Die Europäer haben mit Airbus die Nase vornFLUGZEUGINDUSTRIE

Die Europäer haben mit Airbus die Nase vorn

Nach 30 Jahren Aufholjagd ist das europäische Unternehmen Airbus Industries die Nummer eins in der Welt – vor allem orientalische und asiatische Fluglinien kaufen heute statt beim US-Konzern Boeing lieber beim europäischen Konkurrenten

Von Johann von Arnsberg

EM - Der europäische Flugzeughersteller Airbus erwartet in den nächsten Jahren einen Anstieg seines weltweiten Marktanteils auf 65 Prozent. In diesem Jahr wird das europäische Gemeinschaftsunternehmen erstmals mehr Flugzeuge ausliefern, als sein schärfster Konkurrent, der US-Konzern Boeing. Airbus-Vertriebschef John Leahy geht davon aus, daß sein Unternehmen in Kürze Boeing endgültig auf den zweiten Platz der führenden Flugzeughersteller verweisen wird. Dies sagte er in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters bei der Mitte Juni stattgefundenen größten Luftfahrtmesse der Welt im französischen Le Bourget bei Paris.

Nach den jüngsten Bestellungen auf der Luftfahrtschau von den arabischen Fluggesellschaften Emirates und Qatar Airways stehen in den Auftragsbüchern von Airbus für dieses Jahr bereits 215 Flugzeuge (Listenpreis 260 Millionen US-Dollar). Boeing erhielt dagegen nach den jüngsten Angaben des Unternehmens im bisherigen Verlauf des Jahres Aufträge für lediglich 38 Flugzeuge.

Die Fluggesellschaft Qatar Airways, die ausschließlich mit Airbus-Maschinen fliegt, hat große Expansionspläne und weitet ihren Flugplan in den nächsten Monaten stark aus. Zum Jahresende will die Fluglinie 50 internationale Ziele anfliegen.

Die neueste Kaufvereinbarung der Linie für Airbus-Maschinen wurde bei einem Treffen des Emirs von Qatar, Scheich Hamad Bin Chalifa Al Thani, mit dem französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac besiegelt. Die Fluggesellschaft Qatar Airways aus dem Ölemirat Katar habe 18 Maschinen fest bestellt und für 14 weitere Flugzeuge eine Option abgegeben. Unter den Festbestellungen sind auch mehrere Maschinen des neuen Airbus-Großraum-Flugzeugs A380.

Der französische Verkehrsminister Gilles de Robien sagte zu dem neuerlichen Milliardenauftrag für den europäischen Flugzeugbauer, Airbus sei dabei, den US-Konkurrenten Boeing nun weit zu überholen. Nach einer Bestellung der südkoreanischen Korean Air, die acht Großraum-Flugzeuge A380 gekauft hat, war der Qatar-Vertrag bereits der zweite, den Airbus während des Luftfahrtsalons von Le Bourget bei Paris abschließen konnte.

Der bislang größte Auftrag in der zivilen Luftfahrt wurde von der staatlichen Fluggesellschaft Emirates aus Dubai getätigt. Er hat ein Volumen von 15 Milliarden Dollar. Emirates kauft 21 Maschinen des neuen zweistöckigen Riesenflugzeugs A380 und 20 Langstreckenflugzeuge vom Airbus-Typ A340.

Airbus A380: Das bislang ehrgeizigste Projekt der Luftfahrtgeschichte

Die Maschine vom Typ A380 ist das größte und komfortabelste Passagierflugzeug, das jemals gebaut wurde. Auf zwei Decks sollen zwischen 481 und 656 Passagiere bequemer als in jedem anderen Flugzeug Platz finden. Es ist das erklärte Ziel von Airbus, mit dem A380 das Jumbo-Jet-Monopol von Boeing zu brechen. Inzwischen hat Boeing es aufgeben, seinerseits die 747 noch einmal zu vergrößern.

Der A380 wird in verschiedenen Varianten zu haben sein: Die Standardvariante (A380-100) hat eine Drei-Klassen-Bestuhlung, kann 555 Passagiere befördern und verfügt über eine Reichweite von etwa 14.200 Kilometern. Das Platzangebot des verlängerten A380-200 reicht für 656 Passagiere, das des verkürzten Modells A380-50 für 480 Personen. Ebenfalls geplant sind eine nochmals vergrößerte Variante (A380-300) mit mehr als 700 Plätzen und zwei Frachtversionen (100C und 100F). Bei Charter-Bestuhlung sollen in den größeren A380-Versionen sogar bis zu 1.000 Personen an ihr Urlaubsziel fliegen können. Die gigantische Maschine kann mit Bar und Fitnessraum geordert werden. Airbus verspricht mit seinem doppelstöckigen A380 „einen völlig neuen Standard“ für Flugreisen zu setzen. Das Management des Konzerns spricht vom „Flugzeug des 21. Jahrhunderts“.

Die Fertigungstechnik ist neu und revolutionär

Mit einer neu entwickelten Technologie werden 40 Prozent des A380 aus Verbundwerkstoffen gefertigt. Der über 70 Meter lange Rumpf besteht aus „Glare“, einem Laminat aus Aluminium und glasfaserverstärktem Kleber. Der Zusammenbau des gesamten Flugkörpers erfolgt ohne Nieten, da die Bleche an der aus Metall bestehenden unteren Rumpfschale mit Laserstrahl angeschweißt werden. Auch die Triebwerke haben eine neue Dimension: Alle vier zusammen werden 30.844 Kilopound (kp) Schub erreichen. Sie werden von der britischen Firma Rolls-Royce geliefert, die im Besitz von Volkswagen (VW) und der Bayerischen Motorenwerke (BMW) ist. Das hydraulische System arbeitet mit einem Ducksystem von einer Stärke, wie sie bisher nur bei Militärjets üblich war.

Mit diesen neuen Techniken verfolgt man unter anderem das Ziel, Gewicht zu sparen. Dennoch wird der A380 nicht nur das größte Flugzeug der Welt sein, sondern auch das schwerste (550 Tonnen bei vollen Tanks). Der Super-Airbus soll mit 15 bis 20 Prozent unter den Betriebskosten des US-Wettbewerbers Boeing liegen.

Auch die Militär-Version A400M könnte eine Erfolgsgeschichte werden

Die Transportmaschine A400M bekommt einen europäischen Antrieb. Mit einem Wert von 3,5 Milliarden Euro für 900 Triebwerke gilt der Auftrag als einer der bislang größten in der Branche. Er ist außerdem die größte Einzelbestellung in der Firmengeschichte von European Aeronautic Defence and Space Company (EADS), der 80 Prozent an Airbus Industries gehören.

EADS plant die Lieferung von 180 Airbus-Maschinen A400M an sieben europäische Staaten. Der größte Auftrag kommt mit 60 Flugzeugen aus Deutschland. Der neue Militärtransporter soll voraussichtlich von 2010 an die bisher verwendeten Transall-Maschinen und die Herkules-Transporter ersetzen.

Der Chef des EADS-Konzerns, Rainer Hertrich, ist zuversichtlich: Mit dem A400M sei „das Tor für mehr Europa in der Verteidigung aufgestoßen.“ Luftfahrt-Fachmann Falk Reimann von der Landesbank Baden-Württemberg ist überzeugt: „Wenn die EU langfristig weiter das Ziel verfolgt, sich militärisch stärker zu engagieren, müßte sich das natürlich auch vorteilhaft auf die europäische Rüstungsindustrie auswirken.“ Der Start des A400M und die Entscheidung der EU für eine gemeinsame Bewaffnung ihrer Kampfflugzeuge (METEOR-Programm), sei dafür der klare Beweis.

Airbus-Unternehmenschef Noel Forgeard prophezeite dem A400M überdurchschnittliche Erfolge. „Die Maschine hat eine große Zukunft“, sagte Forgeard. Sein Unternehmen erwarte für das viermotorige Militärflugzeug auch sehr gut Exportchancen.

Nach 30 Jahren Aufholjagd haben die Europäer den US-Konzern Boeing abgehängt

Gut 30 Jahre hat Europas Luftfahrtindustrie gebraucht, um den bislang weltgrößten Flugzeugkonzern Boeing einzuholen. Im Mai dieses Jahres haben die Europäer es geschafft und erstmals mehr Maschinen gebaut, als der US-Konzern.

Boeing ist bescheiden geworden, nicht nur wegen der Luftfahrtkrise. 1999 hatte das US-Unternehmen noch 620 Flugzeuge hergestellt und verkauft, in diesem Jahr hofft Boeing wenigstens 285 Maschinen absetzen zu können. Bei Airbus rechnet man aufgrund der Aufträge auf jeden Fall mit über 300 verkauften Flugzeugen und wird damit den amerikanischen Konkurrenten erstmals übertrumpfen.

Boeing versucht jetzt mit der 7E7 ein Kokurrenzmodell zu entwickeln. Es ist bereits der dritte Anlauf, ein Flugzeug zu kreieren, das Airbus Paroli bieten kann. Zuvor war der Konzern mangels Kundennachfrage mit einer vergrößerten Version des Jumbo-Jets 747 gescheitert. Auch das Sonic Cruiser genannte Modell mit beinahe Schallgeschwindigkeit hat der Markt abgelehnt.

Ab etwa 250 verkauften Maschinen soll der A380 Gewinn einfliegen. Dies wird nach Berechnungen des Unternehmens im Jahr 2008 bereits erreicht sein. Das ist das Jahr, in dem Konkurrent Boeing seine 7E7 frühestens in Dienst stellen kann.

Branchenkenner Falk Reimann von der Landesbank Baden-Württemberg: „Mit der Auslieferung des A380 wird Airbus voll konkurrenzfähig gegenüber Boeing. Bislang hatten die Amerikaner bei Großraumflugzeugen mit ihrer 747 ein Monopol. Der Airbus A380 wird Boeing echt weh tun.“

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