„Deutsche und Russen kennen sich gar nicht so gut“EM-INTERVIEW

„Deutsche und Russen kennen sich gar nicht so gut“

„Deutsche und Russen kennen sich gar nicht so gut“

Ende Juni startete das „Deutschlandjahr in Russland“. Die fast 1.000 Veranstaltungen seien Anlass, sich auch über schwierige Fragen auszutauschen, meint Wolf Iro, Programmleiter des Goethe-Instituts, im Interview mit dem Eurasischen Magazin.

Von Ulrich Heyden

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Zur Person: Wolf Iro
Wolf Iro wurde im hessischen Korbach geboren, studierte Slawistik in Cambridge, Moskau und Oxford. Nach seiner Promotion über Isaak Babel an der LMU München arbeitete er eine längere Zeit als Berater in der Wirtschaft und für eine internationale Organisation. Derzeit ist er in leitender Funktion im Kulturaustausch zwischen Deutschland und Russland tätig.

Er ist Mitherausgeber des in diesem Jahr erschienenen Buches, „Zeitgenössische Künstler aus Russland“. In der Publikation werden zeitgenössische russische Künstler in Interviews über ihr künstlerisches Schaffen und ihren Lebensweg befragt. Essays über die Entwicklung der Kunst im modernen Russland runden das Bild ab. Das Buch erschien im Göttinger Steidl-Verlag, hat 350 Seiten und kostet 20 Euro.
http://www.steidl.de/pages/de/buecher/6100-zeitgenoessische-kuenstler-aus-russland.html?a=0

(Foto: Heyden)

Eurasisches Magazin:  Was könnte die Russen bei diesem Deutschland-Jahr überraschen?

Wolf Iro: Ich glaube, die Überraschung für beide Länder wird sein, dass man sich eigentlich gar nicht so gut kennt. Man hat das Interesse füreinander verloren. In den 1990er Jahren war das Interesse noch sehr groß. Da wollten plötzlich alle Slawistik studieren. Heute ist das Interesse wieder abgeflacht. Ein Beispiel: Jetzt erst wird mit „Sanka“ das erste Buch von Sachar Prilepin, einem der wichtigsten zeitgenössischen russischen Autoren, ins Deutsche übersetzt. Prilepin ist eine komplexe Figur. Er ist von Isaac Babel beeinflusst. Er ist nach Tschetschenien gegangen. Und er hat große Sympathien für die Nazboly (die russischen Nationalbolschewisten). Andere zeitgenössische Schriftsteller sind gar nicht übersetzt. Das zeigt, dass das Interesse abgenommen hat.
 
EM: Sind die Russen bereit, neue Gedanken aus Deutschland aufzunehmen?

Iro: Ich bin fest davon überzeugt: wenn sich Menschen treffen, dann entsteht daraus etwas Produktives. Sonst könnte ich gar nicht meine Arbeit machen.

EM: Die Russen meinen, wir hätten keinen richtigen Nationalstolz. Sie verstehen auch nicht, warum bei uns so viele Türken leben.

Iro: Ich als Programmmacher sehe die Kultur als eine Möglichkeit, diese Vorurteile, beispielsweise gegenüber der türkischstämmigen Minderheit bei uns, zu revidieren. Ich sage dann beispielsweise: Wer ist der größte zeitgenössische Filmemacher? Fatih Akin. Wer ist der größte deutsche Schriftsteller der mittleren Generation? Feridun Zaimoglu. Da sind die Menschen in Russland immer ganz überrascht. Wir haben im Programm des Deutschland-Jahres auch eine Ausstellung über Fragen der Migration.

EM: Das vom Goethe-Institut seit zwei Jahren geförderte Moskauer Projekt, bei dem Behinderte und Nichtbehinderte zusammen Theater machen, wird von russischer Seite mit höflichem Schweigen übergangen?

Iro: Umgekehrt. Es ist das erste Theaterstück mit Behinderten, welches in das reguläre Repertoire einer normalen Moskauer Bühne aufgenommen wurde. Das Kasanzew-Zentrum, in dem im November Behinderte und Nichtbehinderte ihr Stück  mit dem Titel Entfernte Nähe zeigen werden, ist eine der angesehensten Experimental-Theaterbühnen in Moskau. Das Schauspiel wurde auf Basis von Texten gemacht, die russische und deutsche Behinderte geschrieben haben.

Wenn man sich das Behinderten-Theater in Russland anguckt, dann ist das ein Theater des Trotzes. Nach dem Motto: Schaut mal, der kann Kopfstand machen, obwohl er keine Arme und Beine hat. Der deutsche Ansatz ist etwas anders und besteht darin, dass man die Behinderung als Teil der Biographie des Schauspielers auf die Bühne bringt. Im Dialog zwischen deutschen und russischen Theatermachern werden diese Unterschiede aufgenommen und diskutiert. Kultur ist für mich nicht ein Instrument, sondern Gelegenheit, andere Kulturen zu verstehen.

EM: Sie haben auch etwas zum Thema Fremdenfeindlichkeit gemacht?

Iro: Unter dem Titel Respekt haben wir über das ganze letzte Jahr ein Comic-Projekt zum Thema Fremdenfeindlichkeit gemacht. Wir haben Comic-Künstler aus allen möglichen europäischen Ländern nach Russland eingeladen. Diese haben gemeinsam mit ihren russischen Kollegen kleine Geschichten zum Thema Fremdenfeindlichkeit entwickelt, welche  wir dann in kleinen Heftchen veröffentlicht haben und damit an Schulen, Universitäten und in Jugendstrafanstalten gegangen sind. Insgesamt haben wir über 150 Veranstaltungen mit den Comics gemacht. Und die Nachfrage ist immer noch immens. Wir haben Anfragen aus mehr als zehn weiteren Städten laufen, sowie von Comic-Festivals aus sechs Ländern.

EM: Stoßen Sie auch auf Widerstände?

Iro: Das Comic Projekt wird von vielen Mitarbeitern im Goethe-Institut als erfolgreiches Projekt begrüßt. Einige sind aber auch dagegen. Denn das Projekt greift Themen auf, die sie nicht so dargestellt sehen möchten. Da gibt es zum Beispiel einen Comic mit dem Titel  Pobeg (Flucht). Er stellt den Lauf eines Menschen durch die russische Gesellschaft dar. Dieser Mensch trifft ständig auf Situationen, wo er sich binär entscheiden soll, ob er dafür oder dagegen ist. So trifft er zum Beispiel einen Gay-Aktivisten, der von anderen  mit den Worten, Hau ab du Kinderschänder! beschimpft wird. Wir unterstützen auch das hiesige Gay-Festival Nebeneinander.

EM: Was sind ihre Hoffnungen?

Iro: Natürlich will man, dass bestimmte Einstellungen übernommen würden. Aber zuerst geht es darum, in Kontakt zu treten. Denn wie funktioniert eine Gesellschaft? Sie ändert sich nicht von einem Moment auf den anderen. Im Deutschland-Jahr wird es daher sehr viele interaktive Formate rund um die Veranstaltungen selbst geben. Im September gibt es zum Beispiel eine Joseph-Beuys-Ausstellung. Und dazu alle möglichen Diskussionen, was Beuys mit seiner Kunst gemeint hat

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Weitere Informationen:
Zweisprachige Website des Deutschland-Jahres in Russland
www.germanyinrussia.ru

Dreisprachige Website des Comic-Projekts „Respekt“
http://www.respect.com.mx/de

Deutschland Interview Russland

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