Deutscher Exportschlager: Chinesisch HallBAUSPAREN IM REICH DER MITTE

Deutscher Exportschlager: Chinesisch Hall

Chinesen lieben das eigene Heim. Und sie erreichen mit 35 Prozent weltweit die höchste Sparquote. Was liegt näher, als sie nun auch mit dem Gedanken des Bausparens vertraut zu machen. Die größte deutsche Bausparkasse Schwäbisch Hall ist in den riesigen China-Markt eingestiegen.

Von Johann von Arnsberg

Für großes Bild klicken 
Unterzeichnung der Satzung der Sino-German Bausparkassein Peking unter den Augen des deutschen Kanzlers 

EM – Die chinesische Wohnungsbaupolitik ist im Umbruch. Der Staatzieht sich zunehmend aus der Wohnraumversorgung zurück, um Staatshaushaltund -betriebe von Subventionsausgaben zu entlasten. Wohnungen werden nichtmehr zugeteilt, sondern von den Privatleuten gekauft und finanziert. Deshalbsind nach Ansicht der Bausparkasse Schwäbisch Hall die Chinesen reif fürden Bausparvertrag.

Häuslebauer gibt es nicht nur in Schwaben, hat das Management der größtendeutschen Bausparkasse erkannt. Auch die Chinesen lieben das eigene Heim. SchwäbischHall geht folgerichtig ins Reich der Mitte, sucht in Fußgängerzonenund Staatsbankfilialen neue Kunden und hofft auf ein Milliardengeschäft,quasi als „Chinesisch Hall“.

Zwar ist in China noch kein Privatbesitz an Grund und Boden möglich,dafür gibt es langfristige Landnutzungsrechte für den Wohnungsbauund für privates Wohneigentum. So können die Chinesen über sogenannteWohnungsfonds staatliche Mietwohnungen erwerben.

Fast drei Viertel dieser Finanzierungen wickelt die China Construction BankCCB ab. Mit ihr hat Schwäbisch Hall im Dezember 2003 im Beisein von BundeskanzlerGerhard Schröder und dem chinesischen Premierminister Wen Jiabao die chinesisch-deutscheBausparkasse aus der Taufe gehoben. In einer feierlichen Zeremonie in der Halledes Volkes zu Peking wurde die Satzung des neuen Kreditinstituts unterzeichnet.An dem ersten Gemeinschaftsunternehmen dieser Art sind Schwäbisch Hallmit zunächst 24,9 Prozent und die China Construction Bank mit 75,1 Prozentbeteiligt. Das unter dem Namen „Sino-German Bausparkasse“ (SGB)firmierende Unternehmen will in den nächsten drei Jahren 160.000 Bausparverträgeverkaufen.

Der Wohnungsbau ist Hauptmotor für den Wirtschaftsaufschwung in China

In den letzten zwanzig Jahren verdoppelte sich die durchschnittliche Wohnflächein China pro Person auf 10 Quadratmeter und soll bis 2010 auf 13 Quadratmetersteigen. Ein wichtiges Potential für Bausparen stellt auch die Wohnraummodernisierungdar. Gleichzeitig stiegen die Mietpreise seit 1998 um mehr als das Doppelte.Experten sehen daher den Wohnungsbau in den Städten für die nächstenzehn Jahre als Hauptmotor des Wirtschaftsaufschwungs in China.

Die Art der Werbung ist für Chinesen noch ungewohnt: Ein Mann im Fuchs-Kostümspricht Passanten auf der Straße an. Er steht in Tianjin, der nach Pekingund Schanghai drittgrößten Stadt Chinas auf einem großen Platzund verkündet quasi ein neues Zeitalter. Er verspricht, daß er denMenschen in China zum eigenen Haus oder zur eigenen Wohnung verhelfen kann.Doch die Angesprochenen halten sich noch zurück, keiner weiß sorecht, was das sein soll: „Zhu Fang Chu Xu“ - Bausparkasse. Dochdas ändert sich, als Hans-Dieter Funke, der Geschäftsführerdes neuen deutsch-chinesischen Unternehmens, die vorbereitete Bühne betritt.

„Wir wollen der Bevölkerung von Tianjin den Traum vom eigenenHeim verwirklichen“, schallt sein Baß über den Platz, wo sichnun bereits eine kleine Gruppe von Zuhörern um den Bauspar-Fuchs versammelthat. Er preist die geringen Darlehenszinsen von nur 3,3 Prozent. Das seienimmerhin fast zwei Prozentpunkte weniger als auf dem chinesischen Markt derzeitverlangt werden. Aufmerksam lauschen die Chinesen seinen Worten. Auch Chinesenlieben Schnäppchen. Funkes Sekretärin übersetzt jedes Wort ohneStocken. Die Menschen kommen neugierig näher.

Die Deutschen proben den Einstieg in den chinesischen Bausparmarkt in derdrittgrößten Stadt des Landes

Seit Februar nun verkauft Schwäbisch Hall über das Joint Venturemit der China Construction Bank Bausparverträge in China. „Früherbaute und verteilte der Staat Wohnungen, heute überläßt erdas immer mehr der Privatwirtschaft. In diese Lücke stoßen wir vor“,sagt Funke. Er rechnet vor: „In der Nähe der boomenden Ostküsteleben 800 Millionen Menschen. Wenn bloß fünf Prozent davon einenBausparvertrag abschließen, sind das 40 Millionen Verträge.“

Mit einer Bausparsumme von umgerechnet 7.000 Euro können sich Chineseneine 70-Quadratmeter-Wohnung für 25.000 Euro finanzieren. Das entspricht7,4 Jahreseinkommen. Ein Deutscher benötigt im Schnitt acht Jahreseinkommen.

„Der Ruf und das Know-how von Schwäbisch Hall lassen sichnicht einfach kopieren.“

Könnten die Chinesen nach einer gewissen Anlernzeit das Prinzip Bausparennicht einfach übernehmen - und Schwäbisch Hall nach Hause schicken,bevor die Deutschen den chinesischen Markt für sich erobert haben? „UnsereSoftware ist sehr kompliziert“, sagt Funke. „140 Einzelprogrammeund 1500 Tabellen kombinieren Ratenzahlungen, Gebührenschlüssel,Umsatz pro Filiale und Zuteilungsquoten zu immer neuen Kennzahlen und Statistiken.Experten müssen für die Wartung der Software in China extra aus Europaeingeflogen werden.“ Außerdem glaubt Funke: „Der Ruf unddas Know-how von Schwäbisch Hall lassen sich nicht einfach kopieren.“

In den vergangenen Monaten sind die neuen Mitarbeiter vor Ort und im baden-württembergischenSchwäbisch Hall in den Bereichen Bauspartechnik, Informationstechnologieund Vertrieb geschult worden. Als Markensymbole verwendet das neue in deutsch-chinesischeInstitut die bekannten Elemente des deutschen Marktführers, den Fuchsund die Ziegelsteine, die für den chinesischen Markt optisch angepaßtwurden.

Der Partner CCB ist chinesischer Marktführerbei Baufinanzierungen

Die China Construction Bank, in deren Verwaltungsgebäudein Tianjin die neue Bausparkasse ihren Sitz hat, zählt zu den vier großenStaatsbanken Chinas. Mit einem Marktanteil von 37 Prozent bei Hypothekenkreditenist die CCB landesweit Marktführer bei Baufinanzierungen. In Tianjinunterhältdie CCB über 300 Filialen und beschäftigt rund 4.200 Mitarbeiter,landesweit sind über 300.000 Mitarbeiter in rund 22.000 Filialen bei derCCB tätig.

Die Chancen für das Bausparen in China sind nach dem Urteil der deutschenExperten ganz ausgezeichnet: Die Sparquote liegt in Tianjin mit 35 Prozent,in ganz China mit etwa 30 Prozent weltweit an der Spitze. In Deutschland beträgtsie lediglich zehn Prozent. Tianjin hat zehn Millionen Einwohner und ist Chinasgrößter Tiefseehafen mit einem überdurchschnittlichen Wirtschaftswachstum.Das Bruttoinlandsprodukt wuchs dort in den vergangenen Jahren um durchschnittlichmehr als zehn Prozent pro Jahr. Auch für den Baufinanzierungsmarkt rechnenExperten in den kommenden Jahren mit jährlichen Zuwächsen von zehnProzent. Das wäre ein Anstieg von umgerechnet 1,3 Milliarden Euro. Derdurchschnittliche Kaufpreis einer 80-Quadratmeter-Wohnung liegt bei 25.000Euro. Die Menschen verfügen in Tianjin über ein Jahreseinkommen,das im Schnitt bei 3.800 Euro liegt.

Schwäbisch Hall forciert sein Auslandsgeschäftweiter

Mit dem Markteintritt in China baut die Bausparkasse Schwäbisch Hall ihrAuslandsengagement weiter aus. Das Unternehmen ist bereits mit seinen Tochtergesellschaftenin Tschechien, der Slowakei und Ungarn unangefochtener Marktführer iminternationalen Bauspargeschäft. Drei Millionen Bausparer unterhaltenin diesen drei Ländern bereits Verträge in einem Gesamtvolumen von19,5 Milliarden Euro. Für das kommende Jahr ist eine Geschäftsausweitungnach Rumänien geplant.

China Deutschland Wirtschaft

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

  1. Weihnachten in anderen Ländern
  2. Kurden - Geschichte, Kultur und Hintergründe
  3. Schwarzkümmel - Naturheilmittel mit langer Tradition
  4. „Hitler und Tito waren Schulfreunde“
  5. Vegetarismus - Religion der Satten

Eurasien-Ticker