„Die Eurasische Bewegung“ von Stefan WiederkehrGELESEN

„Die Eurasische Bewegung“ von Stefan Wiederkehr

Eurasien entwickelt sich, wenn auch nicht so, wie sich das die Theoretiker diverser eurasischer Vorstellungen in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts vorgestellt hatten. Während ihre Denkgebäude in Büchern wie dem von Stefan Wiederkehr noch einmal aufleben, entstehen weitgehend pragmatische eurasische Strukturen in der praktischen Politik von Ländern wie Russland, Kasachstan, China und Indien.

Von Hans Wagner

„Die Eurasische Bewegung“ von Stefan Wiederkehr  
„Die Eurasische Bewegung“ von Stefan Wiederkehr  

D ie Eurasische Bewegung entwickelt sich heute anders als einst gedacht und sie ist weiter, als sie in den Schriften ihrer Theoretiker vorausgesagt wurde. Anders, weil die aktuelle Politik - vor allem die des Wladimir Putin - heute bereits ganz pragmatisch eurasische Strukturen geschaffen hat und schafft, auch wenn diese im Westen noch wenig beachtet werden. Und weiter, als seine frühen Theoretiker sie zu denken vermochten, weil diese sich allzugern in metaphysischen, rassentheoretischen und nationalistischen Vorstellungen ergingen. Aber Metaphysik, Rasse und Nation machen wenig Sinn in einem geographischen Konstrukt, das sich von Dublin bis Wladiwostok erstrecken soll.

Einer der frühesten Entwürfe des Eurasienbildes stammt von Petr Nikolajewitsch Savickij, einem ukrainischstämmigen Wirtschaftsgeographen und Historiker. Wie auch die meisten anderen Eurasientheoretiker veröffentlichte er seine Gedanken in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Er gehörte, wie viele dieser Theoretiker Eurasiens, der weißrussischen Bewegung gegen den Bolschewismus an und emigrierte 1920 aus Russland nach Prag. Die meisten damaligen Mitdenker hatten ebenfalls einen Emigrantenhintergrund. Ihre Schriften erschienen hauptsächlich im Pariser Exil.

Ein „dritter Kontinent“ zwischen Europa und Asien

Savickij konstruierte seinerzeit u. a. anhand botanischer und klimatischer Erscheinungen, sowie der Bodenbeschaffenheit ein Russland-Eurasien, das eine eigene Einheit bilde, eine „besondere geographische Welt“, einen dritten Kontinent zwischen Europa und Asien.

Dass mit solchen Gedanken keine große, den eurasischen Kontinent wirklich erfassende Bewegung entstehen konnte, dürfte einleuchten. In dem Buch von Stefan Wiederkehr wird dennoch Ideologen wie Petr Nikolajewitsch Savickij und auch Nikolaj Trubeckoj breiter Raum eingeräumt. Und das ist auch der Sinn seines Werkes. Denn diese Gründerväter der eurasischen Ideologie nehmen bis heute Einfluss auf das Denken ihrer politischen und weniger politischen Nachkommen. Einer der prominentesten ist der 1912 in St. Petersburg geborene Lev Nikolayevich Gumilev (gestorben 1992), der unter dem Begriff des Eurasismus eine Art „wissenschaftlichen Nationalismus“ entwickelte und verstand. Er wurde dafür kritisiert, dass sein Hauptwerk (Monographie über die Entstehung und Entwicklung von Ethnien), das erst nach der Perestroika erscheinen durfte, geeignet sei, noch im Nachhinein die expansionistische Lebensraumpolitik Adolf Hitlers zu rechtfertigen.

Die „eurasische Bewegung“ des Alexander Dugin

Das wird auch anderen Eurasiern vorgeworfen, so dem derzeit wohl bekanntesten Theoretiker, nämlich Alexander Dugin. Er ist Gründer diverser Eurasischer Organisationen und Parteien, sowie der Theorie-Zeitschrift der Neoeurasier mit dem Titel „Elementy“. Sie sind im Internet präsent u. a. unter der Adresse http://www.eurasia.com.ru/deutche.html (deutsche Seiten).

Dugin hat Kontakte zu Organisationen in ganz Europa. Mit einer Reihe von Publizisten und politischen Theoretikern zwischen Belgien und Italien, zwischen St. Petersburg und Wladiwostok vereint ihn die folgende bei Stefan Wiederkehr in Auszügen zitierte Sicht der Dinge: „Mit dem Zerfall der Sowjetunion erleben wir eine geopolitische Tragödie. Wir sind eine Zivilisation, die überrannt, besiegt und in Gefangenschaft genommen wurde, die in die Schlinge getreten ist, die ihr eine fremde Zivilisation ausgelegt hatte. Aber es gibt sie (die Sehenden) und es gab sie immer, hinter den vorbeiziehenden Wolken , den Staubsäulen , den Mauern von Rauch und Wehklagen schimmert die Idee eines Eurasiens hervor, das Amerika ablehnt.“

Eurasien und die Neue Rechte

Dugins Partner im Geiste sind die Theoretiker der „Neuen Rechten“, („Nouvelle École“), wie der Franzose Alain de Benoist und der Belgier Robert Steuckers - Theoretiker und tief zerstritten. In der Untersuchung Stefan Wiederkehrs nehmen sie dennoch breiten Raum ein, ebenso wie Alexander Dugin.

Über den „Euroasiatismus im heutigen Russland“ erschienen im EM 02-02 der Beitrag von Kai Ehlers „Partei ‚Eurasien’ gegründet“ und in der Ausgabe EM 07-02 vom gleichen Autor „Euroasiatismus im heutigen Russland - Alexander Dugins ‚Partei Euroasia’ ist keinesfalls konkurrenzlos.“

Eurasien entsteht in der Realität

Inzwischen hat Eurasien in vielen Bereichen der realen Politik und der Wirtschaft Strukturen angenommen. Sie werden mal mehr, mal weniger deutlich. Im Zusammenhang mit dem Irak-Krieg der USA zeigte sich eine „Achse Paris-Berlin-Moskau-Peking“. In der eurasischen Wirtschaft sind neue Entwicklungen erkennbar, so unter anderem die Herausbildung einer Luft- und Raumfahrtindustrie, gemeinsamer Verteidigungsstrukturen, größerer Markt- und Währungsräume.

Eurasien wird Wirklichkeit. Wenn auch anders, als es sich die Theoretiker in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts vorgestellt hatten. Das Eurasische Magazin liefert jeden Monat eine Fülle von Beispielen. Dazu jüngst das vielbeachtete Interview mit Alexander Rahr in der Ausgabe EM 12-07 zur Bestellung von Dmitri Medwedjew zum Nachfolger von Wladimir Putins, in der Rahr, ebenso wie in früheren EM-Gesprächen  auch Aspekte vom Werden Eurasiens beleuchtet. Unter anderem die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ).

Stefan Wiederkehr hat die Eurasier zwischen den Weltkriegen lebendig werden lassen, wie sie in der Emigration ihre Theorien entwickelten. Er durchleuchtet die eurasische Ideologie und die eurasische Geschichtsphilosophie, auch als antiwestliche Abgrenzungsideologie. Schließlich zeichnet er die Rolle der Eurasier im spät- und postsowjetischen Russland nach und geht auf das Projekt des kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew ein, das eine Eurasische Union anstrebt, und auf eine „eurasische Außenpolitik“ der Russländischen Föderation. Siehe dazu auch EM 07-07).

Dr. Stefan Wiederkehr wurde 1969 in Zürich geboren. Er studierte Allgemeinen Geschichte, Russische Sprach- und Literaturwissenschaft, sowie Philosophie in Zürich. Nach seiner Promotion 2004 ging er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an das Deutsche Historische Institut Warschau, wo er die Bibliothek leitet. Von ihm sind u. a. auch Beiträge zur Sportgeschichte Osteuropas im 19. und 20. Jahrhundert erschienen.

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Rezension zu: „Die Eurasische Bewegung“ von Stefan Wiederkehr, Böhlau Verlag 2007, 398 Seiten, gebundene Ausgabe ISBN: 3-412-33905-9, 49,90 Euro.

Eurasien Geschichte Rezension

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