„Die Neuen in der EU“ von Reinhard VeserGELESEN

„Die Neuen in der EU“ von Reinhard Veser

Vor einem Jahr knallten die Sektkorken und zischte das Feuerwerk zur Osterweiterung der Europäischen Union. In Erinnerung an dieses historische Ereignis rezensiert Gunter Deuber das Buch „Die Neuen in der EU“, das den zehn EU-Neulingen zehn Essays widmet.

Von Gunter Deuber

„Die Neuen in der EU“ von Reinhard Veser  
„Die Neuen in der EU“ von Reinhard Veser  

Dem Titel nach setzt sich der Essayband Reinhard Vesers mit dem vollzogenen EU-Beitritt der acht Staaten Mittelosteuropas sowie Maltas und Zyperns auseinander. Das Werk des Osteuropaexperten und Redakteurs der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist allerdings zeitlos. Es zeichnet sich durch inhaltliche Vielschichtigkeit aus, behandelt anschaulich und mit Tiefgang historische Fakten, kulturelle wie gesellschaftspolitische Realitäten.

In Westeuropa wird die EU-Osterweiterung derzeit zuallererst aus ökonomischer Perspektive betrachtet. Angst vor neuer Konkurrenz und materieller Unmut prägen die Debatte. In den Hintergrund treten Geschichte und Kultur der „neuen Konkurrenten“ und ihrer östlichen Nachbarn. Vesers Essayband stellt beides in den Vordergrund. Außerdem befassen sich zwei der zehn Beiträge mit dem sozialen Wandel in Europa, der sich vollzieht, weil die Folgen der immensen Lohn- und Wohlstandsdiskrepanzen augenscheinlich unterschätzt wurden.

Ein eigener Essay widmet sich der viel zitierten Rückkehr des Ostens nach Europa. Er zeigt, daß Westeuropa für die ehemaligen Ostblockstaaten keinesfalls ein unhinterfragbares Ideal darstellt. Aus einer historischen Perspektive heraus werden beispielsweise die USA als das Land gesehen, das die Rolle des Garanten der Freiheit glaubhafter verkörpert als die Europäer. Der forsche Auftritt des französischen Staatspräsidenten Chirac während der innereuropäischen Krise infolge des Irakkrieges bestärkt viele Osteuropäer in dieser Einschätzung.

Befreiung oder Okkupation?

Unter dem Essaytitel „Verschiedene Wahrheiten“ wird das diffizile Verhältnis einiger EU-Neumitglieder zur eigenen Historie thematisiert. Exemplarisch das Baltikum: Vor die Wahl zwischen Pest und Cholera gestellt, wählten die Balten in den 1940er Jahren die Kollaboration mit dem Nationalsozialismus, um dem Stalinismus zu entfliehen. Deshalb hatte speziell das Baltikum nach der Niederlage des Dritten Reichs in der Sowjetunion zu leiden. Deportationen gen Osten und der bis in die 1950er Jahre dauernde litauische Partisanenkrieg erklären, weshalb sich die Balten so schwer tun mit dem Gedanken, sie wären durch das Ende des Zweiten Weltkrieges befreit worden.

Der Essayband beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Konstellation im Baltikum. Ebenso werden ähnlich gelagerte Probleme in der Slowakei, Slowenien und Polen skizziert, die bis heute nachwirken. Teil der osteuropäischen Geschichte sind der slowakische Tiso-Staat, der Bürgerkrieg in Slowenien, das polnische Jedwabne-Pogrom und eben nicht nur der Holocaust oder die Massenerschießung polnischer Offiziere in Katyn durch die Rote Armee. Gleiches gilt für das belastete Verhältnis von Polen und Ukrainern in Wolhynien, wegen des grausamen Partisanenkrieges und der Deportation im Jahr 1945. Im Lichte bitterer historischer Erfahrungen, zwischen Hitler und Stalin, zwischen Kollaboration, Widerstand und ethnischer Konflikte ringen die Osteuropäer derzeit mit ihrer Vergangenheit.

Unter der Überschrift „Brüssel – das neue Moskau“ beschreibt Veser die Europaskepsis in Mittelosteuropa und die Sorge der kleinen, jung-souveränen EU-Neulinge, im Konzert der großen EU-Staaten überhört zu werden. Der Autor zeigt, wie und warum nationalistische und antieuropäische Agitation im postkommunistischen Osteuropa Anklang findet. Bei den Referenden über den EU-Beitritt lag die Zustimmung zwar über den Prognosen, doch die Beteiligung war alarmierend gering. Gerade deswegen legt der Autor die Beweggründe der Europaskeptiker dar, die nicht zur Wahlurne gingen.

Europas neue Russen

Den ethnischen Minderheiten im multiethnischen Osteuropa widmet Veser einen eigenen Beitrag. Er skizziert, wie auf Drängen aus Brüssel im Baltikum Staatsangehörigkeitsgesetze reformiert wurden und sich daraufhin die Lage zwischen den Balten und dem großen russischen Bevölkerungsanteil entspannte. Bis Mitte der 90er Jahre legten die Russen dort wenig Bereitschaft an den Tag, sich einbürgern zu lassen, heute steigt der Anteil lettischer und estnischer Staatsbürger russischer Herkunft an. Sie erfüllen die gesenkten Integrationshürden, weil sie nicht mehr staatenlos sein wollen und ihre Bürgerrechte wahrnehmen möchten. Dies im Bewußtsein, daß eine Zukunft in der EU einfacher sein wird als in der russischen „Heimat“. Die ethnischen Minderheiten im Baltikum und im übrigen Osteuropa waren es ja, die mehrheitlich für einen EU-Beitritt ihrer Staaten votierten. Sie versprachen sich davon die Stärkung ihrer Rechte.

Das Potential der europäischen Integration verdeutlicht Veser am Beispiel der Deutschen in Polen. In der sozialistischen Volksrepublik Polen waren sie als politisch anerkannte Minorität faktisch nicht existent, heute erlebt die Volksgruppe als „Schlesier“ oder „Oberschlesier“ ihre Wiedergeburt. Ohne Grenzrevanchismus leben Polen und Schlesier in der EU nun recht problemlos zusammen. Veser zeigt, daß analoge Ideen beispielsweise in Ungarn und der ungarischen Diaspora der Nachbarstaaten Anklang finden.

Trotz dieser positiven Entwicklungen scheut das Buch nicht davor zurück, die Diskriminierung der Roma in Ost- und Südosteuropa offen zu thematisieren. Über Staatsgrenzen hinweg eint die Zigeuner in trauriger Weise neben ihrer gesellschaftlichen Ausgrenzung ihre dramatische soziale Not. Sie sind die Verlierer der Transformation. Die EU mahnte immerfort den Schutz dieser Minorität an, ohne sich allerdings durchsetzen zu können. Die Roma-Frage ist ein ungelöstes Problem im Selbstverständnis Osteuropas.

Der „Eiserne Vorhang“ der EU

In „Jenseits von Przemy sl“ schildert Veser, daß die EU-Osterweiterung erneut einen „Eisernen Vorhang“ schuf: die neue Außengrenze im Osten. Sie wird mit enormem finanziellen Aufwand und unzähligen Wachtürmen gesichert. Die EU soll vom immensen sozialen Gefälle zu ihren neuen Nachbarn und dem in den 1990er Jahren gewachsenen kleinen Grenz- und Handelsverkehr abgeschottet werden. Der neue „Eiserne Vorhang“ von Slowenien, über die Slowakei bis nach Litauen wird „schengen-tauglich“ gemacht. Denn bekanntlich wird es von Lissabon bis zum polnischen Przemy sl an der Grenze zur Ukraine auf absehbare Zeit keine Grenzkontrollen mehr geben. Wobei der Essaytitel durch die „Orangene Revolution“ möglicherweise bereits obsolet ist und heute vielleicht treffender auf die polnisch-weißrussische Grenze abheben müßte. „Jenseits von Bialystok“ könnte er folglich lauten.

Fast schon satirische Züge hat die neue EU-Außengrenze in der kaum lösbaren Kaliningrad-Frage oder in Südosteuropa. So mußte Slowenien seine Grenze zu Kroatien mit Millionenaufwand „schengen-tauglich“ aufrüsten, um sie in absehbarer Zeit, nach einem EU-Beitritt Zagrebs, wieder abzurüsten. Die Aufsatzsammlung zeigt zudem, daß die Außengrenze der EU im Osten auch in Zukunft ein Thema bleiben wird. Mit dem Beitritt Bulgariens und Rumäniens werden die Lasten nur anders verteilt werden müssen.

Veser wirft einen breit gefächerten, historischen aber auch zukunftsorientierten Blick auf viele Aspekte der letzten und der kommenden EU-Erweiterungsrunde. Eines macht das Buch „Die Neuen in der EU“ im besonderen deutlich: Die Europäer waren noch nie zuvor in so großer Zahl und in dieser freiheitlichen Art und Weise vereint, wie es heute der Fall ist. Lesern mit Interesse für Osteuropa bietet das gefällig geschriebene Buch vielleicht keine völlig neuen Einblicke, sicherlich aber eine sehr anregende Lektüre.

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Rezension zu: „Die Neuen in der EU“ von Reinhard Veser, Holzhausen Verlag, Wien 2004, 261 Seiten, 29,80 Euro, ISBN 3-85493-084-4.

EU Rezension

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