„Die Amazonen – Töchter von Liebe und Krieg“ von Hedwig AppeltGELESEN

„Die Amazonen – Töchter von Liebe und Krieg“ von Hedwig Appelt

Dieses Buch handelt von kühnen Kämpferinnen, die mutig waren, stark und kriegerisch: den Amazonen. Sie konnten reiten und kämpfen, waren mutig und stark - und brauchten Männer nur zur gelegentlichen Fortpflanzung. Sie sind ein Mythos und haben seit jeher die Phantasie beflügelt. Jetzt diejenige von Hedwig Appelt, Literaturwissenschaftlerin, selbst leidenschaftliche Reiterin und beruflich zu Hause in der Werbebranche.

Von Johann von Arnsberg

„Die Amazonen. Töchter von Liebe und Krieg“ von Hedwig Appelt  
„Die Amazonen. Töchter von Liebe und Krieg“ von Hedwig Appelt  

V on den Küsten des Schwarzen Meeres über Kleinasien und Griechenland bis hin nach Afrika soll es sie gegeben haben, und sogar in Südamerika. Heißt der große Strom nicht Amazonas? Überall wird von ihnen berichtet, erzählt, durch die mündliche Tradition oder die darstellende Kunst. Jedes Kind und jeder Erwachsene des griechischen Kulturkreises wird daher unweigerlich gewusst haben, wer diese sagenhaften Frauen gewesen sind.

Aber niemand wird Amazonen je zu Gesicht bekommen haben, zumindest nicht so, wie sie in den Legenden beschrieben wurden. Die „Töchter des griechischen Kriegsgottes Ares“ werden sie genannt. Es sind legendäre Gestalten wie Penthesilea und Hippolyte, heldenhafte Kämpferinnen, die sich auch gegen männliche Krieger behaupten konnten. Von der Archäologie wurde ihre Existenz bislang nicht bestätigt. Aber der Mythos lebt.

Amazonen – die Einbrüstigen

Die griechische Bezeichnung „Amazone“ wird von der Autorin auf  a-mazos (brustlos) zurückgeführt. Dies ist allerdings umstritten. Nach dieser Darstellung sollen die Amazonen ihren kleinen Töchtern die rechte Brust ausgebrannt haben, damit diese später den Bogen ungehindert abschießen konnten. Hedwig Appelt spricht davon, dass Amazonen sich freiwillig die Brust abgeschnitten haben als Initiationsritual.

Mit diesem Akt hätten die Frauen sich als Amazonen neu geboren. Und weshalb das Ganze? Der Amazonenmythos läge in einer Situation, als alle Männer eines Skythenstammes im Kampf gefallen waren und die Frauen sich nicht von Nachbarvölkern unterjochen lassen wollten. So hätten sie ihr Schicksal selbst in die Hand genommen, einen eigenen Staat ohne Männer gegründet und gekämpft. Die Autorin: „Sie haben sich von der Gemeinschaft der Männer losgesagt.“

Diese sagenhaften Amazonen bevölkern die griechischen Mythen, aber sie sind nicht zu fassen. Sie reiten durch die antike Männerwelt, die nicht zuletzt geprägt war von Knabenliebe und männlichen Olympischen Spielen, als hätte man ihre legendären Gestalten zur Kompensation schmerzhaft nötig gehabt.

Antiker Kronzeuge Hippokrates

Als das Eurasische Magazin den bekannten Archäologen und Skythenkenner Hermann Parzinger im Interview einmal fragte, ob er oder Kollegen bei ihren Ausgrabungen in den Kurganen (Grabpyramiden) der skythischen Steppe jemals auf Anhaltspunkte dafür gestoßen seien, dass es Amazonen gegeben habe, sagte er: „Es gibt zwar den Amazonenmythos, aber den darf man nicht so ernst nehmen. Sicher ist es vorgekommen, dass Frauen das Lager der Jurten verteidigt haben, wenn die Männer alle zum Kampf unterwegs waren oder neue Weidegründe gesucht haben. Es wurden auch Frauen mit männlicher Bewaffnung in den Eiskurganen des Altais gefunden. In anderen Regionen der skythischen Welt, in der Steppe sind solche Funde ebenfalls gemacht worden. Aber es gab keine archäologischen Belege für Amazonenheere – das ist eine Ausschmückung der Geschichtsschreibung.“

Aber immerhin – bewaffnete Frauen und mit ihren Waffen beigesetzte Kämpferinnen hat es ganz offensichtlich gegeben. Von diesen erzählt die Autorin. Es ist ein packender Stoff, der durchaus unter die Haut geht. Und dass er nichts von seiner Faszination verloren hat, auch nicht für Frauen, zeigt unser Beitrag Moderne Amazonen in dieser Ausgabe, der in der Ukraine spielt.

Der große griechische Arzt Hippokrates berichtet in einer Schilderung der benachbarten Steppenbewohner am Asowschen Meer. Dort gäbe es einen Skythenstamm, der sich von den übrigen Stämmen unterscheide. Ihre Frauen würden reiten, mit dem Bogen schießen, den Wurfspeer vom Pferd herab schleudern und, solange sie Jungfrauen seien, gegen die Feinde kämpfen. Hippokrates behauptet, sie gäben ihre Jungfrauschaft nicht auf, bevor sie drei Gegner getötet hätten. Ihnen fehle die rechte Brust.

Und die Jungfrau von Orleans?

Auch wenn es Hippolyte, die Königin der Amazonen, Königin Tomyris bei den skythischen Amazonen und die von Achilles getötete von Penthesilea nicht gegeben hat: ihre Legenden sind lebendig seit Jahrtausenden. Und mit der Jungfrau von Orleans, der legendären Jeanne D’Arc, ist die Legende im westlichen Europa angekommen.

Heute kennen wir Filmheldinnen wie Lara Croft, die als moderne Amazonen durchgehen könnten. Die historischen Heldinnen  sollen ursprünglich aus einer Affäre zwischen der verheirateten Aphrodite, der Göttin der Liebe, und dem wilden Kriegsgott Ares hervorgegangen sein. Aphrodite gebar demnach eine Tochter namens Harmonia, die Jahre später ihrem Vater Ares begegnete. Und er soll mit ihr die kriegerischen Amazonen gezeugt haben. – Aber es endete tragisch. Die Amazonenkönigin Hippolyte verliebte sich in Theseus, den König von Athen. Bei der entscheidenden Schlacht mit den Athenern stellte sie sich gegen das eigene Amazonenvolk. Penthesilea wurde getäuscht, glaubte den Helden Achill zu lieben und auch hier gab es ein tragisches Ende.

Saisonale Samenspender

Hedwig Appelt hat eigene Vorstellungen. Heute gälten Amazonen als Fabelwesen, damals jedoch wurde von ihnen gesprochen wie von realen Wesen. Bei den Griechen war das kaum mehr zu unterscheiden. Götter, Fabelwesen, Werwölfe etc. waren in ihrer Welt zumindest in Erzählungen allgegenwärtig –so auch die Amazonen, jene „einbrüstigen Frauen, die Männer scharenweise hingemetzelt haben“, wie die Autorin in Interviews kundtut.

Das Amazonendrama Heinrich von Kleists habe die Anregung zu ihrem Buch geliefert, in dem Männer keine besondere Rolle spielten. Sie hatten ausschließlich die Voraussetzungen für den Nachwuchs zu liefern. Demnach waren die Amazonen so etwas wie antike Samenräuberinnen. Auch wenn es nicht in der Besenkammer passierte, wie angeblich beim Tennishelden Boris Becker und seiner Anna.

Hedwig Appelt  berichtet davon, dass die Amazonen „rituelle Auszeiten vom Krieg nahmen“. In diesen Zeiten hätten sie sich mit Männern gepaart, die ihnen über den Weg liefen. Nahezu tierisch, promiskuitiv möge das den Zeitgenossen erschienen sein. Angetan dazu, sich über die Maßen zu erregen. Die Autorin: Acht Wochen lang im Frühling, im April und Mai, wären die saisonalen Zeuger und Samenspender zugelassen gewesen. Die Fortpflanzung habe stattgefunden, „wahllos im Freien, auf der Wiese in Feld und Hain.“ Sex wo immer es sich auch ergab.“ Die Amazonen hatten nach Möglichkeit mit einem Mädchen schwanger zu sein, und die Erzeuger mussten wieder verschwinden und in ihre heimatlichen Gefilde zurückkehren – bis zur nächsten Saison.

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Rezension zu „Die Amazonen. Töchter von Liebe und Krieg“ von Hedwig Appelt, Theiss Verlag 2009, 192 Seiten mit 10 farbigen Abbildungen, 19,90. Euro, 978-3806222241.

Kultur Rezension

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