Der gefangene Geist des Ho Chi Minh in HanoiVIETNAM

Der gefangene Geist des Ho Chi Minh in Hanoi

Der gefangene Geist des Ho Chi Minh in Hanoi

Im gläsernen Sarg, eingetaucht in rotes Licht, wird der Leichnam des größten Freiheitshelden Vietnams in einem klotzigen Mausoleum aufbewahrt. Es ist ein gespenstischer Kult, der um ihn getrieben wird. Und ein Verrat an seinem letzten Willen. Denn Ho Chi Minh wollte weder ein Staatsbegräbnis noch ein Staatsmausoleum.

Von Jan Balster

V ier Tage in der Woche, von Dienstag bis Freitag, können ihn die Besucher fast das ganze Jahr über begutachten. Lediglich in den Monaten Oktober und November müssen sie verzichten. Da wird er generalüberholt. Schließlich soll er nicht zusammenfallen, keine Spuren der Verwesung zeigen wie sein Kollege Lenin im fernen Moskau.

So stehe ich an diesem Freitag pünktlich um acht Uhr am Eingang zum Mausoleum am Hanoier Ba-Dinh-Platz. Er wird im Wesentlichen für Aufmärsche zu parteilichen Anlässen genutzt. Polizisten riegeln ihn ab. Zufahrtsstraßen werden mit Einbahnstraßenschildern bestückt. Verkehrspolizisten weisen die ankommenden Reisebusse ein. Touristen kommen immer, aus Japan, Deutschland, Frankreich und sogar aus dem früheren Feindesland Amerika. Es gehört einfach zum Besuchsprogramm für Hanoi, sagen die einen, so eine Prozedur muss man erlebt haben, die anderen. Dieser Prunk, dieser Protz ist nötig, um auf sich aufmerksam zu machen, höre ich aus der Schlange, welche sich langsam formiert.

Tradition des Ahnenkultes

Noch haben die Ordnungsfrauen mit ihren stahlharten Mienen nicht viel zu tun. Die erste Gruppe von etwa dreißig Personen darf eintreten. Eine Ordnungsdame stellt sich hinter die letzte zugelassene Person. Wir rücken vor. Eine Glastür wird aufgesperrt. Vor uns ein Röntgengerät, wie es auf Flughäfen zu Personen- und Taschenkontrollen eingesetzt wird. „Fotokamera“, die knappe Aufforderung. „Open“ und die junge Frau weist fordernd auf meine Jacken, keine Geste der Freundschaft, kein Lächeln. Wovor haben sie Angst, vor einem Anschlag, vor einem Bild, das ich machen könnte, von ihrem geliebten Ho. Oder könnte ich ihm womöglich seine Seele rauben?

Ahnenkult hat eine lange Tradition in Vietnam, in jedem Tempel, in jeder Pagode kann man ihn heute wiederfinden. 17 Jahre gab es nur einen einzigen Ahnen, einen öffentlichen Ahnen, während die anderen heimlich zu Hause in den kleinen Tempelchen im Wohnzimmer verehrt wurden. Der öffentliche Tempel war für den großen Ahnen Ho Chi Minh errichtet worden. Ein Klotz, der viermal größer sein soll, als das Lenin-Mausoleum in Moskau. Aber er wurde nach dessen Vorbild gebaut. Auch die Struktur des Kultes einer Partei ähnelte der in Moskau. Es ist der Kult einer Partei, die es verlernt hatte, einen Mann wirklich zu ehren, der sich für sein Volk aufgeopfert hatte. Heute wird darauf geachtet, dass er nicht fotografiert wird. Aber wer soll wem die Seele rauben? Mit einem Bild von einem Toten, dem man seinen letzten Willen verwehrt, den man nicht bestattet.

Mit Trillerpfeifen befehlen die Beamten der Volkspolizei dem Besucher: Bleiben sie in der Reihe, gehen Sie in Zweierreihen. Und ehe der letzte Tourist begriffen hat, seine Kopfbedeckung endlich abzunehmen, haben sie uns sortiert. Wir nähern uns fast im Gleichschritt, in Zweierreihe rücken wir vor. Hinter uns, zwanzig Meter entfernt, versucht die zweite Gruppe aufzuschließen, ebenfalls an die dreißig Leute. Doch sie bekommen noch keine Chance. Eine Trillerpfeife ertönt. Kein Wort kein Satz, lediglich dieser schrille Ton der Pfeife schafft Ordnung. „Linksschwenkt, Marsch!“ Wir betreten den roten Teppich, geradewegs zum Vordereingang des Mausoleums.

Freiheit nach dem Tod?

Ein paar Stufen hinauf, vier Soldaten weisen den Weg. „Linksschwenkt, Marsch!“ Vor uns an der Wand ein Zitat, wohl das wichtigste von Ho Chi Minh: „Es gibt nichts Wichtigeres als die Freiheit.“ Seit mehr als dreißig Jahren ist Onkel Ho, wie ihn die Vietnamesen oft nennen, nun schon tot. Doch die Partei kann nicht von ihm lassen. Besonders in einer Zeit, wo die Korruption stärker wächst als in den ersten fünfzehn Jahren der jungen Republik. Selbst in den Reihen der eigenen Regierung nimmt die Verschwendungssucht immer mehr zu. Da hilft der Geist dieses einzigartigen Mannes mit seinen revolutionären Ideen, seiner harten Arbeit, seinem spartanischen Leben im Dienst des vietnamesischen Volkes.

Heute heißt es: Viele sollen anpacken, wenige dürfen profitieren. Da ist man sich nicht zu schade, ein Bild Hos auszugraben, auf dem er gerade einen Mittelständischen Betrieb betritt. Ho Chi Minh wollte schon immer Privatwirtschaft, erklärt man. Beruht doch seine „Declaration of Independence“ auf der Freiheitserklärung der Französischen Revolution und der Unabhängigkeitserklärung Amerikas, nicht auf Marx oder Lenin, dessen Thesen heute in den Schulen gelehrt werden. Werden sie auch verstanden? Oder werden die Menschen ebenso betrogen und verraten wie Ho Chi Minh?
„Rechtsschwenkt, Marsch!“ die Treppe hinauf. Eiserne Blicke der Soldaten. Die Luft wird spürbar kühler. Nur nicht stehen bleiben, Treppen, Stufen, immer hinauf.

Aufgebahrt im rotfarbenen Spotlight

Zwischen 1973 und 1975 wurde der Mausoleums-Klotz errichtet. Der riesige Platz davor mildert seine optischen Strukturen etwas ab. Dieser Aufbewahrungspalast ist ein Bauwerk, das Ho Chi Minh niemals wollte, sowenig wie ein Staatsbegräbnis. Eine einfache Einäscherung hat er sich gewünscht, kein Pomp, keine Verschwendung. Ihm seinen letzten Wunsch zu erfüllen, wäre die viel größere Ehrung für diesen Mann gewesen als diese Zurschaustellung. Das Geld für den Bau dieses Mausoleums wäre besser in die Wirtschaft, die Bildung und das Gesundheitswesen investiert worden.
 
„Rechtsschwenkt, Marsch!“ den Blick nach links gewendet. Da liegt er, aufgebahrt im rotfarbenen Spotlight, Onkel Ho im gläsernen Sarg. Und nahezu ebenso leblos, stehen vier Soldaten an jeder Ecke des Sarges. Nur nicht stehen bleiben, Marsch, Marsch. Keine Sekunde verweilen im Gedenken an diesen Ahnen. Hier ist das strengstens verboten, was in Tempeln und Pagoden wieder öffentlich erlaubt ist. Verweilen, nein. Onkel Ho ist noch nicht angekommen, dort, wo er glaubte, dass er alle die großen Geister, wie Marx und Lenin treffen könnte.

Zwanzig Sekunden haben wir Zeit. Die brütende Sonne erwärmt unsere Gesichter. Schnell löst sich die Gruppe auf, dreißig Leute, die noch eben in Zweierreihe vereint, hintereinander schritten. Wir haben ihn gesehen – ihn den großen Ho. Liegt hier der letzte Kommunist des Landes Vietnam?

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Von Jan Balster erschienen: „Zu Fuß von Dresden nach Dublin - 3100 km ohne Geld durch Europa“, verlag am park / edition ost, Berlin, ISBN-13: 978-3-89793-124-4, 14,90 Euro. Balster ist außerdem Co-Autor zu den Themen: Reisen nach Osteuropa, Russland und Zentralasien im „Selbstreise-Handbuch“ von Peter Meyer, Reisebuchverlag, 4.Auflage, ISBN 3-89859-5005, 16,95 Euro

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