Der wiederentdeckte eurasische Roman „Ali und Nino“LITERATUR

Der wiederentdeckte eurasische Roman „Ali und Nino“

Von Olenin Terek

Kurban Said, Ali und Nino, Ullstein-Verlag, 2000, Roman, 272 Seiten
Gebunden € 19,85; TB € 7,95

Es ist eine Liebesgeschichte, die während der russischen Revolution im Kaukasus spielt. Genauer gesagt in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans. Eine Liebesgeschichte, die schließlich am Lauf der Geschichte Eurasiens in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhhunderts scheitert.

Ali, ein junger muslimischer Adeliger von neunzehn Jahren und Nino, die siebzehnjährige Tochter eines christlichen Kaufmanns aus Georgien verlieben sich.. Die Geschichte wird in Ichform erzählt, aus der Sicht von Ali.

Er verzehrt sich in Baku vor Sehnsucht nach der Wüste: „Der weiche Sand, grau und eintönig, glich dem Antlitz der Ewigkeit. Traumverloren wanderte durch die Ewigkeit die Seele Asiens...Die Wüste ist wie die Pforte zu einer geheimnisvollen und unfaßbaren Welt. Staub und Gestein wirbeln unter den Hufen meines Pferdes. Der Sattel ist weich, als wäre er mit Daunen gefüllt. Es ist ein Sattel der Kosaken vom Terek...Ich höre das Sausen des Wüstenwindes. Ich jage dahin, aufgelöst in der Unendlichkeit des grauen Sandes...“

Ali Khan bleibt zeitlebens ein Kind der Wüste. „Ich gehörte dorthin, zu den Kamelen, zu den Menschen, die sie führten, zum Sand. Warum hob ich nicht die Hand zur Notbremse? Zurück! Zurück! Ich will nicht mehr! Ich höre den fremden Ton im einförmigen Glockengeläute der ewigen Karawane“. So das Klagelied des jungen Mannes, während er in eine ihm fremde Welt fährt. „Was ging sie mich an, diese Welt jenseits des Bergmassivs? Ihre Kriege, ihre Städte, ihre Zaren, ihre Sorgen, ihre Freuden, ihre Sauberkeit und ihr Schmutz? Wir sind anders sauber, anders sündhaft, wir haben einen anderen Rhythmus und andere Gesichter.“

Auch Nino Kipiani, die Georgierin, in die Ali sich verliebte, hatte ein anderes Gesicht: „Nino hatte eine helle Haut und große, lachende, funkelnde, dunkle kaukasische Augen unter langen, zarten Wimpern. Nur die Georgierin hat solche Augen voll milder Fröhlichkeit. Niemand sonst. Keine Europäerin. Keine Asiatin. Schmale, halbmondartige Augen und das Profil der Madonna. Ich wurde traurig. Der Vergleich betrübte mich. Es gibt so viele Vergleiche für einen Mann im Orient. Für diese Frauen bleibt nur der mit der christlichen Mirjam, dem Sinnbild einer fremden, unverständlichen Welt.“

So beschreibt Ali anhand des Gesichtes seiner Geliebten den Fluch Eurasiens. Seine religiöse Zerrissenheit, seine unnachsichtigen Götter, die keine anderen neben sich dulden.
Religion und Sitte sprechen gegen die Verbindung von Ali und Nino, doch mit Hilfe eines Vermittlers rückt die Hochzeit in greifbare Nähe.Aber dann wird Nino entführt, und Ali muß nach islamischem Gesetz eigentlich den Nebenbuhler und seine Braut töten...

Schließlich heiraten Ali Khan und Nino Kipiani allen Widerständen zum Trotz. Sie führen mal ein orientalisches, mal ein europäisches Haus und bleiben sich in inniger Liebe verbunden, bis daß der Krieg sie scheidet.

Eine hinreißende und tragische Liebesgeschichte zwischen zwei Religionen und Kulturen, zwischen Ost und West, an der Nahtstelle zwischen Europa und Asien. Mitten in Eurasien also. In Aserbaidschan hat das Buch „Ali und Nino“ bis auf den heutigen Tag die Bedeutung eines Nationalepos.

Die Originalfassung war 1937 in Wien erschienen. In den Wirren des Zweiten Weltkrieges ging sie jedoch verloren. Lange gab es nur eine Rückübersetzung aus dem Englischen. Seit dem Jahr 2000 ist die Originalfassung wieder zu lesen.

Der Autorenname Kurban Said ist ein Pseudonym. Dahinter verbirgt sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der 1905 in Baku geborene Jude Lev Noussimbaum. Er soll nach seinem Übertritt zum Islam den Namen Essad Bey angenommen haben. Veröffentlicht hat er dann unter dem Künstlernamen Kurban Said. Der Autor gehörte zum Exilantenkreis der Nabakovs und Pasternaks, vertrieb sich oft die Zeit in den schicken Salons von Berlin und Wien. In Wiener Kaffehäusern, so wird kolportiert, habe er sich auffällig mit der im Orient verbreiteten krempenlosen Mütze, dem Fez, bedeckt und den Dolch eines Wüstensohnes im Gewand getragen.

Die österreichische Baronin Elfriede von Ehrenfels, die lange Zeit selbst als Autorin von „Ali und Nino“gegolten hatte, soll ihre schützende Hand über Noussimbaum gehalten haben, als es für jüdische Autoren in den dreißiger Jahren gefährlich wurde.

Gestorben ist Lev Noussimbaum alias Kurban Said 1942 bereits mit 36 Jahren nach qualvoller Krankheit im italienischen Exil.

Kaukasus Rezension

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