Der höchste Bahnhof und der tiefste Bunker der WeltRUßLAND

Der höchste Bahnhof und der tiefste Bunker der Welt

Der höchste Bahnhof und der tiefste Bunker der Welt

Von der russischen Millionenstadt Samara wissen in Europa die wenigsten Menschen etwas. Dabei hat sie mitten im Stadtzentrum sogar zwei Weltrekorde zu bieten.

Von Thomas Keith

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Gläserner Bahnhofsturm in der Wolgametropole  

EM – Samara ist mit seinen 1,3 Millionen Einwohnernzwar bei weitem nicht so groß wie Moskau oder Sankt Petersburg, zähltaber dennoch zu den größten Städten Rußlands. Zu Sowjetzeitenwar das damalige Kujbyschew eine Schaltstelle der Luft- und Raumfahrtindustrieund Teil des militärisch-industriellen Komplexes. Für Ausländerwar sie deshalb tabu und galt als „geschlossene Stadt“. Heute bemühtsich die Gebietsregierung mit einigem Erfolg um ausländische Investitionen:Das Gebiet um Samara zählt zu den wohlhabendsten Regionen der RussischenFöderation. Das beweist ein Bauboom, dem vor allem die historischen Holzhäuserim Stadtzentrum zum Opfer fallen, an deren Stelle große Appartementblocksund Bürotürme aus dem Boden gestampft werden. Die neue Stadtmittesoll sich (post)modern zeigen. Die Architektur aus der Glanzzeit Samaras zukonservieren, als sie sich im 19. Jahrhundert als Kaufmannsstadt und Handelsmetropoleeinen Namen machte, interessiert da weniger. „Biznes“ geht hierallemal vor Denkmalschutz: stürzt ein altes Haus ein, wird Platz freifür einen neuen Büroturm.

Der Bauwut der Samaraner mußte auch das historische Bahnhofsgebäudeweichen, an dessen Stelle ein neues hochgezogen wurde. Stahl und Glas umhüllenden turmartigen Bau, der den Bahnhof von Samara zum höchsten der Weltmacht und zugleich zum neuen Wahrzeichen der Wolgastadt. Neben Büros sinddarin ein kleines regionales Eisenbahn-Museum, ein Hotel, ein Friseursalonund vor allem Spielautomaten untergebracht. Die großen Scheiben mußtenbereits mehrmals ausgetauscht werden, weil die Vibrationen durch die darunterverkehrenden Züge Sprünge und Risse erzeugten. 30 Rubel, knapp einenEuro also, kostet die Fahrt mit dem Panoramalift in den sechsten Stock desriesigen Glasturms. Im vornehmen Wartesaal können Reisende in Ledersesseln – gegenein weiteres Entgelt – Zeitungen lesen oder fernsehen. In der 14. Etagebietet eine Aussichtsplattform einen weiten Blick über die Stadt.

Im Gleichtick mit Wladiwostok und Moskau

Die Bahnhofsuhr in Samara zeigt die gleiche Uhrzeit an wie die in Wladiwostok,Endstation der Transsibirischen Eisenbahn, sieben Zeitzonen weiter östlich.Damit Zugreisende bei ihrer Fahrt durch die vielen Zeitzonen Rußlandsnicht die Orientierung zwischen Tag und Nacht verlieren, laufen die Uhren aufallen russischen Bahnhöfen gemäß der Moskauer Zeit.

Was in einem westeuropäischen Bahnhof selbstverständlich erscheint,verwundert an diesem Ort: eine hell ausgeleuchtete Eingangshalle, polierteGranitplatten auf dem gefliesten Boden, elegante Rolltreppen. Auf Flachbildschirmenkann man sich über den Fahrplan informieren – über Züge,die aus dem sibirischen Irkutsk am Baikalsee kommen und dann weiter nach Simferopolam Schwarzen Meer fahren oder von Tscheljabinsk am Ural nach Charkow in derUkraine zuckeln. Wie in jedem größeren russischen Bahnhof gibt esneben einer kleinen Apotheke mehrere Kioske, die alle dasselbe verkaufen -Bier, Erfrischungsgetränke, Zigaretten, Kekse, Eis, Schokolade, Chips.Alles gut bewacht von einer massiven Polizeipräsenz. Über lange tunnelartigeTreppen gelangt man zu den Bahnsteigen. Sie sind schon weniger prächtigals das Innere des Bahnhofs, aber ordentlich gepflastert, beleuchtet und überdacht.Wie auf einem gewöhnlichen russischen Bahnhof bieten ältere FrauenReiseproviant, Zeitungen und Zeitschriften feil. Grüppchen von Leutenverabschieden ihre Lieben auf eine meist tagelange (und langsame) Reise, rauchendeMänner in Trainingsanzügen und Hausschuhen nutzen den Halt am Bahnhof,um sich von der langen Zugfahrt etwas die Beine zu vertreten. Am Eingang zujedem Waggon wartet eine uniformierte Zugbegleiterin, die die Fahrscheine kontrolliertund den Gästen in ihrem kleinen Herrschaftsbereich die Plätze anweist,später die Bettwäsche verteilt und Wünsche, etwa nach einemGlas Tee, entgegennehmen wird.

„Hier spricht Moskau“

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Für den schlimmsten Notfall: Stalins Arbeitsplatz im Bunker von Samara  

Mitten im Zentrum von Samara, am Tschapaew-Platz, bietet sich eine weitereAttraktion der Stadt: der Stalin-Bunker. Es ist der tiefste der Welt, versichertder Mitarbeiter des heutigen Museums beim Abstieg in den gigantischen Kellerunter der Kunstakademie. Als Hitlers Armeen Moskau bedrohlich nahegekommenwaren, wurde die russische Hauptstadt nach Kujbyschew verlegt. Dafür gabes gute Gründe: die nur schwer zu überwindende Wolga und die Lagean der Transsibirischen Eisenbahntrasse. Mit der Regierung zogen damals 22Botschaften um, auch der Rundfunk sendete bereits von der Wolga. Trotzdem wurdedas Programm immer noch mit „Hier spricht Moskau“ eingeleitet.

Der Bunker wurde 1942 gebaut, in nur neun Monaten und in aller Heimlichkeit.Die Bevölkerung durfte nichts davon bemerken - kaum vorstellbar bei einemErdaushub von 25.000 Tonnen. Doch erst 1991 wurde der Bau wiederentdeckt undals Museum eröffnet. Da es seinerzeit schnell gehen mußte, konstruierteman den Bunker aus fertigen Komponenten, die eigentlich für die MoskauerMetro bestimmt waren. Bis zu 600 Menschen sollten so Schutz finden vor Bomben,bis zu zwei Tonnen schwer. Eine eigene Wasser- und Stromversorgung und eineigenes kleines Kraftwerk sollten längere Aufenthalte unter der Erde ermöglichen.

Zur Besichtigung freigegeben sind ein Sitzungssaal und Stalins Arbeitszimmersamt einem Erholungsraum. Die Einrichtung der Zimmer strahlt die Eleganz dervierziger Jahre aus. An Holz wurde nicht gespart. Über dem Eingang desSitzungssaals hängen die Porträts von Marx, Engels und Lenin. StalinsKabinett ist eher asketisch eingerichtet, ganz ohne jeden Luxus. Es hat vierTüren, denn Besucher wollte der Diktator dadurch verunsichern, daß sienie wissen konnten, durch welche Tür er hereinkommen werde. Auf die Frage,ob Stalin je hier war, gibt es zwei Antworten. Die einen meinen, das sei nichtbekannt, da er mehrere Doppelgänger hatte. Andere behaupten, Stalin hätteals einziger der Führungsriege in Moskau ausgeharrt und so die entscheidendeWende im Kriegsgeschehen herbeigeführt. Samara verfügt also gleich überzwei Superlative: den tiefsten Bunker und den höchsten Bahnhof der Welt. „Beidesnutzlose Rekorde“, wie der Museumsführer meint.

Der Autor ist Sprachassistent am Goethe-Institut in Samara (Rußland)und schreibt für das Korrespondenten-Netz n-ost (www.n-ost.de).

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