al Kaida-Anschläge. Aber diese Al Kaida-Anschläge machen weniger als ein Hundertstel der täglichen militärischen Aktionen aus. Wir haben pro Tag im Durchschnitt über 200 militärische Aktionen im Irak.  Etwa 100 dieser militärischen Aktionen führen die USA aus, das sind Bombardierungen, Razzien, Schießereien. Dazu kommt etwa die gleiche Anzahl von militärischen Aktionen des legitimen irakischen Widerstandes, also auch etwa 100. Legitim ist dieser Widerstand deshalb, weil er sich an die Genfer Konvention hält und Zivilisten schont. Über beides wird nicht berichtet, weil das Pentagon gegenüber der amerikanischen Bevölkerung nicht zugeben will, dass weiter in großer Zahl militärische Aktionen gegen die irakische Bevölkerung durchgeführt werden, und weil das Pentagon nicht zugeben möchte, dass es einen massiven irakischen Widerstand gibt, der gegen die amerikanische Besatzung kämpft und von einer großen Mehrheit der Bevölkerung unterstützt wird. Die US-Regierung könnte dann nicht mehr behaupten, sie führe einen Krieg gegen Al Kaida.

„Der wahre Krieg findet zwischen den US-Streitkräften und dem legitimen irakischen Widerstand statt. Darüber wird nicht berichtet.“

EM: Und worüber berichten die westlichen Medien dann in ihren täglichen Nachrichtensendungen?

Todenhöfer: Sie berichten nicht darüber, dass im Irak zwischen 100.000 und 130.000 Vollzeit-Widerstandskämpfer gegen ungefähr 300.000 amerikanische Berufs- und Privatsoldaten kämpfen und auch nicht darüber, dass es weniger als 1.000 Al Kaida-Kämpfer gibt. Die US-Regierung versucht gegenüber der amerikanischen Bevölkerung und der Weltöffentlichkeit den Eindruck zu vermitteln, als kämpften die 300.000 US-Sicherheitsstreitkräfte gegen diese knapp 1.000 Al Kaida-Leute. Das ist der Scheinkrieg, der Medienkrieg. Darüber wird täglich berichtet. Der wahre Krieg findet aber zwischen den US-Streitkräften und dem legitimen irakischen Widerstand statt. Darüber wird nicht berichtet.

EM: Besteht der irakische Widerstand aus Leuten wie Zaid, der Hauptfigur in Ihrem neuesten Buch?

Todenhöfer: Zaid, von dem ich berichte, ist kein Vollzeit-Widerstandskämpfer, sondern einer der vielen Menschen im Irak, die neben ihrem Beruf in ihrer Freizeit  als Widerstandskämpfer in diesen Krieg eingreifen. 

Wir sehen nur den grauenhaften Al-Kaida-Nebenkriegsschauplatz

EM: Sie sagen, es werde in den Berichten über den Scheinkrieg mit Al Kaida berichtet und der irakische Widerstand käme in den Medien gar nicht vor. Es sind doch aber Korrespondenten im Irak, wie kann es da sein, dass der wahre Krieg nicht gezeigt wird? Bekommen die vielen Journalisten den nicht zu Gesicht?

Todenhöfer: Das ist der Punkt. Sie können sich im Irak ja nicht frei bewegen, weil unzählige militärische Kontrollstellen eingerichtet sind, Checkpoints, an denen es nicht weitergeht. Außerdem wäre eine solche Berichterstattung mit höchster Lebensgefahr verbunden. Es gibt ohnehin schon über 200 tote Journalisten im Irak. Deshalb sind 99,9 Prozent der Berichte, die Sie in den letzten drei Jahren im  Fernsehen gesehen, im Radio gehört und in Zeitschriften und Zeitungen gelesen haben, von Journalisten erstellt worden, die sich nicht frei bewegen können. Über die Reiseroute der „embedded journalists“ entscheidet ohnehin das Pentagon. Der zuständige Presseoffizier bestimmt, was sie zu sehen bekommen und was nicht. Sie bekommen den Krieg zwischen den amerikanischen Streitkräften und dem irakischen Widerstand einfach nicht gezeigt. Wir sehen auf diese Weise nicht den eigentlichen Krieg, sondern stattdessen diesen grauenvollen Al-Kaida-Nebenkriegsschauplatz.

„Die Iraker wollen nicht von Ausländern befreit werden“

EM: Wenn Sie von 130.000 Widerstandskämpfern im Irak sprechen, ist das ein einheitlicher Verband, eine homogene Truppe? In einem ethnisch und religiös derart zerstrittenen und verfeindeten Land ist das doch eigentlich überhaupt nicht vorstellbar.

Todenhöfer: Neben der Splittergruppe von vielleicht 1000 Al-Kaida-Kämpfern, die zu über 90 Prozent aus Ausländern besteht, gibt es zwei Allianzen, in denen diese 100.000 bis 130.000 irakischen Kämpfer rekrutiert sind. Eine sehr große, mit etwa 30 bis 40 Gruppen und eine kleine mit rund zehn Gruppen. Al Kaida wird von keiner dieser Allianzen als Widerstandsgruppe anerkannt. Die Iraker wollen nicht von Ausländern befreit werden. Außerdem ist der Beitrag dieser 1.000 Leute zum irakischen Freiheitskampf marginal.

Der Westen stellt immer nur Nicht-Westler vor Gericht

EM: Wenn die USA der Aggressor sind, warum gibt es keine internationale Anklage gegen die US-Regierung, gegen ihren Präsidenten George W. Bush, gegen Kriegsgewinnler wie Halliburton und gegen die Anführer der marodierenden Privatarmeen im Irak? Warum werden sie nicht vor ein internationales Gericht zitiert?

Todenhöfer: Da bekommen Sie nur eine ganz kurze Antwort: weil der Westen immer nur Nicht-Westler vor Gericht stellt.

„Al Kaida hat 5.000 westliche Zivilisten ermordet. Der amerikanische Präsident hat den Tod von mehreren hunderttausend irakischen Zivilisten zu verantworten.“ 

EM: Saddam Hussein wurde wegen seiner Verbrechen vor Gericht gestellt und aufgehängt. Sind die Bombardierungen Bagdads, seiner Menschen und seiner Kulturgüter, das Umbringen von Hunderttausenden von Menschen  durch die Regierung des George W. Bush keine Verbrechen?

Todenhöfer: Genau damit müsste sich der Internationale Strafgerichtshof befassen. Al Kaida hat 5.000 westliche Zivilisten ermordet. Der amerikanische Präsident hat den Tod von mehreren hunderttausend irakischen Zivilisten zu verantworten. 

EM: Deswegen ja die Frage: Gehört Präsident Bush nicht längst auf die Anklagebank?

Todenhöfer: Ich will das allgemeiner beantworten: Der Internationale Strafgerichtshof muss sich mit der Frage befassen, warum nur Nicht-Westler wegen völkerrechtswidriger Angriffskriege vor Gericht gestellt werden.

EM: Vielleicht weil es gar nicht möglich ist, seiner habhaft zu werden – weil es kein Recht gibt ohne Macht?

Todenhöfer: Es gibt da eine These, die lautet, dass Sieger nie vor Gericht gestellt werden.

„Man muss dieselben Maßstäbe, die man an Russland, China und Staaten der Dritten Welt anlegt, auch an die USA anlegen.“

EM: Trügt der Eindruck, dass die Welt, zumindest große Teile der westlichen Länder, gegenüber Amerika willfährig sind, statt zu sagen was Sache ist oder gar es anzuklagen?

Todenhöfer: Politiker müssen nicht den Weg der öffentlichen Anklage suchen, sie haben politische Wege. Aber man muss dieselben Maßstäbe, die man an Russland, China und Staaten der Dritten Welt anlegt, auch an sich selbst, seine Partner und an die USA anlegen. Daran, ob das eine Regierung tut, kann man erkennen, ob sie eine glaubwürdige Menschenrechtspolitik betreibt.

EM: Hängt die Tatsache, dass die USA an sich selbst einen anderen Maßstab anlegen vielleicht damit zusammen, dass es Ihnen gelungen ist, sich als etwas Besonderes darzustellen, als die unverzichtbare Nation, als God's own country, als die Macht, die das Gute definiert, gegen das man natürlich nicht sein darf, gegen das man sich nur versündigen kann?

Todenhöfer: Man muss unterscheiden zwischen den Amerikanern, die Präsident Bush zu zwei Dritteln ablehnen, und der Bush-Administration. Ich finde nach wie vor, dass Amerika ein großartiges Land ist. Zwei meiner Kinder haben ihr Staatsexamen an einer amerikanischen Universität gemacht. Ich glaube, dass der jetzige amerikanische Präsident nicht nur für den Irak und den Rest der Welt eine Katastrophe ist, sondern auch für sein eigenes Land. Er ist dabei, die Glaubwürdigkeit Amerikas und auch die Glaubwürdigkeit der westlichen Zivilisation massiv zu beschädigen.

Internationale Studien zeigen das wahre Ausmaß der US-Kollateralschäden

EM: Fünf Jahre Irakkrieg – fünf Jahre Tod, Verzweiflung und keine Hilfe in Sicht. Sondern nur, wie amnesty international formuliert „Gemetzel und Verzweiflung“. Mehr als 60.000 Menschen sitzen laut ai derzeit in irakischer oder US-Haft, viele von ihnen ohne Anklage oder Prozess. Bis Juni 2006 wurden laut einem unlängst veröffentlichten Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO und des irakischen Gesundheitsministeriums 151.000 Menschen im Irak getötet. Andere Schätzungen gehen von bis zu 600.000 Opfern aus. Über 4.000 US-Soldaten fanden den Tod. Alles im Namen des Guten. Wie soll das enden?

Todenhöfer: Die Zahlen der Weltgesundheitsorganisation beruhen auf Zahlen des irakischen Gesundheitsministeriums. Die Menschen im Irak haben panische Angst, den Beamten dieses sehr umstrittenen Ministeriums mitzuteilen, dass es in ihren Familien Opfer der US-Invasion,  von Kämpfen mit US-Soldaten oder mit den irakischen Sicherheitskräften gibt, da man ihnen dann ja unterstellen könnte, ihre Söhne, ihre Verwandten, ihre Väter hätten im Widerstand gekämpft. Ich habe mit den führenden Leuten gesprochen, die für die so genannte Lancet-Studie und für die ORB-Studie die Befragungen durchgeführt haben. Das sind Amerikaner, Iraker, Engländer. Sie haben einen großen Teil ihrer Zeit darauf verwendet, den Menschen glaubhaft zu machen, dass sie den irakischen Behörden nicht sagen werden, aus welcher Familie sie welche Informationen haben. Die Lancet-Studie kommt bis Juni 2006 auf 600.000 Tote. Sie wurde gemacht von einer unabhängigen irakisch-amerikanischen Ärztekommission und einem unabhängigen Forschungsinstitut. ORB ist ein Meinungsforschungsinstitut, das in London residiert, im Irak und in Jordanien seine Partner hat. ORB kommt in seiner Studie bis heute auf deutlich über eine Million getöteter Zivilisten im Irak seit Beginn des Einmarsches der USA. Davon rund die Hälfte durch direkte militärische Handlungen der Besatzer.

Alles im Namen der Achse des Guten

EM: Und das alles im Namen der zu erlangenden Vorherrschaft einer besseren Welt.

Todenhöfer: Der Achse des Guten, ja.

EM: Und wie soll das enden?

Todenhöfer: Das Motto muss heißen: Aufhören mit dem Krieg und anfangen mit dem Verhandeln. Ein Modell für diese Verhandlungen könnte das Modell der KSZE sein, das entscheidend dazu beigetragen hat, den Ost-West-Konflikt in den 70er und 80er Jahren zu lösen. Wir brauchen eine Mittel-Ost-Konferenz zur Sicherheit und Zusammenarbeit, und das so schnell wie möglich. Alle Länder der Region müssen an den Verhandlungstisch plus die Mitglieder des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen.

EM: Wäre dafür nicht zunächst der Truppenabzug Voraussetzung?

Todenhöfer: Nicht unbedingt, das könnte man parallel machen. Der Truppenabzug wird ohnehin kommen, auch wenn die Republikaner weiterregieren sollten. Er wird mindestens ein Jahr dauern. Einer der dramatischsten Fehler der amerikanischen Besatzer war es, dass sie die gesamte Verwaltungs-, Polizei- und Armee-Elite nach Hause geschickt haben. Diese Eliten sind überwiegend ins Ausland geflohen. Zwölf Monate Abzugszeit wären ausreichend Zeit für eine Rückkehr dieser wichtigen Leute in Verwaltung, Polizei und Militär. Mit ihnen gäbe es die Chance, effektive Sicherheitskräfte aufzubauen und das Land zu stabilisieren.

EM: Herr Dr. Todenhöfer, haben Sie herzlichen Dank für dieses Gespräch.

*

Siehe auch die Buchbesprechung zu „Warum tötest du, Zaid?“ in der Rubrik „Gelesen“.

Interview Irak USA

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