Der große Sieg und sein hoher PreisZWEITER WELTKRIEG

Der große Sieg und sein hoher Preis

Der große Sieg und sein hoher Preis

Anmerkungen zum Gedenken am 60. Jahrestag des Kriegsendes in Rußland und Deutschland.

Von Wolf Oschlies

Siegesfeier auf dem Roten Platz in Moskau 1945  
Siegesfeier auf dem Roten Platz in Moskau 1945  

Nahm irgendwer in Westeuropa das zur Kenntnis? Am 12. Mai 2005 hat das Europa-Parlament mit beeindruckender Mehrheit eine Resolution verabschiedet, in der zum 60. Jahrestag des Kriegsendes nochmals die Verbrechen des deutschen Nationalsozialismus verurteilt wurden, gleichzeitig (und erstmalig) aber auch die Okkupation Osteuropas durch die Sowjetunion. Nur 49 Abgeordnete, darunter 33 Kommunisten, stimmten gegen die Resolution, die ohnehin schon abgemildert war: „Für einige Völker bedeutete das Ende des Zweiten Weltkriegs die Erneuerung einer Tyrannei, die von der stalinistischen Sowjetunion über sie ausgebreitet wurde“. Die Sowjetunion feierte am 9.Mai 1945 ihren Sieg – Rußland tut es 60 Jahre später wieder unter Begleitung von viel Kritik aus dem In- und Ausland.

Resolutionen des Europäischen Parlaments sind Appelle ohne jede rechtliche Verbindlichkeit, und so ging auch unter, daß die baltischen Länder von den Abgeordneten eine Aufforderung an Moskau verlangt hatten, es solle sich für die Okkupation Litauens, Lettlands und Estlands entschuldigen. Doch die Russen denken nicht daran – wie sie auch nicht daran denken, sich etwa bei Polen dafür zu entschuldigen, daß sie 1939 im Verein mit Hitler Polen überfielen, kurz darauf Tausende polnische Offiziere in Katyn umbrachten und bei Kriegsende in Warschau unbeteiligt zuschauten, wie die Deutschen die polnischen Aufständischen der Armija Krajowa liquidierten. Die Russen hätten auch Anlaß, sich bei weiteren osteuropäischen Ländern für vieles zu entschuldigen, was sie ab 1944/45 dort anstellten: Als „Befreier“ wollten sie angesehen werden und wollen es noch: „Unser Volk brachte den Völkern Europas die Freiheit und die Rettung vor der Sklaverei“, sagte der russische Präsident Putin im Juli 2004. Aber diese Sicht der Russen hat früher kaum jemand geteilt und die meisten in Osteuropa tun es auch heute nicht.

Vom Sinn der Entschuldigungen

Entschuldigungen unter Staaten sind in den letzten Jahren irgendwie „in Mode“ gekommen, auch wenn niemand sagen kann, was sie eigentlich sollen. Wird auch nur ein einziges Verbrechen durch sie ungeschehen gemacht? Natürlich nicht! Aber dennoch hat die Geste viel für sich: Wir heutigen Russen sind nicht mehr die Russen Stalins, wir Deutschen nicht mehr die Deutschen Hitlers, wir Serben nicht mehr die Serben von Milosevic etc., aber wir kennen die Verbrechen, die vor längerer oder kürzerer Zeit in unserem Namen begangen wurden. Wir bedauern die Verbrechen, und wir hoffen auf einen unbelasteten Neubeginn. So oder ähnlich ist wohl der Sinn von politischen Entschuldigungen zu deuten. Aber was geschieht, wenn ein und dasselbe Ereignis von den Beteiligten und Betroffenen extrem unterschiedlich empfunden, gedeutet und in Erinnerung gehalten wird? Dann entstehen gewissermaßen Zwar-Aber-Debatten, die die schmerzliche Spannweite jedweder Gedenkproblematik veranschaulichen, ganz besonders wenn des 60. Jahrestags des Zweiten Weltkriegs gedacht wird.

Die Erinnerungen vom Mai 2005 haben in Osteuropa tiefe Divergenzen zwischen Ländern, Völkern und Generationen deutlich werden lassen: Was den einen als großer Sieg erscheint, nehmen die anderen als historische Ungerechtigkeit wahr. Woran sich Ältere noch aus eigenem Augenschein erinnerten, war für Jüngere papierene Überlieferung von geminderter Verbindlichkeit. Wer „Siege“ apostrophierte, der wußte mehr oder minder, daß diese „Siege“ in 59 vorhergehenden Jahren durch Tabus verwischt und von Legenden befrachtet gewesen waren. Dies offenbarten neueste Forschungen, die in geradezu selbstquälerischer Gründlichkeit ausgebreitet wurden: Der Sieg war groß, aber der Preis des Sieges war hoch und überhöht! Und überall wurden die Gedenkfeiern durch offene „Rechnungen“ gestört, die national oder international präsentiert wurden: Wenn ihr euren Sieg feiert, ohne unseren Beitrag zu ihm zu würdigen, dann ist eure Feier Selbstbetrug, was wir euch übel nehmen.

Woran erinnern sich Menschen, was hält ihre Erinnerung wach, was haben sie erlebt? Diesen Fragen ging im Januar und Februar 2005 das „Allrussische Zentrum zur Erforschung der Öffentlichen Meinung“ (VCIOM) in Kooperation mit ähnlichen Instituten aus Ost- und Westeuropa nach. Insgesamt wurden 10.000 Personen in Österreich, Deutschland, Polen, Tschechien, Ungarn, Slowakei, Rußland und der Ukraine befragt. Das Ergebnis illustriert die angesprochenen Divergenzen (siehe unten).

An der Erstellung des Fragenkatalogs waren Deutsche wohl kaum beteiligt. Manche der Fragen hätten Deutsche anders formuliert (3 und 4), andere nicht gestellt (5) und weitere nicht einmal in Erwägung gezogen (6). Die Umfrage macht deutlich: Die Deutschen sind über den Krieg schlecht informiert. Eben diese Ignoranz hat die Deutschen auch befähigt, den jüngsten Gedenktag in einer erstaunlichen Mischung aus Unbeteiligtheit und medialer Dauerberieselung „abzuhaken“.

„Die Verantwortung für die Shoa ist Teil der deutschen Identität“

Die für Deutsche wesentlichste Frage galt der „Verantwortung“ auch der heute lebenden Deutschen für den Holocaust. Diese Frage haben Deutsche seit 60 Jahren spontan verneint – um sich dann doch der Erkenntnis anzunähern, daß diese Spontanität vielleicht nicht ganz am Platze ist. Bundespräsident Horst Köhler hat am 2. Februar 2005 in seiner Rede vor dem israelischen Parlament gesagt: „Die Verantwortung für die Shoa ist Teil der deutschen Identität“. Das war eine ebenso kluge wie schockierende Formulierung, die natürlich nicht darauf abzielte, alle lebenden und künftigen deutschen Generationen in die Schuld der Nationalsozialisten direkt einzubinden. Eine solche Absicht würde die in Deutschland ohnehin schon grassierende Dummheit noch vertiefen: Wenn selbst renommierteste Autoren die gesamte Holocaust-Problematik arrogant als „Auschwitz-Keule“ abtun, dann verweist derartiges auf schwerwiegende Defizite.

Das Diktum Köhlers verweist auf zwei Phänomene. Zum ersten werden alle Deutschen, so lange es sie gibt, von der restlichen Welt mit Auschwitz identifiziert werden – bewußt oder unbewußt, absichtsvoll oder zufällig, anklagend oder konstatierend, wie auch immer. Für den einzelnen Deutschen hat das – zum Glück! – immer geringere Folgen. Eigentlich gar keine mehr: Deutsche Kinder besuchen in Prag die Schule für tschechisch-deutsche Verständigung. Dieses Beispiel steht für das grundlegend gewandelte Verhältnis Osteuropas zu den Deutschen: Eure Väter waren an Auschwitz schuld, was nie vergessen werden, euch aber keinesfalls angelastet wird. Im Gegenteil soll unsere Bereitschaft, mit euch in jeder Weise zu kooperieren, demonstrieren, daß wir von keiner „Kollektivschuld“ etwas halten.

Zum zweiten hat Köhler die Deutschen wohl davor gewarnt, sich unter dem Deckmantel einer spezifischen Denkfaulheit aus dieser Verantwortung davonzuschleichen: Es ist nun einmal unsinnig, im Zusammenhang mit Hitlers Herrschaft von „Faschismus“ zu sprechen oder gar gegen neue Rechtsextreme in Deutschland „antifaschistisch“ zu demonstrieren. Wäre das NS-Regime „nur“ faschistisch gewesen, dann wären 6 Millionen Juden noch am Leben, denn Faschismus war eine rein italienische Ordnung. Und zu dieser vermerkte selbst das NS-Schrifttum: „Die rassische Untermauerung des Volksbegriffes fehlt dem Faschismus. Daher kennt er im Gegensatz zum Nationalsozialismus keinen Antisemitismus“.

Mit anderen Worten (und zum wer-weiß-wievielten-Mal wiederholt): Es gab kein italienisches Auschwitz, es gab keinen deutschen Faschismus, und dieser Unterschied steht für (mindestens) sechs Millionen getötete Juden, die im deutschen Namen zur „rassischen Untermauerung des Volksbegriffes“ umgebracht wurden. Es spielt letztlich keine Rolle, wie viele Deutsche sich diesem „Volksbegriff“ zugehörig fühlten – die in demokratischen Wahlen an die Macht gekommenen Nationalsozialisten haben mit dieser Auffassung das größte Verbrechen der Geschichte begangen. Das geschah im deutschen Namen, und damit müssen die Deutschen bis ans Weltende leben!

Eine Trümmerhalde namens „Holocaust-Mahnmal“

Und wie leben sie damit, die Deutschen? Pünktlich zum 60. Jahrestag des Kriegsendes ist in Berlin eine Peinlichkeit Stein geworden, an dem sie sich für unabsehbare Zeit die Zähne ausbeißen werden. 2.711 Betonplatten – „Stelen“ – sind ohne Sinn, ohne Be­zug, ohne Aussage nahe des Brandenburger Tors abge­kippt worden, und die ganze Trümmerhalde soll fortan als „Holocaust-Mahnmal“ dienen. Das wirkliche Holocaust-Mahn­mal steht seit dem 27. Januar 1945 in der polnischen Stadt Oswiecim, deutsch Auschwitz, worauf in Deutsch­land kaum jemals ein Gedan­ke verschwendet wurde. Vom 14. Juni 1941 bis zum 27. Januar 1945 „arbeitete“ hier das schrecklichste KZ, tagtäglich wurden hier 6.000 Menschen umgebracht. Hat das in Deutschland jemals jemand addiert?

Seit 1979 steht das ehemalige KZ Auschwitz auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes. Hat diese Tatsache irgendwann irgendwen in Deutschland bewogen, dieser „Gedenkstätte für das Martyrium der Völker“ auch nur eine marginale Aufmerksamkeit zu widmen? Die polnischen Mitarbeiter der Gedenkstätte mußten unter ärmlichsten Verhältnissen arbeiten – vergebens hofften sie auf westdeutsche Hilfe. Von „antifaschistischen“ Ländern wie der DDR, Österreich etc. mit unsäglichen „Gedenkausstellungen“ zugeschüttet, wollten sie die Bundesrepublik bewegen, eine eigene Ausstellung als „Gegengift“ einzurichten, und der Verfasser dieser Zeilen hatte um 1986 bereits einen wunderbaren Plan, wie unter dem Deckmantel einer solchen „Ausstellung“ deutsches Geld nach Auschwitz gebracht werden könnte, das bessere Arbeitsmöglichkeiten für die dortige Gedenkstätte ermöglicht hätte. Selbst in den höchsten politischen Kreisen der Bonner Republik hatte er auf seinen Plan aufmerksam machen können – aber dann kam 1989 die Wende und niemand dachte mehr an Auschwitz.

Statt dessen reüssierten Publicity-geile „Publizisten“ wie Lea Rosh – 2003 Inhaberin von Platz eins unter den „100 peinlichsten Berlinern“ –, die der Auschwitz-Lüge ein neues Design verpaßten, eben den erwähnten Trümmerhaufen im Zentrum Berlins. Diesen Leuten ist nur ein Rat zu geben: Gehen Sie nach Auschwitz-Birkenau, steuern Sie vom Lager-Tor die berüchtigte „Rampe“ an, wenden Sie sich an deren Ende den Ruinen des ehemaligen Krematoriums auf der rechten Seite zu, finden Sie dort unter einer eingestürzten Betonplatte die alte „Leichenrutsche“ und lesen Sie an ihr die Inschrift, die vor Jahrzehnten jemand zum Gedenken seiner getöteten Familie anbrachte. Sollten Sie das jemals tun, dann – können wir über Mahnmale in Berlin und anderswo reden.

Vom Mißbrauch des Gedenkens

Die einzige Sorge der Berliner Mahnmal-Bauer ist seit Jahren, wie man die häßlichen Betonplatten gegen Sprayer schützen kann. Derzeit überlegt man, ob man die fröhlichen „Stelen-Springer“, die von einer Platte zur anderen hüpfen, tolerieren soll. Und Frau Rosh – über die in der Jüdischen Gemeinde Berlin der Witz kursiert „Wer ist bescheuert und wäre gern meschugge?“ – hat sich am Tag nach der Mahnmal-Einweihung den Zorn aller Gutwilligen zugezogen, als sie irgendwo im Mahnmal einen zufällig gefundenen Zahn bestatten wollte. „Nie wieder Auschwitz!“, kreischte der deutsche Außenminister 1999, als er die ohne Sinn, Recht und Effekt gegen Jugoslawien gestartete NATO-Aktion im Kosovo rechtfertigen wollte. Und ähnlichen Schwachsinn mehr: Holocaust-Gedenken ist in Deutschland vielfach zur Sache von Schwätzern und tumben Selbstdarstellern verkommen!

Wie anders sind da beispielsweise die Russen. In der eingangs erwähnten Umfrage meinten 70 Prozent von ihnen (55 Prozent der jüngeren Befragten), der Sieg im Zweiten Weltkrieg sei „der allergrößte Sieg in der Geschichte unseres Landes“. Gleichzeitig plädierten 54 Prozent dafür, „allen Opfern des Zweiten Weltkriegs Denkmäler zu setzen, den deutschen wie den russischen Soldaten, die im Kampf fielen“.

„Rußland, gestehe!“

So fauchte die polnische „Gazeta Wyborcza“ in Richtung Moskau, als dieses gerade seine mehrtägigen Feiern zum 60. Jahrestag betrieb. Natürlich hätte Rußland gegenüber Polen manches zu gestehen, aber warum sollte es das tun? Schließlich sind ein paar Tatsachen zweifelsfrei – daß Rußland, damals die Sowjetunion, von Hitlers Deutschland angegriffen wurde, daß die Deutschen ungezählte sowjetische Kriegsgefangene verhungern ließen und für alle „slawischen Untermenschen“ ein fürchterliches Schicksal planten, daß die Sowjetunion den deutschen Vormarsch stoppte und selber zu einem Siegeszug antrat, der erst im Berliner Reichstag endete.

Weitere Tatsachen waren zwar auch bekannt, können aber erst heute in Rußland frei ausgesprochen werden – daß die anfänglichen deutschen Erfolge nur darum möglich waren, weil Stalin zuvor fast das gesamte Führungskorps der Roten Armee füsilieren ließ, daß unter den schätzungsweise 26 Millionen Kriegstoten der Sowjetunion auch Millionen Opfer des stalinistischen Terrors „versteckt“ waren, daß viele Legenden des „Großen Vaterländischen Kriegs“ im Grunde eine Lüge waren, weil erst die Unfähigkeit der sowjetischen Behörden dazu führte, daß im Verein mit deutschen Attacken das große Elend über die Menschen hereinbrach.

Exemplarisch dafür sind die 871 Tage der Blockade Leningrads, die jahrzehntelang als Heldenepos hingestellt worden war, erst jetzt aber in ihrer ganzen Schrecklichkeit, die vielfach eigenen Versäumnissen entsprang, erzählt wird: Die deutschen Bombardements hatten nur geringe Wirkung, dienten aber als Vorwand, die Unfähigkeit der Behörden zu vertuschen, die für die knapp drei Millionen Einwohner praktisch keinerlei Vorsorge getroffen hatten. Die Hungerration von 125 Gramm Brot pro Kopf und Tag wurde nur einen Monat ausgegeben, und für die Parteigrößen galt sie überhaupt nicht – die mußten vielmehr Sport treiben, um ihr überschüssiges Gewicht zu mindern. Die Menschen hungerten unglaublich: Zwischen Dezember 1941 und Juni 1942 wurden rund 2.100 Fälle von Kannibalismus aktenkundig. Die Menschen starben – allein im Januar 1942 rund 97.000. Aber wenn sie in ihren Briefen nur das kleinste kritische Wort äußerten, dann hatten sie augenblicklich Stalins Zensur und Geheimpolizei am Hals.

Die Größe des Sieges messen die Russen an der Schwere ihres Leids

Wie also will man das damalige Leningrad sehen? Zweifellos waren die über zwei Jahre Blockade eine Hölle für die Menschen. Daß die Stadt, eine der schönsten der Welt, dennoch nicht erobert wurde, war ein Ruhmesblatt, auf das die Bewohner von Leningrad, dem alten und neuen Sankt Petersburg, für immer stolz sein können. Daß sie im Krieg von ihrer Führung stiefmütterlich behandelt wurden, steht auf einem anderen Blatt, welches die Menschen zum 60. Jahrestag des Kriegsendes lieber nicht anschauten. Kann man es ihnen verdenken? Und ähnlich war es an vielen Orten: Die Menschen haben gelitten, gekämpft, gesiegt – die Größe des Sieges messen sie an der Schwere des Leids und den Blutopfern der Kämpfe. Am 9. Mai 2005 kam alles wieder in Erinnerung, und eben diese Mischung kontroverser Emotionen erklärte die melancholische Grundierung der gerade vergangenen russischen Siegesfeiern.

„Sieg“ heißt auf russisch „pobeda“, was eins der meistgebrauchten Worte dieses Jahres gewesen sein dürfte. Gleich danach folgte das Wort „vklad“ (Beitrag), und „Za vklad v Pobedu“ (Für den Beitrag zum Sieg) hieß ein neuer Orden, den die russische Führung zum Jahrestag stiftete. Es war ein „internationaler“ Orden, vermutlich der erste seiner Art. Allein in Rußland und der gesamten GUS wurde er an 9 Millionen Menschen vergeben. Nach russischen Berechnungen könnte sich diese Zahl noch fünf- bis sechsmal vergrößern, da der Orden u.a. auch in den USA, England, Frankreich, Polen und Ungarn vergeben werden soll. Am Ende werden sich vielleicht weltweit 60 Millionen Menschen einen russischen Dank für den vor 60 Jahren errungenen Sieg an die Brust heften können – eine Geste und eine Zahl, die einen andächtig machen sollte.

Besonders wenn man liest, daß im Krieg 250.000 Juden als Soldaten der Roten Armee fielen und daß in Israel noch über 20.000 Veteranen leben, die einmal sowjetische Bürger waren und später auswanderten. Erst jetzt hat sich Rußland wieder an sie erinnert – an „unsere Veteranen“, wie Präsident Putin in einer Grußbotschaft sagte – und sie mit neuen und auch mit alten Orden dekoriert. Letztere hatten sie als Rotarmisten vor 60 und mehr Jahren erworben, die antisemitische Sowjetunion Stalins hatte ihnen die Ehrerweisung dann aber doch vorenthalten.

Wie bedeutsam bleibt Stalin?

Stalin war und bleibt eine Integrationsfigur für viele Russen  
Stalin war und bleibt eine Integrationsfigur für viele Russen  

Im Garten des Russisch-Deutschen Museums in Berlin-Karlshorst – dem Gebäude, in welchem vor 60 Jahren die Führung der deutschen Wehrmacht die bedingungslose Kapitulation unterzeichnete – steht noch ein sowjetischer Panzer, auf dem die alte Losung aufgemalt ist: Za Rodinu – za Stalina (Für die Heimat – für Stalin). Unter dieser Losung haben den ganzen Krieg über sowjetische Soldaten gekämpft und am Ende auch gesiegt.

Bei den Gedenkfeiern 2005 spielte Stalin im Grunde keine Rolle, sieht man einmal von wenigen Veteranen ab, die sein Bild vor sich her­trugen – wie ein Jahrhundert zuvor ihre Vorfahren die heiligen „Ikonen“ bei Prozessionen. Aber die­se geringe Präsenz Stalins sollte nicht darüber hinwegtäuschen, daß er bei etwa der Hälfte der Russen noch etwas gilt. Die eingangs er­wähnte Umfrage hat gerade diesen Aspekt sehr genau erkundet und belegt. Danach sind 58 Prozent der Russen „überzeugt, daß Stalin einen bedeutsamen Beitrag zum Sieg der Sowjetunion im Großen Vaterländischen Krieg lieferte“.

Vielleicht hat er das ja wirklich – irgendwann in der Endphase des Kriegs. Zuvor hat er den Krieg durch sein Bündnis mit Hitler erst möglich gemacht (sagen russische Historiker heute), und sein Terror gegen das eigene Land und Volk und gegen die Armee hat die enormen Anfangsverluste der Roten Armee verursacht.

Aber diese historischen Umstände sagen Russen nichts. Für viele von ihnen war und bleibt Stalin ein Symbol und eine Integrationsfigur, und das um so mehr, je älter und ungebildeter sie sind: Die treuesten Anhänger Stalins sind Menschen über 55 Jahre (68%), Bewohner von Dörfern (65%) und Wähler der „Kommunistischen Partei der Russischen Föderation“ (85%). Der gegenteiligen Meinung, daß nämlich Stalins Beitrag zum Sieg „unbedeutend“ war, sind 18 Prozent der Russen, vor allem solche aus Großstädten und mit akademischer Bildung.

40 Prozent der Befragten beurteilen Stalins Tätigkeit im Krieg rundheraus als „positiv“, „teils positiv, teils negativ“ schätzen 31 Prozent sie ein und „absolut negativ“ 11 Prozent. Die meisten positiven Wertungen kamen erneut von KP-Wählern (64%), Älteren (50%) und Menschen „mit Elementarbildung“ (46%). „Nicht eindeutig“ schnitt Stalin bei „Anhängern Putins“ und bei „Leuten mit relativ hohem Einkommen“ ab, während er bei Inhabern von Hochschuldiplomen eher negativ beurteilt wurde (18%).

Nur 59 Prozent der Befragten waren bereit, sich überhaupt zu Stalins „Verdiensten“ (zaslugi) zu äußern. Von ihnen sprachen die meisten Stalin „organisatorisches Talent“, „Sicherung von Disziplin und Ordnung im Lande unter Kriegsbedingungen“ etc. zu (20%). 12 Prozent lobten Stalins „eisernen Willen und starken Charakter“ und empfanden selbst seine „Grausamkeit“ als „berechtigt“. Fünf Prozent meinten, er habe eigenhändig alle Kriegspläne entworfen, selber die Armee geführt und auch den Nachschub organisiert. Acht Prozent meinen gar, daß es „ohne ihn keinen Sieg gegeben hätte“.

„Nicht das gute Volk vom bösen Stalin trennen“

12 Prozent der Befragten rühmten Stalins „Patriotismus“, aber 53 Prozent erwähnten „die Schuld Stalins gegenüber dem Land in den Kriegsjahren“. 24 Prozent erwähnten ausdrücklich „Repressionen, Massenverhaftungen, Terror gegen das eigene Volk, Genozid am eigenen Volk, Konzentrationslager“. 12 Prozent halten ihn für „manisch“, 20 Prozent für „militärisch inkompetent“ und für einen „Zerstörer der militärischen Elite“, der „die Armee vor dem Krieg vernichtete“.

„Wer hat den Krieg gewonnen – Stalin oder das Volk?“ Diese Frage wird in Rußland bis heute diskutiert. Die Armeezeitung „Krasnaja Zvezda“ (14. Mai 2005) ließ sie sich von höchsten Militärs auf niedrigstem Niveau beantworten: Kein Volk kann ganz auf sich gestellt einen Krieg gewinnen, dazu braucht es eine Führung; die Sowjetunion hat unter Stalins Führung gesiegt, also kann man heute „nicht das gute Volk vom bösen Stalin trennen“. Stalin war entweder per se gut, oder er hat gute Leute erzogen – ganz so wie Napoleon seine Marschälle.

Das unermeßliche Leid, das das Dritte Reich den Russen und den anderen Sowjetvölkern angetan hat, ist der (zu) hohe Preis, der ihren Sieg zu einem großen Sieg macht. Das Leid, daß der eigene Diktator seinem Volk zufügte, würde den Glanz dieses Sieges ramponieren. Darum spricht man in Rußland lieber über die Stärke der Invasoren als über die Grausamkeit des „Führers aller Völker“.

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Der Autor: Prof. Dr. Dr. h.c. Wolf Oschlies (geb. 1941) ist Osteuropa- und Balkanexperte und lehrt an der Universität Gießen.

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Ergebnisse der Meinungsumfrage des „Allrussischen Zentrums zur Erforschung der Öffentlichen Meinung“ (VCIOM) im Januar und Februar 2005, Angaben in Prozent:

Länder: AT - Österreich, DE - Deutschland, PL - Polen, CZ - Tschechische Republik, HU - Ungarn, SI - Slowenien, RU - Rußland, UA - Ukraine. Bei der vorletzten und letzten Frage gibt es zur Tschechischen Republik, zur Ukraine und zu Slowenien keine Angaben.

Deutschland Russland

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