„Die Memel: Kulturgeschichte eines europäischen Stromes“ von Uwe RadaGELESEN

„Die Memel: Kulturgeschichte eines europäischen Stromes“ von Uwe Rada

Der Autor, Redakteur der „taz”, ausgewiesen durch mehrere Arbeiten über Osteuropa, lässt den Leser in die ostmitteleuropäische Flusslandschaft eintauchen, die für Deutsche, Polen, Juden und Litauer mit einer hohen Symbolik verbunden ist. Lange Zeit war diese Flusslandschaft durch Nationalismen belastet.

Von Eva-Maria Stolberg

„Die Memel: Kulturgeschichte eines europäischen Stromes“ von Uwe Rada  
„Die Memel: Kulturgeschichte eines europäischen Stromes“ von Uwe Rada  

N ach seinem Buch „Die Oder: Lebenslauf eines Flusses“ (ebenfalls Siedler 2009) legt Uwe Rada nun eine Biografie der Memel vor. Es ist ein Verdienst von ihm, die Flüsse Ostmitteleuropas aus dem Prokrustesbett der Nationalismen herauszuholen.

Die Flüsse Oder, Weichsel, Memel und ihre unzähligen Nebenflüsse haben eine Gemeinsamkeit: sie prägen die Niederungslandschaft von Frankfurt/Oder bis nach Vilnius, wenn nicht sogar bis ins weißrussische Grodno. Schaut man auf die Karte Ostmitteleuropas fällt dem Betrachter die Verästelung dieser zahlreichen Flüsse auf, sie bilden ein hydrologisches Netzwerk.

Die Bevölkerung an den Flussufern ist multiethnisch

Nicht anders sieht es mit den Bewohnern dieser Landschaft aus. Die Zusammensetzung der Bevölkerung, die an den Ufern dieser Flüsse lebten und leben, ist multiethnisch. Die Flussbilder waren und sind ambivalent: auf der einen Seite wurden sie als Gräben, als Grenzlinien, auf der anderen Seite als Brücken gesehen. Beides trifft zu: bereits im Mittelalter dienten die ostmitteleuropäischen Flüsse der Territorialisierung, der Abgrenzung von deutschen, polnischen, pruzzischen Territorien, aber auch von Bistümern. Im Mittelalter fungierten die Flüsse als Grenze zwischen christlicher Zivilisation und heidnischer Wildnis.

Die Nationalsozialisten konstruierten die Flüsse wiederum als „Grenzlinien” gegen die slawischen Nationen. Andererseits stellten die Flüsse in der Geschichte auch Verkehrs- und Handelswege dar. Diesen Brückencharakter hat bereits die bekannte Journalistin Ulla Lachauer in „Die Brücke von Tilsit” (Rowohlt 1994) beschrieben. Im Unterschied zu Lachauers Buch, in dem es vor allem um Städte wie Königsberg und Tilsit geht, also um Verkehrsknotenpunkte, widmet sich Uwe Rada dem „Flussweg” Memel.

Erzählung, Reportage, literarisches Porträt

Radas Buch ist vom Goethe-Institut in Minsk, dem Journalistennetzwerk n-ost, der Robert-Bosch-Stiftung sowie der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit unterstützt worden – eine Reihe von Referenzen, die für die Güte dieses Werkes sprechen. Die Herangehensweise des Autors ist vielseitig und beeindruckend. „Die Memel” ist eine Komposition aus historischer Erzählung, journalistischer Reisereportage und literarischem Porträt. Gerade diese Kombination macht das Buch zu einem Lesevergnügen für ein interessiertes Publikum.

Ein Faszinosum war die ostmitteleuropäische Flusslandschaft schon immer gewesen. Man denke an die Arbeiten von Walter Engelhardt, Marion Gräfin Dönhoff, Christian von Krockow, Siegfried Lenz, Johannes Bobrowski, Arno Surminski. Für Deutsche war es eine Grenzlandschaft zu Polen, für die Polen eine zu den Litauern und Russen (kresy). Die Memel als Arterie dieser Grenzlandschaft tauchte ebenfalls in der polnischen Literatur auf, man denke nur an Adam Mickiewicz. Auch der polnische Film hat das Thema bereits in den 1980er Jahren entdeckt, so die dreiteilige Serie „An der Memel” vom polnischen Regisseur Zbigniew Kuźmiński.

Touristen aus Deutschland, Polen, Litauen

Heutzutage stehen die Flüsse Ostmitteleuropas nicht mehr als Grenzen, sondern vielmehr als Grenzlandschaften (polnisch: pogranicza) im Vordergrund. Es ist die multikulturelle Geschichte, die Touristen aus Deutschland, aus Polen, aus Litauen anzieht. Zu Recht weist Rada darauf hin, dass diese Landschaft einerseits Heimat, andererseits eine terra incognita darstellt. Dennoch lässt sich der Grenzcharakter der Memel und auch der vielen anderen großen und kleinen Flüsse in Ostmitteleuropa nicht verleugnen: sie markieren nämlich Dialektgrenzen (am Beispiel der Memel auch Währungsgrenzen), was die Komplexität dieser Landschaft und ihrer Bewohner noch verstärkt.

Ein anderer wichtiger Aspekt ist das bis heute bestehende natürliche, mäandrierende Wesen der Memel und anderer ostmitteleuropäischer Flüsse. Diese Flüsse haben sich in der Geschichte den Begradigungskünsten des Menschen immer wieder erfolgreich entzogen, wie es jedoch heute – nach Ende des real existierenden Sozialismus - unter der Flussoberfläche aussieht, ist ein anderes Thema, dem noch nachzugehen wäre. Mit der Memel wurde Wildnis assoziiert, im deutschen Volksmund war bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges oft von „Preußisch-Sibirien” die Rede.

Die Flussbilder der einfachen Menschen

Was besonders zu betonen ist, Uwe Rada beschreibt auch das Alltagsleben der einfachen Bevölkerung. Nicht nur politische Größen wie Napoleon, Ludendorff und Piłsudski warfen einen Blick auf diesen Fluss, dies offensichtlich aus geostrategischer und militärischer Perspektive. Die einfachen Menschen – das zeigt Uwe Rada – hatten ihre eigenen Flussbilder im Kopf. Der Fluss gehörte zum Alltag. Hier zieht der Autor auch immer wieder Autobiografien heran.

Dass es hier nicht allein um die Wiedergabe von Idylle geht, beweist das Buch des Holocaust-Überlebenden Zwi Katz „Von den Ufern der Memel ins Ungewisse”. Die Memel war im Zweiten Weltkrieg eben nicht allein ein Fluss des Leidens für Deutsche und Polen, sondern auch für Juden. Dies hat übrigens auch der polnische Literaturnobelpreisträger Czesław Miłosz betont.

Schließlich beleuchtet Uwe Rada die Geschichte der Memel unter sowjetischer Herrschaft. Nach Kriegsende begannen große Umsiedlungs- bzw. Ansiedlungsmaßnahmen. Ähnlich wie östlich der Oder Menschen aus dem ehemaligen Ostpolen (aus den kresy) von der polnischen Regierung angesiedelt wurden, fand eine analoge Entwicklung im Memelland statt: hier wurden Russen, Weißrussen, Ukrainer, ja selbst Tataren und Kasachen heimisch gemacht. Pikant daran ist, dass die Flusslandschaft zu dem wurde, was der DDR-Schriftsteller Johannes Bobrowski unbewusst – oder bewusst (?) in seiner Gedichtanthologie „Sarmatische Zeit” nannte. Summa Summarum ist zu sagen, dass der Band durch profunde Kenntnis und literarische Stilistik besticht. Leider kommen Aspekte wie technische Flusserschließung und umweltgeschichtliche Aspekte nicht zur Sprache, dies würde aber den Rahmen sprengen. Alles in allem handelt es sich um eine gelungene Kulturgeschichte und beweist, dass diese nicht immer aus der Feder von Historikern kommen muss. Dem Autor bleibt zu wünschen, dass das Buch ins Polnische und Litauische übersetzt wird, das heißt, dass „Die Memel” ihren Weg über Sprachgrenzen findet.

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Rezension zu: „Die Memel: Kulturgeschichte eines europäischen Stromes“ von Uwe Rada, Siedler Verlag, München 2010, 368 S. Illustrationen, ISBN: 978-3-88680-930-1.

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