Der olympische Geist kehrt zurückBOSNIEN-HERZEGOWINA

Der olympische Geist kehrt zurück

Der olympische Geist kehrt zurück

1984 fanden in Sarajevo Olympische Winterspiele statt. Nach einer Dekade des Terrors und des Krieges werden jetzt die Skigebiete neu entdeckt. Bis Mitte April sind die Pisten zu unvergleichlich günstigen Preisen zu befahren.

Von Franziska Heidenreich

Schnee bis zum Fenstersims: Eine Siedlung von Skihütten.  
Schnee bis zum Fenstersims: Eine Siedlung von Skihütten.  

Sarajevooooooooo!“ Viele werden sich noch an den Jingle der XIV. Olympischen Winterspiele im Jahre 1984 erinnern. Die multiethnische Stadt Sarajevo im Herzen Jugoslawiens hieß damit Wintersportler aus aller Welt willkommen und feierte ein internationales Fest des Friedens. Das damals kommunistisch regierte aber blockfreie Jugoslawien wurde nach den Boykott-Spielen von Moskau und Los Angeles zum Symbol für Hoffnung, Sarajevo zu einer Stadt, in der der olympische Gedanke über Politik triumphierte.

Niemand ahnte damals, welch grausames Schicksal der bosnischen Hauptstadt bevorstand. Ausgerechnet in den Bergen, auf deren Skipisten olympisches Edelmetall vergeben wurde, nahmen Anfang der 90er Jahre serbische Panzer Aufstellung. Die Stadt im Tal wurde eingekreist, ganze Viertel in Schutt und Asche gelegt, 10.000 Bewohner durch Panzergranaten und Scharfschützen ermordet. „Der Haß kam nicht von uns, nicht von den normalen Menschen“, erinnert sich der Serbe Petar. Vom Land und von den Bergen sei er gekommen.

Doch Sarajevo ging nicht unter, überlebte eine 1.000 Tage währende Blockade. Und je heftiger der Krieg tobte, desto stärker erinnerten sich die Menschen an die Olympiade. Sie wurde zum Symbol für eine andere Welt, zum Hoffnungsanker in bitterer Not.

Als sei nichts gewesen

Heute, knapp zehn Jahre nach dem Krieg (1992-1995), ist Jugoslawien von der Landkarte verschwunden. Sarajevo, die Hauptstadt der jungen Republik Bosnien-Herzegowina, erobert sich mühsam jeden Tag ein Stück Normalität zurück. Und die Berge, von denen der Haß kam, und die so vermint waren, daß nur wenige sie zu betreten wagten, gewinnen ihre olympische Faszination zurück. Das Skigebiet von Sarajevo ist wieder das beliebteste auf dem ganzen Balkan. Es kommen Kroaten von der Adria-Küste und Serben aus Belgrad, um in Jahorina und Bjelasnica gemeinsam im Tiefschnee zu baden, so als sei nichts gewesen.

  Über den Gipfeln des Balkans. Nicht nur für Skifreunde ein Genuß.
  Über den Gipfeln des Balkans. Nicht nur für Skifreunde ein Genuß.

Auch für westliche Touristen wird Skifahren in Bosnien-Herzegowina zunehmend attraktiv. Wer von hohen Preisen, künstlichen Schneepisten und modischem Schnickschnack genug hat, stürzt sich ins Abenteuer und kommt hierher. Es ist ein Skifahren der alten Schule. Die antiquierten Liftanlagen haben sich gut gehalten. Das enorme skifahrerische Können und die bunten Overalls der Einheimischen erinnern an die 80er Jahre, so als hätte man die vergangenen 20 Jahre einfach aus der Geschichte gestrichen und die Uhr zurückgestellt.

Das Skigebiet in Jahorina reicht bis auf knapp 2.000 Meter hinauf. Die Schneesicherheit ist nur mit Gletschergebieten in den Alpen vergleichbar. Zwei Meter Schnee sind hier weder eine Sensation noch eine Katastrophe. Pisten aller Schwierigkeitsgrade sind bis Mitte April zu unvergleichlich günstigen Preisen zu befahren. Mittlerweile sind sie auch recht gut präpariert; nur wer abseits der Piste gerät oder sich vorsätzlich in den schwer einschätzbaren Tiefschnee wagt, muß selbst schauen, wie er wieder herauskommt.

„Der Schnee war noch nie so gut“ – Frane Maroevic ist passionierter Snowboarder und begeistert von der diesjährigen Schneefülle in der Jahorina. Er kommt von der kroatischen Küste. Angst nach Bosnien zu fahren, hat er nicht mehr. Wären nicht die Ruinen am Stadtrand von Sarajevo und die uniformierten Streifen der internationalen Schutztruppe, man hielte den Bürgerkrieg für eine Erfindung. Als Fremder wird man offen und freundlich aufgenommen.

Das Winterparadies liegt nur 45 Minuten von Sarajevo entfernt im serbischen Teil der Republik. Hinter Pale geht es durch Tannenwälder hoch in die Jahorina. Ausgerechnet Pale, der Ort, von dem aus der bosnische Serbe Radovan Karadzic, bis heute gesuchter Kriegsverbrecher, den Beschuß Sarajevos organisierte. Heute wirkt Pale verschlafen und von aller Welt und allem Bösen abgeschieden.

Balkanische Lebensfreude

Skifahrer im Wintersportgebiet Jahorina.  
Skifahrer im Wintersportgebiet Jahorina.  
  Preise
  Wohnen und essen kann man in Bosnien-Herzegowina zu niedrigen Preisen. Man zahlt mit einer kuriosen Währung, der „Konvertiblen Mark (KM)“, die im Wert der ehemaligen Deutschen Mark entspricht.

Vieles ist für eine Mark zu haben: ein Kaffee, eine Tasse Tee, ein Schokoriegel oder ein Laib Brot.
Für ein Hauptgericht bezahlt man 10 bis 15 KM.

Eine Übernachtung im Olympischen Center Jahorina kostet zwischen 20 und 40 Mark. Das Hotel Bistrica wie auch die Pension Poljice nehmen 33 KM pro Person für ein Doppelzimmer.

Es gibt fünf weitere Hotels und auch Wohnungen können für rund 50 Euro für 4 oder 6 Personen gemietet werden.

Wer lieber in Sarajevo wohnt, hat eine große Auswahl an Unterkünften. Mit 100 Euro pro Nacht und Nase ist das berühmte Holiday Inn das teuerste. Hier waren während des Krieges die Journalisten untergekommen. In den Preisklassen darunter gibt es alles bis zu privaten Zimmern für 10-20 KM.

Für weitere Informationen empfiehlt sich ein Blick auf die Seiten www.sarajevo-tourism.com und www.oc-jahorina.com.

Anreise:
Ein Visum für Bosnien-Herzegowina ist nicht nötig. Von Deutschland aus gibt es Direktflüge nach Sarajevo. Günstiger sind jedoch die Billigflieger aus Berlin und Stuttgart nach Ljubljana oder Budapest. Von dort kann man jeweils mit der Eisenbahn weiterfahren. Zu empfehlen ist der Zug von München nach Zagreb und von da weiter mit Zug oder Bus.

Mittlerweile kann man auch mit dem Autor gefahrlos anreisen: über Ljubljana, Zagreb und durch die pittoreske Republika Srpska nach Sarajevo. Von München aus muß man etwa eine Fahrzeit von zwölf Stunden kalkulieren.

Oben in Jahorina angekommen, findet man sich in einem Wald von kleinen verschneiten Skihütten wieder. Für umgerechnet zehn Euro bekommt man einen Skipaß. Auch eine moderne Skiausrüstung kann für diesen Preis gemietet werden. Die langen Lifte bringen die Ski- und Snowboardfahrer direkt bis auf den Gipfel. Dort bietet sich eine herrliche Aussicht auf die verschneiten Hügel und Gebirgszüge Bosnien-Herzegowinas. Ein Blick gen Westen läßt das Skigebiet Bjelasnica erahnen.

Es ist ein anderes Skifahren – es herrscht ein anderes Lebensgefühl. Jubelnd und lachend schwingen, purzeln und wedeln die Menschen die Hänge herunter. Balkanische Lebensfreude wohin man schaut. Ein Skifahrer im blauen Anzug rast mit hoher Geschwindigkeit und recht unkontrolliert quer über die Piste und bremst dann ruppig im weichen Tiefschnee. Er lacht laut, und Miro Ajanic lacht mit. Er hilft dem Fremden aus dem Schnee, die beiden kommen ins Gespräch. Miro war während des Krieges als Flüchtling in Deutschland und lernte erst dort Skifahren. Doch am liebsten fährt er hier, in der Jahorina. Er liebt die Abfahrten, das familiäre Ambiente und nach dem Skifahren ein kühles Bier unten in der Stadt.

Oben am Pistenrand wird selbstgebrannter Schnaps verkauft. Einen Kaffee kann man in einem der vielen Cafés oder an den kleinen Kiosken genießen, die mehr Cevapcici-Charme als Alphüttenstimmung verbreiten. Liegestühle zum Sonnenbaden, das ist dann schon wieder ganz wie in den Alpen. Aber marktwirtschaftlich sind die Bosnier sogar noch einen Tick erfinderischer: In der Schlange am Lift flaniert man wie im Supermarkt vorbei an Schokoriegeln und Zigaretten.

Auch Bjelasnica, das zweite Skigebiet, war Austragungsort der Winterspiele. Der Berg liegt näher an der Hauptstadt, ist dafür aber etwas kleiner und gilt als Familienskigebiet. Gleichzeitig stellt Bjelasnica einen idealen Einstieg für Skitouren dar. Die Berge Bosniens laden geradezu ein, die unbekannte Wildnis auf Skiern zu durchwandern. Doch – noch immer ist die Minengefahr größer als die Lawinengefahr.

Dankbarkeit gegenüber Deutschland

Am besten hält man sich an Ortskundige, die die von Mensch und Mine unberührten Gebirgszüge kennen. Zum Beispiel die Bergführer der Agentur für nachhaltigen Tourismus „Green Visions“. „Bosnien hält soviel unentdeckte Natur zum Erleben bereit, wie nirgends sonst in Europa“, sagt Thierry Joubert, einer der Gründer und Tourenführer der Organisation. Natur, Kultur und Geschichte des Landes möchte Green Visions durch Ökotourismus bewahren und für ausländische Gäste erlebbar machen. Die Netzseite www.greenvisions.ba lockt mit einem bunten Angebot von Touren und tollen Fotos.

Anders als Jahorina wurde Bjelasnica im Krieg schwer zerstört. Dafür hat der Ort nun neuere Liftanlagen mit gepolsterten Sitzen zu bieten. Und ein Hotelneubau nach dem anderen wird fertig. „Die Liftanlagen und auch die Atmosphäre sind irgendwie trotzdem nostalgisch, doch gerade das gefällt mir so“, sagt Juliane Grundt, die vom Bodensee stammt und im bosnischen Mostar als Musiktherapeutin am Pavarotti-Center arbeitet. Die 25jährige unterrichtet bosnische Kinder und Jugendliche. Teilweise kommen diese aus einem Waisenhaus oder einem Flüchtlingslager für Roma. Den Kindern hilft das Musizieren, um Erlebtes zu verarbeiten und Selbstbewußtsein zu erlangen. Über ein freies Wochenende fährt die Deutsche gerne mal in Sarajevos Berge. „Skifahren in Bosnien, das hat einfach Charme“, meint sie. Und was sie besonders schätzt: Sie muß die Berge bislang kaum mit ausländischen Touristen teilen, obwohl die Bosnier sich in Sachen Gastfreundschaft von kaum jemand übertreffen lassen. Vor allem wer Deutsch spricht, wird hier schnell auf strahlende Gesichter treffen. Groß ist die Dankbarkeit gegenüber Deutschland für die Hilfe und die Aufnahme Hunderttausender von Flüchtlingen während der Balkan-Kriege.

Abends, nach einem herrlichen Skitag, geht es hinunter in die einstige Olympiametropole, die mit ihrer orientalischen Altstadt einen einmaligen Kontrast zur alpinen Bergwelt setzt. Von den Türmen der zahlreichen Moscheen hallt der Ruf des Muezzins über die engen Gassen des türkischen Basars. Ein bißchen hört es sich wie „Sarajevooooooooooo“ an, wie der alte Lockruf aus besten Zeiten. Noch einmal die Spiele nach Sarajevo zu holen, davon träumen viele Bürger. Es wäre die endgültige Wiederauferstehung dieser unbeugsamen Stadt.

*

Die Autorin ist Korrespondentin von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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