Der kaukasische Patriarch als Symbol der ErinnerungASERBAIDSCHAN

Der kaukasische Patriarch als Symbol der Erinnerung

Im Leben des verstorbenen aserbaidschanischen Präsidenten Gajdar Alijews spiegeln sich Niedergang und Neubeginn der ehemaligen Sowjetrepubliken.

Von Ulrich Heyden

EM - Die Beerdigung von Gajdar Alijew, dem ehemaligen PräsidentenAserbaidschans, führte verschiedene Pole des eurasischen Kontinents zusammen.Dem Toten die letzte Ehre erwiesen nicht nur der türkische PräsidentDemirel und Kreml-Chef Putin. Aus Georgien waren gleich drei Präsidentenangereist, der ehemalige, die amtierende und der zukünftige, Schewardnadse,Burdschanadse und Saakaschwili.

Der im Alter von 80 Jahren in der Cleveland-Klinik in den USA an Herzversagenverstorbene Alijew begann seine Karriere 1967 als KGB-Chef von Aserbaidschan.1969 wurde Alijew ZK-Sekretär in der Sowjetrepublik. Seinen ZiehvaterBreschnjew verehrte Alijew mit östlicher Gastfreundschaft und einem Orden.Unter Andropow wurde der Parteikader stellvertretender Vorsitzender des sowjetischenMinisterrates. Er war zuständig für den Maschinenbau im Riesenreich.Unter Gorbatschow verlor Alijew seinen Posten. 1993 gelang ihm dann ein triumphalerNeustart in dem von Krieg und Bürgerkrieg zerrissenen Aserbaidschan, welcheser zunächst als Parlamentschef und dann als Präsident mit eisernerFaust in die Stabilität führte.

Liebling des Kremls

In Moskau erinnert man sich auch heute noch gerne an Gajdar Alijew. Denn derKreml möchte zu dem ölreichen Land am Kaspischen Meer – trotz dessenHinwendung zu den USA – gute Beziehungen erhalten. Wegen des von einem internationalenKonsortium unter Führung von BP geplanten Pipeline-Projekts unter UmgehungRußlands hatte es zwischen Baku und Moskau Spannungen gegeben.

Gajdar Alijew erinnert an die Zeiten, als Moskau das Zentrum des Sowjetreicheswar. Viele Russen – auch der amtierende Kreml-Chef – denken gerne daran zurück.Putin erklärte in Baku freimütig, er „liebe Alijew“. Kein Wunder.Beide Präsidenten absolvierten die KGB-Schule im ehemaligen Leningrad.

Nachdem Gajdar Alijew 1993 die Macht im Land wieder in der Hand hatte, inszenierteer einen Kult um seine Person. In jeder Fabrik hängt sein Porträt.An den Ausfallstraßen Bakus stehen Plakate mit Alijew-Zitaten. Der Verstorbenebaute eine Dynastie auf, machte seinen Sohn Ilham zum Leiter des staatlichen ÖlkonzernsSOCAR und zum Regierungschef.

Der Tod des ehemaligen Präsidenten am 12. Dezember kam überraschend.Im privaten aserbaidschanischen Fernsehkanal CND hatte zunächst ein Chefarztdes türkischen Militärkrankenhaus in Ankara erklärt, der Gesundheitszustandvon Gajdar Alijew sei normal, er werde weiter in Cleveland in den USA behandelt.Nur ein paar Stunden später meldete der gleiche Fernsehkanal, Alijew seiverstorben. In der Opposition ging schon während der Präsidentschaftswahlenim Oktober das Gerücht um, Alijew sei bereits tot und möglicherweiseeingefroren worden. Das Gerücht erhielt dadurch Nahrung, daß esseit August kein Photo mehr vom Staatsoberhaupt gab.

Das von der Opposition ausgestreute Gerücht hatte vermutlich böswilligenCharakter. Fest steht, daß der Alijew-Familien-Clan und seine Fördererin Washington und Moskau alles dafür taten, daß Aserbaidschan auchnach dem Tod Alijews stabil bleibt. Als Tausende von Oppositionsanhängernwegen Wahlfälschungen bei der Präsidentenwahl auf die Straßegingen, setzte die Staatsmacht knüppelnde Polizisten gegen die Demonstrantenein und sperrte Oppositionspolitiker hinter Gitter. Washington und Moskau erkanntendie umstrittenen Wahlen an.

Sowjetpolitiker bis zum Schluß

Gajdar Alijew wollte die Macht bis zuletzt behalten. Damit war er ganz Sowjetpolitiker.Im April ereilte den alten Mann während einer vom Fernsehen übertragenenRede in Baku eine Herzattacke. Der Präsident krümmte sich vor Schmerzenund wurde ohnmächtig. Erst kurz vor der Präsidentschaftswahl im Oktoberzog Gajdar Alijew seine Kandidatur zugunsten seines Sohnes zurück.

Anläßlich des Todes des ehemaligen Präsidenten blieb es inBaku ruhig. Die Macht ordnete eine siebentätige Staatstrauer an, Vergnügungseinrichtungenwurden geschlossen, ausländische Fernsehkanäle abgeschaltet. Dasaserbaidschanische Radio spielt ununterbrochen klassische Musik. Vor dem Präsidentenpalastim Zentrum der Stadt standen weinende Frauen vor einem Meer von Blumen. AuchVertreter der Opposition legten Blumen nieder.

Ob es dem Sohne Gajdar Alijews, Ilham, gelingt, die Stabilität im Landzu erhalten, die unterschiedlichen Clans hinter sich zu bringen, ist unsicher.Es heißt, der neue Präsident sei nicht so erfahren wie sein Vaterund verfüge nicht über dessen Schläue und Härte. Die sozialeSituation in Aserbaidschan ist äußerst gespannt. Bisher kommen die Öleinnahmennur einer kleinen Oberschicht zugute. Hunderttausende aserbaidschanische Flüchtlingeaus Nagornij Karabach und Armenien leben immer noch in Elendsquartieren. DasVolk will die von Armeniern eroberten Gebiete zurückholen, notfalls miteinem neuen Krieg. Doch an einer Destabilisierung des ölreichen Landeshat man weder in Washington noch in Moskau Interesse.

Mehr von Ulrich Heyden finden Sie unter www.ulrich-heyden.de.

GUS Kaukasus

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