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AIDS IN RUßLAND

Die Krankheit breitet sich unaufhaltsam aus

Jeden Tag infizieren sich in Rußland 100 Menschen an dem HIV-Virus. Präsident Putin will jetzt den Kampf gegen Aids forcieren: die finanziellen Mittel sollen um das 20fache erhöht werden.

Von Ulrich Heyden
21.12.2005 Drucken Senden Kommentieren

D en Welt-Aids-Tag am 1. Dezember beging man in Moskau mit einem Schönheitswettbewerb der besonderen Art: Im Theaterzentrum Mejerchold wurde die „Miss Positiv 2005“ gekürt. „Schagi“ (Schritte“), eine neue Internetzeitung für HIV-Positive hatte den Wettbewerb organisiert. 30 Frauen schickten Photos ein. Die Jury wählte Swetlana Isambajewa aus. Die junge Frau mit den blonden, halblangen Haaren lebt in der Wolga-Stadt Tscheboksary, drei Flugstunden östlich von Moskau. „Ich hoffe, daß mein Schritt anderen hilft mit ihrer Angst fertig zu werden. Jede wirkliche Frau ist in jeder Situation schön,“ erklärte die 24jährige gegenüber dem Boulevardblatt „Moskowski Komsomolez“.

Swetlana studiert am Landwirtschaftsinstitut. Nebenbei verdient sie sich Geld als Friseurin. Ihren Freunden habe die Nachricht über ihre Infektion zu schaffen gemacht, aber niemand habe ihr den Rücken gekehrt. Swetlana ist nicht verheiratet und hat auch keine Kinder. Von ihrem Freund hat sie sich getrennt. „Es war nicht wegen der Infektion, unsere Interessen sind einfach auseinander gegangen.“ In ihrer Heimatstadt Tscheboksary baute Swetlana die Selbsthilfegruppe „Golos“ („Stimme“) auf. Die Zusammenarbeit mit anderen HIV-Positiven habe ihr sehr viel Kraft gegeben. Vor drei Jahren habe sie noch Angst gehabt, sich allein in der Bibliothek ein Buch über Aids auszuleihen. Sie habe daher extra ihren damaligen Freund mitgenommen. Bis heute fühlen sich die meisten HIV-Positiven in Rußland als Ausgestoßene.

Angst vor den Infizierten

Nach einer Umfrage des Allrussischen Meinungsforschungsznterum WZIOM haben 75 Prozent der Russen Angst, bei einem HIV-positiven Verkäufer Lebensmittel einzukaufen. Das Unwissen über die Übertragungswege der Krankheit ist in Rußland so groß wie das Unwissen über Verhütungsmittel. Die russische orthodoxe Kirche und andere konservative Kreise haben die von ausländischen Stiftungen gesponserten Aufklärungskampagnen in den vergangenen Jahren aktiv behindert. Doch die Situation in Rußland entwickelt sich so dramatisch, daß die politische Elite um die nationale Sicherheit fürchtet und für Gegenmaßnahmen plädiert. Ende September versprach Wladimir Putin in einer Fernsehansprache, die Gelder für den Kampf gegen Aids um das 20fache zu erhöhen. Im Haushalt 2006 sollen Mittel von umgerechnet. 80 Millionen Euro bereitgestellt werden.

Aber die Initiative Putins kommt wohlmöglich zu spät. Nach dem jüngsten Bericht von Rußlands oberstem Amtsarzt, Gennadi Onischenko infizieren sich jeden Tag 100 Menschen mit dem gefährlichen Virus. Nach einem Bericht der Vereinten Nationen hat Rußland die höchste Steigerungsrate an HIV-Fällen im Vergleich mit Europa und den anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion.

Die erste Infizierungswelle wurde durch Drogenkonsum ausgelöst. Doch seit 2001 ist die Ansteckung auf sexuellem Wege von sechs auf 25 Prozent gewachsen. 80 Prozent der Neu-Infizierten sind Menschen unter 30 Jahren. In Westeuropa liegt der Anteil dieser Altergruppe bei den HIV-Positiven dagegen bei 30 Prozent. Insgesamt wurden in Rußland seit 1987 340.000 HIV-Fälle registriert. Experten glauben, daß die wirkliche Zahl fünfmal höher liegt. Die meisten Infizierten gibt es in den großen Städten. In Moskau und dem Moskauer Umland sind 51.400 Menschen infiziert.

„Eine Bresche schlagen“

Amtsarzt Gennadi Onischenko erklärte, mit dem Schönheitswettbewerb versuche man eine Bresche in die öffentliche Meinung zu schlagen. Die HIV-Positiven hätten das Recht zu leben, wie alle anderen gesunden Menschen auch.

Welche Folgen mangelnde Aufklärung hat, zeigt das Beispiel HIV-positiver Mütter. Für diese Frauen gibt es meist keine Aufklärung über Abtreibungsmöglichkeiten, prophylaktische Maßnahmen oder psychologische Unterstützung. Die traurige Folge: Heute gibt es in Rußland 21.000 Kinder von infizierten Müttern, bei 2.000 von ihnen hat man den Virus festgestellt. 12.000 Kinder stehen „unter Beobachtung“. Doch mit der richtigen ärztlichen Behandlung ist das Risiko einer Infizierung dieser Kinder sehr gering, sagt Jewgeni Woronin, Direktor des russischen Zentrums für HIV-positive Schwangere. Wenn sich HIV-positive Frauen während der Schwangerschaft medikamentös behandeln lassen, würden in 99 Prozent der Fälle gesunde Kinder geboren.

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Informationen zu Aids im Netz:
Welt-Aids-Tag
Deutsche Aids-Hilfe e.V.
Aidsberatung

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