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„Die Geschwister Apraksin – Das Abenteuer einer unfreiwilligen Reise“. Jugendroman von Karla Schneider.

Fünf Geschwister werden zur Zeit der russischen Oktoberrevolution zu Vollwaisen. Um im neuen Regime unter den Kommunisten nicht getrennt zu werden, fassen sie einen abenteuerlichen Plan und fliehen aus ihrem warmen Zuhause hinaus in das große, unsichere und gefährliche Russland.

Von Gudrun Wagner
30.11.2006 Drucken Senden Kommentieren
„Die Geschwister Apraksin – Das Abenteuer einer unfreiwilligen Reise“, Jugendroman von Karla Schneider  
„Die Geschwister Apraksin – Das Abenteuer einer unfreiwilligen Reiset“, Jugendroman von Karla Schneider  

M ut, Vertrauen und Durchhaltevermögen, aber auch Klugheit, Humor, und nicht zuletzt kindliche Naivität - all das beweisen die fünf Geschwister Apraksin in den Wirren der russischen Revolution. Nur so können sie Stand halten im harten Kampf um Wasser und Brot, ein bisschen Holz und ein Dach über dem Kopf.

Klascha, Polly, Ossja, Fedja und Dillotschka kommen aus gutem Hause. Sie sind wohl erzogen, gut gekleidet und spielen selbst erfundene Spiele, wie „Nach Hause kommen“, „Der Engländer in der Gemäldegalerie“ oder „Der seltsame Fahrgast“. Sie haben die typischen Sorgen, Nöte und Bedürfnisse, ganz ihrem Alter entsprechend und doch haben alle fünf ihren sehr eigenen Charakter. Sie sind die Kinder eines Kaufmannes. Sie sind fünfzehn, zwölf, zehn, neun und fünf Jahre alt, als sie nach ihrer Mutter auch noch den Vater verlieren. Um nicht in verschiedene Heimeinrichtungen gesteckt zu werden verlassen sie ihr trautes Zuhause. Jeder von ihnen mit einem kleinen Gepäckbündel und ein paar eingenähten Goldstücken.

Klascha übernimmt anfangs als älteste die Verantwortung. Doch oftmals stehen ihr Peinlichkeit, Scham und die Not des Erwachsenwerdens und ersten Liebens im Wege. Auch Polly hat bereits das Verliebtsein entdeckt und ist so manches Mal eifersüchtig auf die große Schwester. Doch ihre eigentliche Leidenschaft gehört nach wie vor den Büchern. So liegt es an Polly, Entscheidungen zu treffen und sie zusammen mit den Fähigkeiten ihrer zwei Brüder umzusetzen.

Die Brüder Ossja und Fedja teilen sich des Nachts eine Schlafstelle und sind auch des Tags wie „Kopf und Arm“. Ossja ist gewitzt, hat immer einen genialen Einfall parat, um sich und seine Geschwister aus Notlagen zu befreien. Ossja kann reden und ist niemals um eine Antwort verlegen, selbst bei den berüchtigtsten Basarhändlern nicht. Doch ohne Fedja wäre er nichts. Fedja hat nicht nur die Hälfte seines Rucksacks mit den Sachen des Bruders gefüllt. Fedja wird auch handgreiflich, wenn es darum geht den vorlauten Ossja zu schützen. Alle vier kümmern sich rührend um die fünfte im Bunde, das Nesthäkchen Dillotschka.

 „ ‚Klascha … mir wächst Pelz im Mund. Werd ich jetzt zum Tier?’ Dillotschka vergaß zu weinen, so furchtbar war diese Vorstellung. ‚Das geht wieder weg. Das ist bloß der Durst.’
‚Und außerdem haben Tiere im Mundinnern keinerlei Behaarung’, fügte Ossja hinzu.“

Dillotschka ist die einzige, die keine Erinnerung an die gemeinsame Mutter hat. Sie ist die einzige, die weiß Gott nicht weiß, was vor sich geht, als die fünf Geschwister Apraksin heimlich des Nachts ihr vertrautes Zuhause verlassen müssen.

Als Kinder eines Kaufmannes fliehen sie vor den Kommunisten. Sie schließen sich einer Künstlertruppe an, „Klaschas Künstlertruppe“. Und dies ist der Beginn einer langen Reise quer durch Russland.

Wochenlang fahren sie in überfüllten Zügen, tagelang stehen sie auf dem Abstellgleis, ohne Essen und bald auch ohne Geld. Sie arbeiten als „Zugtiere“ für einen fahrenden Schuster, sie überqueren auf einem verrosteten Frachter das Schwarze Meer und erleben dort den eisigen Wintersturm, die gefürchtete Bora. Sie erleben und überleben Hunger, Durst, Pest, Cholera und Typhus und jede Menge dunkle Gestalten: Gauner, demobilisierte Soldaten und Menschenschieber. Aber die Geschwister Apraksin treffen auch auf Staatsdichter, Jüngerinnen von Isadora Duncan, Georgier, zu Pollys Glück auf andere Leseratten und zuletzt auf ihre eigene Tante. Und sie erleben glückliche Tage auf der paradiesischen Krim, schließen Freundschaften mit Gleichgesinnten und Gleichaltrigen.

Karla Schneider, geboren 1938 in Dresden, bringt auf erzählerische Weise den kleinen Lesern ein Stück Russland nahe. Sie vermittelt russische Kultur, russisches Denken, russische Natur und russische Geschichte gleichermaßen. Die Autorin fasziniert und macht neugierig durch viele, viele kleinere und größere russische Eigenheiten: Kosaken, Georgier, Waräger und Tataren, Krimtataren und Tataren hinter Kasan. Russische Namen, russische Vatersnamen. Schtschi – eine russische Kohlsuppe, Plinsen, Blini und Sakuska. Russische Scherzliedchen, genannt Tschastuschka. Weiße Nächte und die zugefrorene Moskwa, die Sucharewka, den Kreml und die Basiliuskathedrale.

Fremd klingende Wörter und weit zurück liegende Ereignisse. Doch das von Karla Schneider geschilderte Russland ist nicht soweit weg, wie vielleicht auf den ersten Blick vermutet. Denn die dargestellte Welt erinnert sehr an eine Welt, die auch heutzutage noch in vielen Ländern dieser Erde existiert. Eine Welt, die uns fremd ist. Doch eine Welt, die wir lieben, schätzen und besser verstehen lernen können. Das Buch „Die Geschwister Apraksin“ ist ein Beitrag hierfür, und Karla Schneider lehrt, dass auch die schwersten Schicksalsschläge durch Mut, Vertrauen, Verantwortung und Liebe zu meistern sind.

Dem 592-seitigen Jugendroman sind am Ende ein Personenregister, sowie ein Glossar beigefügt.

*


Rezension zu: „Die Geschwister Apraksin – Das Abenteuer einer unfreiwilligen Reise“, Jugendroman von Karla Schneider, Carl Hanser Verlag, München 2006, 592 S., 19,90 Euro, ISBN 3-446-20703-1.


Hier finden Sie eine Leseprobe.

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