„Die Bürger von Peking sind stolz darauf, den Übergang vom Entwicklungsland zum Vollmitglied in der internationalen Gesellschaft mitzuerleben“EM-INTERVIEW

„Die Bürger von Peking sind stolz darauf, den Übergang vom Entwicklungsland zum Vollmitglied in der internationalen Gesellschaft mitzuerleben“

„Die Bürger von Peking sind stolz darauf, den Übergang vom Entwicklungsland zum Vollmitglied in der internationalen Gesellschaft mitzuerleben“

Die Pekinger erhalten das größte Flughafengebäude der Welt, fünf neue Brücken, 59 neue oder erweiterte Straßen, mehrere neue U-Bahn-Linien, eine Schnellbahn zum Flughafen, eine Hochgeschwindigkeitsbahn nach Tianjin, eine neue Autobahn nach Tianjin, 252 Hotels, 37 olympische Bauten und ein hypermodernes Nationaltheater. In einer beeindruckenden Perfektion wurden alle diese Projekte pünktlich zu den Olympischen Spielen fertig gestellt. Jutta Ludwig, die Chefin der deutschen Außenhandelskammer in Peking, schildert, wie Olympia das Gesicht der ganzen Nation verändert.

Von Hans Wagner

Jutta Ludwig  
Jutta Ludwig  
  Zur Person: Jutta Ludwig
  Jutta Ludwig ist Delegierte der Deutschen Wirtschaft in Peking und geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutschen Handelskammer.

Sie hat an der Universität Hamburg und an der Taipei Universität studiert und ihr Studium als Sinologin und Diplom-Volkswirtin 1981 in Hamburg abgeschlossen. 1984 nahm sie ihre Tätigkeit als Geschäftsführerin im Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) mit Schwerpunkt China auf. Zwischen 1993 und 1996 leitete sie die Abteilung China-Koordination der Karstadt AG in Essen. Ab 1997 arbeitete sie als Projektleiterin am Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt und Energie GmbH.

Jutta Ludwig hat zahlreiche Artikel über die chinesische Wirtschaft und Umwelt verfasst.
2003 trat sie ihre gegenwärtige Position als Delegierte der Deutschen Wirtschaft in Beijing und geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutschen Handelskammer in China an.

Jutta Ludwig ist seit 1980 mit Harris Tiddens verheiratet. Zur Familie gehören drei Söhne.

E urasisches Magazin: Als Chefin der deutschen  Außenhandelskammer in Peking sind Sie es gewohnt, in großen Zahlen zu denken und zu rechnen. Wenn sie den Wert der Olympischen Spiele beziffern sollten, der der Volksrepublik China seit der Vergabe im Jahr 2001 aus diesem Ereignis erwachsen ist, welche Summe würde Ihnen da angemessen erscheinen?

Jutta Ludwig: Dazu sind viele Kalkulationen erstellt worden, aber wie auch schon das Internationale Olympische Komitee dargestellt hat, sind die tatsächlichen Werte einer Olympiade nur im Laufe der folgenden 25 Jahre festzustellen. Zunächst muss man jedoch sehen, dass China und die Stadt Peking riesige Investitionssummen aufwenden mussten, um „Grüne Olympische Spiele“ realisieren zu können.

Natürlich erhält die Volkswirtschaft durch den enormen Ausbau der Infrastruktur und die Zulieferung von Produkten für die Olympiade einen Wachstumsimpuls. Darauf gehe ich gern noch ein. Zunächst erwartet China einen großen Erfolg beim Tourismus, so wie das auch nach den Spielen in Barcelona im Jahr 1992 der Fall war. Dort wurde auch viel in die Infrastruktur investiert, und die Investitionen kamen sowohl dem Tourismus als auch der Industrie zugute. Der Tourismus stieg dort zwischen 1991 und 2002 um das Sechsfache. Peking hat aufgrund seiner Historie vielleicht noch bessere Chancen als Barcelona.

EM: Wie steht es um die Auslandsinvestitionen? Werden diese günstig beeinflusst?

Ludwig: Sicher gibt es auch einen großen Einfluss auf die Investitionszusagen aus dem Ausland. Seit 2001 sind diese sprunghaft angestiegen und zwar von 69 Milliarden US-Dollar auf 153 Milliarden US-Dollar im Jahr 2004. Im Jahr 2007, ein Jahr vor den Olympischen Spielen, gab es nochmals einen deutlichen Zuwachs der realisierten Investitionen.

Was die Einnahmen Chinas aus Sponsorenleistungen, die Vergabe von Fernsehrechten, Lizenzierung von Produkten, usw. anbelangt, so wird geschätzt, dass China davon rund drei Milliarden US-Dollar einnehmen wird; das deckt wohl die Organisation und Durchführung der Olympischen Spiele, ist aber weniger als fünf Prozent der riesigen Investitionsausgaben, die in der Stadt Beijing und Umgebung vorgenommen wurden.

„42 Prozent der Stadt Peking sind inzwischen begrünt“

EM: Allein Peking veranschlagt Pressemeldungen zufolge für eine komplett neue Verkehrs-, Sport- und Umwelt-Infrastruktur die gigantische Summe von über 50 Milliarden US-Dollar. Was bekommen die Stadt und seine Bevölkerung dafür an bleibenden Werten?

Ludwig: Die Pekinger erhalten das größte Flughafengebäude der Welt, fünf neue Brücken, 59 neue oder erweiterte Straßen, mehrere neue U-Bahn-Linien, eine Schnellbahn zum Flughafen, eine Hochgeschwindigkeitsbahn nach Tianjin, eine neue Autobahn nach Tianjin, 252 Hotels, 37 olympische Bauten und ein hypermodernes  Nationaltheater. In einer beeindruckenden Perfektion wurden alle diese Projekte pünktlich zu den Olympischen Spielen fertig gestellt. Darüber hinaus ist die städtische Versorgung der Bevölkerung durch neue Kläranlagen und den Ausbau der Stromversorgung erheblich verbessert worden. Die „Grüne Flotte“ mehrerer tausend Fahrzeuge, die auch deutsche Automobilunternehmen zu den Olympischen Spielen geliefert haben, wird im Lande verteilt und die Ökoprojekte aus Peking sollen Modellcharakter für die Zukunft in ganz China haben. Über fünf Millionen Pekinger haben ein wenig Englisch gelernt, und die Anstrengungen der Regierung zur Verbesserung der Luftqualität hat das Umweltbewusstsein der Bevölkerung deutlich verbessert. Auch ist es sehr eindrucksvoll, wie zielbewusst über Jahre Bäume gepflanzt wurden. Inzwischen sind 42 Prozent der Stadt begrünt.

EM: Von der Investmentbank Goldman Sachs wurde eine Steigerung des chinesischen Bruttoinlandsproduktes von rund 0,4 Prozent jährlich durch die Spiele prognostiziert. Womit ist eine solche Steigerung vergleichbar? Welches andere Ereignis oder welch andere Maßnahme im Wirtschaftsleben kann solche Ergebnisse hervorbringen?

Ludwig: In der Tat wurde das von Goldman Sachs prognostiziert – im Jahr 2001 und nochmals im Jahr 2004. Obwohl diese Zahl häufig wiederholt wird, sind wir der Ansicht, dass der eindeutig messbare Gesamteffekt auf das chinesische BIP eher klein ist. Wir schließen uns der Meinung des Internationalen Währungsfonds an, dass wegen der Größe der chinesischen Wirtschaft weder die Olympiade, noch das Sichuan-Erdbeben einen eindeutigen Effekt zeigen. Ganz anders stellt es sich bei der Stadt Peking dar: Im Jahr 2001 wurde ein zusätzliches Wachstum pro Jahr von zwei Prozent prognostiziert; tatsächlich konnte in den fünf Jahren bis 2006 ein Durchschnittswachstum von 12,1Prozent verbucht werden. Im Jahr 2007 stieg es sogar auf 12,5 an. Ohne die enormen Baumaßnahmen in der Stadt wäre dieses Resultat niemals erreicht worden. - Ähnliche Resultate sind vielleicht von der Weltausstellung in Schanghai im Jahre 2010 zu erwarten. Die Vorbereitungen kosten rund 40 Milliarden US-Dollar und es werden 80 Millionen Besucher erwartet.

40.000 Journalisten aus aller Welt werden berichten

EM: 40.000 Journalisten werden aus China berichten, so viele wie wohl noch nie von einem Ereignis auf der Welt, das gerade mal zweieinhalb Wochen dauert. 6.000 Lizenzprodukte mit den Olympischen Symbolen sollen auf dem Markt sein. Welche Bedeutung haben diese schier unglaublichen Zahlen für ein Land wie China, das immer noch da und dort als Entwicklungsland bezeichnet wird?
 
Ludwig: 40.000 Journalisten sind für China eine große Anzahl. Aber ohne die Zusicherung, dass die internationale Presse die erforderliche Freiheit während der Olympischen Spiele erhält, hätten diese gar nicht in Peking stattfinden können. Bereits im Juli 2007 wurde ausländischen Journalisten die freie Berichterstattung zugesagt, und Interviews sollen unter Einwilligung des Befragten einfach zu arrangieren sein. Zur problemlosen Sendung von Informationen durch Journalisten wurden im Internet Sondertrassen reserviert und auch der freie Zugriff auf Webseiten für Journalisten im olympischen Dorf wird erwartet. Ein so großes, diverses Land wie China hat viele unterschiedliche Entwicklungsniveaus, wobei Peking eine Stadt mit dem höchsten Einkommensniveau ist. Und so sind die Bürger von Peking auch stolz darauf, den Übergang vom Entwicklungsland zum Vollmitglied in der internationalen Gesellschaft mitzuerleben.

 Auch Provinzstädte wie Qinhuangdao werden weltbekannt

EM: Auch in Schanghai und Hongkong, Tianjin, Qinhuangdao, Shenyang und in der Küstenstadt Qingdao, dem ehemaligen deutschen Kolonial-Handelsstützpunkt Tsingtau mit dem berühmten Bier, werden olympische Wettbewerbe ausgetragen. Was hat die Provinz von dieser Teilhabe an den Spielen?

Ludwig: Diese Städte und Provinzen können sich im Rahmen der allgemeinen Berichterstattung profilieren und international auch ihre wirtschaftliche Bedeutung bekannt machen. Dazu gehören Qingdao als Standort der Segelregatten und Tianjin sowie Shenyang als Austragungsorte verschiedener Fußballspiele. Auch die Bevölkerung in diesen Städten profitiert von den Spielen. So wurde in Qingdao der alte, verkommene Hafen im Zentrum der Stadt ausgelagert und statt dessen schmücken nun der Olympiahafen, Promenaden und Badestrände die Küste. Auch die Transportinfrastruktur wurde neu aufgebaut.
 
EM: Wird dieses Großereignis, dem China entgegenfiebert, das Konsumverhalten der chinesischen Milliardenbevölkerung verändern?

Ludwig: Vor den Olympischen Spielen wird deutlich, dass eine saubere Umwelt ein wichtiges Gut ist. Und das wird das Konsumverhalten sicherlich verändern. Schon in den letzten Jahren sind europäische Produkte in China immer beliebter geworden. Insbesondere deutsche Produkte werden wegen ihrer hohen Qualität und Zuverlässigkeit besonders geschätzt. Mit zunehmendem Wohlstand ist eine größere kaufkräftige Mittelschicht gewachsen. Die jungen Berufstätigen mit höherem Einkommen sind begeistert von deutschen Autos und viele wollen auch deutsche Haustechnik, Türen und Fenster für ihre neuen Wohnungen.

Die Auswirkungen der Olympiade werden noch in vielen Jahren zu spüren sein

EM: Wie kann China über das Jahr 2008 hinaus von diesen Spielen profitieren?

Ludwig: Wie ich vorhin bereits bemerkte, zeigen sich viele Auswirkungen einer Olympiade erst im Laufe vieler Jahre. Die Profilierung des Gastgeberlandes sorgt für anhaltende Direktinvestitionen, erhöhten Handel, Markenkenntnis, Akzeptanz in der globalen Gesellschaft usw. Interessant ist, dass erstmalig zu einer Olympiade ein Firmensponsorenprogramm auch für die vier Jahre nach Olympia – also bis 2012 – geplant wurde. Die Übergabe der Akquisitionsrechte für Sponsoren von BOCOG an das chinesische NOC wurde vor kurzem groß gefeiert.

EM: Werden die Investitionen ausländischer Unternehmen steigen, beflügelt auch durch die riesigen Anstrengungen, die China unternommen hat?

Ludwig: Die Investitionen werden sicher weiter gehen, werden aber von der chinesischen Regierung immer gezielter gesteuert. Besonders Unternehmen des Mittelstands kommen immer häufiger nach China. Eine Studie der AHK China aus dem Jahr 2007 belegt den Erfolg dieser Unternehmen und ihren Willen, weitere Investitionen zu tätigen. Gerade mittelgroße Städte wie Tianjin oder Shenyang, die sich auch an den Olympischen Spielen beteiligt haben, bieten hervorragende Bedingungen für die deutschen Unternehmen, da diese Städte stark wachsen und damit vor große technische Anforderungen gestellt werden, für die der deutsche Mittelstand die Lösungen hat.

 Chinesische Firmen, die das Olympia-Wunder vollbracht haben, werden internationales Ansehen gewinnen

EM: Können sich chinesische Firmen international profilieren, nachdem man nun gesehen hat, zu welchen Leistungen sie fähig sind?
 
Ludwig: Selbstverständlich werden erfolgreiche Olympische Spiele in Beijing dem internationalen Ansehen und der Bekanntheit chinesischer Firmen im Ausland zuträglich sein. Deshalb bemüht sich derzeit die Gesellschaft „Invest in Germany“ auch um Investitionen von hoch entwickelten chinesischen Unternehmen, für die eine Investition und ein Engagement in Deutschland wünschenswert wäre.
 
EM: Sind Auswirkungen auf das Selbstverständnis der Chinesen als Nation zu erwarten? Wird es einen verstärkten Nationalismus geben?

Ludwig: Die Chinesen sind  stolz auf die Olympiade. Diese symbolisiert für viele das Ende einer langen Durststrecke einer geringen internationalen Bedeutung Chinas. Dieser Stolz könnte den Nationalismus stärken, aber auch zu größerer Selbstsicherheit der Chinesen auf internationaler Ebene und somit größerer Gelassenheit führen. In diesem Sinne wünschen wir uns ungestörte, erfolgreiche Spiele in Beijing.

EM: Wird die Umweltpolitik Chinas nachhaltig von den Spielen profitieren?

Ludwig: Umweltprojekte zur Olympiade in Peking haben für andere Städte in China Modellcharakter. Die sauberen Fahrzeuge für die Olympischen Spiele werden an die Provinzen als Vorbilder geliefert. Im Übrigen hat China erkannt, dass die permanenten Schäden durch den Missbrauch der Umwelt nicht auf Dauer fortgesetzt werden dürfen. Besonders schnell wachsen Unternehmen wie „Goldwind“ in der Windenergie oder „Suntech“ bei den Solarzellen, die von dem neuen Umweltbewusstsein profitieren und auch international bereits hohe Marktanteile haben. Und auch für deutsche Unternehmen ist nun ein Markt erwachsen, in dem deutsche Technologien und deutsches Knowhow zur effizienten Nutzung von Energie und Ressourcen nachgefragt werden. Das kommt nicht nur China zu Gute, sondern der ganzen Welt.
  
EM: Frau Ludwig, haben Sie herzlichen Dank für dieses Gespräch. 

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