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Deutscher Streifen „The Other Chelsea“ stößt kontroverse Debatte in der Ukraine an

Schachtjor Donezk ist der ganze Stolz der Fußballfans im Osten der Ukraine. Bergarbeiter und Spitzenpolitiker strömen ins Stadion, wenn die brasilianischen Stars von Schachtjor auf europäischem Spitzenniveau kicken. Mit der finanziellen Unterstützung des Oligarchen Rinat Achmetow gewann der Verein 2009 sogar den Uefa-Pokal. Ein junger deutscher Dokumentarfilmer hat die Menschen im ostukrainischen Kohlerevier Donbass und ihre Leidenschaft für ihre Fußballmannschaft porträtiert – und mit seinem Film eine kontroverse Debatte in der Ukraine ausgelöst.

Von Robert Kalimullin
05.06.2011 Drucken Senden Kommentieren
Mit dem UEFA-Pokalsieg von Schachtjor erfüllte sich ein Traum für den Bergmannssohn und Milliardär Achmetow. Foto Preuss.
Mit dem UEFA-Pokalsieg von Schachtjor erfüllte sich ein Traum für den Bergmannssohn und Milliardär Achmetow. Foto Preuss.

A wei Lebenswelten stehen sich in dem Film „The Other Chelsea“ gegenüber. Da sind einmal die Vertreter aus der einfachen Bevölkerung, die sich ihr täglich Brot mühsam unter Tage, in den maroden Kohlegruben verdienen und sich vom wenigen Ersparten einen Stehplatz im Stadion leisten können.

Ihnen gegenüber steht Nikolai Lewtschenko, aufstrebender Nachwuchspolitiker in Donezk. Seine Stadtwohnung ist in einem Stil ausgestattet, den man als neobarock klassifizieren könnte, den morgendlichen Grießbrei bekommt er von einer Hausangestellten serviert. In seinem Büro hängt ein Bildnis Stalins.

Das Kernkraftwerk Temelin in Tschechien ist nur 60 km von der deutschen Grenze entfernt. (Foto: Robert Gommlich)
    Der treue Fan Sascha bekam vom Verein als Reaktion auf den Film ein Jahresabonnement  geschenkt. Foto Preuss.

„Es gibt eine Verbindung zwischen Wirtschaft, Politik und Sport“

Lewtschenko dürfte inzwischen bereuen, dem Berliner Regisseur Jakob Preuss derartig intime Einblicke in seine Verhältnisse gewährt zu haben. Denn der Film, dessen Untertitel lautet „Es gibt immer eine Verbindung zwischen Wirtschaft, Politik und Sport“, wurde inzwischen auch in der Ukraine gezeigt. In Lewtschenkos Heimatland also, wo er die Rolle des politischen Scharfmachers auf Seiten der „blauen“ Gegenkräfte zum „orangenen“ Lager kultiviert, wenn er beispielsweise für Russisch und gegen Ukrainisch als Amtssprache eintritt.

Da ist es für seine Ambitionen nicht gerade förderlich, wenn die Zuschauer im Kino dabei sind, wie er während seiner Arbeitszeit Gardinen für seine Luxuswohnung aussucht. Oder wenn er laut darüber sinniert, dass Wahlverlierer in der Ukraine eine Verfolgung durch die Justiz zu befürchten hätten. Seit der „orangenen Revolution“ von 2004 hat sich das Ruder schließlich gedreht, jetzt sitzen seine „Blauen“ mit Präsident Viktor Janukowitsch in Kiew an den Schalthebeln der Macht.

Vom Bergbau geprägt: die ostukrainische Metropole Donezk. Foto Preuss.
Vom Bergbau geprägt: die ostukrainische Metropole Donezk. Foto Preuss.

Milliardenschwerer Klubpräsident

Zum blauen Lager gehört auch Boris Kolesnikow, der stellvertretende Ministerpräsident der Ukraine. Als Reaktion auf den Film empfahl dieser Lewtschenko nun öffentlich, seine politische Tätigkeit am besten an den Nagel zu hängen und eine Bäckerei aufzumachen, wenn er dem Land dienen wolle. Anders dagegen Lewtschenkos politischer Ziehvater, der milliardenschwere Rinat Achmetow, der jüngst Schlagzeilen machte, als sein Unternehmen SCM die mit geschätzten 150 Millionen Euro wohl teuerste Wohnung Londons erwarb.

Achmetow ist Klubpräsident bei Schachtjor und so etwas wie der Übervater des Donbass. Aus Regionalpatriotismus investiert er auch hier, in seiner Heimat. Im Gegensatz zu Milliardärskollege Roman Abramowitsch, der sich den Londoner Klub Chelsea als Spielzeug leistete, schenkte Achmetow Donezk ein Stadion für die Fußball-Europameisterschaft im kommenden Jahr. Auch er hat den Film gesehen. Gefallen hat dem ukrainischen Unternehmer tatarischer Herkunft, wie Preuss gezeigt habe, dass der Fußball die Region verbinde. Und an Lewtschenko lobt der Oligarch dessen Ehrlichkeit – wenigstens habe er sich nicht eine Wohnung gemietet, um dem Filmteam vorzugaukeln, dass er in einfachen Verhältnissen lebe.

Was hat Lewtschenko bewogen, sich von Preuss porträtieren zu lassen? Eine Vorstellung bekommt, wer Preuss erlebt, der zu seinen Filmvorführungen in Berlin, Warschau, Kiew oder Donezk stets persönlich anreist, um mit den Zuschauern zu diskutieren. Es muss so etwas wie eine Anziehung gegeben haben zwischen dem Regisseur und seinem Protagonist.

d)	Nachwuchspolitiker Lewtschenko: „Wahlverlierer müssen in der Ukraine die Justiz fürchten.“ Foto Preuss.
Nachwuchspolitiker Lewtschenko: „Wahlverlierer müssen in der Ukraine die Justiz fürchten.“ Foto Preuss.

Ein Hauch von Skandal

Mit Mitte 30 sind sie beide in etwa gleichaltrig. Beide lieben sie den öffentlichen Auftritt, stehen gerne im Rampenlicht. Und sicherlich fühlte Lewtschenko sich auch etwas geschmeichelt von der Aufmerksamkeit durch das Filmteam. Nach der Filmvorführung, die in Donezk vom Hauch eines Skandals umgeben ist, gibt der Jungpolitiker eine Pressekonferenz und verkündet, natürlich sei der Film unvorteilhaft für ihn.  Doch einen Grund zum Rücktritt sieht Lewtschenko nicht. Und wenn er sich für etwas schäme, dann für die im Film gezeigten katastrophalen Arbeitsbedingungen in den Kohleschächten und nicht für seinen Auftritt. Für deren Verbesserung, so der Jungpolitiker, wolle er 24 Stunden am Tag arbeiten.

So ganz mag man Lewtschenko diese zur Schau gestellte Gelassenheit allerdings nicht abnehmen. Preuss weiß zu berichten, dass der Held seines Filmes die Rechte an ebendiesem kaufen wollte – für die Ukraine, Russland und Wießrussland. Sie haben sich auch nach der Filmpremiere gesprochen, Lewtschenko und Preuss, den der Politiker öffentlich immer noch als seinen Freund bezeichnet. Stalin ist inzwischen aus dem Büro verschwunden. Etwas zynisch, so Preuss, habe Lewtschenko ihm für die Hilfe bei seiner Karriere gedankt. „Das kann absurderweise sogar stimmen“ meint Preuss, schließlich habe Achmetow der Film ja gefallen – und dessen Wort hat Gewicht in Donezk.

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The Other Chelsea – Kinotrailer:

Die Autoren im Netz:

http://www.robertkalimullin.de/
http://martin-brand.de/

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