„Der nahe und der ferne Feind: Die Netzwerke des islamistischen Terrorismus“ von Guido SteinbergGELESEN

„Der nahe und der ferne Feind: Die Netzwerke des islamistischen Terrorismus“ von Guido Steinberg

Gegen den Strom der Globalisierungstheorien entwickelt Guido Steinberg eine neue Perspektive auf den islamistischen Terrorismus – er sieht in ihm einen Fall von globaler Netzwerkbildung, der im Lokalen wurzelt.

Von Loay Mudhoon

Rezension zu: „Der nahe und der ferne Feind: Die Netzwerke des islamistischen Terrorismus“ von Guido Steinberg  
„Der nahe und der ferne Feind: Die Netzwerke des islamistischen Terrorismus“ von Guido Steinberg  

S chon lange warnt Guido Steinberg, Islamwissenschaftler und ehemaliger Terrorismusreferent im Bundeskanzleramt eindringlich davor, den militanten Islamismus und dessen terroristische Netzwerke ausschließlich als transnationales, globales Phänomen zu betrachten. Nach seiner Ansicht übersehen Vertreter dieser These - meist Politikwissenschaftler und Modernisierungstheoretiker ohne Regionalexpertise, jedoch mit ausgeprägtem Generalisierungsdrang -  wichtige Gesichtspunkte. So zum Beispiel, dass der militante Islamismus als national begrenzte Reaktion auf die repressiven Regime der arabischen Welt entstanden ist und dass seine heutigen Gräueltäter, insbesondere der im Post-Saddam-Irak zur neuen Inkarnation des Bösen aufgestiegene Abu Mus’ab az-Zarqawi, immer noch den Sturz der als zu westlich-dekadent angeklagten Regime in ihren Heimatländern betreiben. Der Internationalismus dieser Terrorgruppen entstamme einer „weitgehend diffusen Ideologie oder Protoideologie (Salafismus bzw. Wahhabismus)“, die lediglich als bindendes Element zwischen diesen Gruppen fungiere und in unterschiedlichen Ländern unterschiedliche Formen annehme: „[A]l-Qaida ist eher die Summe vieler nationaler Gruppierungen, die sich in einer gemeinsamen Organisation die verbesserten terroristischen Arbeitsbedingungen der globalisierten Welt zunutze machen, um sowohl global als auch lokal zu agieren.“

„Glokalisierter“ Jihad

In seinem Buch entwickelt Steinberg diese neue Perspektive auf den islamistischen Terrorismus konsequent weiter und formuliert gegen den Strom der Globalisierungstheorien des Jihadismus eine zentrale These, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch zieht: „Der islamistische Terrorismus bewegt sich in einem komplizierten Spannungsfeld zwischen regionaler Verankerung und globaler Orientierung. Es gibt – wenn überhaupt – nur wenige Terroristen, denen es allein um den Kampf gegen den Westen und eine islamistische Weltherrschaft geht und die jegliche Beziehung zu ihrem Heimatland verloren haben.“

Es handelt sich demnach um einen typischen Fall von globalisiertem Aktivismus, dessen Wurzeln in lokalen Konflikten zu finden sind. Und obwohl die politischen Rahmenbedingungen islamistischer Aktivitäten und deren geografischer Zielrahmen stark variieren, bleibt bei diesen „nur der Wille zur Machtübernahme und Etablierung eines islamischen Staates nachweisbar und konkret“. Das gilt sowohl für Osama bin Laden, der die wahabitische Monarchie in Saudi-Arabien stürzen will, als auch für seinen „Stellvertreter“ im Zweistromland az-Zarqawi und dessen brutale „Gotteskrieger“, die das haschemitische Königshaus lieber heute als morgen beseitigen möchten. Die Anschläge von Amman am 9. November 2005 dürften dies als logische Fortsetzung dieser Stoßrichtung endgültig bestätigt haben.

„Der nahe und der ferne Feind“

Steinberg, der heute als Nahostexperte bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) arbeitet, greift eine grundsätzliche Debatte auf, die militante Islamisten über die Ziele ihrer Aktivitäten seit Jahren führen. Dabei bewegt sich dieser innerislamistische Konflikt zwischen zwei Polen: Führende ägyptische Al-Qaida-Mitglieder fordern den Kampf gegen den „nahen Feind“, das heißt gegen die Regime der einzelnen Nationalstaaten der arabischen und islamischen Welt. Die Anhänger des Konzepts eines defensiven Jihad von Abdallah Azzam, einem einflussreichen palästinensischen Vordenker des Jihadismus in Afghanistan,beschränken sich aufdie von „Ungläubigen“ besetzten islamischen Länder. Dazu zählen beispielsweise Palästina und der Irak. Außerdem zielen sie auf den Westen, die USA oder Israel ab und nennen diese den „fernen Feind“.

Dieser Dissens offenbart sich umso deutlicher an der Gewichtung der Palästinafrage in der Al-Qaida-Strategie: Während bin Laden den israelisch-palästinensischen Konflikt lediglich propagandistisch ausbeutete und erst spät damit begann, israelische bzw. jüdische Ziele anzugreifen, standen diese stets ganz oben auf der Agenda Zarqawis. Aus Angst vor Sympathieverlust in der arabischen Welt kritisierte die Al-Qaida-Führung schließlich doch noch die Angriffe Zarqawis gegen die im Irak lebenden Schiiten: In einem angeblichen Schreiben Zawahiris an Zarqawi hieß es zuletzt, dass sich das Befremden der moslemischen Anhänger weiter verstärke, wenn schiitische Moscheen ins Visier der Extremisten gerieten. Die Attacken seien für die meisten Moslems inakzeptabel – unabhängig davon, wie sehr Zarqawi diese zu rechtfertigen versuche.

„Epizentren“ des islamistischen Terrorismus

Auch die historische Genese des islamistischen Terrorismus zeichnet Steinberg akribisch und kenntnisreich nach, indem er dessen „Epizentren“ in Ägypten, Jordanien, Saudi-Arabien, Jemen, Algerien und im Irak rekapituliert. Dabei nimmt er insbesondere Ägypten unter die Lupe, das Mutterland der Muslimbruderschaft (gegründet 1928), die „eine Vorreiterrolle für den Islamismus in der arabischen Welt und darüber hinaus spielte“. Damit weist er auf einen politischen Fehler hin, der sich später als folgenreich erweisen sollte: Der ehemalige ägyptische Staatspräsident Anwar as-Sadat und andere nahöstliche Führer „unterschätzten das Mobilisierungspotential der Islamisten, förderten sie, um andere Oppositionsgruppen umso wirksamer bekämpfen zu können, und trugen auf diese Weise maßgeblich zu deren Aufstieg bei“. Allerdings macht Steinberg auf die Tatsache aufmerksam, dass der militante Islamismus ein weites Feld und der Terrorismus nur eine Teilmenge von diesem seien. Zudem beschreibe der militante Islamismus lediglich eine Gewaltmethode, die gewählt werden könne, aber nicht immer gewählt werde.

„Generation Zarqawi“ im Irak

Den Beteuerungen der britischen und amerikanischen Regierungen, dass durch die von ihnen verantwortete Beseitigung des Saddam-Regimes als Folge des Irakkrieges von 2003 die Welt sicherer geworden sei, findet bei Steinberg keine Zustimmung. Im Gegenteil: Der Irakkrieg sei für die Bekämpfung des islamistischen Terrorismus ein schwerer Rückschlag gewesen, stellt Steinberg unmissverständlich fest. Im Unterschied zu Kampagnen gegen den „nahen Feind“ sei es viel leichter geworden, für einen Jihad gegen die USA im Irak Rekruten zu mobilisieren – ganz im Sinne des defensiven Jihad Abdallah Azzams: „Das wichtigste Schlachtfeld der islamistischen Militanten ist seit 2003 der Irak geworden. Mit dem Irak-Krieg ist der islamistische Terrorismus zunächst einmal wieder in diejenige Region zurückgekehrt, aus der er stammt, und die Länder des arabischen Ostens sind erneut die wichtigsten Aktionsgebiete geworden.“ Und tatsächlich ist die „terroristische Karriere“ az-Zarqawis ohne den Irakkrieg von 2003 und die mit ihm verbundenen strategischen Fehler der US-Administration bei der Stabilisierung des Post-Saddam-Irak kaum vorstellbar. Auch wenn vielleicht nicht alle Untaten, die ihm und seiner Organisation „al Tauhid wa al Jihad“ („Einheit und der heilige Krieg“) zugeschrieben werden, von ihm selbst veranlasst worden sind.

Nach der nicht leichten Lektüre dieses fundierten, kenntnisreichen Nachschlagewerkes über den islamistischen Terrorismus ist vor allem die souveräne Distanz Steinbergs zu diesem hochgradig emotionalen Thema und seine ausschließliche Orientierung an den Fakten – frei von jeglicher moralischer Skandalisierung – hervorzuheben.

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Rezension zu: „Der nahe und der ferne Feind: Die Netzwerke des islamistischen Terrorismus“ von Guido Steinberg, Verlag C. H. Beck, München 2005, 281 S., 19.90 Euro, ISBN 3-406-53515-1.

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