„Die Identität Europas. Der EU eine Seele?“ von Thomas MeyerGELESEN

„Die Identität Europas. Der EU eine Seele?“ von Thomas Meyer

Die Europäische Union hat Europa mit einem dichten Geflecht aus Verträgen und Institutionen geeint. Kann es überdies gelingen, unter den Menschen der 25 Mitgliedstaaten eine gemeinsame Identität zu stiften? In seinem jüngsten Buch sucht Thomas Meyer nach Antworten.

Von Hartmut Wagner

Rezension zu „Die Identität Europas. Der EU eine Seele?“ von Thomas Meyer  
„Die Identität Europas. Der EU eine Seele?“ von Thomas Meyer  

Die Europäische Union hat Europa mit einem dichten Geflecht aus Verträgen und Institutionen geeint. Kann es überdies gelingen, unter den Menschen der 25 Mitgliedstaaten eine gemeinsame Identität zu stiften? In seinem jüngsten Buch sucht Thomas Meyer nach Antworten.

Die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert kennt eine Reihe von Staaten und Imperien, die für die Ewigkeit gegründet schienen – heute aber dennoch verschwunden sind. Die Reiche der Habsburger oder Osmanen, die Sowjetunion, Jugoslawien oder die Tschechoslowakei. Sie alle sind nicht zuletzt deshalb in Einzelstaaten zerfallen, weil ihren Bewohnern die gemeinsame, übernationale Identität fehlte, bzw. abhanden gekommen war.

Auch die Europäische Union ist in ihrem Bestand gefährdet, wenn sich unter ihren Bürgern kein Zusammengehörigkeitsgefühl, kein „Wir-Gefühl“ herausbildet – davon ist Thomas Meyer überzeugt. Den Dortmunder Politikwissenschaftler treibt die Frage um: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit sich die Menschen in der EU künftig nicht nur als Angehöriger einer Nation fühlen, sondern auch als Europäer?

„Die“ europäische Kultur gibt es nicht

Der Autor unterscheidet zwischen politischer und kultureller Identität. Letztere zur Grundlage eines europäischen Gemeinschaftsgefühls zu machen, hält Meyer für völlig abwegig. Bereits in den Nationalstaaten gebe es keine einheitliche Kultur (Traditionen, Kunst, Überlieferungen) und in der überstaatlichen EU noch viel weniger. Die Bevölkerungen der europäischen Länder teilten sich über Staatsgrenzen hinweg in verschiedene gesellschaftliche Milieus auf, innerhalb derer die kulturellen Gemeinsamkeiten größer seien als unter den Angehörigen der gleichen Nation.

Meyer zieht daraus folgenden Schluß: Da es eine von allen Europäern geteilte Kultur nicht gibt, kann das verbindende Element der Europäer nur sein, daß sie sich dem gleichen politischen Gemeinwesen zugehörig fühlen. Sein Buch „Die Identität Europas“ ist ein – überzeugend argumentierendes – Plädoyer für eine politische Identität innerhalb der Europäischen Union. Dabei ist sich der Politologe durchaus bewußt, daß das Maß an Identifikation der Europäer mit der EU viel geringer ist als eigentlich nötig.

An dieser Stelle macht Meyer den entscheidenden Schritt in seiner Argumentation, indem er sagt, politische Identität ist „ein Produkt politischer Konstruktionsleistung und politischer Öffentlichkeit.“ Politische Identität ist demnach eine Folge von Politik und im Gegensatz zu kultureller Identität konstruierbar. Eine voll automatisierte Identitätsbildung mit Erfolgsgarantie kann es natürlich nicht geben. Meyer nennt aber eine Reihe von Voraussetzungen, die erfühlt werden müssen, damit die Entstehung einer gemeinsamen politischen Identität unter den EU-Bürgern wahrscheinlich wird. Wichtig sei es zuvorderst, die Entscheidungsprozesse innerhalb der EU zu politisieren, d.h. für die europäische Öffentlichkeit beobachtbar zu machen. Dann könnten unterschiedliche politische Konzepte diskutiert werden, Politik auf EU-Ebene erschiene nicht mehr als alternativlos und unbeeinflußbar.

Europäische Identität braucht europäische Öffentlichkeit

Eine europaweite Öffentlichkeit, die wichtige Entscheidungsfragen der EU erörtert, existiert heute nicht – so der Befund des Autors. Damit sei derzeit eine unabdingliche Voraussetzung für die Herausbildung einer gemeinsamen Identität zwischen den EU-Bürgern nicht erfüllt. „Denn erst in der kontinuierlichen öffentlichen Kommunikation über die gemeinsamen Belange und die auf sie bezogenen Entscheidungen entsteht jenes politische Gemeinschaftsbewußtsein von Gleichbetroffenen, das wir politische Identität nennen.“

Der Vielvölkerstaat Indien ist nach Ansicht Meyers ein schlagendes Beispiel dafür, daß sich politische Identität über ethnische und kulturelle Grenzen hinweg erzeugen läßt. Folglich müßte dies auch im Fall der EU möglich sein. Zu wenig Beachtung mißt Meyer indes den beträchtlichen historischen Unterschieden zwischen dem indischen Bundesstaat und der EU bei. Indien ist ein Nachfolgestaat einer britischen Kolonie und nicht wie die EU ein Zusammenschluß souveräner, teilweise mehrere Jahrhunderte bestehender Nationalstaaten. Diese entwickelten ihre politische Identität traditionell in der Abgrenzung zu anderen europäischen Nationalstaaten. Da sich auf dem indischen Subkontinent zu keiner Zeit Nationalstaaten herausgebildet haben, sind hier die Voraussetzungen für eine völkerübergreifende politische Identität natürlich unvergleichlich besser als in der EU.

Wie aktuell die Frage nach einer europäischen Identität ist, zeigt nicht zuletzt die Debatte um den EU-Beitritt der Türkei. Denn keine Identität kommt umhin, Grenzen zu ziehen, sprich festzulegen wer dazugehört und wer nicht. Die EU scheut sich, diese Entscheidung für sich zu treffen und hat daher in den Worten Meyers mit einem „ernsthaften Identitätsproblem“ zu kämpfen.

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Rezension zu: „Die Identität Europas. Der EU eine Seele?“ von Thomas Meyer Suhrkamp Verlag, Frankfurt/ Main 2004, 239 Seiten, ISBN 3-518-12355-6.

EU Rezension

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