Die Insel der GesetzlosenGRIECHENLAND

Die Insel der Gesetzlosen

Zehntausende Bewohner der griechischen Insel Zakynthos haben seit Jahren Abgaben in Millionenhöhe hinterzogen. Ein findiger Bürgermeister kam den Betrügern jetzt auf die Schliche. Die skandalösen Zustände auf der Ferieninsel dürften kein Einzelfall sein.

Von Gerd Höhler

D ie griechische Ferieninsel Zakynthos im Ionischen Meer rühmt sich langer Sandstrände und kristallklarer Buchten. „Genießen Sie das schöne Wetter und geben Sie sich dem Rhythmus des Lebens auf Zakynthos hin“, lockt das Internetportal http://www.Zakynthos.net.

Aber jetzt erfährt man, wie das Leben wirklich pulsiert auf der schon vom antiken Dichter Homer erwähnten Insel. Die „Perle des Ionischen Meeres“, wie Einwohner ihr Eiland gern nennen, macht Schlagzeilen als „Reich der Gesetzlosigkeit“, so die Tageszeitung „Kathimerini“: Systematisch haben Hoteliers und Immobilienbesitzer über Jahre hinweg die Inselgemeinde und das Finanzamt um Abgaben in Millionenhöhe betrogen.

Aufgedeckt hat den Schwindel der Bürgermeister von Zakynthos, Stelios Bozikis. Er wunderte sich bei seinem Amtsantritt Anfang 2011, warum die Gemeinde nur Abgaben von 3,5 Millionen Euro im Jahr einnahm, aber Schulden von 50 Millionen Euro aufgehäuft hatte. In Griechenland werden die der Gemeinde zustehenden Abgaben mit der Stromrechnung kassiert. Die Höhe der meisten Gebühren richtet sich nach den Quadratmetern der jeweiligen Immobilie. Die Fläche ist auf den Stromrechnungen vermerkt.

Die wundersame Schrumpfung der Insel-Immobilien

Bürgermeister Bozikis ließ die Angaben überprüfen – und kam zu erstaunlichen Ergebnissen: während auf Zakynthos nur für 2,8 Millionen Quadratmeter Steuern und Gebühren entrichtet werden, gibt es tatsächlich Immobilien mit einer Fläche von 6,2 Millionen Quadratmetern. Die dreistesten Betrügereien: ein Hotel, das über 6200 Quadratmeter Fläche verfügt, zahlte nur für 60 Quadratmeter. Eine 880-Quadratmeter-Villa mit Swimmingpool war mit 20 Quadratmetern gemeldet. Der Besitzer eines zweistöckigen Wohnhauses mit 938 Quadratmetern Fläche hatte lediglich 40 Quadratmeter deklariert.

4329 Gebäude, darunter luxuriöse Villen, waren mit einer Wohnfläche von null Quadratmetern gemeldet, die Besitzer zahlten gar keine Abgaben – wie auch die Eigentümer von rund 15.000 Gebäuden, die ohne Baugenehmigung errichtet wurden. Ihre Eigentümer zapften den Strom ohne Zähler direkt aus dem Netz oder von Nachbargrundstücken ab und „sparten“ so auch noch die Elektrizitätsrechnung.

Die Gemeinde jährlich um sechs Millionen Euro betrogen

Unter dem Strich entgingen der Gemeinde durch die Betrügereien jährlich Einnahmen von sechs Millionen Euro. Die skandalösen Zustände auf der Ferieninsel dürften kein Einzelfall sein. Fachleute glauben, dass es auch in anderen griechischen Kommunen ähnliche Betrügereien gibt.

Dass auf Zakynthos Täuschung und Korruption grassieren, ist allerdings nicht neu. Die Griechen sprechen von Zakynthos auch als der „Insel der Blinden“, seit bekannt wurde, dass von den 35.000 Bewohnern fast 700 Blindenrenten kassieren. Damit gäbe es auf der Insel zehnmal so viele Erblindete wie im EU-Durchschnitt. Das Gesundheitsministerium witterte Betrug und bestellte kürzlich alle „Blinden“ zum Sehtest. Nur etwa 150 stellten sich der Untersuchung. Den übrigen, unter ihnen ein Taxifahrer, wird die Rente jetzt gestrichen.

Immobiliensuche mit dem Flugzeug

Auf der Jagd nach den Quadratmeter-Betrügern setzte Bürgermeister Bozikis sogar ein Flugzeug ein: er ließ Luftaufnahmen von allen bebauten Gebieten der Insel machen, die dann am Computer dreidimensional ausgewertet wurden, um die tatsächlichen Flächen der Immobilien zu errechnen. Beliebt machte er sich damit bei den Schwindlern nicht: während einer öffentlichen Gemeinderatssitzung wurde er vergangene Woche aus dem Publikum mit Eiern und faulem Obst beworfen. Dabei haben die Recherchen des Bürgermeisters für die Mehrzahl der ehrlichen Inselbewohner ein willkommenes Ergebnis: weil jetzt alle zahlen müssen, kann die Gemeinde die Abgaben für Müllabfuhr, Straßenreinigung und öffentliche Beleuchtung senken.

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Der Autor ist Korrespondent von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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