„Die Rückkehr Asiens. Das Ende der westlichen Dominanz“ von Kishore MahbubaniGELESEN

„Die Rückkehr Asiens. Das Ende der westlichen Dominanz“ von Kishore Mahbubani

„Vor allem ein Grund ist ausschlaggebend dafür, warum sich der Westen nicht über die große Demokratisierung des menschlichen Geistes freuen kann: Er ist sich nur zu deutlich bewusst, dass der große Tag der Abrechnung kommen wird, wenn sich dieser Trend fortsetzt.“ (Kishore Mahbubani)

Von Johann von Arnsberg

„Die Rückkehr Asiens. Das Ende der westlichen Dominanz“ von Kishore Mahbubani  
„Die Rückkehr Asiens. Das Ende der westlichen Dominanz“ von Kishore Mahbubani  

J eden Morgen erscheinen noch heute in chinesischen Kleinstädten die Fäkaliensammler. Dann stehen die transportablen Toiletten auf den Gehwegen und werden geleert. Dieses Bild verschwindet nur langsam aus den Altbauvierteln der Vororte.

Die Vereinten Nationen haben ermittelt, dass trotz allen Fortschritts immer noch weniger als die Hälfte aller Asiaten Zugang zu einer Toilette hat. Deshalb sieht Kishore Mahbubani hierin ein wichtiges Merkmal für die Entwicklung der asiatischen Gesellschaften.

„Die private Verfügbarkeit von Wasserklosetts könnte der beste Indikator dafür sein, wie viele der 6,5 Millionen Menschen auf der Welt noch in vormoderner  Zeit leben und wie viele sie bereits hinter sich gelassen haben. Nach einer offiziellen Schätzung besitzen nur 15 Prozent der Weltbevölkerung Wasserklosetts.“

Westlicher mittelständischer Wohlstand ist der große Traum

Doch der Aufstieg Asiens ist eindrucksvoll. Für den singapurischen Politikwissenschaftler Kishore Mahbubani geht das Zeitalter der westlichen Dominanz unaufhaltsam zu Ende. „Die Zahl der Menschen, die den westlichen Traum von einem bequemen Mittelschichtleben verfolgen, war noch nie so groß wie heute“, schreibt er.

Und der Autor liefert auch eine Reihe sehr einleuchtender Beispiele für seine Behauptung. Eines davon im Kapitel „Warum Asien jetzt aufsteigt“: „Als die jungen Leute die Dörfer verließen, um in Nike-Schuhfabriken zu arbeiten, hatten Haushalte, die daran gewöhnt waren, mit einem Jahreseinkommen von 467 US-Dollar ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, plötzlich 4300 US-Dollar zur Verfügung“, schreibt er. Deshalb gäbe es in China keine Antiglobalisierungsbewegung. „Für die jungen Chinesen, die in ihnen arbeiteten, waren die Nike-Fabriken, die die Globalisierungsgegner der WTO-Tagung in Seattle im Jahr 1999 so vehement verurteilten, ein Ort der Befreiung. Zum ersten Mal in der chinesischen Geschichte konnten sich bäuerliche Chinesen vorstellen, aus der elenden Plackerei des Landlebens auszubrechen. Für den menschlichen Geist ist nichts befreiender als die Erkenntnis, dass es eine Hoffnung gibt.“

Bildung als Chance für den großen Sprung

In Asien verlassen Jahr für Jahr mehr Ingenieure die Hochschulen als in allen westlichen Ländern zusammen. Immer noch gehen fähige junge Leute nach Amerika, aber immer mehr kommen hinterher, reich an Erfahrungen, zurück in die Heimat, wo sie, wie in Indien, in die Informationstechnologie einsteigen. Oder, wie in China, nicht mehr nur kopieren, sondern für eigene Innovationen sorgen.

Überall in Asien trifft man heute auf Stolz und Selbstbewusstsein, Optimismus und Zukunftsgläubigkeit – kein Wunder bei wirtschaftlichen Wachstumsraten von beinahe zehn Prozent in Indien und China. Millionen von Menschen entkommen in jedem Jahr der Armutsfalle, lernen lesen und schreiben.

Das ganze Buch durchzieht die Forderung nach einer neuen Weltordnung. Die Wiederkehr Asiens als globaler Spieler bringe Vorteile für die Welt insgesamt. Die asiatische Renaissance fuße auf europäischen Idealen und Ideen, die zu einer gerechteren Verteilung von Vermögen und Macht führen könnten.

Mit der Rückkehr Asiens werde die Welt ein Stück friedlicher. Manchmal klingt es bei Mahbubani so als wolle ganz Asien ein besserer Westen werden.  Aber auch der Tatsache dass Asien nicht länger als Objekt der Geschichte behandelt werden könne, gewinnt der Autor sehr positive Züge ab. Der Umgang der USA mit der UNO werde dann nicht mehr länger ein beherrschender sein können. Die militärische Supermacht werde sich mäßigen müssen. Die westliche Doppelmoral hinsichtlich ihrer demokratischen Ideale ließe sich nicht auf ewig aufrechterhalten.

Der Politikwissenschaftler aus Singapur hält vielen westlichen Organisationen und Staaten den Spiegel vor. Sein Blick auf das heraufziehende Asien des 21. Jahrhundert muss indes niemand Angst machen – auch wenn der Autor ein paar markige Sätze fallen lässt, etwa die vom „Tag der Abrechnung“.

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Rezension zu „Die Rückkehr Asiens. Das Ende der westlichen Dominanz“ von Kishore Mahbubani, Propyläen Verlag, Berlin 2008, 333 Seiten, Personenregister, Abkürzungsverzeichnis und umfangreichen Quellenangaben, 22,90 Euro, ISBN-13: 978-3549073513.

Siehe dazu auch EM-Interview „Asien nutzt seine Chance!“

Asien China Rezension Wirtschaft

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