Deutsche in TomskSIBIRIEN

Deutsche in Tomsk

Deutsche in Tomsk

In der sibirischen Stadt, in der das russisch- deutsche Gipfeltreffen von Ende April stattfand, haben sich Russland-Deutsche in höchste Positionen hochgearbeitet. In den Besuch von Angela Merkel haben Sie hohe Erwartungen gesetzt.

Von Ulrich Heyden

Mathias Heber aus der EX-DDR - heute Montageleiter in der Brauerei von Tomsk  
Mathias Heber aus der EX-DDR - heute Montageleiter in der Brauerei von Tomsk
(Foto: Heyden)
 

S atthias Heber lebt seit neun Jahren in Tomsk. Der gelernte Elektriker kommt aus Königstein bei Dresden. Bei einem Montageauftrag in der Region Tomsk lernte der heute 55jährige seine zweite Frau kennen und blieb. Für die deutsche Firma KHS reist Heber als Montageleiter durch Russland und die Ukraine. Er ist für die Installierung von Bierfass-Abfüllanlagen zuständig. 

Zurzeit leitet Heber die Montage einer Abfüllanlage für 50-Liter-Bierfässer in der Brauerei von Tomsk. Heber erklärt, er wolle die Russen nicht belehren. Auf Akkuratesse legt er aber großen Wert. Als seine Mitarbeiter einmal wackelige Haltevorrichtungen anbringen wollten, musste er ein Machtwort sprechen. „Hier wird nicht Russisch, hier wird Deutsch gemacht,“ hat er da geschimpft. Mit einem versöhnlichen Lächeln erzählt er, die Russen seien am Ende schließlich auch froh, wenn die Anlage „wirklich läuft“.

Zwei Wochen bevor die Mauer fiel, war er geflohen – in Russland fand er eine Chance

Dass er nach Russland kam, war ein Zufall. Zwei Wochen bevor die Mauer fiel, floh er aus der DDR nach Westdeutschland. Dann bot ihm seine Firma an, nach Russland zu gehen. Eigentlich hatte er von Russland „die Schnauze voll“. Aber dann habe er sich gesagt, dass man dort hingehen muss, wo die Arbeit ist. Also sagte er „Ja“, obwohl er sein Schulrussisch schon vergessen hatte.

Warum er in Tomsk wohnt? Heber lacht. Die Firma wollte eigentlich, dass er von Moskau aus tätig ist. „Die Russen sagen, rodina tam, gdje baba. Die Heimat ist dort, wo die Frau ist.“ Ihm gefällt seine neue Heimat. „Tomsk ist eine sehr schöne Stadt.“

„Echte Deutsche“ wie Heber gibt es in Tomsk nur wenige. Im Gebiet Tomsk leben aber 13.000 Russlanddeutsche. 1989 vor der großen Ausreisewelle nach Deutschland waren es noch 16.000. Die meisten Familien der Russlanddeutschen – so auch die Familie von Gouverneur Viktor Kress - sind deutsch-russisch gemischt. Kress hat eine russische Frau. Der Gouverneur sagt: “Ich gehöre zwei Nationen an.“

Sie setzen große Hoffnungen in den Besuch von Kanzlerin Angela Merkel

Pfarrer Alexander Hahn vor der neuen deutschen Kirche von Tomsk  
Pfarrer Alexander Hahn vor der neuen deutschen Kirche von Tomsk
(Foto: Heyden)
 

In Tomsk erzählt man sich, die große deutsche Gemeinde sei einer der Gründe warum die Regierungskonsultationen in der sibirischen Großstadt stattfinden. Der ehemalige Verteidigungsminister Volker Rühe soll die ersten Kontakte mit dem deutschstämmigen Gouverneur geknüpft haben. Gouverneur Kress überzeugte dann den Kreml-Chef.
Kress hofft, dass der Gipfel, den Bekanntheitsgrad von Tomsk in der Welt steigert und sich die Geschäftsbeziehungen insbesondere mit Deutschland beleben. Dass Tomsk bis in die 90er Jahre eine geschlossene Stadt war, in die Ausländer nur mit Ausnahmegenehmigung kamen, war keine gute Startbedingung in die Marktwirtschaft, erklärt er.

Auch die anderen Russlanddeutschen von Tomsk setzen große Hoffnungen auf das Treffen mit Angela Merkel. Manch einer möchte bei der Kanzlerin seinen Kummer über deutsche Behörden loswerden, die bei der Ausstellung deutscher Ausweisdokumente langsam arbeiten. Auch gibt es Klagen über die Leiter des „Deutschen Haus“ in Tomsk, die angeblich nur in die eigene Tasche wirtschaften.

1764 folgten ihre Vorfahren dem Ruf der Zarin – heute heißt man sie „Naschi“

„Eti naschi“, „das sind unsere“, hört man die Tomsker über die Russlanddeutschen sagen, was soviel heißt, dass die Deutschen in Tomsk eigentlich Russen sind. Die Russlanddeutsche Emma Karlowna Grasmik erklärt auf Russisch: „Was willst Du machen, Du übernimmst ihre Sitten.“ „Tante Emma“, wie die 80-jährige von ihren Nachbarn genannt wird, hat nichts dagegen, dass ihre Kinder Russen heiraten. Sie wechselt ins Deutsche: „Die könne grad´ mache was se wolle,“ sagt sie mit einem Akzent, der an ihre süddeutschen Vorfahren erinnert. 1764 folgten sie dem Ruf der Zarin Katharina der Großen und wanderten nach Russland aus. Emma Karlowna wurde im September 1941 als 15jährige aus dem autonomen deutschen Gebiet an der Wolga nach Tomsk deportiert. Sie kleidet sich nach alter Sitte. Auf dem Kopf trägt sie ein weißes Häubchen, so wie die Frauen in den Büchern von Wilhelm Busch.

Die alte Dame gehört zum festen Kern der Kirchengemeinde. Die alte deutsche Kirche in Tomsk – an ihrer Stelle steht jetzt das Riesenrad eines Vergnügungsparks - wurde in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts zerstört. Bis 1972, als eine Behelfskirche in einer kleinen Holzkate am Stadtrand eröffnet wurde, ging Tante Emma zum Gottesdienst in Privatwohnungen. Man betete zusammen mit Baptisten, immer in der Angst vor der Verhaftung. Bis zum Besuch von Angela Merkel sollte nun eine neue Kirche aus Holz im russischen Blockhaus-Stil fertig sein. Für die Protestantin aus Brandenburg hat man keine Kosten gescheut. Der Staat leistet Wiedergutmachung

In der Gemeinde streitet Tante Emma heute mit alten Frauen, die sich darüber empören, dass der Pfarrer in der neuen Kirche nicht nur einen Gottesdienst in deutscher sondern auch in russischer Sprache halten will. Wenn man wolle, dass die Jugend in die Kirche kommt, müsse man in Russisch predigen, erklärt die alte Dame, die gelernt hat, sich auf die Umstände einzustellen.

Russland

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