Die Debatte um den Mord an Marwa hat gesellschaftliche Dissonanzen aufgedecktMORDPROZESS

Die Debatte um den Mord an Marwa hat gesellschaftliche Dissonanzen aufgedeckt

Die Debatte um den Mord an Marwa hat gesellschaftliche Dissonanzen aufgedeckt

Ist die Bluttat die Aktion eines von Hass getriebenen Psychopaten oder Symbol der Islamfeindschaft in Deutschland? Das Verbrechen erhebt die Einstellung der Deutschen gegenüber Muslimen zum Thema im Inland und im Ausland.

Von Mohammed Khallouk

  Zur Person: Mohammed Khallouk
  Mohammed Khallouk (37) wurde in Sale/Marokko geboren. Er hat Sprachwissenschaften in Rabat studiert. Von 1997 bis 1998 bereitete er sich am Studienkolleg in Marburg auf sein Studium der Politikwissenschaften vor. Das anschließende Studium an der Philipps-Universität in Marburg schloss der Autor 2003 mit dem Magister Artium ab.

Im Jahr 2007 promovierte Khallouk in Marburg über islamischen Fundamentalismus in Marokko. Seit 2008 ist er Mitglied im Promotionskolleg für Geistes- und Sozialwissenschaftler an der Philipps-Universität Marburg.
Mohammed Khallouk  
Mohammed Khallouk  

W ohl kaum ein Ereignis in Deutschland während dieses Jahres hat die Weltöffentlichkeit so sehr beschäftigt wie der am 1. Juli im Dresdener Gerichtssaal begangene Mord des Deutschrussen Alex W. an der Ägypterin Marwa El-Sherbini. Im Oktober wurde ihm im nämlichen Gerichtssaal der Prozess gemacht.

Sahen radikale Kräfte in der Islamischen Welt darin den Beleg für eine islamophobe Grundeinstellung der Deutschen, so versuchten konservative Medien im Lande das grausame Verbrechen als „persönliche Tragödie“ mit Unterhaltungswert darzustellen. Manchmal konnte man den Eindruck bekommen, es ginge um eine Massenkarambolage auf der Autobahn, bei der ein VW-Bus mit allen Mitgliedern einer Großfamilie ums Leben gekommen ist.

Diese extrem divergenten Interpretationen haben zum einen in selektiver, ideologisch vorbelasteter Wahrnehmung ihre Ursache, zum anderen zeigten sie sich als Ausgangspunkt für eine Instrumentalisierung, um mit der eigenen Weltsicht auf Resonanz zu treffen.
Nur in wenigen Fällen wurde die grausame Bluttat als Gelegenheit wahrgenommen, über das eigene Weltbild zu reflektieren, sowie über die Gesellschaft, in der ein bei Alex W. öffentlich zu Tage getretener Hass gegen Muslime Hass sich so tief einnisten kann.

Weshalb ausgerechnet muslimische Imigranten?

Mag einiges darauf hindeuten, dass der Täter psychisch krank ist, so reicht dies als Erklärung für dieses monsterhafte Verhalten jedoch nicht aus. Psychosen sind ja nicht wie körperliche Erbkrankheiten angeboren und unvermeidbar, sondern bedürfen eines bestimmten Milieus, um zum Ausbruch zu gelangen. Und schon gar nicht ist damit erklärt, warum sich diese traumatische Gewalthaftigkeit ausgerechnet muslimische Immigranten als Opfer aussucht.

Hierfür bedarf es eines Umfelds, das Muslime bereits mit einer kollektiven Bedrohung assoziiert, sowie darüber hinaus eines Feindbildes, das sich so tief im Innern verfestigt hat, dass es den Einzelnen zu Wahnvorstellungen und dementsprechendem Verhalten treibt. Da die eigene Humanitäts- und Moralvorstellung vieler Deutscher diesem jedoch entgegensteht, versucht man den Täter entweder als „geistig nicht zurechnungsfähig“ auf eine niedrigere Stufe als sich selbst zu stellen oder als „Russlanddeutschen im Osten“ so weit möglich von sich fern zu halten. So meint man sich nicht eingestehen zu müssen, dass das dunkle Islambild von Alex W. einem durchaus in weniger radikaler Form schon einmal begegnet ist.

Umgekehrt neigt mancher im arabo-islamischen Gesellschaftskontext dazu, die Tat als Bestätigung für eine gegenüber Muslimen und dem Islam grundsätzlich von Hass geprägte Einstellung der deutschen - oder vielmehr der westlichen Gesellschaft insgesamt hinzustellen. So vermeidet man es, nach möglichen Ursachen für bestehende westliche Ressentiments zu fragen, die hier in extremster menschenverachtender Form zum Ausdruck gelangt sind.

Letzteres würde das Ausschau halten nach einem erfolgreichen Konzept nahe legen, wie sich die Muslime in Konfrontation mit der westlichen Gesellschaft zu präsentieren haben, um der negativen Voreingenommenheit ihnen gegenüber dort entgegenwirken zu können. Die pauschale Darstellung Deutschlands als „rassistisches islamophobes Land“ hingegen schreibt ausschließlich den Deutschen die Verantwortung zu und erklärt eine beklagenswerte Tendenz unter ihnen zum unabänderlichen Zustand.

Fehlendes Wissen lässt gewaltsame ideologische Saat aufgehen

Erfolgreich können sich Feindbilder vor allem dort ausbreiten, wo das Hintergrundwissen über die jeweils andere Kultur und Religion fehlt. Ideologien, die bereits eine Grundeinteilung der Menschheit in „schwarz“ und „weiß“ zu ihrem Repertoire zählen, finden ihren Anklang. Mögen die geistigen Wegbereiter dieser Ideologien, die Gewalt – wenn überhaupt – lediglich als Merkmal des fiktiven Gegners verstanden wissen und selbst noch auf zivilere Mittel zurückgreifen, ihre Grundansichten werden von anderen aufgegriffen. Das hat der Fall Alex W. demonstriert. Bei ihm ist es unkontrolliert ausgebrochen.

Keiner würde wohl auf den Gedanken kommen, bei jenem Mord im Dresdener Gerichtssaal den Begriff des „antiislamischen Terrorismus“ zu verwenden. Phänomenologisch bestehen hier aber durchaus Ähnlichkeiten zu manchen islamistischen Selbstmordattentätern, die ebenso den Hass ihrer geistigen Vorbilder so sehr verinnerlicht haben, dass sie jegliche Hemmschwelle zur Gewalt verlieren und sogar bereit sind, das eigene Leben dafür aufs Spiel zu setzen.

Die „Hassprediger“, die einen Alex W. indoktriniert haben, predigen allerdings nicht in einer „Hinterhofmoschee“ zu ihren Getreuen, sondern begeben sich ungeniert in die Öffentlichkeit. Dies fängt bereits damit an, dass der Islam von einigen westlichen Eliten generell als „gewaltförderlich“ oder modernen Demokratievorstellungen „entgegenstehend“ abqualifiziert wird. Undes und hört bei unmittelbaren Beleidigungen der muslimischen Religion, manifestiert in den dänischen Prophetenkarikaturen, nicht auf. Nicht zuletzt dient die Assoziation des muslimischen Kopftuchs in Teilen der deutschen Öffentlichkeit mit Integrationsunfähigkeit und einem patriarchalischem Geschlechterrollenverständnis, wie sie beispielsweise aus den Interviewäußerungen des Bundesbankvorstands Thilo Sarrazin herauszuhören war, wohl kaum dazu, den Respekt der deutschen Bevölkerung vor der divergenten hineinimmigrierten Kultur und ihrem Wertempfinden zu erhöhen.

Die Widerlegung westlicher Klischees kostete Marwa das Leben

Marwa el Sherbini könnte als geeignetes Beispiel dafür dienen, dass jene in der westlichen Gesellschaft verbreiteten Vorurteile weder dem Islam an sich noch muslimischen Immigrantinnen in Deutschland auch nur ansatzweise gerecht werden. Für Marwa stellte sich die muslimische Religion ebenso wie ihr Kopftuch keineswegs als Zeugnis von Unmündigkeit und weiblicher Unterordnungsbereitschaft dar. Vielmehr fand sie darüber schon frühzeitig den Antrieb, sich gesellschaftlich zu engagieren und in Disziplinen zu Höchstleistungen zu gelangen, die nicht nur in Ägypten, sondern auch in Deutschland vielfach als „Männerdomänen“ angesehen werden.

Als Schulsprecherin am English Girls College in Alexandria scheute sie sich nicht, im Namen ihrer Mitschülerinnen mit Lehrkräften und Schulleitungen die öffentliche Konfrontation zu suchen und sportlich fair auszufechten. Ihr Sportsgeist zeigte sich gleichermaßen im tatsächlichen Wettkampf im körperbetonten Handball, wo sie es bis zum zweimaligen Gewinn der Bronzemedaille bei den arabischen Meisterschaften mit der ägyptischen Frauennationalmannschaft brachte.
 
Aber auch im Privatleben gab Marwa sich keineswegs mit einer vermeintlich zugewiesenen Rolle als Hausfrau und Mutter zufrieden, sondern hätte Ministerin Ursula von der Leyen im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf durchaus als Musterbeispiel dienen können. Sie studierte nach dem Abitur Pharmazie und folgte nach bestandenen Bachelor ihrem Ehemann, Elwi Ali Okaz, nach Deutschland, wo der Zellbiologe und Genetiker die Bedingungen vorzufinden glaubte, um seine akademische Laufbahn mit der Promotion zu krönen. Während Okaz sich jedoch noch vornehmlich seiner Wissenschaft widmete, erwirtschaftete Marwa über ihre Tätigkeit in einer Dresdener Apotheke das Haupteinkommen für ihre Familie.

Selbstbewusstsein und fairer Sportsgeist

Sich auf die in Deutschland reichlich angebotenen Sozialleistungen zu verlassen, wie dies gelegentlich Immigranten aus muslimischen Ländern von Repräsentanten der Aufnahmegesellschaft attestiert wird, wäre Okaz und Marwa wohl kaum in den Sinn gekommen. Schließlich hatte Okaz neben seiner Forschung am Dresdener Max-Planck-Institut zugleich eine Dozentur an der Minufiyya-Universität in Ägypten inne, wo die Familie wohl über kurz oder lang hin zurückgekehrt wäre, sofern man weder ihm noch seiner Frau in Deutschland ein weitergehendes Karriereangebot unterbreitet hätte.

Offenbar hatte das allmähliche Bekanntwerden dieses Hintergrundes, die bereits bestehende Abneigung von Alex W. gegenüber Marwa und Muslimen generell noch verstärkt. Schließlich bewies sie in ihrer Reaktion auf seine Beleidigungen neben ihrem Selbstbewusstsein ebenso ihren „fairen Sportsgeist“. Weder zog sie sich resigniert zurück und akzeptierte seine Demütigungen gegenüber ihrem Sohn und sich selbst, noch griff sie auf die gleichen Methoden zurück. Durchaus hätte sie ihren Mann oder einen anderen männlichen Bekannten zu gewalttätiger Rache animieren können.

Marwa und Okaz hingegen entschieden sich für die zivile rechtstaatliche Methode. Sie wähnten sich in einem Land, in dem das Gesetz für alle - unabhängig von Herkunft oder Religion - gleichermaßen gelte, und schlussfolgerten daraus, dass ein deutsches Gericht Alex W. schon die angemessene Strafe erteilen werde.

Selbstjustiz mochte in autoritären Willkürstaaten angebracht erscheinen, in Deutschland – für das ägyptische Ehepaar so etwas wie ein Vorbild im Hinblick auf die Gleichheit vor dem Gesetz – schien sie außerhalb jeglicher Diskussion. Diese Souveränität, mit der Marwa sich der deutschen Justiz einschließlich eines Berufungsverfahrens unterwarf, erwies sich als unvereinbar mit dem Weltbild ihres Kontrahenten, für den Muslime und Araber – sofern sie sich überhaupt in Europa aufhalten – entweder Untertänigkeit demonstrieren oder sich als „gewalttätige Monster“ mit Terroranschlägen präsentieren.

Das Echo in den Medien sprach Bände

Dieses Bild von Muslimen, das hier bei Alex W. zum Vorschein gekommen ist, scheint in großen Teilen der deutschen Gesellschaft vorherrschend zu sein. Wie anders ist es zu erklären, dass ein so genannter Ehrenmord innerhalb einer muslimischen Immigrantenfamilie im Ruhrgebiet mit Foto und zugehörigem Kommentar auf den Titelseiten lokaler Tageszeitungen von Flensburg bis Passau erscheint. Über den Fall Marwa, der sich immerhin in einem Gerichtssaal – vor den Augen von Richter, Staatsanwalt, Verteidigung und geladenen Zeugen – zugetragen hatte,  las es sich anders. In der muslimischen wie der westlichen Auslandspresse waren ausführlichere Berichte zu lesen, als in renommierten deutschen Zeitungen.

Die Journalisten und verantwortlichen Redakteure glaubten hier offenbar keine geeignete Information für einen beim Publikum auf Resonanz treffenden Beitrag finden zu können. Mögen sie hiermit die Interpretation radikaler Islamisten, Deutschland sei generell islamophob eingestellt, bestätigen, Marwa und Okaz waren nicht von diesem Bewusstsein getragen, andernfalls hätten sie sich wohl kaum für Deutschland als Station auf ihrem Karriereweg entschieden. Die Englischkenntnisse einer Absolventin vom English Girls College und der bereits in Ägypten erworbene akademisch fachliche Hintergrund von ihr wie ihrem Ehemann, hätten mutmaßlich ausgereicht, um anderenorts gleichermaßen eine anerkannte Stellung zu erlangen.
 
Nicht einmal die neuen Bundesländer haben sie – wie mancherorts im Westen - mit Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und Araberhass assoziiert. Anderenfalls hätte sich Marwa wohl kaum von einer Dresdenerin zur gerichtlichen Anklage gegen ihren Beleidiger überreden lassen. Schließlich fand der Prozess hierzu wie auch der nun begonnene Mordprozess in einem Dresdener Gerichtsaal statt, den nur die Verteidigung, trotz der traumatisch Erfahrungen aber weder Okaz noch die ihn vertretene Nebenklage für unangemessen erachten. Okaz und Marwas Identifikation mit dem Aufnahmeland Deutschland, die von Immigranten seitens der politischen Verantwortungsträger immer wieder angemahnt wird, war es letztlich, die sie in diese „persönliche Tragödie“ hineingeführt hat.

Marwas Martyrium als Wegweiser für Zivilcourage - von und gegenüber muslimischen Immigranten

In der Islamischen Welt ist Marwa vielerorts als „gefallene Märtyrerin“ für den Kampf der Muslime gegen einen „islamfeindlichen Staat Deutschland“ heraufstilisiert worden. Diese Bezeichnung hätte sie selbst wohl kaum für sich akzeptiert. Schließlich interpretierte sie den Djhad – wie im Islam vorgeschrieben – in erster Linie als Anstrengung, der eine Anstrengung um die Integration in der deutschen Aufnahmegesellschaft einschloss. Ihr Kampf gegen Alex W. war eben kein „Heiliger Krieg“, sondern ein profaner, vor einem staatlichen Gericht ausgetragener Rechtsstreit. Sie suchte den Kontakt, vielmehr die Unterstützung deutscher Institutionen ebenso wie ein couragierter deutscher Bürger. Hatte sie einerseits unmittelbar die Ressentiments und Anfeindungen gegenüber sich und ihrer Religion in der deutschen Gesellschaft erfahren, verstand sie es andererseits, zu differenzieren und aus diesen Erlebnissen nicht ihr Deutschlandbild aufzubauen.

In gewisser Weise ließe sich ihr Tod durchaus als „Martyrium“ kennzeichnen, ebenso wie ihr Verhalten als vorbildhaft charakterisiert werden könnte. Ihr Vorbild erwächst allerdings weniger aus einer gewaltbereiten „Kämpfernatur“ als mehr aus ihrer Zivilcourage und ihrer Fähigkeit, sich von einem schablonenhaften Schwarz-Weiss Denken auf Distanz zu halten und sich den Rollenzuschreibungen einer von Ressentiments getragenen Gesellschaft in Ägypten ebenso wie in Deutschland zu entziehen.

Anpassung verstand sie eben nicht als ein Verhalten nach den Vorstellungen anderer, sondern als situationsbezogenes Agieren und Reagieren. Sie widerlegte damit die Stereotypen über Musliminnen, die nicht nur in Deutschland, sondern in großen Teilen der westlichen Welt gepflegt werden. Ebenso widersetzte sie sich einem Islamverständnis, das den Buchstaben über den Kontext stellt und begab sich immer wieder neu auf die Suche nach dem geeigneten Weg, ihr juristisches und moralisches Recht ebenso wie die Ehre Gottes zu Geltung zu bringen. Wenn dieser von Marwa vorgezeichnete Weg seine Nachahmung findet, wird Gewalt von und gegen Muslime in Deutschland und anderenorts der Vergangenheit angehören.

Islam

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