„Der imperiale Traum“ von John Darwin und „Imperien Asiens“ von Jim Masselos (Hrsg.)GELESEN

„Der imperiale Traum“ von John Darwin und „Imperien Asiens“ von Jim Masselos (Hrsg.)

Eurozentrismus ist ein sehr junger historischer Irrtum. Globalisierung beruht keineswegs auf europäischen Wurzeln. Asien war vorher da und ist es nun wieder – war nur mal kurz weg. Wer es immer noch nicht glauben möchte, hat hier zwei Bücher vor sich, um seine Zweifel abzuarbeiten.

Von Hans Wagner

V on Asien aus betrachtet ist Europa eine Art westliches Anhängsel des großen Kontinents Eurasien. Mehr nicht. Vergleichbar vielleicht mit Portugal für einen Zentral- und Mitteleuropäer. Die Estremadura ist schlicht der letzte Zipfel der europäischen Landkarte. Von Peking oder Phnom Pen aus betrachtet erscheint ganz Europa als ein solcher Zipfel Eurasiens. Die Europa-Zentriertheit ist ein sehr junges Phänomen an den westlichen Küsten. Dort halten sich die Länder mit ihren rund 700 Millionen Einwohnern vielleicht noch immer für eine Art Nabel der Welt. Eurasien insgesamt hat fast fünf Milliarden Bewohner. Und der „Nabel der Welt“ lag früher weit im Osten. Alte Sanskrit-Texte erwähnen den tibetischen Berg Kailash als Nabel der Welt. Es war also alles schon mal ganz anders. Ausgang offen.

Wer glaubt, das sei übertrieben, hat die Gelegenheit an zwei Buchneuerscheinungen seine Zweifel abzuarbeiten. In dem wunderbar illustrierten Band „Imperien Asiens“ wird der Mogulherrscher Shah Jahan (1592 -1666) gezeigt, wie er von seinen vier Kindern umringt auf dem Erdball steht. Das Mogulreich dauerte vom 16. Jahrhundert bis 1858, umfasste fast den gesamten indischen Subkontinent und hatte in seiner Blütezeit rund 100 Millionen Einwohner. Als es zu Ende ging, übernahm Großbritannien mit seiner Ostindien-Kompanie das Regiment. Das war erst vor rund 150 Jahren. Bis dahin hatte Asien mit dem Mongolenreich, mit China, dem Reich der Mitte, mit dem Khmer-Reich, den Osmanen, den persischen Safawiden und dem kurzlebigen japanischen Meij-Reich imperiale Geschichte geschrieben.

Von Dschingis Khan zu Tamerlan

Die Mongolen waren es, die unter Dschingis Khan das größte Reich aller Zeiten errichteten. 1241 standen sie sogar vor den Toren Wiens. Die Khmer erbauten den gewaltigsten Tempelkomplex der Welt, den Angkor Wat in Kambodscha. Die Ming-Dynastie stellte die Chinesische Mauer fertig, das längste Bauwerk der Erde. Asiens Imperien beherrschten die politische und kulturelle Landschaft in fast ganz Eurasien über Jahrhunderte.

Ein internationales Expertenteam schildert in dem von Jim Masselos herausgegebenen Band sieben Reiche zwischen dem Jahr 800 n. d. Ztr. Und dem 20. Jahrhundert. Masselos lehrt Geschichte an der Universität Sydney und ist Experte für die Kultur Asiens. Die Autoren beschreiben Wirtschaft und Politik der Reiche und ihr Erbe für unsere heutige Zeit.

Der Zentralasiatische Eroberer und Reichsgründer Timur (Mitteltürkisch „Das Eisen“) wurde im Abendland als Tamerlan bezeichnet oder als Timur Lenk (Timur der Lahme) geschmähat. Tatsächlich hatte Timur (1336 bis 1405) infolge einer Knochenkrankheit ein steifes Knie und wies durch mehrere Verwundungen Bewegungseinschränkungen der Schulter und der Hand auf. Er entstammt einem mongolischen Nomadenstamm, war aber nicht mit Dschingis Khan verwandt. Timur wollte das Mongolenreich in Zentralasien und im Mittleren Osten erneuern. Wegen der fehlenden eigenen Verwandtschaft zum legendären Großkhan benutzte er einen Nachkommen von Dschingis Khan als Marionettenkönig um seine eigene Herrschaft zu legitimieren. Die späteren Moguln waren ein Ableger seiner Timuriden-Dynastie.

Erst im 19. Jahrhundert kam Europa aus den Startlöchern

Von der Zeit der Mongolen im ausgehenden Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hinein beschäftigen asiatische Reiche die Phantasie der Europäer.  Man bewunderte die Prachtentfaltung ihrer Kaiser, Khane und Schahs. Ihre verfeinerte Lebensart war in Europa noch kaum bekannt. In Asien hatte man das Papier erfunden,  das Porzellan, das Schießpulver und die Seide. Es dauerte bis weit in das 19. Jahrhundert hinein, bis die Europäer selbst führend wurden in Wissenschaft und Forschung. Seither erscheinen Asien und der Orient in den Augen Europas als rückständig. Arroganz machte sich breit. Aber mit der neuerlichen Heraufkunft Chinas und Indiens zu Weltmächten erinnert man sich plötzlich. – Die beiden Bücher helfen dabei.

Die eurasische Revolution

John Darwin stellt in seinem Werk „Der imperiale Traum“ die Geschichte großer Reiche von 1400 bis 2000 vor. Das Inhaltsverzeichnis lässt sofort aufhorchen, vor allem solche Kapitel wie „Eurasien und das Zeitalter der Entdeckungen“ – „Das frühneuzeitliche Gleichgewicht“ – „Die eurasische Revolution“. John Darwin ist Brite und als solchem gehen ihm Begriffe wie „Eurasien“ und „Gleichgewicht“ besonders leicht von den Lippen. Der als „Makrohistoriker“ bekannte Autor sieht die Geschichte der Welt als eine Geschichte großer Imperien.

Der Campus Verlag, in dem das aus dem Englischen übersetzte Werk erschienen ist, schreibt dazu in einer Zusammenfassung: „Mitte des 15. Jahrhunderts begannen die europäischen Seefahrernationen, allen voran Portugal, die Seewege Richtung Amerika und Indien zu erschließen: der Beginn der europäischen Expansion. Doch was geschah derweil in jenem Teil der Welt, der vom Ausgreifen des Westens relativ unberührt blieb?

In einer meisterhaften Geschichtserzählung zeigt John Darwin, dass die asiatischen Reiche bis weit ins 19. Jahrhundert hinein erstaunlich stabil waren. Er schildert das imperiale Streben der größten Mächte Eurasiens: unter anderem China und das indische Mogul-Reich, das Osmanische und das Russische Reich und Japan.

Erst ab 1880 erringt Europa auch gegenüber Asien eine ökonomische und militärische Vormachtstellung - die es aber im Zuge der Weltkriege bald wieder verliert. Nach dem darauf folgenden Ende der Kolonialreiche fand Asien rasch zu alter Stärke zurück. So erzählt John Darwin eine atemberaubende Geschichte von Aufstieg und Niedergang, in der die westliche Hegemonie nur eine kurze Phase war, deren Ende bereits in Sicht gekommen ist.

Mit seltener Klarheit und Originalität vollzieht er 600 Jahre Weltgeschichte nach. Und ermöglicht damit ein neues Verständnis der globalisierten Welt, das sich jeder eurozentrischen Argumentation enthält.“

Vergesst Samuel Huntington

Darwin schürft tiefer als Oswald Spengler, analysiert gründlicher und ist weit weniger spekulativ als Arnold Toynbee und lässt die Kurzatmigkeit der zeitgeisternden Kulturkampf-Szenarien Samuel Huntingtons rasch vergessen.

Ausgestattet sind beide Bücher mit einem umfangreichen wissenschaftlichen Anhang und übersichtlichen Registern. So können sie auch als Nachschlagewerke dienen, wenn allzu oberflächliche Nachrichtenverfasser in Funk und Fernsehen sich schwer tun, über den Tellerrand der EU hinauszublicken.

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Rezension zu: „Imperien Asiens – von den alten Khmer bis zu den Meiji“ von Jim Masselos (Hrsg.) Theiss 2010, 240 Seiten, Format 27,8 x 22,2 cm, mit vielen farbigen Abbildungen, 34,90 Euro, ISBN-13: 978-3806223705.

Rezension zu: „Der imperiale Traum – die Globalgeschichte großer Reiche 1400 – 2000“ von John Darwin, Campus 2010, 544 Seiten, 49,90 Euro, ISBN 13: 978-3593391427.

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Siehe dazu auch EM 03-2003 DIE MONGOLEN und große Berichte zu Dschingis Khan und den Mongolen in unserer Suchfunktion.

Eurasien Europa Rezension

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