„Die Eiszeit“ von Brian FaganGELESEN

„Die Eiszeit“ von Brian Fagan

Es war eine kalte Welt in der sich gewaltige Gletscher bildeten von denen Reste noch heute zu sehen sind. Fellbekleidete Jäger jagten in den Weiten windgepeitschter Steppen das mächtige Mammut. Und in den Höhlen entstand Kultur.

Von Eberhart Wagenknecht

„Die Eiszeit“ von Brian Fagan  
„Die Eiszeit“ von Brian Fagan  

E s war vor 35.000 Jahren, oder vor 40.000 Jahren, als am geomantischen Höhenpfad der großen Europäischen Wasserscheide das erste Kulturvolk der Welt seine Spuren hinterließ. Hier, in den Karsthöhlen der Schwäbischen Alb, hat der moderne Mensch seinen kulturellen Siegeszug begonnen und auch die erdverbundenen Formen einer eurasischen Spiritualität entwickelt.

Die letzte Eiszeit begann vor etwa zwei Millionen Jahren und fand vor rund  12.000 bis 10.000 Jahren ihr Ende. In dieser Langen Periode gab es eine Art Achterbahn der Temperaturen. Mal waren weite Flächen der nördlichen Halbkugel mehr, mal waren sie weniger vereist.

Mitten in dieser Kälteperiode entstand die erste nachhaltige Kultur des modernen Menschen. In dem Buch wird beschrieben, wie zunächst die Vorläufer dieser Kultur sich ausbreiteten: „Die Neandertaler waren die ersten Menschen, die sich auf der riesigen osteuropäischen Ebene ansiedelten, die sich über mehr als 1.600 Kilometer von den Karpaten bis zum fernen Uralgebirge erstreckt.“

Soweit das Mammut stampfte

Die danach eingewanderten modernen Menschen bevorzugten jene Gegenden, die vom Urmeer und den eiszeitlichen Gewässern geformt waren: geomantischen Höhenströme, die in ihren Höhlen Schutz und Unterkunft boten. In Spanien, in Frankreich entstanden eindrucksvolle Zeugnisse in Form von Höhlenmalereien. In Süddeutschland, auf der Schwäbischen Alb vor allem, hat man die ältesten Kultfiguren und Musikinstrumente der Welt gefunden. Sie sind aus Mammut- und Vogelknochen gefertigt. Das Mammut bildete von Spanien bis zum Ural die wichtigste Nahrungsquelle für unsere Vorfahren.

Brian Fagan zeigt in eindruckvollen Bildern eine ganze Reihe dieser Kunstwerke. So genannte „Venus-Figuren“ oder auch den „Löwenmenschen“ aus dem Lonetal auf der Schwäbischen Alb. (Siehe auch EM 06-09 „Geomantik-Art aus der Eiszeithöhle“).

Die bislang letzte Eiszeit hat das Gesicht der Erde geprägt und alles Leben auf ihr geformt und umgeformt. Wie Tiere und Pflanzen auf diese außergewöhnliche Achterbahnfahrt der Temperaturen reagierten und wie der der moderne Mensch sich entwickeln und bestehen konnte, veranschaulichen vier renommierte Autoren in diesem klar gegliederten und erklärendem Band, der ohne langatmige Abhandlungen auf den Punkt kommt. 

Mit eindrucksvollen Fotografien und Rekonstruktionszeichnungen präsentieren sie die neuesten Ergebnisse der aktuellen multidisziplinären Forschung. DNA-Analysen liefern erstaunliche Details über die Entwicklung des Menschen und der heute zum großen Teil ausgestorbenen Tierwelt unter dem Eindruck des Klimawandels.

Als das Eis verschwand, blühte die Welt auf

Das Buch wagt auch einen Blick in die Zukunft. Muss man angesichts der vergangenen Klimaveränderungen wieder eine Eiszeit erwarten? Oder wird der Einfluss des Menschen vielmehr eine Erwärmung mit katastrophalen Folgen verursachen? Es ist ein aktuelles Buch, denn es zeigt, wie Veränderungen im Klima ablaufen –  egal wer sie nun verursacht.

Schon zu Zeiten der Eiszeitjäger markierte die Europäische Wasserscheide in vielen europäischen Landstrichen den uralten Kampf zwischen Rhein und Donau, zwischen Nordmeer und Schwarzem Meer, zwischen Atlantik, Eismeer und Mittelmeer. Ihr Verlauf hat sich seither immer wieder verschoben, aber sie ist die Schicksalslinie geblieben, die sich unsichtbar durch die Landschaft zieht.

Sie hat wirklich Schicksal geschrieben. Der Heidenpfad der Frankenhöhe, die Landschaft der Karsthöhlen, die flacher werdenden Ausläufer der Wasserscheide bis zum Uralgebirge im Osten haben über Flussläufe und menschliche Siedlungen entschieden. Die Wasserscheide bestimmt manchmal sogar  über Niederschläge, lässt Trockentäler entstehen  und grenzt Kulturräume ab. In unmittelbarer Nähe dieses  geomantischen Phänomens wurden die Sensationsfunde in den Eiszeithöhlen gemacht.

Im Kapitel „Europa und Eurasien“ schreibt Brian Fagan u. a.: „Die Erwärmung gegen Ende der Eiszeit erfolgte schnell und unregelmäßig...Als die Temperaturen stiegen, folgten Rentierherden der schrumpfenden Tundra in Richtung Norden. Einige Menschengruppen begleiteten sie über die offenen Ebenen jener Region, die später zur Ostsee wurde (entstanden aus einem Gletschersee des Skandinavieneises)...Andere Gruppen blieben in den Gebieten, auf deren Boden schon bald die Waldlandschaften des heutigen Frankreichs, Deutschlands und Spaniens entstanden...Mammut, Wollnashorn und Steppenbison verschwanden aufgrund der höheren Temperaturen...die Jäger stellten nun dem Rothirsch, dem seltenen Riesenelch und dem Wildschwein nach...Während der späten Eiszeit hatte sich die höchste Dichte menschlicher Besiedlung an geschützten Orten entwickelt, denen es nicht an tiefen Tälern sowie einer großen Vielfalt an Jagbeute und anderen Nahrungsquellen mangelte. Das französische Vézère-Tal und das mitteleuropäische Donautal sind zwei Beispiele dafür.“

In den Eiszeithöhlen wurde gesungen und getanzt

Und natürlich die Täler ihrer Nebenflüsse, in denen man die sensationellen Höhlen-Funde gemacht hat. Dem Tübinger prähistorischen Archäologen Nicholas Conard zufolge fand hier im Karst- und Juragebiet der Alb vor rund 40.000 Jahren „ein immenser kultureller Fortschritt statt“. Das Gebiet am Höhenstrom der Wasserscheide hält er für „ein entscheidendes kulturelles Entwicklungszentrum des Homo sapiens“. Denn auf der Schwäbischen Alb „wurden die bedeutendsten Funde der frühen Eiszeit gemacht. Sie ist heute der Forschungsmittelpunkt für die Anfänge der Menschheitsgeschichte.“

In den Eiszeithöhlen wurde offensichtlich gesungen und getanzt. Dabei dürfte es sich um schamanistische Riten gehandelt haben. Das sind die frühesten bekannten religiösen Formen. Als man kürzlich die „Venus von Schelklingen“ barg - Schelklingen liegt am Urstromtal der Donau nahe Ulm -  schwärmte Conard: „Dieses Stück ist mit Energie geladen“.

Er gehe davon aus, dass die Figur als Anhänger getragen wurde. Die Statue habe „überdimensionierte Brüste“, ein ausgeprägtes Gesäß und deutlich hervorgehobene Geschlechtsteile - ohne Zweifel seien die Geschlechtsmerkmale der Figur wie das auffallend große Schamdreieck und die Vulva „bewusst übertrieben“ worden, sagt Conard. Die Betonung von Brüsten und Vulva verweise auf Fruchtbarkeit, Geburt, Fortpflanzung, vielleicht auch auf Männerphantasien. - Mit der Wärme kehrte offenbar mit Macht auch Lebensfreude ein in die Behausungen der Jäger.

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Rezension zu: „Die Eiszeit“ von Brian Fagan, Theiss Verlag 2009, 240 Seiten mit eindrucksvollen Fotografien und Rekonstruktionszeichnungen, 29,90 Euro, ISBN: 978-3806222876.
 
Siehe auch:
Eurasische Spiritualität - Auf der Schicksalslinie des Kontinents in dieser Ausgabe.

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