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Der berühmteste Held der Muslime

In Mannheim widmet sich eine Ausstellung dem Thema „Saladin und die Kreuzfahrer“. Der Kampf des Sultans gegen die christlichen Ritter und vor allem die Jahre der Kämpfe mit Richard Löwenherz von England stehen im Mittelpunkt. Noch heute, über 800 Jahre nach seinem Tod, berufen sich Muslime in ihrem Kampf gegen die „Ungläubigen“ im Westen auf den legendären Saladin.

Von Eberhart Wagenknecht
30.08.2006 Drucken Senden Kommentieren

D er Mann ist ein Mythos. Er ist der größte aller Helden der muslimischen Welt. Berühmtheit hat er darüber hinaus in ganz Eurasien erlangt, seit er zum großen und erfolgreichen Gegenspieler der Kreuzritter wurde. Auf Arabisch lautet sein  Name Salah ad-Din, was soviel bedeutet wie „Redlichkeit der Religion“. Im Westen nennt man ihn Saladin.

Er (1138 – 1193) wurde im mesopotamischen Tikrit geboren und zog später als kurdischer Offizier mit den Truppen des Herrschers von Damaskus gegen Ägypten. Dort stieg er nach dem Tod des schiitischen Kalifen zum Sultan auf. Saladin brachte danach auch Syrien an sich und begann schließlich als mächtigster muslimischer Herrscher seiner Zeit den Kampf gegen die Kreuzfahrerstaaten im Heiligen Land.

Am 28. Rajab eroberte Saladin Jerusalem zurück

Welche Bedeutung sein Name bis auf den heutigen Tag bei militanten Muslimen hat, konnten britische Sicherheitsbehörden erst kürzlich wieder dokumentieren: Der verhinderte Anschlag auf eine Reihe von Passagierflugzeugen der Transatlantikroute in die USA sollte nach einer Veröffentlichung der Londoner Zeitung „The Times“ an jenem Datum stattfinden, an dem Saladin seinen größten Sieg gegen die Kreuzfahrer errungen hatte: Am 28. Rajab – dem Tag, als Sultan Saladin die Stadt Jerusalem von den christlichen Rittern zurückeroberte.

Der 28. Rajab fällt nach dem islamischen Mondkalender 2006 auf den 22. August. Und genau an diesem Tag hätten die Flugzeuge in der Luft explodieren und tausende von Menschen in den Tod reißen sollen.

Nach westlicher Zeitrechnung hat der historische Sieg der Truppen Saladins über die Kreuzritter am 2. Oktober 1187 n. Chr. stattgefunden. Damals hat der Sultan die Stadt wieder dem Islam unterworfen. Dieses Ereignis wird seither in der muslimischen Welt ganz besonders gefeiert.

Die Entscheidung gegen die Kreuzritter fiel in der Schlacht von Hittin

Die Entscheidung war allerdings schon drei Monate vorher gefallen. Am 3. Juli des Jahres 1187 war es zur entscheidenden Schlacht zwischen Saladins Truppen und dem 60.000 Mann-Heer der Kreuzfahrer bei einem Dorf namens Hittin gekommen. Das Schlachtfeld befand sich zwischen der galiläischen Stadt Akkon, die im Altertum auch Ptolemais hieß, und dem See Genezareth und lag südlich eines Bergmassivs mit zwei Gipfeln, die man „die Hörner von Hittin“ nannte. Hier erlitten die Kreuzfahrer ihre größte militärische Niederlage. „Furcht und Schrecken ergriffen die Herzen der Christen“, heißt es darüber in einer arabischen Chronik, „und sie flehten um Gnade. Salah ad-Din schenkte den Franken das Leben und die Freiheit.“ Die Stadt Jerusalem hat sich dann im Oktober 1187 weitgehend kampflos ergeben. Von der Katastrophe bei Hittin haben sich die fränkischen Kreuzritter nie mehr erholt.

Saladin schenkte damals tatsächlich vielen der überlebenden und gefangenen Kreuzritter das Leben und die Freiheit. 200 Ritter, so lautete sein Befehl, seien allerdings zur Abschreckung umzubringen. Doch einen von ihnen verschonte er dann - ein Gnadenakt, der in Lessings Bühnenstück „Nathan der Weise“ als Ausdruck von besonderer Güte und Weisheit dargestellt wird.

Saladins großer Gegenspieler hieß Richard Löwenherz

Bis zum 5. November läuft die Ausstellung „Saladin und die Kreuzfahrer“ in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim. Sie greift auch das Drama auf, das Lessing dem Sultan und seinem Leben gewidmet hat. Lessing macht seinen Helden darin zu einem Vorkämpfer des Toleranzgedankens der Aufklärung. Gezeigt wird eine gebundene Ausgabe des Werkes von 1779 aus der Heidelberger Universitätsbibliothek. Diese Ausstellung ist als Wanderausstellung konzipiert und war vorher schon in Halle und Oldenburg zu sehen.

Neben Saladin kommt als zweite Hauptfigur der Kreuzzugs-Epoche König Richard Löwenherz (1157 – 1199) aus England groß heraus. Der nordische Kreuzritter und der orientalische Sultan wurden zu den großen Antipoden dieser Zeit. Die Ausstellungsstücke und der Katalog sollen zeigen, wie der Kampf der Kulturen im Mittelalter ausgesehen hat. Dabei räumt der Katalogtext mit einigen Weichzeichnungen auf, was Saladins des „edlen Heidens“ Wirken betrifft.

Als solchen haben ihn Ende des 19. Jahrhunderts vor allem europäische Intellektuelle hochstilisiert. Er wurde ganz im Lessingschen Sinne als milde gegenüber seinen Kriegsgegnern dargestellt. Dem wurde vor allem die folgende Begebenheit  zugrunde gelegt: Bei der Schlacht um Akkon, im Jahr 1191 beim Dritten Kreuzzug, eroberte Richard Löwenherz die Stadt von Saladins Truppen. Anschließend ließ er wenig großmütig 3000 muslimische Gefangene niedermachen. Doch Saladin, obwohl auch er Gefangene gemacht hatte, verzichtete darauf, Gleiches mit Gleichem zu vergelten.

Saladin rief zum Dschihad auf, mobilisierte damit Freiwillige für den Kampf

Andererseits mobilisierte Sultan Saladin und andere muslimische Führer für die Schlachten gegen die „Ungläubigen“ auch des öfteren Gotteskrieger, indem sie zum Dschihad aufriefen, zum Heiligen Krieg. Nach 1146 verkündete zum Beispiel Sultan Nuraddin von Ägypten den Dschihad. Nachdem Kreuzritter im Februar 1157 muslimische Bauern und Hirten überfallen und massakriert hatten, wurde erneut zum Dschihad aufgerufen. So kam es, dass neben den regulären Truppen auch immer wieder Freiwillige Gotteskrieger in den Heeren der Sultane kämpften.

Auch über Saladin selbst wird berichtet, dass er durchaus zu Hass und unerbittlicher Verfolgung in der Lage war, zum Beispiel in der Auseinandersetzung mit dem Kreuzritter Rainald von Chatillon. Dieser hatte sich einen Ruf als besonders grausamer Feind der Muslime erworben. Er soll unzählige Pilgerkarawanen überfallen und jeden Waffenstillstand gebrochen haben. Auch ein Überfall auf die heiligen Orte Mekka und Medina ging auf sein Konto. Doch dabei wurden die christlichen Kreuzfahrer durch Araber aus dem Maghreb nach einem Gemetzel gefangen genommen. Man hat sie schließlich in Medina hingerichtet. Rainald von Chatillon war nicht unter den Gefangenen. Sultan Saladin, der damals an vorderster Front gegen die Kreuzritter kämpfte, schwor, ihn in seine Gewalt zu bringen und eigenhändig zu töten. Dieses Gelübde hat er vier Jahre später bei der Rückeroberung Jerusalems durch die Muslime erfüllt.

Begegnung und Befruchtung zwischen Orient und Okzident

Richard Löwenherz war ab 1191 der alleinige Oberbefehlshaber der Kreuzfahrer und damit direkter Gegenspieler Saladins. Er unternahm zwei Vorstöße, um Jerusalem wieder für die Christen zurück zu erobern. Beide Male scheitere er an Saladin. Am 2. September 1192 schlossen die beiden Heerführer einen auf drei Jahre und acht Monate befristeten Waffenstillstand. Nach Abschluss dieses Vertrages lebte Saladin jedoch nur noch ein halbes Jahr. Am 4. März 1193 ist er gestorben.

In der Ausstellung werden die beiden legendären Figuren Saladin und Richard Löwenherz sehr innovativ einander gegenüber gestellt. Dies geschieht in der Präsentation „Saladin und die Kreuzfahrer“. In dieser Begegnung zwischen Orient und Okzident, wie der Untertitel der Ausstellung lautet, versucht man die kulturelle Nähe der beiden eurasischen Landesteile aufzuzeigen.

Zweihundert Jahre lang haben christliche Ritter die Macht in einem Gebiet zwischen Jerusalem im Süden und Edessa (heute Sanliurfa in der Türkei) im Norden ausgeübt. Immer noch künden zahlreiche trutzige Kreuzfahrerburgen von dieser christlichen Epoche im Orient. Zweihundert Jahre hatten die Franken die Handelswege zwischen Kleinasien und Ägypten beherrscht. Sie verlangten Zölle von den an ihren Burgen vorbeiziehenden Karawanen. Die fränkischen Besatzer machten reiche Beute. Sie brachten neben Gewürzen und orientalischen Fertigkeiten unermessliche Kunstschätze in das christliche Abendland.

Waffen, Rüstungen und alte Fotografien aus Jerusalem und Mekka

Ein reichhaltiger Fundus solcher Schätze ist in der Ausstellung zu sehen. Daneben Waffen und Teile von Rüstungen der Muslime und der Kreuzritter. Es sind Exponate aus großen europäischen Sammlungen, die das Zusammentreffen von Abendland und Morgenland zur Zeit der Kreuzzüge beleuchten sollen. Die Begegnung der Kulturen wird konkretisiert an den legendären Figuren Saladin und Richard Löwenherz. In einer Nachbildung ist zum Beispiel auch die Grabplatte des Richard Löwenherz aus Fontevraut zu sehen. Umrahmt von mittelalterlichen Karten und einem Jerusalem-Reiseführer aus dem zehnten Jahrhundert veranschaulicht besonders ein Nachbau des Tempelbezirks von Jerusalem die Rolle dieser Stadt als Treffpunkt dreier Weltreligionen.

Die Trutzburg Krak des Chevaliers in Südsyrien, auf der die Johanniter ihren Sitz hatten,  kann man in einem beeindruckenden Modell umrunden. Mit doppeltem Mauerring und vorspringenden Wehrtürmen zog die Festungsanlage im heutigen Syrien alle Register mittelalterlicher Militärarchitektur.

Einen weiteren Schwerpunkt widmet die Ausstellung den Fragen des gegenseitigen künstlerischen Einflusses und des geschichtlichen und kulturhistorischen Aspektes beim Zusammentreffen beider Welten. In einem Schlusspanorama werden darüber hinaus Auswirkungen dieser Begegnung der Kulturen bis in die heutige Zeit gezeigt.

Parallel zu „Saladin und die Kreuzfahrer“ zeigt das Forum Internationale Photographie (FIP) die Ausstellung „Ins Heilige Land – Pilgerstätten von Jerusalem bis Mekka und Medina – Photographien des 19. Jahrhunderts“ mit noch nie ausgestellten Reisebildern aus seiner photographischen Sammlung. Besonders ragen Aufnahmen Jerusalems aus dem Jahr 1864 heraus. Außerdem Fotografien aus Mekka und Medina von 1880.

Auch in unseren Tagen ist das Heilige Land eine einzige Kampfzone

In der Handelsstadt  Akkon, um die sich Kreuzritter und Muslime die letzten Schlachten lieferten, sowie im benachbarten Tyrus und Sidon, flogen bis vor kurzem die Katjuscha-Raketen der Palästinenser und die Bomber der israelischen Luftwaffe. Das Heilige Land ist nie wirklich zur Ruhe gekommen. Die Bombenbauer von London berufen sich auch heute noch auf Sultan Saladin, wie einst die Gotteskrieger, die er zum Dschihad ermunterte.

In der 2005 erschienenen Biographie „Saladin – Der Sultan und seine Zeit 1138 – 1193“ schreibt der Autor Hannes Möhring: „Kein islamischer Herrscher ist in Europa bekannter als Sultan Saladin. Obwohl er den Kreuzfahrerstaaten schweren Schaden zugefügt hatte, stand er im Abendland über Jahrhunderte hinweg in besonders hohem Ansehen. Als ritterlicher Gegner und Urbild des „edlen Heiden“ ging er in die europäische Geschichtsschreibung ein. […] Für viele heutige Muslime ist er vor allem ein Freiheitsheld.“

Aussstellungsinformationen: http://www.reiss-engelhorn-museen.de/

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Beiträge im Eurasischen Magazin: EM 01-06 „Burgen und Basare der Kreuzfahrerzeit“, EM 04-03 „Reisende in Arabien…“, EM 02-03 „Eurasien historisch: DIE KURDEN“.

Literatur: „Saladin – Der Sultan und seine Zeit 1138-1193“  von Hannes Möhring, C.H. Beck Verlag, München 2005, 128 Seiten, 7,90 Euro, ISBN 3-406-50886-3.

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