„Die EU braucht keine Atombombe.“MASSENVERNICHTUNGSWAFFEN

„Die EU braucht keine Atombombe.“

„Die EU braucht keine Atombombe.“

Auch nach dem Ende des Kalten Krieges ist die Gefahr eines Nuklearkrieges auf der Welt nicht gesunken. Der Physiker Dr. Götz Neuneck sucht im Gespräch mit dem Eurasischen Magazin nach Erklärungen und Lösungsansätzen.

Von Hartmut Wagner

 Zur Person: Götz Neuneck
 
Dr. Götz Neuneck 
Dr. Götz Neuneck ist Leiter der Interdisziplinären Forschungsgruppe Abrüstung und Rüstungs-kontrolle (IFAR) am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH) und Pugwash-Beauftragter der Vereinigung deutscher Wissenschaftler.

Pugwash ist eine Wissenschaftlerorganisation, die sich für Frieden und Abrüstung einsetzt und 1995 den Friedensnobelpreis erhielt.

Eurasisches Magazin: Welche Staaten verfügen heute offiziell über Nuklearwaffen?

Götz Neuneck: Das sind die fünf klassischen Nuklearmächte, die vor der Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrages im Jahr 1968 Nuklearwaffen getestet haben, also China, Frankreich, Großbritannien, die USA und Rußland, damals in Gestalt der Sowjetunion.

EM: Und inoffiziell?

Neuneck: Es gibt zwei Staaten, bei denen man mit Sicherheit weiß, daß sie Nuklearwaffen besitzen: Indien und Pakistan, weil sie die Waffen 1998 getestet haben. Bei Israel und besonders bei Nordkorea gibt es keine vollständige Gewißheit. Was Israel betrifft, deutet jedoch alles auf den Besitz von Atomwaffen hin. Hinzu kommt, daß etwa vierzehn Staaten auf der Welt über die beiden technischen Voraussetzungen verfügen, eine Atombombe innerhalb kurzer Zeit bauen zu können. Das sind Staaten wie z.B. Japan, die im Prinzip über Langstreckenraketen und das notwendige Nuklearmaterial verfügen. Allerdings erlaubt ihre Verfassung und ihr Status beim Atomwaffensperrvertrag solch einen Schritt nicht.

EM: Warum setzen Länder wie der Iran oder Nordkorea ihr internationales Ansehen aufs Spiel, um in den Besitz von Atomwaffen zu gelangen?

Neuneck: Das hat zunächst einmal natürlich sicherheitspolitische Gründe. Staaten streben nach Kernwaffen, weil andere Staaten auch welche besitzen. Das ist eine Art nukleare Kettenreaktion, wie man sie beispielsweise in Mittelasien beobachten konnte, wo miteinander verfeindete Staaten sich nach und nach nuklear bewaffneten: China, Indien und Pakistan. Aber die Argumentation, daß Nuklearwaffen mehr Sicherheit bringen, ist ja nicht neu und man hört man sie nicht allein in Asien. Auch vom Westen wurde sie während des Kalten Krieges immer wieder vorgebracht.

„Ein internationales Einsatzverbot von A-Waffen ist längst überfällig.“

EM: Gelten Nuklearwaffen noch immer als Status- und Machtsymbol eines Staates?

Neuneck: Oh ja, sicher. Und zwar in den Ländern, die über diese Waffen verfügen oder verfügen wollen. Denn ob A-Waffen mit ihrer unvorstellbaren Vernichtungskraft wirklich einsetzbar sind, ist ja höchst fragwürdig. Die Symbolkraft dieser Art von Bewaffnung ist gerade bei den USA und Rußland bis heute ganz offensichtlich. Denn es ist eigentlich nicht verständlich, wozu diese beiden Staaten noch immer zehntausend Nuklearwaffen besitzen und das teilweise in aktivem Alarmzustand!

EM: Was hindert Staaten, die Kernwaffen besitzen möchten, daran dem Beispiel Nordkoreas zu folgen und ihren Austritt aus dem Atomwaffensperrvertrag zu erklären?

Neuneck: Im Prinzip nichts, das können sie prinzipiell tun. Um das zu verhindern, müßte bei der nächsten Nichtweiterverbreitungskonferenz im Mai/Juni 2005 ein Beschluß gefaßt werden, der einen Austritt aus dem Atomwaffensperrvertrag unmöglich macht. Daß hierüber eine Einigung erzielt werden kann, ist jedoch unwahrscheinlich. Trotzdem wäre dies zum Zweck der Verhinderung eines zukünftigen Nuklearkrieges von entscheidender Bedeutung. Ebenso wichtig ist ein internationales Einsatzverbot von A-Waffen, z.B. mittels einer Resolution der Vereinten Nationen, so wie es bereits für B- und C-Waffen existiert. Dieser Schritt ist längst überfällig.

„Die Abschaffung von Kernwaffen ist möglich.“

EM: Das käme einer Abschaffung von Kernwaffen gleich. Halten Sie eine solche Option für realistisch?

Neuneck: Ja. Natürlich ist das langfristig möglich. Genauso wie es möglich war die Sklaverei abzuschaffen. Aber so weit, daß man über die Abschaffung von Kernwaffen diskutieren könnte, ist man in der internationalen Politik heute noch nicht. Erste Schritte müssen die weitere Abrüstung durch die Atommächte und die gemeinsame Verhinderung des Nuklearterrorismus sein. Terroristen können mit 30 Kilogramm gestohlenem hochangereichertem Uran eine Atombombe konstruieren und damit eine Stadt wie Berlin oder Hamburg innerhalb von Sekunden vernichten – allein dieser Gedanke mahnt doch zu politischem Handeln. Die Gefahr, die von Atomwaffen ausgeht, ist der Öffentlichkeit seit dem Ende des Kalten Krieges viel zu wenig bewußt. Nur die Atomwaffen sind wirkliche Massenvernichtungswaffen.

EM: Nordkorea soll bereits mehrmals angeboten haben, sein Atomwaffenprogramm aufzugeben, wenn die USA im Gegenzug einen bilateralen Nichtangriffspakt unterzeichnen. Die USA lehnt dies jedoch ab. Kann es da verwundern, daß Pjöngjang versucht, sich Nuklearwaffen zu verschaffen?

Neuneck: Zunächst erscheint die Reaktion der nordkoreanischen Führung logisch. Die Frage ist nur, was sie auf Dauer durch den Besitz von Nuklearwaffen gewonnen hätte. Unverständlich ist auch, weshalb die USA nicht bereit sind, einen solchen Nichtangriffspakt zu schließen. Hier schlägt wohl das manichäische Weltbild der Regierung Bush durch, demzufolge es sinnlos ist, mit Staaten der „Achse des Bösen“ zu verhandeln.

EM: Würde der Besitz von Nuklearwaffen die von George Bush als Schurkenstaaten gebrandmarkten Staaten vor einem möglichen Angriff der USA ausreichend schützen?

Neuneck: Das ist schwer zu sagen, man kann Kriegsgeschehen nicht vorhersagen oder wie eine mathematische Gleichung lösen. Ob Nuklearwaffen tatsächlich vor einem Angriff schützen oder nicht, ist fraglich. Tatsache ist, daß beispielsweise Saddam Hussein so kalkuliert hat, allerdings nur bis 1993. Dennoch: Nukleare Abschreckung hat während des Ost-West-Konflikts funktioniert, ob das in Zukunft auch so sein wird, weiß man nicht. Eine Gewißheit, daß Nuklearwaffen nicht eingesetzt werden, gibt es nicht. Ich bin der Ansicht, daß Kernwaffen nicht einsetzbar sind. Aber ich fürchte, es gibt Regierungschefs, die das anders sehen. Und solange es diese ungeheuren Waffen gibt, besteht die Gefahr, daß sie eingesetzt werden.

Der Irak-Krieg hat die Nachfrage nach Atomwaffen noch erhöht

EM: Hat der letzte Irak-Krieg der USA Staaten, die eine antiamerikanische Politik führen, in ihrem Streben nach Atomwaffen bestärkt?

Neuneck: Natürlich, das ist ganz offensichtlich. Aber nicht erst der Irak-Krieg wirkte sich in dieser Richtung aus, sondern auch die zuvor verkündete Präventivdoktrin von US-Präsident Bush. Derzufolge müsse man „gefährliche“ Staaten entwaffnen, damit sie sich Kernwaffen erst gar nicht anschaffen können. Gerade in Nordkorea und dem Iran hat diese Doktrin allem Anschein nach genau zum Gegenteil geführt. Einige maßgebliche Leute denken dort: Wir brauchen Atomwaffen, um die USA vor einem Angriff abzuhalten. Dieser Zusammenhang läßt sich nur schwer beweisen, er besteht aus meiner Sicht aber zweifellos. Auch die Atombombentests von Indien und Pakistan im Jahr 1998 müssen als ein Warnsignal an die Weltgemeinschaft, besonders an die Adresse der USA verstanden werden. Allerdings scheint man den Nuklearstatus beider Staaten inzwischen zu akzeptieren.

EM: Braucht eine außenpolitisch zunehmend aktivere EU auch Nuklearwaffen?

Neuneck: Nein, ich wüßte nicht wozu. Außerdem verfügen zwei EU-Mitgliedsstaaten, nämlich Frankreich und Großbritannien, ja bereits über Nuklearwaffen. Die EU-Länder tun sich schon damit schwer, so viel Souveränität abzugeben, um gemeinsame militärische Einsatzverbände zu gründen, wie würde dies erst bei Nuklearwaffen aussehen? Vor allem aber hätte es verheerende politische Auswirkungen, wenn sich die EU tatsächlich eine gemeinsame Atombombe anschaffte. Nukleare Konfrontation entspricht auch nicht dem EU-Ziel der friedlichen Integration. Zudem wäre dann eine weltweite nukleare Abrüstung nicht mehr durchzusetzen. Oder wie könnte man beispielsweise Nordkorea eine atomwaffenfreie koreanische Halbinsel oder dem Iran und Israel einen atomwaffenfreien Nahen Osten schmackhaft machen, wenn sich gleichzeitig die EU selbst nuklear bewaffnet.

EM: Hielten Sie ein Raketenabwehrsystem der EU gegen einen möglichen Angriff mit Kernwaffen für sinnvoll.

Neuneck: Ebenfalls nein. Auch ein europäisches Raketenabwehrsystem löst das Problem der Weiterverbreitung von Nuklearwaffen nicht, da eine Gegenreaktion dann die Aufrüstung anderer Staaten wäre. Denn der Nutzen eines Raketenschirms kann von anderen Staaten dadurch unterlaufen werden, daß sie mehr Nuklearwaffen produzieren.

EM: Wie läßt es sich legitimieren, daß manche Staaten A-Waffen besitzen dürfen, dies aber anderen Staaten verboten sein soll?

Neuneck: Das ist natürlich heuchlerisch und hat in erster Linie machtpolitische Ursachen. Man sollte den Einsatz von A-, sowie B- und C-Waffen grundsätzlich verbieten und die Abrüstung der Atommächte vorantreiben. Dann ließen sich auch andere Staaten leichter dazu bringen, von ihrem Vorhaben, sich Nuklearwaffen zu verschaffen, abzulassen. Das wäre der Weg, den man gehen sollte.

Hiroshima und Nagasaki geraten in Vergessenheit

EM: Waffenhandel ist ein äußerst lukratives Geschäft. Wie ist es zu erklären, daß der Handel mit Nuklearwaffen weltweit geächtet ist?

Neuneck: Die meisten Staaten schrecken vor der Weiterverbreitung von Nuklearwaffen deshalb zurück, weil sie selbst in Zukunft mit diesen angegriffen werden könnten. Nicht immer werden solche Überlegungen jedoch befolgt. Das beste Beispiel ist der sogenannte Vater der pakistanischen Atombombe, Abdul Qadeer Khan, der sein Fachwissen, die Materialien und Herstellungstechnologien an Libyen und möglicherweise auch an den Iran und Nordkorea weitergegeben hat. Das Tragische daran ist, daß Pakistan diese nukleare Proliferation nicht verboten war, da das Land den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet hat.

EM: Über Hiroshima und Nagasaki wurden 1945 die beiden ersten und einzigen Atombomben abgeworfen. Wie hoch bewerten Sie die Wahrscheinlichkeit, daß es in Zukunft zu einem Nuklearkrieg kommen könnte?

Neuneck: Ich denke, ein Atomkrieg ist in vielen Regionen der Welt nach wie vor möglich. Das Ende des Kalten Krieges hat diese Wahrscheinlichkeit bedauerlicherweise eher erhöht als abgeschwächt. Weil Sie die beiden Atombombenabwürfe der USA ansprachen: Die heutigen Bomben der Atommächte sind in der Lage, Hunderttausende von Hiroshimas und Nagasakis anzurichten. Dieses Mahnmal des Jahres 1945, diese monströse Zerstörungskraft von Nuklearwaffen, ist leider viel zu wenig in den Köpfen der Menschen verankert.

EM: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Interview Außenpolitik

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