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Der Tod, seine Teufel und die europäische Blindheit

Ein Jahr nach dem Attentat auf die Schule Nummer 1 in Beslan gibt es wenig Trost und keine Antworten. Alltag ist in Beslan bis heute nicht eingekehrt.

Von Andrea Jeska
30.08.2005 Drucken Senden Kommentieren
Die Turnhalle der Schule Nummer 1 wird zum Wallfahrtsort  
Die Turnhalle der Schule Nummer 1 wird zum Wallfahrtsort
(Foto: Kautz)
 

Der 3. September 2004 brachte Bilder aus einer armen vergessenen Gegend in die Häuser des westlichen Europas, welches sich für zivilisierter hält als jenes andere Europa, das an seinem geographischen Rand nach Asien abgedrängt wird. Eine Abdrängung, mit der sich Gewissen beruhigen und Sicherheiten herstellen lassen.

Es waren Bilder von Terror und Gewalt, sie erschütterten die Grundfesten des Glaubens an Menschlichkeit, sie brachen das Tabu von der Unantastbarkeit der Kinder. Bilder aus Beslan, einer unbekannten, kleinen Stadt in einem unbekannten kleinen Land namens Nordossetien. Christlich, in zwei Hälften geteilt, von denen die eine zur GUS, die andere de jure zu Georgien gehört und de facto eine abgespaltene Republik ist. Ein Land, in das sich einst die letzten Alanen, Nachfahren der Skythen, vor den Mongolen zurückzogen. Im  Europa der Völkerwanderung und Schlachten waren die Alanen als wilde Krieger bekannt (Siehe dazu EM 02-03, 03-05, 04-05) und daher nicht von allen gerne gesehen, wurden im Laufe der Jahrhunderte aber in den Bergen des Kaukasus vergessen. Nordossetien?, fragte man in jenen Septembertagen 2004. Wo ist das?

Die nachwachsende Generation der Stadt zur Hälfte ausgelöscht

  Das jüngste Opfer war drei Jahre alt.
  Das jüngste Opfer war drei Jahre alt.
(Foto: Kautz)

Der Tod, der nach Beslan kam, ist auch ein Jahr nach dem Attentat nicht zu greifen. Er ist zu groß, um ihn mit den Händen zu halten, und seine Umstände zu grausam, um sie mit dem Verstand zu erfassen. Er kam an einem sonnigen Morgen, an einem Freudentag, inmitten von zum Himmel aufsteigenden Luftballons in die Stadt und veränderte sie für immer. Er nahm sichjeden dritten Bewohner, er brachte Leid in jede Familie und die Lähmung des Entsetzens über das ganze Land. Als er ging, war die kommende Generation der Stadt zur Hälfte ausgelöscht, und in den Höfen, auf den Straßen, wo sonst die Kinder spielten, herrschte gespenstische Stille. In Beslan hörte man auf, die Tage nach dem Kalender zu zählen. Die neue Zeit kannte nur noch ein Datum, jenes, welches auch auf Hunderten von Gräbern steht: 3. September 2004.  Fortan wurde alles an diesem Tag gemessen, gab es nur noch ein Davor und ein Danach.

Davor, das waren die Tage, an denen die Kinder nach Hause kamen und man sie am Abend ins Bett bringen konnte. An denen sie am Tisch saßen, lachten, schimpften, Sorgen bereiteten und man ihnen dennoch eine glückliche Zukunft erträumen durfte. Vom Frieden für den Kaukasus konnte man träumen, von neuer Ehre für Ossetien, von einer Zeit, in der ein Menschenleben ein Menschenleben und ein Rubel ein Rubel wert ist. Danach, das sind die Tage, die keine Bedeutung und kein Ziel mehr haben, die Mütter an Gräbern verbringen und in denen Väter sich Rache wünschen oder aus Hilflosigkeit und Scham über diese Hilflosigkeit den eigenen Tod. Das sind die Tage, an denen man die Lügen und das Schweigen ertragen muß, an denen die Wahrheit einem wieder und wieder aus den Händen gleitet, die Nächte keinen Schlaf und die Tage keine neue Hoffnung bringen. Der Platz der Toten am Tisch bleibt leer, die Hinterbliebenen streiten um Kompensationszahlungen, das Herz will nicht mehr im rechten Rhythmus schlagen. In seinem Gram läßt sich mancher zu Nachbarschaftshaß und Neid verleiten, manch anderer hat aufgehört am Leben teilzunehmen und sich in eine dunkle Ecke seiner Wohnung verkrochen.

Zur Vorsuppe gab es den Tod der Kinder in Echtzeit vom Fernseh-Schirm

Die Schule nach dem Einsazu der Sicherheitskräfte  
Die Schule nach dem Einsazu der Sicherheitskräfte
(Foto: Kautz)
 

Der September, wie begann er doch gleich? Mit Sonne im sicheren Europa, einem spätsommerlichen Hochdruckgebiet über Deutschland, die Vögel sangen wohl, wie Vögel an solchen Tagen singen. Auch in Ossetien begann er als Idyll, schien die Sonne auf die Gipfel der Berge, und ein leichter Schleier, mit dem sich der nahende Herbst ankündigte, legte sich wie eine Decke zwischen Erde und Himmel. Der Tag der Geiselnahme, der 1. September, ist der Tag des Wissens, Einschulungstag für die Erstkläßler. In Beslan, wo das Leben bescheiden und ohne erfüllbare große Träume ist, wird die Gelegenheit zu einer Feier gerne genutzt, und außer den Eltern, Großeltern und Geschwistern werden die Neuschüler auch von Nachbarn und entfernten Verwandten begleitet.

Zwei Tage später fällt Regen über Zentraleuropa, wo man sich gerade zum Mittagsmahl niederläßt, als die Nachricht vom großen Sterben in Ossetien kommt. Auf dem Fernsehbildschirm sieht man, wie Kinder um ihr Leben laufen und aus oval verzerrten Mündern unmenschliche Töne ausstoßen. Einige Kinder schaffen sie nicht, diese panische Flucht, und zur Vorsuppe gibt es ihren Tod in Echtzeit. Das Hauptgericht steht auf dem Tisch, da legt man die ersten Leichen in Reihen. Die Davongekommenen reißen Wasserflaschen aus Helfershänden und kippen den Inhalt zwischen die nunmehr saugend verengten Lippen.

Die ersten Bilder des Sturms auf die Schule wackelten wie die Stimmen der Korrespondenten, die, um Fassung ringend, das Unerklärliche nicht erklären, für das Entsetzen kein Worte finden können. Müssen sie auch nicht, denn diese Bilder sprechen für sich: Soldaten im Gefecht mit Terroristen, bewaffnete Zivilisten ballern kräftig mit und dazwischen fallen Menschen zu Boden. Aus den Fernsehlautsprechern dringen Explosionen und Schreie, man meint, hier würde ein „Stirb langsam“ für Wahnsinnige ausgestrahlt, und eigentlich wäre es Zeit für den mitteleuropäischen Mittagsschlaf.

Ein Jahr danach ist Beslan eine Stadt, in der die Zeit eingefroren ist

  Stumme Trauer
  Stumme Trauer
(Foto: Kautz)

War es ein CNN- oder ein BBC-Kameramann, der sich als erster in die ausgebrannte Turnhalle wagte, seine Kamera unter die Trümmer der Turnhalle hielt? Der die grausame Botschaft nach außen brachte, er habe Dutzende, vielleicht sogar Hunderte Leichen gesehen, die meisten Kinder, die meisten grausam verstümmelt. Und die Nachrichtensprecherin hoffte, er möge sich irren, der Streß sei ihm zu Kopf gestiegen. Erst mal einen Werbeblock, und dann sehen wir weiter. Was nicht sein darf, kann nicht sein: Niemand vergreift sich an unschuldigen Kindern. 332 Tote zählte die Stadt Beslan einige Tage später, davon 176 Kinder, die von Bomben zerrissen, von Flammenwerfern pulverisiert, von Trümmern erschlagen, von Terroristen erschossen wurden. Oder einfach im Kugelhagel starben, unter dem herabstürzenden Dach der Turnhalle verbrannten.

Beslan, fast ein Jahr später, ist eine Stadt, in der die Zeit eingefroren ist. Nach dem Schmerz um die Toten kam jener um die Lügen. Nicht nur die Kinder sind traumatisiert, auch die Erwachsenen gehen an der Hilflosigkeit zugrunde. Nicht genug, daß sie ihre Kinder nicht retten konnten, weiterhin müssen sie ertragen, daß es keine Antworten auf ihre Fragen gibt und niemanden, der die Verantwortung für den blutigen Einsatz übernehmen will. Beslans Frauen, die sich im Mütterkommitee zusammengeschlossen haben, forderten seither mehrfach Aufklärung von Regierungsseite, haben jedoch nicht einmal die Ergebnisse der Untersuchungskommisssion einsehen dürfen. Ihr Zorn trug immerhin dazu bei, daß der ossetische Präsident zurücktrat.

Aus Angst vor neuem Terror haben die Mütter Privatausbilder engagiert, die ihnen das Schießen beibringen. Als ihnen das im eigenen Land verboten wurde, fanden sie Wege, nach Südossetien zu fahren, wo man sie mit offenen Armen empfing und ihrem Anliegen, Rächerinnen zu werden, mit Wohlwollen gegenüberstand. Wenn die meisten Mütter diese Ausbildung auch als pure Selbstverteidigung sehen, so gibt es unter ihnen doch einige, die schworen, die Schuldigen am Tod der Kinder eigenhändig zur Strecke zu bringen. So wie Semfira D., die bei dem Attentat ihren Sohn verlor und deren Mann vor zehn Jahren von den Inguschen erschossen wurde. Für sie ist allein das Nachbarvolk schuld an dem Terror.

Nie wieder, sagt Semfira D,. wollen wir Opfer sein und mitansehen müssen, wie Kinder vernichtet werden. Nächstes Mal schießen wir zuerst. Sprachrohr des Mütterkomitees ist Susanna Dudijewa, deren Sohn Saur unter den Toten ist. Ihr Wunsch nach der Wahrheit geht inzwischen so weit, daß sie dem einzigen überlebenden Terroristen Nurpashi Kulajew die Unterstützung der Mütter angeboten hat, wenn dieser nur bereit ist, die Wahrheit zu sagen. Es ist eine seltsame Allianz, die dort im Gericht von Wladikavkaz geschmiedet wurde: In einen Käfig gesperrt der junge Terrorist, dem das Böse wirklich nicht ins Gesicht geschrieben steht, im Saal die schwarzen Frauen, die zunächst seinen Tod forderten, und nun mit ihm reden wie mit einem Kind, das es zu erziehen gilt. Und tatsächlich haben sie mit dieser Taktik Erfolg, hat Kulajew unter der sanften Ansprache Dinge erzählt, die nicht in seinem Verhörprotokoll stehen. Andere Mütter sind verstummt, verbringen ihre Tage trostlos an den Gräbern ihrer Männer und Kinder.

Überlebende fühlen sich schuldig

Viele Hinterbliebenen haben Depressionen und gesundheitliche Schäden  
Viele Hinterbliebenen haben Depressionen und gesundheitliche Schäden
(Foto: Kautz)
 

Auch die Hinterbliebenen hat der Terror von Beslan nicht verschont. Die meisten haben schwere Depressionen und gesundheitliche Schäden oder fühlen sich schuldig, überlebt zu haben. So, wie die 23jährige Viktoria, deren 16jährige Schwester Christina starb. Beide Mädchen wollten an jenem Morgen gemeinsam zur Schulfeier gehen, haben sich dann aber wegen einer Lappalie gestritten. Seither glaubt Viktoria, die Kleine im Stich gelassen, sie dem Tod preisgegeben zu haben und sühnt die gefühlte Schuld durch stundenlanges Sitzen an Christinas Grab.

Symptome der Traumatisierung zeigen besonders die Männer, denen ihre Kultur das Weinen und laute Trauern verbietet. Ihre Rolle ist die des Beschützers, und in dieser fühlen sie sich als Versager. In ihrem Schmerz halten sie sich an Rachegedanken, wollen das Unrecht an ihren Kindern sühnen. Fragt man, an wem, werden die Inguschen, die Amerikaner, die Moskauer Regierung als Schuldige genannt. Man betrachtet sich als Opfer eines Ringens zwischen den Großmächten, als Kollateralschaden im Streben nach Geld, Öl und Einfluß. Und während die Männer darauf warten, daß die Schuldigen mit Namen genannt werden, gehen gerade die stärksten zugrunde, weil sie sich die Trauer nicht gönnen.

Die westlichen Länder waren wieder einmal überrascht vom Ausmaß der Gewalt und vergaßen in den verwunderten Fragen nach dem Warum, daß diese Gewalt vor Ort täglich stattfindet und Nährboden für jenen kranken Radikalismus ist, der Menschlichkeit und Mitleid erstickt. Beslan, so heißt es später, habe dem Terror eine neue Dimension gegeben, weil dort der Terror gegen Kinder tobte. Eine unsinnige Emotionalisierung. Sie übersah, daß man sich schon oft an Kindern vergriffen hatte, wenn Kriege auszutragen und Macht zu etablieren war. Im Irak  wurden Kinder über Minenfelder geschickt, um den Weg für Soldaten frei zu machen, in Uganda Kinder mit Drogen und Angst zu Killermaschinen umfunktioniert. Die Kinder von Beslan erhielten ein Gesicht, doch das Sterben von Unschuldigen war wirklich nichts Neues.

Nach Beslan beklagten die Mütter von Tschetschenien, dem Nachbarland Nordossetiens, mit Bitterkeit, daß man ihre Kinder schließlich auch umbrachte, und die Welt sich einen Dreck darum kümmere. 25 000 Kinder, sagten sie, habe der Krieg in Tschetschenien auf dem Gewissen. Tote Kinder. Von den verstümmelten, traumatisierten, seelisch erfrorenen Mädchen und Jungen gar nicht zu reden, sagten sie, aber da war keiner, der das hörte, weil diese Kinder im Europa der Sicherheiten keine Rolle spielen. 

Fast jedes Leben im Nordkaukasus ist ein Elend

  Der Friedhof der Geiselopfer
  Der Friedhof der Geiselopfer
(Foto: Kautz)

Der Nordkaukasus ist kein Ort des Glücks. Armut und Arbeitslosigkeit, ungelöste historische Konflikte, verantwortungslose, korrupte Regierungen, Klein- und Großkriminelle, Menschenhändler und selbst ernannte Freiheitskämpfer mit Rambomanieren erzeugen eine Atmosphäre der bedrückenden Angst und der Hoffnungslosigkeit. Fast jedes Leben ist ein Elend, fast jedes Elend dauert  ein ganzes Leben. Wer ehrlich ist, kommt zu nichts, wer sich nicht einlassen will, ist auch schnell tot.

In Tschetschenien ist inzwischen eine ganze Generation mit dem Wissen um Folter und Mord aufgewachsen. Kinder, die täglich an Leichen vorbeigehen. Kinder, deren Mütter oder Väter verschleppt wurden, deren Cousins und Onkels man die Augen ausstach, die Arme ausriß, ihre Körper mit Dynamit in die Luft sprengte. Seit fast einem Jahrzehnt brennen in Tschetschenien die Feuer der Hölle.

Entgegen der russischen Propaganda, die im Unabhängigkeitsbestreben der Tschetschenen eine territoriale Gefahr sah, war es den anderen nordkaukasischen Staaten lange gelungen, in den tschetschenischen Teufelskreis nicht mit hineingezogen zu werden. Weder die Kabardino-Balkaren, noch die Adygier, nicht die Inguschen und nicht die Dagestaner wollten dem tschetschenischen Weg folgen. Selbst als der Privatarmee-Kommandant Schamil Basajew, der gemeinhin als „Warlord“ bezeichnet wird und jetzt als einer der Drahtzieher des Beslan-Terrors gilt, mit seinen Mannen Dagestan überfiel, um den dortigen Glaubensbrüdern „zu Hilfe zu eilen“, wurde daraus kein Krieg.

Dann aber, als 33 Männer über 1000 Geiseln in einer Beslaner Schule nahmen und nur wenige Tage später wimmernde Mütter und versteinerte Väter ihre Kinder in Erdlöcher legten, war es aus mit dem Glauben, man könne im Nordkaukasus Feuer dulden, einen Flächenbrand aber verhindern.  Da war das Wort Tschetschene in aller Munde, kroch säbelrasselnd in die geschockten Seelen des mittigen Europas. Nicht vom Terror gegen Kinder, sondern von tschetschenischem Terror sprach Rußlands Präsident Wladimir Putin, der sich nur zögerlich und distanziert an die Krankenbetten der Verwundeten wagte und seither nie wieder in Ossetien gesehen wurde.  Europas Nachrichtensprecher mimikrierten brav jenen Ton des leisen Schauderns, der mit diesem Wort einhergeht, und wieder einmal reichte die Sendezeit nicht für Differenzierungen, für die Bandbreite der Farben zwischen Schwarz und Weiß.

Die Vorgeschichte des Terrors

Jeder Terroranschlag hat seine Vorgeschichte. Auch die amerikanische Regierung mußte sich vorwerfen lassen, blind gewesen zu sein für das Unheil, das sich zusammenbraute. In Beslan aber war es nicht nur Blindheit, die den Terroristen den Weg bis in die Schule ebnete, sondern eine gefährliche Melange aus Nachbarschaftskonflikten, unbeglichenen Rechnungen sowie bezahlte, ideologische oder machtpolitisch motivierte Mittäterschaft auf vielen Ebenen. Wo die Politik mit dem Finger auf die Tschetschenen zeigte, deuteten die Osseten auf ihre Nachbarn, die Inguschen, und sahen im Terror nichts weiter als die Rache für einen Krieg, der vor zwölf Jahren beendet wurde und in den Köpfen doch nie zu Ende ging.

Seit die Inguschen, aus der Deportation zurückgekehrt, ihr Gebiet Prigorodny, welches Stalin den Osseten zuschlug, zurückforderten, gibt es Spannungen zwischen beiden Völkern. 1992 eskalierten diese Spannungen, 600 Tote und tiefstes Mißtrauen waren die Folge. Prigorodny blieb der Zankapfel, an dem sich ethnische und zivilisatorische Ungleichheiten entzündeten und Bitterkeiten aufrecht erhalten wurden.

Nordossetien hat anders als Inguschetien stets loyal zu Moskau gestanden. Ein Weg, der das Land stabil hielt, auch wenn auf dem Markt von Waldikavkaz, der Hauptstadt, des öfteren Bomben hochgingen. Die Nähe zum großen Bruder hat zwar keine wirtschaftliche Prosperität gebracht, die schlimmste Armut jedoch verhindert und ein Klima geschaffen, in dem auch Kunst, Kultur und Bildung gedeihen konnten.

Inguschetien dagegen ist in einem armseligen Zustand. Von den Folgen der Deportation, bei der mehr als ein Drittel der Inguschen starben, hat sich die Bevölkerung bis heute intellektuell und physisch nicht erholt hat. Lange ein Teil der autonomen tschetscheno-inguschischen Sowjetrepublik fiel Inguschetien nach der Unabhängigkeitserklärung Tschetscheniens schmerzhaft auf die eigenen Füße. Vor zwei Jahren hat die Regierung in Moskau den damaligen Präsidenten Ruslan Auschew aus dem Amt gedrängt, weil er ihr als zu tschetschenienfreundlich galt. Auschew war ein Freund des im März ermordeten tschetschenischen Präsidenten Maschadow. Statt seiner setzte Moskau den FSB-General Murat Ziazikov ein, dem es am Charisma seines Vorgängers und am Vertrauen seines Volkes fehlt.

Die inguschische Wirtschaft ist fast ausschließlich Schattenwirtschaft. Das wenige Öl, das im Land gefördert wird, reicht für ein signifikantes Bruttosozialprodukt nicht aus, und große Teile der Bevölkerung leben vom Schmuggel und schlimmeren Verbrechen. Seit 1999 trägt Inguschetien zudem den Flüchtlingsstrom aus Tschetschenien. Am Anfang sollen es 400 000 gewesen sein, die vor dem Krieg in ihrem Land flohen, das waren mehr, als Inguschetien an Einwohnern hat. Noch im Jahr 2002 zählte man 250 000 Flüchtlinge. Diese Flüchtlingslager waren Zellen des menschlichen Leids, aber auch der Gedanken an Rache.

Die gewaltsame Auflösung dieser Lager und die Rücksendung der Tschetschenen in ein Land, in dem sie ihres Lebens nicht sicher sind, hat Tausende endgültig heimatlos gemacht, schlimmer noch: ihnen das Gefühl gegeben, nichts mehr zu verlieren zu haben. Eine ideale Voraussetzung für islamische Terrorgruppen, Nachwuchs zu werben, nicht nur in Tschetschenien. Beobachter haben von einer zunehmenden Islamisierung unter den jungen Leuten von Kabardino-Balkarien berichtet, und in Dagestan hat es in den vergangenen Monaten eine Welle von Anschlägen auf Politiker gegeben. Daß das tschetschenische Elend nicht nur lange, sondern auch dunkle Schatten wirft, wurde sichtbar, als im vergangenen Juni bewaffnete Terroristen bei einem Überfall in Inguschetiens Hauptstadt Nazran 90 Menschen erschossen, darunter den Innenminister und ranghohe Beamte.

Tschetschenien, Inguschetien, das waren zwei Wege nach Beslan. Den dritten ebneten jene, die vom Terror profitieren: wirtschaftlich, politisch. Schon im September mutmaßten die Überlebenden und Hinterbliebenen des Attentats, die Wahrheit darüber, wer die Terroristen beauftragte, wohl nie zu erfahren. Augenzeugen des Sturms auf die Schule stellten die offizielle Version des durch die Terroristen erzwungenen Angriffs sofort in Frage. Sie negierten, daß eine Explosion von innen die Katastrophe ausgelöst habe, wie die russische und ossetische Regierung behaupteten und damit die dilettantisch ausgeführte Befreiung der Geiseln rechtfertigten. Sie bezweifelten die Versicherungen, man habe nicht anders gekonnt, nur so habe man wenigstens einige Kinder retten können. Nicht die Rettung der Kinder, lediglich die Vernichtung der Terroristen sei das Ziel der Verantwortlichen in Regierungen und Krisenstab gewesen, ist das Fazit, daß man im Mütterkomitee von Beslan gezogen hat. Fotos (im Besitz der Autorin), die rund um die Schule vor, während und nach der Geiselnahme aufgenommen wurden, belegen diese Theorie. Mit für den Krieg, nicht aber für die Befreiung von Geiseln gemachten Waffen sind die Einsatzkräfte ausgerüstet, tragen Panzerfäuste und Flammenwerfer bei sich, und auch Waffen, mit denen man Panzer brechen und ein ganzes Haus in Schutt legen kann. Auf Fotos, die Privatpersonen nach dem Sturm machten, sind zerfetzte Körper, Rümpfe, Arme, Köpfe und immer wieder vollkommen verkohlte Leichen zu sehen. Grauenhafte Dokumente eines Einsatzes, der in jedem halbwegs zivilisierten Land schwere politische Konsequenzen gehabt hätte.

Als der Tod sich seine Teufel schuf

  Die Einsatzkräfte vor dem Sturm
  Die Einsatzkräfte vor dem Sturm
(Foto: Kautz)

32 Täter haben die Einsatzkräfte erschossen, nur einer der Terroristen überlebte. 30 Männer, zwei Frauen. Inguschen, Tschetschenen, ein Ossete. 20 der Täter sind angeblich identifiziert. Daß noch mehr an dem Anschlag beteiligt waren und entkommen sind, hält inzwischen auch die ossetische Untersuchungskommission für möglich. 33 Kleinkriminelle, mit Drogen vollgepumpt, für jede Bluttat billig zu haben, die meisten von ihnen offenbar miese kleine Kriminelle, die laut Recherchen des „Spiegel“ eigentlich im Gefängnis sitzen sollten. Aber wie viele agierten hinter den Kulissen? Noch einmal 33. Oder 330? Einige hat man für ihr Handlangertum bestraft: ein paar Polizisten, die an Straßensperren standen und den Kopf zur Seite drehten, als ein Lastwagen mit schwerbewaffneten Männern vorbeifuhr. Kleine Fische also, Zulieferer, Schmierenkriminelle. Andere haben protzend die Schuld auf sich genommen. Shamil Basajew, der tschetschenische Separatistenführer, den die westdeutsche Presse gerne mit dem Begriff „warlord“ schmückt, und den die Russen mit viel Geschrei zum Topterroristen erklärten und seiner doch nicht habhaft werden. Und das, obwohl er angeblich in Ossetien und Kabardino-Balkarien kurt. Aber vielleicht ist auch das nur so eine der vielen Geschichten, die man sich im Kaukasus erzählt. Wo die Wahrheit eine Illusion ist, füllt man die Löcher mit Legenden, und auch diese machte sich der Tod zunutze.

Als der Tod sich seine Teufel schuf, als er den Wahnsinn des Hasses in die Köpfe dieser Männer setzte, als er ihnen die Menschlichkeit mit Drogen und jede Scham mit Parolen nahm, hatte er auf alle Fälle ein leichtes Spiel. Er setzte auf jene Überzeugungen, die seit Jahrhunderten Elend und Zerstörung über die Region bringen: Ehre. Männlichkeit. Hochmut. Er nahm die Dummheit, die Armut, den Fanatismus und das Geld hinzu, er konnte auf Machthunger, Gier und Skrupellosigkeit zählen. Er hangelte sich am Netz der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen entlang, die Fäden der Korruption und des Hungers nach Öl hielten ihn sicher. Er nahm das Geld vom Westen und vom Osten und lockte damit jene, die für Geld auch Kinder morden.

Ein Lehrstück über verfehlte Politik, falsches Schweigen und falsche Freundschaften hätte Beslan sein können. Höchste Zeit, das europäische Gesäusel mit Rußland zu überdenken und endlich ein Ende des Krieges in Tschetschenien und eine politische Basis zu verlangen, auf der sich, wenn schon kein Frieden, dann doch wenigstens Stabilität für den Kaukasus aufbauen lassen. Endlich Anerkennung, daß der tschetschenische Widerstand gegen die russische Okkupation keine innerrussische Angelegenheit ist und schon lange kein terroristischer Auswuchs. Sondern ein seit fast 200 Jahren andauernder Kampf gegen eine gewaltsame Unterdrückung und Erniedrigung der Kultur.

Alltag ist in Beslan bis heute nicht eingekehrt

Alltag ist in Beslan bis heute nicht eingekehrt  
Alltag ist in Beslan bis heute nicht eingekehrt
(Foto: Kautz)
 

Das Attentat von Beslan aber wurde nicht mehr als ein hilfloses Entsetzen über Dinge, die sich nicht ändern lassen. Keine internationale Vereinigung forderte Aufklärung über den Einsatz unerlaubter Waffen. Ein Jahr später ist der Terror im Bewußtsein des mittigen Europas nur eine der vielen Katastrophen, die über die Welt in diesem Jahr hereinbrachen. Die Bilder der schreienden und toten Kinder wurden bald von anderen Horrorbildern verdrängt und nur selten fand seither das fortwährende Leid der Hinterbliebenen Eingang in die Medien des westlichen Europas. Nordossetien war bald wieder ein Land der weltgeschichtlichen Marginale. Lediglich die Nachwehen des Terrors, etwa der Beginn der Verhandlung gegen Nurpashi Kulajew, schafften den Sprung in die Berichterstattung.

Alltag ist in Beslan bis heute nicht eingekehrt. Einem kalten Winter folgten ein sonniger Frühling und ein neuer heißer Sommer. Die Kränze wurden von den Gräbern genommen, der Boden der Turnhalle gefegt, die Trümmer fortgeräumt. In vielen Kinderzimmern jedoch liegen die Spielsachen der toten Bewohner wie aufgebahrt auf den Betten und manche Wohnungstür wurde seither nicht mehr aufgeschlossen.

Osseten fahren nicht mehr nach Inguschetien, Inguschen nicht mehr nach Ossetien. Auf beiden Seiten heißt es, man wäre dort seines Lebens nicht sicher. In ihrem Gram haben die Mütter von Beslan sogar gefordert, die Bahngleise zu verlegen, die an dem Friedhof der Opfer vorbeiführen, damit ihnen der Anblick des Zuges nach Inguschetien erspart bleibt.

*

Alfred Stevens, Orientalische Schönheit, 1873  
„Beslan, Requiem“ von Andrea Strunk  

Unsere Autorin Andrea Strunk hat gemeinsam mit Uwe Sauermann eine Fernsehreportage über „Die toten Kinder von Beslan“ gedreht. Die Sendung wurde bereits in der ARD ausgestrahlt und wird am 1. September, dem Jahrestag des Terroranschlages, um 13.30 und um 18.00 Uhr auf Phoenix wiederholt. Weitere Informationen finden Sie hier.

Von der Journalistin und Kaukasuskennerin Andrea Strunk ist außerdem soeben das Buch „Beslan, Requiem“ (Brendow Verlag 2005, 190 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 3-86506-071-4) erschienen. Sie beleuchtet darin die politischen Hintergründe der Greueltat und spricht mit den Hinterbliebenen der Todesopfer. Wir werden das Buch in der nächsten Ausgabe besprechen.

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