„Die Hütte der kleinen Sätze – Politische Reportagen aus Südostasien“ von Charlotte WiedemannGELESEN

„Die Hütte der kleinen Sätze – Politische Reportagen aus Südostasien“ von Charlotte Wiedemann

Edition Freitag, Berlin 2004, 200 Seiten, ISBN 3-936252-04-1, 14,90 Euro

Von Marlon Krüger

 
„Die Hütte der kleinen Sätze – Politische Reportagen aus Südostasien“ von Charlotte Wiedemann 

EM – „Die Hütte der kleinen Sätze“ ist ein Buch vollgefüllt mit brisanten Themen aus den großen und kleinen Ländern Südostasiens. Den Schwerpunkt bilden die Staaten Malaysia, Indonesien und Kambodscha. Die Journalistin Charlotte Wiedemann, die von 1999 bis 2003 auf der malaysischen Insel Penang lebte, nimmt kein Blatt vor den Mund. Im Gegenteil, sie treibt es manches Mal zu weit mit ihrer Kritik – an den Staatsregierungen, in den Beschreibungen der Not vor Ort, an den verbreiteten Lügen der nationalen Geschichtsbilder, an der Politik der USA unter George W. Bush. Das Buch ist eine Sammlung von politischen Reportagen, die im Zeitraum von 2000 bis 2004 veröffentlicht wurden. Erschienen sind sie in mehreren deutschen oder schweizerischen Magazinen und Wochenzeitungen, etwa in der Brigitte, der Woche, Geo oder Merian.

Vielvölkerstaaten in Südostasien

Wiedemann berichtet über die drängenden Probleme Südostasiens, beispielsweise den Mißbrauch und Verkauf von Kindern in Kambodscha und kleine, oftmals mittellose Hilfsorganisationen, die dem Buch seinen Namen gaben. Sie schildert auch den Zustand bescheidener, privat finanzierter Lernstuben, die so notwendig in diesen Gebieten sind, aber keine finanzielle Unterstützung durch westliche Staaten erhalten. Die Reporterin macht sich Gedanken über die politischen Krisen innerhalb der Vielvölkerstaaten Malaysia und Indonesien, oder die Bevormundung von ethnischen Minderheiten in der Region. Zu Wort kommen auch die Anhänger des früheren philippinischen Präsidenten Joseph Estrada, denen der Staatschef einst viel versprochen, tatsächlich aber noch mehr genommen hat. Seiner Verehrung in den armen Bevölkerungsschichten tut dies erstaunlicherweise dennoch keinen Abbruch.

Hierzulande nennt man sie zumeist den amerikanischen Traum – die Vision eines Vielvölkerstaates. Doch auch eurasische Vielvölkerstaaten gibt es, wenngleich die Probleme beim Zusammenleben der Menschen hier erheblich größer sind. Die Bilder aus Malaysia und besonders aus Indonesien , von blutigen Anschlägen und heftigen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen, sind auch vielen Europäern im Gedächtnis geblieben. Wiedemann liefert sehr interessante Berichte zur Entstehung der Konflikte, nicht nur aus der indonesischen Hauptstadt Jakarta, sondern auch aus dem entlegenen West-Papua. Die Hintergrundreportage über Osttimor rundet diesen Teil zu Indonesien sehr gut ab.

Die Berichte über Myanmar, dem früheren Burma, konzentrieren sich auf die von staatswegen verfolgte Oppositionspolitikerin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. In der Presse wird sie gewöhnlich auf eine Stufe mit Gandhi und Nelson Mandela gestellt. Sie studierte in Oxford Philosophie, Politologie und Ökonomie und kehrte 1988 in ihre Heimat zurück. Sie begann ihr politisches Engagement für die Demokratisierung Myanmars und wurde bald ähnlich populär wie einst ihr Vater, ein noch heute verehrter Unabhängigkeitskämpfer und Nationalheld. Das Militärregime in Rangun verhaftete die Politikerin mehrmals und belegte sie mit Hausarrest.

Agent Orange

Bei vielen Reportagen fällt die übertrieben kritische Haltung der Autorin auf. Überdeutlich wird ihre dezidiert westliche Sicht auf die Bräuche Südostasiens oder die dort verbreiteten Ansichten und Standpunkte. So führt das Buch eher zum Kopfschütteln über südostasiatische Eigenarten, Lebensweisen und Regierungspolitiken, denn zu einem besseren Verständnis der Kulturen und Projekte der Region. Wiedemann geht aber auch mit westlichen Regierungen scharf ins Gericht, insbesondere mit den Verantwortlichen der niederländischen Kolonialherrschaft und der gegenwärtigen US-Regierung. Besonders die Geschichtsverarbeitung des Vietnamkrieges und die ausbleibende Wiedergutmachung für den Einsatz des Entlaubungsmittel Agent Orange wirft sie den USA vor: Eine US-Firma habe ein Enzym entwickelt, das Agent Orange im Boden innerhalb von sechs Monaten zerfallen läßt. Aber die Entdeckung auf den Markt zu bringen, sei heikel, weil Amerika die Schäden durch Agent Orange nicht anerkenne.

„Die Hütte der kleinen Sätze“ ist ein Taschenbuch, welches sicher nur mit genügend Hintergrundwissen gelesen werden sollte. Es besteht sonst die Gefahr, daß die Sicht des Lesers auf die Politik der südostasiatischen Regierungen allzu sehr verzerrt wird und die Handlungen politischer Akteure der Region noch unverständlicher werden.

Asien Rezension

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