„Der Schneeleopard“ von Tschingis AitmatowGELESEN

„Der Schneeleopard“ von Tschingis Aitmatow

Der Roman spielt im Kirgisien der heutigen Tage und erzählt davon, wie die Globalisierung das Leben jedes Einzelnen erreicht. Eigentlich geht es jedoch um viel mehr – man möchte fast sagen um alles, was unser Leben bestimmt und prägt: um Politik und Wirtschaft, um die Folgen der systematischen Umweltzerstörung, um menschlichen Verrat, die Suche nach Glück, um Fügung, Liebe und Hoffnung. Es ist ein großes Buch. Bei der Lesung des Autors am 20. März in Halle/Saale empfand das Publikum genau dies.

Von Juliane Inozemtsev

„Der Schneeleopard“ von Tschingis Aitmatow  
„Der Schneeleopard“ von Tschingis Aitmatow  

E s ist eine alte Liebe zwischen Tschingis Aitmatow und seinen deutschen Lesern. Das zeigen der lange Applaus und die fast feierliche Stimmung, als der kirgisische Autor die kleine Lesebühne im „Haus des Buches“ in Halle/Saale betritt. Ganz offenbar sind seine früheren Werke, wie „Der Tag zieht den Jahrhundertweg“ und die Liebesgeschichte „Djamilla“ dem überwiegend älteren Publikum noch sehr gegenwärtig.
 
Aitmatows Bücher wurden außerhalb der Sowjetunion erstmals in der DDR übersetzt und veröffentlicht, danach in der BRD und später in ganz Europa. Nirgendwo auf der Welt habe er jedoch so große Buchhandlungen wie in Deutschland gesehen, sagt Aitmatow. Das zeige, wie lebendig die Lesekultur hier sei und lasse ihm die deutschen Leser besonders an Herz wachsen. Das Publikum saugt seine Worte förmlich auf.

Großväterlich gelassen wirkt er – und trotz seiner 79 Jahre würde man ihn wohl einen älteren Herren nennen und nicht einen alten Mann. Wenn er auf Russisch scherzt, verstehen ihn viele der Anwesenden auch ohne die Hilfe der Dolmetscherin.

„Wenn die Jugend nicht mehr zu uns kommt, dann tragen wir daran eine Mitschuld.“

Doch auch wenn er scherzt, klingt zumindest an diesem Abend stets ein nachdenklicher Ton mit. Es betrübe ihn, so Aitmatow, dass wieder einmal nur wenige junge Menschen unter den Zuhörern seien. „Wenn die Jugend nicht mehr zu uns kommt, dann tragen wir daran eine Mitschuld“, mahnt er. In seiner Heimat Kirgisien sei das nicht anders. Werte, Mythen und Sagen, Traditionen und Bräuche gerieten zunehmend in Vergessenheit, weil Jung und Alt zu wenig miteinander sprächen.

Und damit ist er schon bei seinem neuen Buch, in dem der Generationenkonflikt auch ein Thema ist. Erschienen ist es im Schweizer Unionsverlag in einer Erstauflage von 20.000 Exemplaren.  

Im Russischen lautet der Titel: „Kogda gory podajut“ – „Wenn die Berge einstürzen“. Doch der Übersetzer Friedrich Hitzer überzeugte Aitmatow davon, dass es die deutschen Leser mehr ansprechen würde, wenn es schlicht „Der Schneeleopard“ hieße. Und so geschah es. Hitzer hat fast alle Bücher Aitmatows ins Deutsche übertragen – stets mit einer außergewöhnlich feinfühligen und genauen Sprache, die auch dieses Mal betört. Unmittelbar nach Beendigung seiner Tätigkeit an diesem Buch ist er verstorben. Mit ihm hat Aitmatow einen langjährigen Weggefährten und Freund verloren.

Der Roman spielt im Kirgisien der heutigen Tage und erzählt davon, wie die Globalisierung das Leben jedes Einzelnen erreicht. Eigentlich geht es jedoch um viel mehr – man möchte fast sagen um alles, was unser Leben bestimmt und prägt: um Politik und Wirtschaft, um die Folgen der systematischen Umweltzerstörung, um menschlichen Verrat, die Suche nach Glück, um Fügung, Liebe und Hoffnung. Es ist ein großes Buch.

„Das Raubtier konnte nicht vorhersehen, dass ein Mensch die letzten Tage mit ihm und seinem Schicksal teilen würde.“

Die beiden Hauptcharaktere sind der junge Journalist Arsen Samantschin und der schon alte Schneeleopard Dschaa-Bars.

„Freilich wussten die Beiden nichts voneinander und erst recht nicht, wie sie auf Erden zusammenhingen. Der eine lebte in einer modernen Stadt, einem dicht bevölkerten Flecken Erde, wo sich Märkte ausbreiten und Schaschlikrauch durch die Straßen weht, der andere aber hauste hoch in den Bergen, in wilden, felsigen Schluchten, unter dicht verwachsenen Büschen des Sade-Wacholders, wo Schnee die Schattenhänge das halbe Jahr über bedeckt.“

Dschaa-Bars ist alt geworden und das Jagen will ihm nicht mehr gelingen. „Während er die Bergziegen an der Wassertränke abwartet, fühlt er erstmals, wie ihn der Atem noch vor Beginn der Jagd im Stich lässt. (...) Dschaa-Bars schnauft, aus seiner Brust pfeift es dumpf.“ (...) „Der einsame keuchende ehemalige Zar des Hochgebirges“ verfehlt seine Beute – ein ums andere Mal. Seine Zeit ist nun bald gekommen. „Er muss einen Unterschlupf finden, um das Lebensende abzuwarten – die allerletzten Tage eines langsamen unabwendbaren Todes. (...) Das Raubtier konnte nicht vorhersehen, dass ein Mensch die letzten Tage mit ihm und seinem Schicksal teilen würde.“

Unterdessen ist Arsen Samantschin – enttäuscht vom Leben in der Großstadt, das für ihn nur noch auf Kommerz und schönen Schein ausgerichtet zu sein scheint – in das Dorf seiner Kindheit zurückgekehrt. Doch auch hier hat sich Leben sehr verändert, seit die Marktwirtschaft eingezogen ist. Reiche arabische Prinzen kommen nun regelmäßig in die Gegend, um den seltenen Schneeleoparden, der in Kirgisien einst als göttliches Tier verehrt wurde, zu erbeuten. Wurde er früher nur von ausgewählten meisterhaften Jägern mit Pfeil und Bogen erlegt, sind heute Automatikwaffen auf ihn gerichtet. Er hat keine reelle Chance mehr, seinen Verfolgern zu entfliehen.

Arsens Onkel hat jedoch sämtliche Skrupel abgelegt und die Treibjagd als Geschäftsidee entdeckt. Er führt die Prinzen durch das unwegsame Gebirge. Arsen arbeitet – trotz einiger Gewissensbisse – für ihn als Dolmetscher und „Tour-Manager“, wie es heute auch schon in entlegenen Regionen Kirgisiens heißt.

An dieser Stelle wäre es nun ein Leichtes gewesen, die Prinzen als gewissenlose Wilderer hinzustellen. Stattdessen beschreibt Aitmatow die jungen Jäger als gebildet, sehr interessiert an der kirgisischen Kultur und überaus höflich. Außerdem sichern sie mit ihrem Geld die Existenz der Einheimischen. Diese wiederum sind beileibe nicht nur Opfer ihrer wirtschaftlichen Not. Im Gegenteil...

Die Legende von der Ewigen Braut

Das Buch mit seinen verschiedenen Erzählebenen und Handlungssträngen könnte kaum aktueller und zugleich zeitloser sein. Aitmatow lässt darin alte kirgisisische Mythen wieder aufleben und gibt ihnen eine neue Bedeutung in unserer Zeit. So wie der Legende von der Ewigen Braut – einem Gleichnis für menschliche Schuld, Heimtücke und Machtwahn, das Aitmatow bei der Lesung in Halle und sein Held Arsen im Buch auf anrührende Weise erzählen.

Es geht darin um eine junge Frau, die durch Missgunst und Neid der Dorfbewohner ihre große Liebe verliert. So haben sie ihrem Bräutigam erzählt, dass sie einen anderen habe. Damit wollten sie die Vermählung vereiteln und verhindern, dass der junge Mann zum neuen Führer der Sippe aufsteigt. Sie hatten jedoch verkannt, welches Leid sie damit auslösen würden. Der junge Mann flieht vor Gram und Scham in die Berge – und wird nie wieder gesehen. Seine Braut jedoch sucht seitdem verzweifelt nach ihm.

„Im Sommer versammeln sich alle auf einer Anhöhe, entzünden ein Feuer, das man weithin sehen kann, und trauern um die Ewige Braut. Die Schamanen trommeln und tanzen, sie rufen das Paar beim Namen an, die Ewige Braut und ihr Bräutigam sollen zum Feuer kommen. Die Frauen klagen und weinen. Und dann erscheint sie als Schatten, so erzählt man sich, verneigt sich und verschwindet wieder, um weiter nach ihm zu suchen.“

Es kommt der Zeitpunkt, da Arsen sich entscheiden muss, auf welcher Seite er stehen will. In eben dieser Entscheidung, so Aitmatow, zeige sich sein erhabenes Wesen. Dafür zahlen er – und Dschaa-Bars – jedoch einen hohen Preis.

*

Rezension zu: „Der Schneeleopard“ von Tschingis Aitmatow, Unionsverlag Zürich 2007, 307 Seiten, 19,90 Euro. ISBN: 978-3--00370-5

Rezension Russland Zentralasien

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